Die Kernschmelze und Reaktorexplosion im Atomkraftwerk bei Tschernobyl in der damals zur Sowjetunion gehörenden Ukraine war der bisher schwerste Unfall in einer Atomanlage. Auf der
1986: Reaktorkatastrophe von Tschernobyl
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Am 26. April 1986 kam es im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl zu einer Reaktorexplosion. Das Unglück hatte nicht nur verheerende Folgen für die Region, sondern weit über die Grenzen der heutigen Ukraine hinaus.
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Konstruktionsmängel und schwere Bedienungsfehler
Ursache für den „Super-GAU“ von Tschernobyl waren neben Konstruktionsmängeln des Reaktors gleich mehrere Bedienungsfehler während eines planmäßigen Tests im Kraftwerksblock 4. Es sollte überprüft werden, ob dem Reaktor auch bei einem allgemeinen Stromausfall noch genügend eigene Energie zur Verfügung stünde, um seine Notkühlung sicherzustellen. Für den Test wurde der Reaktor heruntergefahren. Dabei schalteten die Techniker auch das Notkühlsystem aus.
Weil während des Herunterfahrens aus Kiew ein erhöhter Strombedarf gemeldet wurde, wurde das Experiment für neun Stunden unterbrochen. Die Reaktorleistung blieb während dieser Zeit auf 50 Prozent Leistung, das Notkühlsystem ausgeschaltet. Bei der Fortsetzung des Tests sollte die Leistung des Reaktors dann auf eine Leistung zwischen 20 und 30 Prozent weiter heruntergefahren werden. Unter 20 Prozent durfte sie nicht fallen, weil der Reaktor sonst außer Kontrolle geraten konnte. Wahrscheinlich wegen eines Eingabefehlers fiel sie jedoch auf nur noch ein Prozent.
Um gegenzusteuern, entfernten die Techniker Steuerstäbe zur Kontrolle der atomaren Kettenreaktion. Dabei unterschritten sie die für die Anlage kritische Grenze von 28 Stäben. Die Leistung konnte nur noch auf sieben Prozent gesteigert werden. Damit blieb der Reaktor in einem extrem instabilen Betriebszustand. Trotzdem wurde der Test nicht abgebrochen. Entgegen den Vorschriften blockierte man stattdessen das Signal für die Schnellabschaltung und schloss bei beiden Turbinengeratoren die Sicherheitsventile für die Wasserzufuhr. Daraufhin schossen die Reaktortemperatur und die Leistung in die Höhe.
Eine unkontrollierbare Kettenreaktion und schließlich die Kernschmelze in Block vier des Kraftwerks waren die Folge. Vermutlich erzeugte das spontan verdampfte Kühlmittel einen solchen Druck, dass der Reaktor zerbarst.
Durch die Gewalt zweier nachfolgender Explosionen wurden die tonnenschwere Abdeckplatte des Reaktorkerns abgesprengt und das Dach des Gebäudes aufgerissen. Große Mengen radioaktiven Materials traten aus, gelangten in große Höhe und verteilten sich großräumig über weite Teile Europas. Noch am selben Morgen wurde in Schweden radioaktiver Niederschlag gemessen. Die Regierung in Moskau reagierte mit einer Informationssperre. Die Bevölkerung wurde erst Mitte Mai über das Ausmaß des Unfalls informiert.
350.000 Menschen wurden evakuiert
Die Folgen des Unfalls waren fatal: Die Bevölkerung in der näheren Umgebung des Reaktorgeländes war der Radioaktivität schutzlos ausgesetzt. Erst gut eineinhalb Tage nach der Katastrophe begannen die Behörden die nur vier Kilometer vom AKW entfernte knapp 50.000 Einwohner zählende Stadt Pripjat zu evakuieren. Die Evakuierung aller Wohngebiete in einer 30-Kilometer-Zone um das Atomkraftwerk (AKW) lief erst einige Tage später an.
