Afrika
1|2|3|4|5 Auf einer Seite lesen

21.5.2005 | Von:
Stefan Mair

Bedeutung Afrikas für Deutschland

Welchen Stellenwert nimmt Afrika gegenüber der Bundesrepublik Deutschland ein? Neben strategischen Überlegungen zählen hierzu auch wirtschaftliche Interessen. Auf der anderen Seite: Welche Erwartungen verknüpfen afrikanische Staaten mit ihren deutschen Beziehungen?


Auszug aus:
Afrika I (Heft 264) - Bedeutung Afrikas für Deutschland

Einleitung

Hier ist Rußland, und da ist Frankreich, und Deutschland liegt dazwischen. Das ist meine Karte von Afrika." So reagierte Fürst Otto von Bismarck, Kanzler des deutschen Kaiserreichs, als er gefragt wurde, welche kolonialen Ambitionen Deutschland in Afrika hege. Die Einschätzung Bismarcks, Afrika sei für Deutschland von völlig untergeordneter Bedeutung im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn, da seine Lage in der Mitte Europas schon Konfliktmöglichkeiten genug bot, würde wohl auch heute noch Unterstützung finden. Strategisch hat die Region nach dem Ende des Ost-West-Konflikts viel von ihrer Bedeutung verloren. Solange die Sowjetunion existierte und die internationale Politik von der Konkurrenz zwischen dem östlichen und westlichen Lager bestimmt war, waren selbst kleine afrikanische Staaten wichtig (siehe auch Seite 51ff.).

Nach dem Ende des Kalten Krieges reduzierten sich strategische Überlegungen bezüglich Afrika zunächst auf die klassische Bedrohungsanalyse – mit einem für die deutsche Sicherheitspolitik recht befriedigenden Ergebnis: Keiner der afrikanischen Staaten südlich der Sahara verfügt über die militärischen Mittel, um eine wie immer gelagerte direkte Bedrohung der Sicherheit Deutschlands darzustellen. Immer stärker setzte sich jedoch die Erkenntnis durch, daß mit einer Begrenzung sicherheitspolitischer Überlegungen auf diesen engen Aspekt die Frage nach der Sicherheit eines Staates nur unzureichend beantwortet werden kann.

In der hochgradig vernetzten und von wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnissen bestimmten Welt von heute können Entwicklungen, die in eher randständigen Regionen der Welt stattfinden, schnell eine Dynamik entfalten, die große Rückwirkungen auf die globale und die europäische – und damit auch auf die deutsche – Sicherheit haben. Der Zusammenbruch von Staaten wie Somalia und auch dem ehemaligen Zaire könnte den Beginn eines Prozesses markieren, an dessen Ende die Regelung internationaler Beziehungen immer schwieriger wird, weil dazu die verläßlichen Partner fehlen. Weitere Gefahren mit weltweiter strategischer Bedeutung liegen in der Ausbreitung grenzüberschreitender organisierter Kriminalität in Afrika, in den durch Bürgerkriege, Wirtschaftskrisen und ökologische Katastrophen ausgelösten Wanderungsbewegungen sowie in einer Vergrößerung des Wohlstandsgefälles zwischen Nord und Süd. Es erhöht langfristig die Wahrscheinlichkeit, daß der Nord-Süd-Konflikt wiederbelebt wird und an Stelle des überwundenen Ost-West-Konflikts die Welt erneut spaltet.

Wirtschaftliche Interessen

Doch eine solche Entwicklung liegt noch in weiter Ferne. Viel näher ist die Frage nach den wirtschaftlichen Interessen Deutschlands in Afrika südlich der Sahara. Insgesamt sind sie relativ gering. Seit den achtziger Jahren wurden weniger als zwei Prozent des deutschen Außenhandels mit den Ländern südlich der Sahara abgewickelt. Etwa die Hälfte des deutschen Außenhandels mit Afrika südlich der Sahara entfällt auf die Handelsbeziehungen mit Südafrika, ein weiteres Drittel auf jene mit Nigeria. Auch die deutschen Auslandsinvestitionen in Afrika südlich der Sahara sind kaum nennenswert. Sie betrugen 1994 nur etwa ein Prozent der gesamten deutschen Direktinvestitionen im Ausland. Auch hier ist eine Konzentration auf Südafrika festzustellen.

