Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.

28.3.2008

Der erste arabisch-israelische Krieg

Interview mit Benny Morris

Was passierte in Deir Yassin? Welche Bedeutung hatte Deir Yassin für die jüdische bzw. die arabische Seite? Und wie haben die jüdische und die arabische Seite Deir Yassin für ihre Zwecke genützt?

Das Dorf Deir Yassin.Das Dorf Deir Yassin. (© AP)
Benny Morris: Deir Yassin war der Schauplatz einer Schlacht und mehrerer von jüdischen Truppen verübter Gräueltaten – in der arabischen Propaganda oft als "Massaker" bezeichnet. Am 9. April 1948 griffen ungefähr 130 Truppen der militärischen Untergrundorganisationen Irgun (IZL) und Lechi (LHI, die "Stern Gang") das Dorf Deir Yassin am westlichen Stadtrand Jerusalems an. Es war während der vorhergegangenen Monate des Bürgerkriegs im Allgemeinen ruhig gewesen und hatte ein Nicht-Angriffsabkommen mit der Hagana geschlossen. Warum die Irgun und Lechi es als Ziel ausgesucht haben ist unklar. Der Angriff fand statt, als die Hagana gerade die "Operation Nachshon" durchführte, die zum Ziel hatte, die von arabischen Freischärlern blockierte Straße von Tel Aviv nach Jerusalem freizumachen und damit die Belagerung der jüdischen Gemeinde der Stadt zu beenden.

Der Angriff der Irgun und LHI auf das Dorf traf auf unerwartet großen Widerstand, vier jüdische Soldaten wurden getötet und zwei Dutzend verletzt, und die Truppen konnten nur langsam vorrücken. Sie warfen Granaten in Häuser, bliesen Häuser in die Luft und schossen auf durch die Gassen flüchtende Menschen. Am Ende der Schlacht töteten sie offenbar auch eine Handvoll Gefangener. Insgesamt wurden im Laufe der Schlacht und bei sporadischen Überfällen rund 110 Dorfbewohner, Kämpfende und Zivilisten (wahrscheinlich vor allem Letztere) getötet. Die Hagana, Araber und Briten trieben die Zahlen der arabischen Toten in der Folge in die Höhe und sprachen gewöhnlich von "254" – sie alle hatten gute Gründe für die Übertreibung (die Hagana, die sowohl IZL als auch LHI als ideologische Feinde ansah; die Briten, die jahrelang unter den Terrororganisationen IZL und Lechi zu leiden hatten; und die Araber, die im Allgemeinen versuchten, das Image der Juden anzuschwärzen und dabei nicht zwischen den verschiedenen jüdischen Gruppen unterschieden.)

Nach dem Vorfall wurde von arabischen Radiostationen immer wieder über die Geschehnisse berichtet, wobei die Gräueltaten sehr übertrieben wurden. Diese Meldungen hatten wohl zum Ziel, den palästinensischen Widerstand gegen die jüdischen Angriffe und Eroberungen von Dörfern zu stärken; sie hatten aber einen Bumerang-Effekt, indem sie die Kampfmoral der Araber im Land unterminierten – worauf der Geheimdienst der Hagana Deir Yassin als einen Hauptfaktor für die arabische Fluchtwelle und die Ursache des palästinensischen Flüchtlingsproblems bezeichnete. Araber flüchteten aus Angst, die Juden könnten in ihren Dörfern und Städten ähnliche Schreckenstaten begehen.

Für die Araber hatte Deir Yassin seit 1948 eine symbolische Bedeutung – es symbolisiert bis heute das Böse und die Verderbtheit der Juden, die Nakba (Unglück, Katastrophe) selbst, wie Araber den Krieg von 1948 oft bezeichnen. Zweifellos führten Meldungen und Gerüchte rund um Deir Yassin dazu, dass Araber nicht länger im Land bleiben wollten und aus vielen Gegenden flohen, darunter Jaffa und Haifa gegen Ende April. Die arabischen Freischärler übten Vergeltung für Deir Yassin, als sie am 13. April einen Versorgungskonvoi von Ärzten, Krankenschwestern und Studenten aus dem Hinterhalt überfielen, der aus Westjerusalem zum Skopus-Berg unterwegs war, wo sich die Hebräische Universität und die Hadassah-Universitätsklinik befinden. Rund 70 Personen, die meisten von ihnen Ärzte und Krankenschwestern, wurden getötet, mehrere Businsassen verbrannten bei lebendigem Leib.

Existierte ein Plan, die arabische Bevölkerung zu vertreiben?

Benny Morris: Es gab keinen Plan, die Araber aus Palästina zu vertreiben: Es wurde nie ein Beweis für solch einen Plan erbracht, es gibt keine Kopie eines solchen, keinen Hinweis, weder darauf noch auf irgendeine pauschale Entscheidung eines wichtigen jüdischen Gremiums wie der Jewish Agency Executive, der Hagana oder des Generalstabs der israelischen Streitkräfte, "die Araber" zu vertreiben. Einige arabische Propagandisten, darunter der ehemalige israelische Historiker Ilan Pappe, meinen im "Plan Dalet", dem vom Generalstab der Hagana am 10. März 1948 formulierten Plan D, einen solchen "Master Plan" zu sehen. Er war jedoch nicht darauf ausgerichtet, die Araber zu vertreiben. Er war darauf ausgerichtet, die Gebiete des jüdischen Staates am Vorabend des Abzugs der Briten und der erwarteten panarabischen Invasion abzusichern. Ab Anfang April lag allerdings schon "Transfer" oder "Vertreibung" in der Luft – als der Jischuw begann, den Bürgerkrieg zu verlieren, besonders auf den Straßen, und als eine arabische Invasion unmittelbar bevorstand, was die Zerstörung der palästinensisch-arabischen Milizen und ihrer Basen (im Land verteilter Dörfer) notwendig machte.