Insgesamt wurden bis zu 350.000 Menschen evakuiert und umgesiedelt. Die sowjetische Führung schickte
Der rissig gewordene Beton-Sarkophag wurde im Jahr 2017 durch eine über 108 Meter hohe und 36.000 Tonnen schwere Konstruktion aus Metall mit einer Spannweite von 257 Metern und einer Länge von 162 Metern ersetzt. An der Finanzierung der umgerechnet rund zwei Milliarden Euro teuren neuen Schutzhülle beteiligten sich unter der Schirmherrschaft der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung 45 Staaten. Das „New Safe Confinement“ (NSC) sollte 100 Jahre halten.
Rettungskräfte arbeiten an der Stelle, wo eine mutmaßlich russische Kampfdrohne mit einem Sprengkopf die neue Schutzhülle des Kernkraftwerks Tschernobyl getroffen hat. (© picture alliance / Photoshot / Volodymyr Tarasov, Ukrinform)
Am 14. Februar 2025 wurden das NSC durch einen mutmaßlich russischen Drohnenangriff getroffen. Das daraus entstandene Feuer am Dach konnte erst einen knappen Monat später gelöscht werden und hinterließ erhebliche Schäden. Die ukrainische Regierung plant eine vollständige Reparatur bis 2030. Wegen des andauernden Krieges ist aber nicht abschätzbar, ob dies gelingen kann.
Folgen für Mensch und Umwelt in vielen Regionen Europas
Über die Zahl der unmittelbaren Opfer und der an Spätfolgen Verstorbenen herrscht bis heute Uneinigkeit. Das Externer Link: „Tschernobyl Forum“, dem neben der Ukraine, Russland und Belarus auch die Weltgesundheitsorganisation und UN-Organisationen angehörten, erklärte 2005, dass im Jahr des Unglücks lediglich 28 Bergungsarbeiter an akutem Strahlungssyndrom gestorben, und drei weitere Kraftwerksangestellte direkt bei der Explosion umgekommen seien. Das Forum schätzte die Zahl aller Todessfälle, auch die zum damaligen Zeitpunkt noch zu erwartenden, auf rund 4.000.
Gesundheitliche Folgen radioaktiver Strahlung
Radioaktive Strahlung kann unmittelbare (Frühschäden) sowie langfristige Gesundheitsschäden (Spätschäden) zur Folge haben. Die Auswirkung der radioaktiven Strahlung auf den Menschen wird in Sievert gemessen (Sv; 1 Sievert = 1.000 Millisievert). Je höher die Dosis, desto größer die gesundheitlichen Folgen.
Frühschäden werden durch Zellschädigungen oder Zelltod verursacht. Sie sind bemerkbar ab einer Dosis von ca. 0,5 Sv. Die gesundheitlichen Folgen variieren je nach Höhe der Dosis und Art der Strahlung sowie davon, welche Organe und Gewebe betroffen sind: Sie reichen von Hautrötungen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Haarausfall, Infektionen bis zu inneren Blutungen und Versagen des Nervensystems. Ganzkörperdosen über sechs Sv sind in fast allen Fällen innerhalb weniger Tage tödlich. Unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe wurden in Tschernobyl Strahlenwerte zwischen 0,35 und 6 Sievert gemessen.
Spätschäden können schon bei geringen Dosen auftreten. Erkrankungen treten aber erst Jahre bis Jahrzehnte später auf. Hierzu zählen zum Beispiel Krebs- oder Herz-Kreislauferkrankungen. Je höher die Dosis, desto wahrscheinlicher ist eine Erkrankung – eine Schwellendosis gibt es nicht.
Studien weisen darauf hin, dass
Nichtregierungsorganisationen wie Externer Link: Greenpeace oder die Externer Link: Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) sehen darin eine starke Verharmlosung. Die Todeszahlen seien weit höher. Sie rechnen etwa die Opfer von Schlaganfällen, Herzinfarkten und Krebserkrankungen hinzu. Insgesamt reichen die Schätzungen von 50 bis zu mehreren Hunderttausend Toten, vollständige Daten gibt es nicht. Die großen Unterschiede in den Angaben ergeben sich auch aus unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen.
