Koffer

20.12.2017 | Von:
Dr. Herbert Brücker

"Langfristig hängen die Effekte der Fluchtmigration davon ab, wie gut die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gelingt"

Interview mit Prof. Dr. Herbert Brücker

Simulationsrechnungen versuchen anhand von vielen verschiedenen Faktoren die langfristigen Auswirkungen der Flüchtlingsaufnahme und damit auch Integrationsprozesse zu prognostizieren. Wozu werden solche Prognosen überhaupt erstellt, mit welchen Schwierigkeiten sind sie behaftet und wie aussagekräftig sind sie?

Das kommt darauf an, was man macht. Zum Teil werden solche Berechnungen erstellt, um die fiskalischen Wirkungen, also die Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte zu simulieren. Andere Berechnungen analysieren generell die volkswirtschaftlichen Effekte, also für das Bruttoinlandsprodukt bzw. das Wirtschaftswachstum.

Der kritische Faktor an den Berechnungen ist die Frage der Arbeitsmarktintegration. Diese muss man auf irgendeine Art und Weise prognostizieren. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie hoch der Anteil der Beschäftigten ist, sondern es geht auch um die Frage, welche Tätigkeiten sie ausüben und was sie verdienen werden. Das kann man natürlich immer nur gestützt auf Erfahrungen aus der Vergangenheit prognostizieren. Davon kann die tatsächliche Entwicklung dann in die eine oder andere Richtung abweichen, aber man bekommt ein ungefähres Bild. Dann muss man – was nur ein Teil der Simulationsrechnungen tut – alle indirekten Effekte berücksichtigen. Also, wenn Flüchtlinge arbeiten, entstehen indirekte Effekte für die Kapitaleinkommen, es entstehen indirekte Effekte für andere Einkommensgruppen, möglicherweise auch Verdrängungseffekte im Arbeitsmarkt. Das muss man alles analysieren, um dann zu einem Gesamtbild zu kommen. Es ist darüber hinaus so, dass wir in einer offenen Volkswirtschaft leben, d.h., wenn die Beschäftigung steigt, löst das z.B. auch Investitionen aus dem Ausland in Deutschland aus. Es gibt also eine Reihe von sehr komplexen Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. Viele der Berechnungsmodelle, die jetzt im Umlauf sind, berücksichtigen nur Teile dieser Faktoren. Man überfordert im Prinzip Modelle, wenn man den Anspruch erhebt, dass sie alle Faktoren sehr präzise beachten sollen. Insofern kann man diese Modelle immer nur als Annäherung an die Realität verstehen. Dennoch kann man aus ihnen Schlussfolgerungen ziehen, etwa hinsichtlich der Frage, wie hoch die Kosten der Flüchtlingsaufnahme und -integration im Zeitverlauf ungefähr ausfallen werden oder ob nicht tatsächlich einmal der Punkt erreicht wird, an dem die öffentlichen Kassen stärker von den Flüchtlingen profitieren als sie durch die Flüchtlingsaufnahme belastet werden.

Hinzu kommt eine weitere Ungewissheit: Man muss zur Beantwortung dieser Fragen nämlich auch noch prognostizieren, wie viele Menschen in ihrem Lebensverlauf in ihre Herkunftsländer zurückkehren werden. Davon hängen Fragen der Gesundheitskosten, der Belastung der Rentenversicherungssysteme und Ähnliches ab. Daneben stellt sich die Frage danach, wie groß der Familiennachzug ausfallen wird. Auch das spielt eine Rolle.

Unsere Simulationen stützen sich auf viele solcher Annahmen, die aber, wenn wir jetzt über langfristige Entwicklungen reden, sehr schwer auf die lange Frist zu prognostizieren sind. Man arbeitet deswegen am besten mit verschiedenen Szenarien, um mögliche Entwicklungspfade aufzuzeigen. Wir gehen davon aus, dass die Flüchtlinge, die 2015 in Deutschland angekommen sind, nach sieben bis zehn Jahren wahrscheinlich mehr Einzahlungen für die öffentlichen Haushalte und Sozialsysteme leisten werden, als an sie ausgezahlt wird. Das hängt damit zusammen, dass die Geflüchteten noch relativ jung sind und die Mehrheit in der Mitte des Erwerbslebens steht. Davon profitiert eine Volkswirtschaft natürlich. Langfristig kann das dann wieder kippen, wenn sie ins Renteneintrittsalter kommen. Aber das hängt, wie gesagt, von vielen Annahmen ab, die man zum Beispiel über die Rückkehrmigration treffen muss. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die Flüchtlinge nicht nur die laufenden Einnahmen und Ausgaben der Staatshaushalte beeinflussen, sondern langfristig auch die gesamte öffentliche Infrastruktur angepasst werden muss. Dies verschlechtert wiederum die fiskalische Bilanz.