Afrikas Bedeutung als Exporteur von Mineralien hat durch das Ende des Ost-West-Konflikts und den zunehmenden Ersatz dieser Mineralien durch Kunststoffe entscheidend abgenommen. Keines der aus Afrika nach Deutschland eingeführten landwirtschaftlichen Güter wie Kaffee, Kakao oder Baumwolle erreicht Größenordnungen, die eine besondere Abhängigkeit Deutschlands begründen würden. Auch wenn einige Länder Afrikas in den vergangenen Jahren überraschend hohe wirtschaftliche Wachstumsraten erzielen konnten, ist ihre ökonomische Entwicklung noch weit vom Erreichen eines Niveaus entfernt, auf dem sie attraktive Handelspartner und Investitionsstandorte deutscher Unternehmer werden könnten. An der untergeordneten Bedeutung Afrikas für Deutschlands Wirtschaft dürfte sich damit auch im nächsten Jahrzehnt kaum etwas ändern.

Eine ganz andere Einschätzung ergibt sich für die Bedeutung Afrikas im Falle der ökologischen Interessen Deutschlands. Afrikas Reichtum an unterschiedlichen Naturregionen und ökologischen Nischen, seine pflanzliche und tierische Artenvielfalt, seine Regenwälder und Küstengewässer haben für den Erhalt der weltweiten ökologischen Vielfalt und der Stabilität des ökologischen Gleichgewichts der Erde außerordentlich hohe Bedeutung. Mit der sich verstärkenden Erderwärmung und dem sich rasch beschleunigenden Artensterben wird die Vernachlässigung des Themas in der internationalen Politik schon bald ein Ende finden. Damit dürfte eine Neubewertung des Stellenwertes Afrikas südlich der Sahara in den internationalen Beziehungen einhergehen.

Werteorientierung

Außenpolitische Interessen sind eine zentrale Determinante für die Beziehungen zwischen Deutschland und Afrika, bei weitem jedoch nicht die einzige. Auf der Ebene der offiziellen Außenpolitik ist neben der Verwirklichung von Interessen auch die Verfolgung bestimmter Werte eine wichtige Zielvorgabe. Für einen demokratischen Staat haben Werte, zu denen er sich gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern bekennt, auch eine verpflichtende Wirkung bei seinen Außenbeziehungen: Frieden, Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Föderalismus und Marktwirtschaft.

Dies gilt besonders für die Beziehungen zu Afrika. Zum einen bleibt Deutschland wegen geringer unmittelbarer Interessen in der Region für die Verfolgung von Werten viel Spielraum. Zum anderen sind in wohl kaum einer anderen Region der Welt diese zentralen Werte derart massiv durch Bürgerkriege, Diktaturen und Hungersnöte bedroht. Deutsche Entwicklungs- und Nothilfe, die noch immer schwerpunktmäßig nach Afrika südlich der Sahara fließt, ist Ausdruck einer wertorientierten Außenpolitik und eines spezifischen Verantwortungsbewußtseins.

Afrikanische Erwartungen

Diese Verantwortung gründet sich auch auf die Hoffnungen und die Erwartungen, die afrikanische Staaten mit einem Engagement Deutschlands auf dem Kontinent verbinden. Deren Ausgangspunkt ist aus afrikanischer Sicht die überaus große Bedeutung Deutschlands für den afrikanischen Kontinent. Dies war schon zu Zeiten Bismarcks der Fall. Eben jener Politiker, der den Stellenwert Afrikas für Deutschland gering schätzte, hatte als Veranstalter und Mittler der Berliner Konferenz 1884/85 wie nur wenige andere Staatsmänner entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung der heutigen Grenzen Afrikas.

