Koffer

17.10.2017 | Von:
Jannis Panagiotidis

Postsowjetische Migranten

(Spät-)Aussiedler, Kontingentflüchtlinge und andere: Postsowjetische Migranten in Deutschland

Die ehemalige Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten gehören zu den wichtigsten Herkunftsgebieten von Migranten in der Bundesrepublik Deutschland. Die große Mehrzahl von ihnen kam seit 1987 als (Spät-)Aussiedler. In diesem Beitrag werden die wirtschaftliche und soziale Situation, Sprachkenntnisse, Medienkonsum, politischen Einstellungen sowie das Verhältnis in Deutschland lebender postsowjetischer Migranten zu Russland skizziert.

Ein älterer Herr steht mit seinem Fahrrad vor einem russischen Spezialitätengeschäft in LudwigsburgEin älterer Herr steht mit seinem Fahrrad vor einem russischen Spezialitätengeschäft in Ludwigsburg. (© dpa)

Die ehemalige Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten gehören zu den wichtigsten Herkunftsgebieten von Migranten in der Bundesrepublik Deutschland. Die große Mehrzahl von ihnen kam seit 1987 als (Spät-)Aussiedler – laut Zuzugsstatistik 2,3 Millionen. Es handelte sich hierbei um Russlanddeutsche und ihre Familienangehörigen. Seit 1990 fanden auch ca. 215.000 Juden oder Menschen jüdischer Abstammung mit ihren Angehörigen als "Kontingentflüchtlinge" Aufnahme in der Bundesrepublik. In kleinerer Zahl kamen Arbeits-, Bildungs- und HeiratsmigrantInnen sowie Flüchtlinge. Gegenwärtig leben in Deutschland ca. drei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus der ehemaligen UdSSR (Tabelle 1). Sie werden im Folgenden als "postsowjetische Migranten" bezeichnet.

Tabelle 1: Anzahl postsowjetischer Migranten
in DeutschlandTabelle 1: Anzahl postsowjetischer Migranten in Deutschland (© bpb)
In diesem Beitrag wird anhand der Daten des Mikrozensus von 2015 die wirtschaftliche und soziale Situation der postsowjetischen Migranten in Deutschland skizziert. Drei Gruppen werden miteinander verglichen: die Gesamtheit der postsowjetischen Migranten, die darin enthaltene Gruppe der Immigranten aus Kasachstan und die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (die "Einheimischen"). Die Werte für kasachstanstämmige Migranten können als Näherungswert für die Gruppe der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler gelesen werden – zwar kommen nicht alle russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler aus Kasachstan, aber tendenziell alle kasachstanstämmigen Menschen in Deutschland sind russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler. Es geht hierbei nur um die Personen mit eigener Migrationserfahrung, die sogenannte "erste Generation". In einem weiteren Schritt werden die Sprachkompetenzen, der Medienkonsum, die politischen Einstellungen sowie das Verhältnis der postsowjetischen Zuwanderer zu Russland in den Blick genommen.

Wirtschaftliche und soziale Situation

Tabelle 2: Erwerbslosenquote und Abhängigkeit von Transferleistungen (in Prozent)Tabelle 2: Erwerbslosenquote und Abhängigkeit von Transferleistungen (in Prozent) (© bpb)
Postsowjetische Migranten sind häufiger erwerbslos und von Transferleistungen abhängig als "Einheimische" in Deutschland. Die kasachstanstämmige Bevölkerung steht relativ besser da als die postsowjetischen Migranten insgesamt (Tabelle 2) – obwohl ihr mitgebrachtes Bildungsniveau niedriger ist als das der Gesamtgruppe. Grund dafür ist, dass Zuwanderer mit höherer mitgebrachter Qualifikation ihre Abschlüsse oft nicht anerkannt bekamen. Die hohe Quote von Sozialhilfeempfängern spiegelt wiederum v.a. die Altersarmut unter Kontingentflüchtlingen und zunehmend auch unter denjenigen (Spät-)Aussiedlern wider, die ihre Arbeitsjahre in der ehemaligen UdSSR nicht oder nicht in vollem Umfang angerechnet bekamen.

Tabelle 3: Arten von Beschäftigung (in Prozent)Tabelle 3: Arten von Beschäftigung (in Prozent) (© bpb)
Die Erwerbsstruktur der postsowjetischen Migranten weist Besonderheiten auf (Tabelle 3). Insbesondere kasachstanstämmige Männer arbeiten überdurchschnittlich oft im sekundären Sektor (produzierendes Gewerbe, Baugewerbe). Bei den Frauen fällt der hohe Anteil von ausschließlich geringfügig Beschäftigten auf. Niedrig ist hingegen der Anteil der Selbstständigen.

Trotz dieser speziellen Beschäftigungsstruktur zeigen sich nur geringe Unterschiede zwischen den durchschnittlichen Haushaltseinkommen von postsowjetischen und "einheimischen" Haushalten (Abbildung 2). Deutliche Unterschiede gibt es hingegen bei den Haushaltseinkommen pro Kopf, da postsowjetische Haushalte im Schnitt größer sind als "einheimische". Zugleich verweist dieser Umstand auf das erfolgreiche Zusammenlegen mehrerer relativ niedriger individueller Einkommen zu einem ausreichenden Haushaltseinkommen.

