Rasenstück mit Sonderbriefmarke zur Fußball WM 2006 in Deutschland. Auf der Briefmarke ist das Maskottchen Goleo im Trikot der deutschen Nationalmannschaft zu sehen.
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5.12.2005 | Von:
Stefan Mentschel

Iran

Mit einem rasanten Endspurt sicherte sich die iranische Fußball-Nationalmannschaft die WM-Fahrkarte nach Deutschland. Als überragender Spieler des Teams von Trainer Branko Ivankovic glänzte der aus der Bundesliga bekannte Vahid Hashemian (früher Bayern München, heute Hannover 96).

"Jahrhundertelf" will für Überraschung sorgen

Landesflagge IranLandesflagge Iran (© bpb )
Den 21. Juni 1998 wird Urs Meier sein Leben lang nicht vergessen. An diesem Tag führte der Schweizer Schiedsrichter in Lyon die Mannschaften der USA und Irans zur WM-Vorrundenpartie auf den Platz. "Es war außergewöhnlich", erinnert sich Meier. "Und ich empfand es als große Ehre, quasi als doppelter Neutraler dieses politisch heikle Spiel leiten zu dürfen." Vor dem Spiel sei eine "schier unerträgliche Anspannung" zu spüren gewesen. Doch beide Teams hätten "Frieden unter den verfeindeten Staaten" zelebriert. "Es war ein wunderbares Zeichen dafür, dass Sport Brücken baut."


Für die Spieler der iranischen Nationalmannschaft war das historische Zusammentreffen in Frankreich aber auch aus sportlicher Sicht ein Erfolg. Die in ihrer persischen Heimat Team Melli genannte Elf schlug die USA mit 2:1 – der erste Sieg überhaupt bei einer Weltmeisterschaft. Bei ihrer WM-Teilnahme 1978 waren die Iraner noch ohne Erfolgserlebnis geblieben. In Argentinien verlor das Team gegen die Niederlande und Peru, trotzte Schottland aber immerhin ein 1:1-Unentschieden ab.

Der Freude über den Erfolg gegen die USA folgte Ernüchterung. Das entscheidende Gruppenspiel gegen Deutschland verlor Iran mit 0:2 und verpasste so den Einzug ins Achtelfinale. Zuvor hatte die Mannschaft in dieser schweren Gruppe bereits gegen Jugoslawien verloren. Grenzenlos war die Enttäuschung schließlich, als sich die Mannschaft nicht für das Endrundenturnier 2002 in Südkorea und Japan qualifizieren konnte. Iran unterlag in der Playoff-Runde gegen Irland, und der kroatische Trainer Miroslav Blasevic trat zurück.

Neuer Trainer sichert Qualifikation für WM 2006

Nach diesem Rückschlag übernahm Blasevics Assistent und Landsmann Branko Ivankovic das Team. Mit dem Sieg bei den Asien-Spielen 2002 feierte er zwar einen erfolgreichen Einstand, aber in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Deutschland lief zunächst nicht alles nach Plan. Im Juni 2004 gab es eine 0:1 Heimniederlage gegen Jordanien, und das Weiterkommen in die dritte Gruppenphase war gefährdet. Beim Asien-Pokal wenige Wochen später fand die von Ivankovic stark verjüngte Mannschaft jedoch ihre Form. In einem denkwürdigen Viertelfinale besiegte sie Südkorea mit 4:3 und zog ins Halbfinale gegen Gastgeber China ein. Das ging zwar im Elfmeterschießen verloren, doch im kleinen Finale sicherten sich die Iraner mit einem 4:2 Sieg gegen Bahrain den dritten Platz. Mit neu gewonnenem Selbstvertrauen dominierten sie das Rückspiel gegen Jordanien und sicherten sich einen wichtigen 2:0 Sieg. In dieser Begegnung feierte der in der Bundesliga aktive Stürmer Vahid Hashemian sein Comeback, der auch in der entscheidenden Runde der Qualifikation eine wichtige Rolle spielte. In diese startete das Team Melli mit einem torlosen Unentschieden in Bahrain. Dem folgten jedoch vier Siege hintereinander, mit denen die Qualifikation zur Endrunde bereits im Juli 2005 perfekt gemacht wurde. Ein Erfolg, der von den iranischen Fans frenetisch gefeiert wurde.

