Koffer

20.12.2017 | Von:
Dr. Herbert Brücker

"Langfristig hängen die Effekte der Fluchtmigration davon ab, wie gut die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen gelingt"

Interview mit Prof. Dr. Herbert Brücker

Letztlich könnte man auch davon ausgehen, dass diejenigen, die in Deutschland Qualifikationen erwerben, seien es Sprachkenntnisse oder berufliche Qualifikationen, nach ihrer Rückkehr ins Herkunftsland zur dortigen Entwicklung beitragen könnten.

Natürlich. Die positive Wirkung für die Herkunftsländer zeigen z.B. die Entwicklungen im früheren Jugoslawien. Durch die Rückkehrmigration ist Jugoslawiens Handel gestiegen, nicht nur, aber auch mit Deutschland. Es gibt also eine Reihe von positiven wirtschaftlichen Faktoren der Rückkehrmigration. Diese fallen stärker aus, wenn die nach Deutschland Zugewanderten sich besser in den Arbeitsmarkt und andere gesellschaftliche Bereiche integriert haben. Davon würden wir volkswirtschaftlich dann auch langfristig profitieren. Ihre Integration wäre daher auch im eigenen Interesse.

Inwiefern hat die Wirtschaft auf bisherige Migrationen reagiert und was hat sie angesichts der aktuellen Fluchtmigration daraus gelernt? Geht sie jetzt anderes mit Zugewanderten, gerade auch mit Flüchtlingen um als früher?

Die Wirtschaft gibt es nicht, sondern es gibt viele unterschiedliche Unternehmen, die sehr unterschiedlich auf diese Zuwanderung reagieren. Wir beobachten, dass die größeren Unternehmen, die keine Schwierigkeiten haben, Arbeitskräfte zu bekommen, sich relativ wenig engagieren. Im Prinzip werden Flüchtlinge, das gilt aber auch für andere Migrationsformen, vor allem von Klein- und Kleinstunternehmen eingestellt, erst danach kommen die klassischen mittleren Unternehmen. Mit die bedeutendste Rolle spielt wahrscheinlich die Ökonomie, die getragen wird von Menschen, die selbst einen Migrationshintergrund haben. Wir beobachten, dass 40 Prozent der Flüchtlinge, die Jobs in Deutschland haben, diese über persönliche Kontakte zu Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen gefunden haben. Das sind in der Regel Kontakte in die eigene ethnische Community oder verwandte Communities. Es ist daher ein Mythos, dass die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen überwiegend von größeren deutschen Unternehmen oder dem klassischen deutschen Mittelständler getragen wird. Vielmehr findet sie oft in Unternehmen statt, die Migranten gehören. Dabei handelt es sich sehr häufig um sehr kleine Unternehmen. An zweiter Stelle stehen dann die kleinen und mittleren deutschen Unternehmen. Die großen Unternehmen spielen im Gesamtgeschehen praktisch keine Rolle.

Welchen Beitrag können Flüchtlinge für Unternehmen leisten?

Sie leisten das, was alle anderen Arbeitskräfte auch leisten. Die Integrationsprobleme sind aber groß und davor sollte man auch nicht die Augen verschließen. Flüchtlinge bringen am Anfang in der Regel schlechte Sprachkenntnisse mit. Es gibt große Probleme bei der Anpassung ihrer mitgebrachten Qualifikationen, weil sich die Bildungssysteme in den Herkunftsländern stark unterscheiden. Flüchtlinge haben zwar vor ihrer Ankunft in Deutschland im Durchschnitt etwa acht Jahre Berufserfahrung gesammelt, in der Regel als Angestellte, 30 Prozent als Arbeiter, ein nicht unerheblicher Teil auch als Führungskräfte. Sie verfügen also durchaus über wertvolle Berufserfahrung. Sie unterscheiden sich allerdings sowohl von der Qualifikationsanforderung als auch von der Art, wie in den Herkunftsländern gearbeitet worden ist. Eine Anpassung in Unternehmen in Deutschland gestaltet sich daher oft schwierig. Neben den deutschen Unternehmen müssen auch die Flüchtlinge ihre Erwartungen anpassen. Die Probleme sind also sicher vielfältig, aber im Grundsatz gilt das Gleiche wie für alle anderen Migranten und Arbeitnehmer auch: Die Unternehmen profitieren von jeder Arbeitskraft, die arbeitet und zum Produkt des Unternehmens bzw. den angebotenen Dienstleistungen beiträgt.