Kann man sagen, wie viele Palästinenser geflüchtet sind und wie viele vertrieben wurden?

Benny Morris: Die meisten der 700.000 Araber, die aus ihren Häusern vertrieben und später "Flüchtlinge" genannt wurden (was unzutreffend ist, denn zwei Drittel von ihnen landeten in anderen Teilen Palästinas und nur ein Drittel außerhalb des Landes, zumeist in Syrien, dem Libanon und Transjordanien – und "Flüchtling" bezeichnet jemanden, der aus seinem Land vertrieben wird), flohen aus Angst vor einem nahenden Kampf in ihren Dörfern und Städten und vor Kämpfen selbst. Man fürchtete, von Kugeln oder Granaten getroffen zu werden und unter jüdische Kontrolle zu kommen. Andere verließen ihre Heimat, vor allem Dörfer in der dicht besiedelten, von Juden bewohnten Küstenregion und Tälern, weil es ihnen von arabischer Seite geraten oder angeordnet wurde, von lokalen Befehlshabern und Behörden – Frauen und Kinder wurden aus Dutzenden Dörfern fortgeschickt, und ganze Dörfer wurden evakuiert, schon ab Dezember 1947 – entweder aus Angst, dass Zivilisten bei eventuellen feindlichen Handlungen verwundet werden könnten oder aus Angst, unter jüdischer Herrschaft in jüdischen Gebieten leben zu müssen (was in den Augen der Araber als Verrat galt).

Nur eine kleine Minderheit wurde physisch verstoßen – das heißt, sie waren in ihren Dörfern und Städten, als diese von Juden erobert wurden und ihnen befohlen wurde, diese zu verlassen (das bekannteste Beispiel einer solchen Vertreibung ist jenes der Bewohner von Lydda und Ramle am 12. und 13. Juli 1948). Fast alle, die flohen, erwarteten wahrscheinlich, nach einem Sieg der Araber oder einer UN- oder sonstigen internationalen Intervention in ihre Heimat zurückkehren zu können. Es ist nicht möglich, die Gründe für die Flucht oder Evakuierung der Araber in genauen Prozentzahlen anzugeben, vor allem, weil oft mehrere verschiedene Gründe, darunter auch die wirtschaftlichen Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte, ausschlaggebend waren (was besonders für kleinere und größere arabische Städte zutraf).

Was bewog die arabischen Länder, Israel anzugreifen?

Benny Morris: Die arabischen Länder griffen Israel an, weil sie keinen jüdischen Staat oder souveräne jüdische Gemeinde in ihrer Mitte haben wollten, auf einem Boden, den sie als heiligen islamischen, arabischen Boden betrachteten. Sie wollten den jüdischen Staat in seinem Keim ersticken. Doch sie hatten auch andere Motive. Manche waren wahrscheinlich wirklich der Meinung, ihre Invasion würde der "Rettung" ihrer palästinensischen Brüder und der Rettung der Palästinenser vor den Juden dienen. Andere hatten die Erweiterung des Territoriums ihrer eigenen Staaten durch die Einverleibung von Teilen Palästinas im Auge. Das war sicherlich das Hauptmotiv für die Invasion König Abdullahs von Jordanien, der arabische Teile Palästinas besetzte, jene Teile jedoch mied, die von der UN für den souveränen jüdischen Staat vorgesehen waren. Auch die Syrier schienen eine territoriale Erweiterung anzustreben – um sich Galiläa oder zumindest den See Genezareth Syrien einzuverleiben. Und Ägypten beteiligte sich zum Teil deshalb an der Invasion, weil es verhindern wollte, dass Abdullah zu viel von Palästina für Jordanien erwirbt. Im Allgemeinen jedoch hofften alle (möglicherweise mit Ausnahme Abdullahs, der schon sehr früh erkannt hatte, dass die Araber zu schwach waren, um Israel zu schlagen), den jüdischen Staat zu beschneiden, ihm vernichtenden Schaden zuzufügen und ihn zu zerstören – das war ihr vorrangiges Ziel.

Hatten die arabischen Länder die Absicht, einen palästinensischen Staat zu errichten?

Benny Morris: Die arabischen Staaten waren geteilter Meinung, was die Errichtung eines palästinensisch-arabischen Staates anging. Alle arabischen Führer hassten Haj Amin al Husseini, der an der Spitze der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung und des AHC (Arab Higher Committee) stand. Einige wiederum, darunter der jordanische König Abdullah, hatten es auf Teile Palästinas abgesehen und lehnten die Gründung eines palästinensisch-arabischen Staates ab. Sie alle legten jedoch Lippenbekenntnisse für die Idee eines eigenen palästinensisch-arabischen Staates ab – denn das war es, was die arabischen Massen, die arabische "Straße" offensichtlich wollte – und alle Staatsmänner (außer Abdullah) fürchteten die "Straße" sehr.

Jordanien besetzte Ostjerusalem und die Westbank. Warum haben sie dieses Land nicht den Palästinensern gegeben?

Benny Morris:Die jordanisch-haschemitische Monarchie verlangte ganz Palästina oder zumindest seine arabischen Teile für sich selbst. Sie war gegen einen palästinensisch-arabischen Staat – und Abdullah hasste Husseini und die Husseinis (die ihn schließlich 1951 ermordeten).


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