Trotz aller Euphorie über den WM-Coup: In Teheran sorgt man sich darum, dass die für die Qualifikation entscheidenden Treffer allesamt nach Standardsituationen fielen. Denn auch wenn die Stars des Teams Offensivspieler sind, lässt Ivankovic eher defensiv agieren. In Iran, wo es allein 17 Sport-Tageszeitungen gibt, stößt das nicht immer auf Verständnis. Der Trainer scheue das Risiko, lautet der einhellige Vorwurf der Medien. Der Erfolg allerdings gibt Ivankovic Recht. Und auch der Verband, die Islamic Republic of Iran Football Federation (IRIFF), hält an dem 52-Jährigen fest.

"In fünf bis zehn Jahren werden wir das internationale Topniveau erreichen, wenn das Land weiter in die Infrastruktur investiert", verkündete Ivankovic vor einiger Zeit selbstbewusst. Ganz aus der Luft gegriffen scheint das nicht, denn seit vier Jahren gibt es unter anderem eine Profiliga in der Islamischen Republik, in der immerhin 16 der 23 Spieler des WM-Kaders kicken. Für internationales Flair in der Persian League sorgen ausländische Trainer wie der Türke Mustafa Denizli (Pas Teheran) und der Brasilianer Edson Tavares (Sepahan Esfahan). Der frühere Bundesliga-Profi Arie Haan trainierte bis vor kurzem Persepolis Teheran, wurde aber wegen Erfolglosigkeit entlassen. Fest steht: Der Fußball boomt im Land des dreifachen Asienmeisters (1968, 1972, 1976) und vierfachen Gewinners der Asien-Spiele (1974, 1990, 1998, 2002). Entsprechend groß sind die Erwartungen an die iranische Nationalmannschaft, schließlich steht Trainer Ivankovic in Deutschland nach Expertenmeinung das "beste Team aller Zeiten" zur Verfügung.

Schlüsselspieler mit Bundesliga-Erfahrung

Zu den Schlüsselspielern gehören auch drei Bundesliga-Profis. Ali Karimi (27) ist seit Sommer 2005 beim FC Bayern München unter Vertrag. Die internationale Fußballbühne betrat der offensive Mittelfeldspieler jedoch schon 1998 bei den Asien-Spielen, wo er mit Schnelligkeit, Instinkt und dem entscheidenden Tor im Endspiel gegen Kuwait wesentlichen Anteil am iranischen Sieg hatte. Erfolge feierte Karimi auch mit seinen Clubs Persepolis Teheran und Al-Ahli Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ein Hattrick im Viertelfinale des Asien-Pokals 2004 gegen Südkorea machte den "Zauberer von Teheran" in seiner Heimat dann endgültig zum Superstar. Im selben Jahr ernannte der Asiatische Fußballverband Karimi zum "Spieler des Jahres". Mit den Bayern will er sich nun sportlich in Europa durchsetzen.

Seinem Team-Kollegen Vahid Hashemian (29) hatte 2004 der Wechsel nach München kein Glück gebracht. Nach nur einer Saison kehrte er den Bayern enttäuscht den Rücken, denn gegen die starke Konkurrenz konnte er sich nicht durchsetzen. Erfolgreicher war Hashemian mit der Nationalmannschaft. Im WM-Qualifikationsspiel gegen Japan erzielte er im März 2005 vor mehr als 100.000 Fans im Teheraner Azadi-Stadion beide Treffer beim wichtigen 2:1-Sieg. Vor seiner Zeit beim FC Bayern war Hashemian drei Jahre beim VfL Bochum auf Torjagd gegangen und hatte in der Saison 2003/2004 unter Trainer Peter Neururer immerhin 16 Bundesligatreffer erzielt. Mittlerweile ist der Stürmer wieder in Neururers Obhut – bei Hannover 96. Auf die WM-Chancen der Iraner angesprochen, sagte Hashemian dieser Tage: Die Mannschaft sei sehr gut besetzt, doch in Taktik und Zusammenspiel gebe es noch Defizite. Daher müsse man von Spiel zu Spiel schauen, "aber wir haben auf jeden Fall das Potenzial weiterzukommen".

Mehdi Mahdavikia (28) vom Hamburger SV ist der Mittelfeldstratege der Iraner, der vor allem mit seinen Flanken gegnerische Abwehrreihen in Bedrängnis bringen kann. So hatte er unter anderem im Qualifikationsspiel gegen Japan, in dem er von Beobachtern zum besten Spieler auf dem Platz ernannt worden war, Hashemian das 1:0 aufgelegt. Doch der Familienvater, der nach zahlreichen Verletzungen inzwischen wieder zu alter Stärke zurückgefunden hat, kann auch Tore schießen. Bei der Weltmeisterschaft 1998 erzielte er im historischen Aufeinandertreffen gegen die USA den entscheidenden zweiten Treffer. Das Spiel bezeichnet Mahdavikia bis heute als das "wichtigste" seiner Laufbahn.