Könnten Unternehmen einen stärkeren Beitrag zur Integration von Geflüchteten leisten? Hätten Sie Vorschläge für Maßnahmen, die Unternehmen ergreifen könnten, um die Arbeitsmarktintegration schneller voranzubringen?

Viele Unternehmen tun bereits etwas und es hängt von dem einzelnen Unternehmen ab, ob es mehr tun kann oder nicht. Daher würde ich mich vor pauschalen Urteilen hüten. Von Unternehmen wird bereits viel verlangt: Sie müssen sich informieren über die Bildungs- und Ausbildungssysteme der Herkunftsländer, über die Menschen, die zu ihnen kommen; sie müssen viele Integrationsleistungen – auch soziale Integrationsleistungen – erbringen. Das fordert den Unternehmen eine ganze Menge ab. Es gibt viele Unternehmen, die da Vorbildliches leisten.

Ich fände es sinnvoll, wenn staatliche Stellen und Unternehmen stärker zusammenarbeiten würden, z.B. bei der Entwicklung von Sprachkompetenz. Wir brauchen mehr berufsbegleitende Sprachkurse und pragmatische Lösungen, z.B. Freistellungen, um die Kompetenzen der Flüchtlinge weiterzuentwickeln und zwar berufsbegleitend. Wir müssen uns verabschieden von einem sequentiellen Bild, also erst der Sprachkurs, dann eine Qualifikationsmaßnahme, dann ein Praktikum und dann erst der Arbeitsplatz. Stattdessen müssen wir versuchen, möglichst viele Integrationsangebote berufsbegleitend zu gestalten.

Ist der Wirtschaftsstandort Deutschland trotz der hohen Zuwanderung 2015 und 2016 zukünftig auch weiterhin auf Zuwanderung aus dem Ausland angewiesen?

Ja. Wenn wir keine weitere Zuwanderung hätten, würde das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland bis zum Jahr 2060 um rund 40 Prozent sinken. Das Arbeitskräfteangebot schrumpft selbst dann, wenn wir von einer zunehmenden Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Arbeitnehmern ausgehen. Diesen Rückgang könnte man mit einer Nettozuwanderung von 200.000 Personen pro Jahr etwa halbieren. Mit einer Nettozuwanderung von jährlich 400.000 Personen könne man das Arbeitskräfteangebot konstant halten. Ein solcher Wanderungssaldo würde aber immer noch nicht ausreichen, um die Alterung der Bevölkerung auszugleichen. Durch die steigende Lebenserwartung würde sich trotz dieser Zuwanderung der Anteil derjenigen fast verdoppeln, die als Rentner nicht mehr im Erwerbsleben stehen und durch die Erwerbstätigen finanziert werden müssen. Wir brauchen also Zuwanderung, um die sozialen Sicherungssysteme auf eine stabile Basis zu stellen. Die Zuwanderung muss dazu vielleicht nicht genauso hoch sein wie in den letzten Jahren, aber wir brauchen eine Nettozuwanderung, die weit über dem historischen Durchschnitt liegt, wenn wir das erreichen wollen. Natürlich kann das Ganze nur funktionieren, wenn es uns gelingt, die Migranten auch gut in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft zu integrieren, denn es kann nur jemand volkswirtschaftlich etwas beitragen, der arbeitet. Darum ist die Einwanderungsfrage sehr eng mit der Integrationsfrage verknüpft.

Die Fragen stellte Vera Hanewinkel.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Perspektiven auf die Integration von Geflüchteten in Deutschland.

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