Das heißt im Streit unterschiedlicher Standpunkte von Ökonomen darüber, ob die Flüchtlingsaufnahme ein Konjunkturprogramm ist oder ob langfristig sinkende durchschnittliche Bruttolöhne zu erwarten sind und sich auch auf lange Sicht eine negative Bilanz für die öffentlichen Haushalte ergibt, kann man gar nicht sagen, wer Recht hat?

Soweit würde ich nicht gehen, denn das hängt, wie immer, von den Annahmen ab, die man trifft. Also ich gehe schon davon aus, dass die Belastungen für die öffentlichen Haushalte zunächst beträchtlich sind, d.h. im unteren zweistelligen Milliardenbereich. Dabei müssen wir uns aber immer vergegenwärtigen, dass es bei der Flüchtlingsaufnahme um eine humanitäre Frage geht. Es geht nicht primär darum, volkswirtschaftliche Gewinne zu erzielen. Trotzdem ist es wichtig zu wissen, wie hoch die Erträge und wie hoch die Kosten sind. Und die Kosten sind, glaube ich, auf mittlere und lange Sicht nicht so furchtbar hoch. Es kann sogar sein, dass die Flüchtlingsaufnahme auf einen Nettogewinn hinauslaufen wird. Allerdings gehe ich insgesamt davon aus, dass wenn wir alle Kosten, einschließlich der Investitionen in die Infrastruktur berücksichtigen, insgesamt eher eine Belastung übrig bleiben wird, die aber nicht besonders groß ausfällt.

Viele Horrorszenarien, die auch im Umlauf sind, arbeiten mit sehr extremen Annahmen, also z.B., dass jeder Flüchtling, der nach Deutschland kommt, auch bis zu seinem Lebensende hier bleiben und dann sehr hohe Rentenzahlungen in Anspruch nehmen wird. Das ist nicht sehr realistisch, wenn man sich tatsächliche Mobilitätsströme anschaut. Dann werden in den Modellen häufig die indirekten Effekte für Kapital- und Arbeitseinkommen der einheimischen Bevölkerung nicht berücksichtigt. Diese indirekten Effekte machen aber etwa 40 Prozent der Einkommenseffekte, die bei einer zusätzlichen Beschäftigung von Flüchtlingen entstehen, aus. Eine Vernachlässigung dieser Effekte verzerrt folglich das Bild. Daher würde ich an manchen Studien auch methodische Kritik üben, d.h. Kritik an den getroffenen Annahmen. Ich glaube nicht, dass die Flüchtlingsaufnahme ein großes Gewinnprogramm ist, aber wir werden dadurch auch keine übermäßig großen Verluste haben. Auch wenn verschiedene Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, bin ich froh, dass wir sie haben: Wir bekommen dadurch ein genaueres Bild, um welche Größenordnung es unter welchen Annahmen tatsächlich geht, auch wenn das eine oder andere Szenario unrealistisch ist.

Können Sie die zentralen Faktoren noch einmal zusammenfassen, von denen abhängt, ob die gesamtwirtschaftliche Bilanz der Flüchtlingsaufnahme langfristig positiv oder eher negativ ausfällt.