In der Gegenwart ist das Interesse Afrikas an Deutschland überwiegend wirtschaft-lich und entwicklungspolitisch motiviert. Deutschland befindet sich für fast alle afrikanischen Staaten in der Gruppe der drei wichtigsten Handelspartner. Für diese Staaten ist Deutschland zudem einer der drei wichtigsten Geber von Entwicklungshilfe. Neben diesen harten Fakten werden die Bemühungen afrikanischer Regierungen um Deutschland noch von einer anderen Überlegung geleitet. Deutschland ist nur in ganz wenigen Ländern Afrikas mit einer kolonialen Vergangenheit belastet, die nach wie vor die Beziehungen zwischen ehemaligen Kolonien und ihren Mutterländern trübt oder zumindest den Aufbau einer gleichberechtigten Partnerschaft erschwert. Deutschland gilt auch der Verfolgung einer von strategischen Interessen geleiteten Machtpolitik als unverdächtig – wie sie dagegen den USA und Frankreich von Afrikanern unterstellt wird. Ein verstärktes deutsches Engagement ist deshalb in den meisten afrikanischen Ländern als ein Gegengewicht zum Einfluß der ehemaligen Kolonialmächte und der USA erwünscht.

Allerdings übersteigen diese Erwartun- gen bei weitem das, was von deutscher Seite erbracht werden mag und kann. Völlig unrealistisch sind die immer wieder geäußerten Einschätzungen afrikanischer Regierungen, Deutschland sei willens und in der Lage, den Platz der Sowjetunion im regionalen Machtspiel einzunehmen. Deutschland wird mit seinen wichtigsten Verbündeten USA, Frankreich und Großbritannien niemals einen Konflikt über nachrangige außenpolitische Fragen wie die Afrikapolitik riskieren. Dabei gab es in der Vergangenheit vor allem mit Frankreich durchaus Meinungsverschiedenheiten. Frankreich betrachtete das frankophone Afrika als seinen "Hinterhof". Auf dessen Kontrolle basierte im wesentlichen sein Weltmachtanspruch. Es reagierte mithin höchst empfindlich auf wie immer geartete Einflußnahme anderer Industrieländer auf diese Region. Deutschland nahm darauf Rücksicht und konzentrierte deshalb seine Afrikapolitik im wesentlichen auf das anglophone Afrika, wo weder die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien noch die Supermacht USA eine absolute Vorrangstellung beanspruchten.

Nichtstaatliche Aktivitäten

Beziehungen zwischen Staaten werden aber nicht nur durch die offizielle Politik geprägt, sondern auch durch gesellschaftlichen Austausch. Und der ist zwischen Deutschland und Afrika südlich der Sahara durchaus vielfältig. Das halboffizielle Engagement deutscher Kirchen, politischer Stiftungen und zahlreicher Nichtregierungsorganisationen in der Entwicklungszusammenarbeit hat prägenden Einfluß auf die Gestaltung deutsch-afrikanischer Beziehungen und trägt erheblich zur Verbesserung der Lebensverhältnisse in der Region bei. Die Aktivitäten deutscher Menschenrechts- und Umweltorganisationen in Afrika helfen ihren Partnern, Fortschritte in diesen beiden Bereichen zu erzielen. Die Spendenbereitschaft der deutschen Bevölkerung bei Entwicklungs- und Nothilfe ist Ausdruck dafür, daß das Gefühl der Verbundenheit und der Verantwortung gegenüber den Nachbarn im Süden groß ist.

Auch die nach wie vor große Anziehungskraft des Kontinents für Abenteurer und Idealisten ist Ausdruck der Vielfalt deutsch-afrikanischer Beziehungen – wie auch die Popularität afrikanischer Sportler in der deutschen Fußball-Bundesliga, der wachsende Einfluß afrikanischer Musik auf die deutsche Szene und die Beliebtheit afrikanischer Kulturfeste.
1|2|3|4|5 Auf einer Seite lesen

Vom Kosovo nach Kolumbien, von Somalia nach Süd-Thailand: Weltweit schwelen über 280 politische Konflikte. Und immer wieder droht die Lage gewaltsam zu eskalieren.

Mehr lesen