Ob ein vierter Bundesliga-Profi eine tragende Rolle im Kader von Trainer Branko Ivankovic werden kann, ist noch offen. Gleichwohl hat Ferydoon Zandi (27), der nach Stationen in Meppen, Freiburg und Lübeck seit 2004 beim 1. FC Kaiserslautern spielt, das Potenzial dazu. Der im ostfriesischen Emden geborene Sohn einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters hat sich erst vor anderthalb Jahren entschieden, für die iranische Nationalmannschaft aufzulaufen. Das Votum für Iran sei ihm nicht leicht gefallen, bekannte der Mittelfeldspieler in einem Interview. Schließlich habe er zuvor bereits fünf Mal für die deutsche U21-Auswahl gespielt. "Von Herzen war ich immer voll dafür. Aber ich wusste nicht, ob es moralisch der richtige Entschluss ist."

Für Ali Daei (37) haben sich solche Fragen nie gestellt. Der Altmeister des iranischen Fußballs ist Mannschaftskapitän von Team Melli und in seinem Land eine lebende Legende. Ein Grund dafür: Der zweimalige "Welttorjäger des Jahres" – 1996 und 2004 – hat mit 109 Treffern in 147 Spielen die meisten Länderspieltore weltweit erzielt – vor dem Ungarn Ferenc Puskas mit 84 Toren und Pele, der für Brasilien 77-mal traf. Auch in der Qualifikation für die WM in Deutschland ist er mit neun Treffern wieder der Toptorschütze Asiens. Trotz dieses Erfolgs ist Daei bescheiden geblieben: "Ehrlich gesagt bin ich ein ganz normaler Spieler. Tore schießen ist meine Aufgabe. Wir haben eine sehr gute Mannschaft und ich habe fantastische Unterstützung. Das muss man immer bedenken, wenn man darüber spricht, warum ich in den Jahren so viele Tore erzielen konnte." Zwischen 1997 und 2002 stürmte Daei in der Bundesliga. In 107 Spielen für Arminia Bielfeld, Bayern München und Hertha BSC Berlin erzielt er 19 Tore. Inzwischen ist Daei bei Saba Batry Teheran aktiv, dem Vierten der iranischen Meisterschaft.

Irans "Spieler des Jahres" indes wird nicht mit nach Deutschland reisen. Der 23-jährige Mojtaba Jabari von Meister Esteqlal Tehran sollte der neue Star des Teams werden, verletzte sich aber kurz vor der WM im Schweizer Trainingslager. Die iranischen Medien bezeichneten den Ausfall des talentierten Spielmachers als "großes Unglück".

Fußball und Politik: FIFA gegen WM-Ausschluss Irans

Einen noch gewaltigeren Schock in Iran würde allerdings der WM-Ausschluss der Nationalmannschaft auslösen. In den vergangenen Monaten hatten westliche Politiker immer wieder darauf gedrängt, das Land wegen seines umstrittenen Atomprogramms und nach zum Teil völkerrechtswidrigen Äußerungen von Staatschef Mahmud Ahmadinedschad auch im Sport zu isolieren.

Was war geschehen? Im Juni 2005, kurz bevor die iranischen Fußballer die Qualifikation für die Weltmeisterschaft perfekt machten, fanden in Iran Präsidentschaftswahlen statt. Für die meisten Beobachter überraschend, konnte sich Ahmedinedschad, zu dieser Zeit Bürgermeister Teherans und Kandidat der Konservativen, deutlich gegen den Pragmatiker Akbar Haschemi Rafsandschani durchsetzen. Unterstützt wurde und wird der 49-Jährige vor allem von den so genannten kleinen Leuten, die ihn als einen der ihren betrachten. Gottesfurcht und Umverteilung sei das Programm, das ihn bei den Armen beliebt gemacht habe, so ein politischer Beobachter. Und die Sprache, in der er sein politisches Ziel vertritt: "In der islamischen Regierung brauchen wir keine oberen Zehntausend, die sich für was Besseres halten, von feiner Herkunft sind und die damit rumprotzen."