Abbildung 2: Haushaltseinkommen nach Migrationshintergrund (in Euro)Abbildung 2: Haushaltseinkommen nach Migrationshintergrund (in Euro) (© bpb)
Abbildung 3: Streuung der Haushaltseinkommen
nach Migrationshintergrund (in Prozent)Abbildung 3: Streuung der Haushaltseinkommen nach Migrationshintergrund (in Prozent) (© bpb)

Die Streuung der durchschnittlichen Haushaltseinkommen unter der postsowjetischen Bevölkerung ist ähnlich wie die der "Einheimischen" (Abbildung 3). Dies spricht für eine insgesamt gelungene strukturelle Integration. Auffällig ist, dass Sowjetunionstämmige insgesamt im niedrigsten Einkommenssegment überrepräsentiert sind, während Kasachstanstämmige stärker in den mittleren Segmenten vertreten sind. Die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler sind also in höherem Maße in der Mittelschicht angekommen als die Gesamtgruppe. Zugleich wird deutlich, dass pauschale Aussagen über die Situation "der" postsowjetischen Migranten oder auch "der" Russlanddeutschen nicht möglich sind.

Sprachkompetenzen

Postsowjetische Migranten werden in der Öffentlichkeit oft pauschal als "Russischsprachige" bezeichnet. Die Realität ist komplexer. Laut der im Herbst 2016 erschienenen Studie Russians in Germany der Boris Nemtsov Stiftung beherrschen 88 Prozent der Befragten Russisch als Muttersprache (61 Prozent) oder fließend (27 Prozent). Ca. zwei Drittel der Befragten sprechen Deutsch auf muttersprachlichem Niveau (21 Prozent) oder fließend (43 Prozent). 28 Prozent geben mittelmäßige Kenntnisse an, sieben Prozent Grundkenntnisse. Entsprechend überwiegen Russisch bzw. ein Mix aus Russisch und Deutsch als Familiensprachen: 42 Prozent der Befragten sprechen zu Hause vor allem Russisch; 32 Prozent Deutsch und Russisch, 24 Prozent sprechen vor allem Deutsch. Gemischt ist das Bild auch beim Medienkonsum, allerdings mit anderem Schwerpunkt: Die Befragten informieren sich aus russisch- und deutschsprachigen Medien, wobei die deutschsprachigen Medien hier zum Teil deutlich überwiegen.

Politische Einstellungen

Tabelle 4: Parteipräferenzen (in Prozent)Tabelle 4: Parteipräferenzen (in Prozent) (© bpb)
Aktuelle Studien relativieren den lange vorherrschenden Befund, dass (Spät-)Aussiedler im Allgemeinen und Russlanddeutsche im Besonderen politisch v.a. den Unionsparteien zuneigten. Vielmehr haben sie sich den Präferenzen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund angenähert (Tabelle 4).

Bemerkenswert sind die erhöhten Zustimmungsraten zur Alternative für Deutschland (AfD) – wohlgemerkt in einem Erhebungszeitraum (März-August 2015), als die AfD ihre Wandlung zur populären und populistischen Anti-Flüchtlingspartei noch nicht vollzogen hatte. An dem in den Medien oft gemutmaßten erhöhten Zuspruch der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler zur AfD mag also etwas dran sein. Dieser ist aber nicht zwingend als Folge eines bestimmten "mitgebrachten" autoritären Politikverständnisses zu interpretieren. Es gibt auch eine soziale Erklärung: Die AfD findet überdurchschnittlichen Zuspruch bei Arbeitslosen und Arbeitern sowie Menschen mit niedrigen und mittleren Bildungsabschlüssen. Diese Kategorien sind unter den postsowjetischen Migranten und den Russlanddeutschen überrepräsentiert. Es fehlen allerdings aktuelle Daten, die die Zustimmung zur "neuen" AfD deutlicher abbilden, zumal sich der Wählerzuspruch für die AfD dynamisch entwickelt.

Diasporanationalismus?

Sind postsowjetische Migranten besonders anfällig für einen russischen "Diasporanationalismus" und eine Instrumentalisierung durch den Kreml, wie nach den bundesweiten Demonstrationen anlässlich des "Falls Lisa" – der angeblichen Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin durch "Flüchtlinge" im Januar 2016 – oft behauptet wurde? Die Stichhaltigkeit dieser Behauptung kann hier nicht erörtert werden. Es sei aber darauf hingewiesen, dass man in diesem Zusammenhang "gelebte Transnationalität" (Natalia Kühn) und staatliche Diasporapolitik auseinanderhalten sollte. Zu ersterer gehören grenzüberschreitende Familien- und Freundschaftsnetzwerke, die heutzutage insbesondere in der virtuellen Sphäre gepflegt werden können. Dazu gehört auch die Existenz einer lebhaften russischsprachigen Presselandschaft in Deutschland.

Zur staatlichen Diasporapolitik hingegen gehören Russlands seit den 1990er Jahren zu beobachtende Bemühungen um die Vereinnahmung "seiner" Diaspora im Ausland. Aus diesem Werben kann man jedoch nicht zwingend schließen, dass es vonseiten der Emigranten auch erwidert wird. Dabei ist zu bedenken, dass der Großteil der postsowjetischen Migranten die ehemalige UdSSR nicht als "Russen" verließ, sondern als Angehörige kulturell russifizierter ethnischer Minderheiten.

Insofern folgt aus einer postsowjetischen Herkunft und dem Gebrauch der russischen Sprache nicht automatisch die Identifikation mit Russland bzw. dem russischen Staat. Zugleich ist eine Re-Identifikation der zweiten Generation mit Russland insbesondere im Falle anhaltender Diskriminierung als "Russen" durchaus denkbar, trotz rückläufiger russischer Sprachkenntnisse. Zwangsläufigkeiten gibt es aber keine.

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Autor: Jannis Panagiotidis für bpb.de
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