Das hängt erstens davon ab, welche Annahmen wir zum Verbleib der Flüchtlinge treffen, d.h., wie viele Menschen in Deutschland bleiben werden und wie lange sie hier bleiben werden, wie hoch der Anteil derjenigen ist, die wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren und umgekehrt, wie viele Familienangehörige noch nach Deutschland kommen werden. Zweitens hängt es davon ab, wie hoch die Erwerbspartizipation ist, wie viele der Flüchtlinge über wie lange Zeiträume erwerbstätig sein werden. Dann hängt es drittens davon ab, wie hoch die Verdienste von denjenigen sind, die erwerbstätig sein werden. Viertens spielen indirekte Effekte eine Rolle, d.h. die Effekte für die Kapitaleinkommen, für die Arbeitseinkommen von anderen Gruppen im Arbeitsmarkt. Und dann hängt es fünftens davon ab, wie dynamisch sich der Kapitalstock anpasst: Wenn das Arbeitsangebot steigt, wird mehr investiert, sodass das Verhältnis von Kapital zu Arbeit langfristig konstant bleibt. Dabei ist die Frage, wie viele dieser Kapitalflüsse aus dem Ausland nach Deutschland kommen und wo sie steuerlich veranlagt werden. Es geht also um dynamische Fragen: Wie viel wird investiert und woher kommt das Geld in einer offenen Volkswirtschaft? Das sind, glaube ich, die wesentlichen Faktoren. Ich könnte natürlich noch eine Reihe anderer Faktoren hinzufügen, aber ich glaube, wenn man über diese Faktoren realistische Annahmen trifft, kommt man auch zu einem ganz vernünftigen Ergebnis.

Und wahrscheinlich spielt auch die Zusammensetzung der zugewanderten Flüchtlingsbevölkerung eine Rolle?

Ja, das spielt natürlich eine Rolle. Von den Qualifikationen der Zugewanderten hängen wiederum ihre Verdienste ab und die Wahrscheinlichkeit, dass sie beschäftigt sind. Und es spielt natürlich auch eine Rolle, wie viel wir in Sprachkompetenz investieren, wie schnell sie Sprachkenntnisse erwerben, wie schnell die Asylverfahren laufen, wie gut die Ausgangsqualifikationen sind, wie viele neue Bildungsabschlüsse in Deutschland erworben werden. Das alles spielt eine Rolle, ist aber implizit bei der Arbeitsmarktintegration mitgedacht, die dadurch beeinflusst wird.

Da wir gerade von Sprachförderung sprechen: Aktuell wird in Deutschland zwischen Asylbewerbern mit guter und schlechter Bleibeperspektive unterschieden. Davon hängt u.a. der Zugang zu Integrationskursen und damit auch Integrationsprozessen ab. Halten Sie diese Unterscheidung für sinnvoll oder macht es nicht mehr Sinn, erst einmal allen Asylbewerbern den Zugang zu Integrationskursen zu ermöglichen, unabhängig vom potenziellen Ausgang des Asylverfahrens?

Das hängt von der Perspektive ab, die man einnimmt. Wenn wir jetzt die reine Perspektive auf Integration und die volkswirtschaftlichen Kosten einnehmen, dann würden wir selbstverständlich alle Flüchtlinge so schnell wie möglich in solche Kurse schicken und massiv in Sprachförderung investieren. Denn: Jemand, der gute deutsche Sprachkenntnisse hat, hat bessere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt und auch höhere Verdienste als jemand ohne solche Kenntnisse; und die Kosten von Sprachkursen sind relativ gering. Es handelt sich also um eine Investition, die extrem hohe Erträge aufwirft. Wenn dann jemand doch wieder in sein Heimatland zurückkehren muss, diese Person zuvor aber, sagen wir mal zwei oder drei Jahre in Deutschland lebt und überwiegend hier arbeitet, dann profitieren wir davon. Eine Politik, die aber darauf setzt, die Leute vor ihrer Rückkehr ins Herkunftsland vom Arbeitsmarkt fernzuhalten und sie von ganz wichtigen Integrationsmaßnahmen ausschließt, die die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ermöglichen, verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten. Insofern ist das integrationspolitisch falsch und ökonomisch mit hohen Kosten behaftet. Das ist eigentlich allen bewusst. Man macht es aber dennoch, um die Anreize zu senken, dass weitere Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Darüber kann man lange streiten, ob das klug ist oder nicht, aber im Prinzip verursachen wir mit dem Versuch, die sogenannten Pull-Faktoren – also die Anreizfaktoren für Migration – zu reduzieren, sehr hohe Kosten für die Integration und eine ganze Menge unangenehmer Nebeneffekte: Menschen, die nicht im Erwerbsleben tätig sind, die nicht an Sprachgruppen teilnehmen können, die hängen in ihren Einrichtungen herum und das hat eine Reihe von Nebenfolgen wie Schwarzarbeit, Kleinkriminalität, Drogenhandel, vielleicht auch schwere Kriminalität. Diese Politik hat also vielfältige wirtschaftliche und soziale Folgen und das sollte man eben auch berücksichtigen.


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