Auch außenpolitisch verschärfte Ahmedinedschad den Ton. So verkündete er kurz nach der Wahl, dass sein Land an einem eigenen Atomprogramm festhalten wolle. Die meisten der iranischen Nuklearanlagen befinden sich zwar noch im Bau oder in der Planung. In Betrieb sind allerdings drei Forschungsreaktoren. Die iranische Führung rechtfertigt ihre Bemühungen mit einem gestiegenen Energiebedarf. Die im Land vorhandenen Gas- und Ölreserven sollten nicht zur Elektrizitätsgewinnung eingesetzt, sondern exportiert werden. Internationalen Verträgen zufolge habe Iran das Recht, ein Atomprogramm zu betreiben und für friedliche Zwecke Uran anzureichern, so der ehemalige UN-Waffeninspekteur Hans Blix in einem Interview. Es gibt aber Vermutungen, dass Iran sein Atomprogramm nicht nur zur Stromproduktion nutzen will. Speziell die USA und Israel verdächtigen die Regierung in Teheran, heimlich Nuklearwaffen entwickeln und bauen zu wollen. Beweise wurden dafür bislang aber nicht vorgelegt. Ahmedinedschad betonte dieser Tage: "Wir sind bereits ein Atomstaat, aber wir werden unsere Atomtechnologie nur für friedliche Zwecke einsetzen." Derzeit beschäftigt sich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit dem Problem.

Unbestritten völkerrechtswidrig sind indes die Äußerungen des Präsidenten gegenüber Israel. So hatte Ahmadinedschad wiederholt – erstmals im Oktober 2005 – den Holocaust an den europäischen Juden in Frage gestellt. Zudem drohte er Israel unverhohlen mit Vernichtung und forderte, das Land müsse "von der Landkarte getilgt werden". Die Aussagen hatten weltweit für Empörung gesorgt. Und sollte der iranische Staatschef seiner Nationalmannschaft tatsächlich einen Besuch in Deutschland abstatten, würde die politische Brisanz des Ereignisses alles Sportliche in den Hintergrund drängen.

Ob mit oder ohne Ahmedinedschad im Gefolge: Fifa-Präsident Joseph Blatter hat sich inzwischen deutlich gegen einen WM-Ausschluss Irans aus politischen Gründen ausgesprochen. "Das ist für mich undenkbar. Wir würden nie auf Grund irgendwelcher politischen Aussagen einen Verband ausladen", sagte der Präsident des Welt-Fußballverbandes in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung. Seine Organisation sei in politischen und religiösen Fragen "absolut neutral".

Auf der anderen Seite fürchtet Irans Regierung nach Medienberichten um die Sicherheit der Nationalmannschaft in Deutschland. Innenminister Mostafa Purmohammadi habe gegenüber seinem deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble Ende Februar bei der Sicherheitskonferenz in Katar von einer "terroristischen Bedrohung" gesprochen. Der deutsche Innenminister sicherte Purmohammadi daraufhin zu, das Team in seinem WM-Quartier in Friedrichshafen am Bodensee und an den Spielorten ganz besonders schützen zu wollen.

Chancen 2006: "Das Achtelfinale ist möglich"

Auf das Team Melli hatten die politischen Spannungen ebenfalls Auswirkungen. Nacheinander zogen mit Rumänien, der Ukraine und Spanien drei Testspielgegner zurück. "Die Vorbereitungsspiele wurden aus Gründen, die nichts mit Fußball zu tun haben, einfach abgesagt", klagte der Präsident des iranischen Fußballverbands, Mohammad Dadkan. Zunächst konnte nur Costa Rica für ein Spiel gewonnen werden. Das fand am 1. März in Teheran statt, und Iran besiegte die Mittelamerikaner mit 3:2. Mittlerweile stehen zwei weitere Gegner bereit. Ende März bereitet sich die Mannschaft gegen Kroatien und Bosnien-Herzegowina auf seine Spiele in der Vorrunden-Gruppe D vor. Dann geht es gegen Mexiko (11. Juni in Nürnberg), den EM-Zweiten Portugal (17. Juni in Frankfurt/Main) und WM-Neuling Angola (21. Juni in Leipzig).

Mit einer Mischung aus defensiver Grundausrichtung und offensiver Individualität will Trainer Ivankovic in Deutschland nun im dritten WM-Anlauf den Sprung ins Achtelfinale schaffen – eine schwere, aber nicht unlösbare Aufgabe. Potenzial für eine Überraschung hat Irans "bestes Team aller Zeiten". Doch wie stark Ali Daei & Co. international tatsächlich sind, müssen die Gruppenspiele zeigen. Oder wie es ein iranischer Fan dieser Tage im Internet formulierte: "Iran ist eine Bedrohung für die gesamte Welt, und die schnelle Entwicklung seines Fußball-Programms verlangt eine umgehende Untersuchung."

Übrigens: Auf die USA können die Iraner bei der WM in Deutschland frühestens im Halbfinale treffen. Urs Meier würde diese brisante Begegnung sicher gern ein zweites Mal leiten, allerdings hat er seine internationale Schiedsrichterkarriere inzwischen beendet.
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