Durch verseuchten Wind und Regen waren in den Tagen nach der Katastrophe auch weite Teile Europas betroffen. In Deutschland galt das insbesondere für den Süden, wo heftige lokale Niederschläge zu einer Ablagerung von Cäsium-137 in den Böden führte. In einigen Regionen Bayerns und Baden-Württembergs sind Pilze, Wildschweine und Waldbeeren zum Teil noch immer belastet, stellen aber in der Regel keine gesundheitliche Gefahr mehr dar. Die Unglücksregion selbst bleibt innerhalb eines Radius von 30 Kilometern dauerhaft unbewohnbar.
Die wirtschaftlichen Folgekosten lassen sich kaum abschätzen. In einer breit angelegten Literaturrecherche kam eine Externer Link: Studie im Jahr 2016 auf bis dahin weltweit umgerechnet rund 650 Milliarden Euro. Für Deutschland rechnete die Externer Link: Bundesregierung mit Ausgaben von mindestens 350 Millionen Euro. Das Externer Link: Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag von Greenpeace ging sogar von über einer Milliarden Euro bis ins Jahr 2020 aus.
Verlassene Häuser im Dorf Zalissya im November 2015. Das Dorf befindet sich in der Sperrzone im Umkreis von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk Tschernobyl. Über langfristige Folgen für Tier und Umwelt im Sperrgebiet sind sich Forschende uneinig. (© picture alliance / abaca / Pauletto Francois)
Fukushima 2011 und Deutschlands Ausstieg aus der Atomkraft
25 Jahre nach Tschernobyl, am 11. März 2011, ereignete sich im japanischen Kernkraftwerk
Lebensmittel aus kontaminierten Regionen waren zum Teil schwer belastet und durften nicht mehr verzehrt werden, die küstennahen Gewässer in der Nähe des Kraftwerks wiesen eine hohe Konzentration von Jod-131- und Cäsium-137 auf. Im 250 Kilometer entfernten Tokyo wurde eine erhöhte Jod-131-Belastung des Trinkwassers gemessen. Die Dekontaminierung der verstrahlten Regionen rund um das Kraftwerk wird noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Es wird mit Folgekosten von bis zu 500 Milliarden Euro gerechnet.
Die Katastrophe von Fukushima führte in Deutschland zu einer Debatte um die Weiternutzung von Atomenergie. Mitte März 2011 setzte die schwarz-gelbe Bundesregierung die erst im Jahr zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke aus. Im Juni desselben Jahres beschloss der Deutsche Bundestag Externer Link: Gesetze zum endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie und den kontinuierlichen Ausbau der erneuerbaren Energien.
Die letzten drei Kernkraftwerke hierzulande wurden
Internationale Entwicklungen in Atomkraft
International zeigt sich zur Nutzung von Atomenergie ein gemischtes Bild. Die Externer Link: Internationale Energieagentur IEA sagte 2025 ein „Neues Zeitalter“ für Atomenergie voraus. Viele Staaten kündigten den Bau neuer Atomkraftwerke an – in Europa etwa Großbritannien oder Frankreich. Auch die USA und China planen, die Zahl ihrer Atommeiler deutlich zu steigern. Aus der Atomenergie aussteigen will Spanien, den bereits beschlossenen Ausstieg rückgängig machte dagegen Belgien.
Der
Atomkraft in der Ukraine
Trotz der Katastrophe in Tschernobyl gibt es weltweit nur wenige Länder, die
Russland hält Europas größtes Atomkraftwerk im ukrainischen Saporischschja seit 2022 besetzt. Es produziert keinen Strom, muss aber mithilfe von Strom gekühlt werden. Das AKW wurde seit Kriegsbeginn mehrfach vom Stromnetz getrennt, verfügt allerdings über eigene Dieselgeneratoren. Immer wieder kam es in der Nähe der Reaktoren zu teils heftigen Kämpfen zwischen russischen und ukrainischen Truppen.
Sowohl die Internationale Atomenergiebehörde IAEA als auch Umweltschützer warnen seit Beginn des Krieges immer wieder vor den Gefahren durch eine fehlende Stromversorgung oder einen versehentlichen Beschuss. Im August 2024 kam es im AKW Saporischschja zu Explosionen und einem Brand mit starker Rauchentwicklung. Ursache war laut IAEA ein mutmaßlicher Drohnenangriff auf einen der Kühltürme des Kraftwerks. Russland und die Ukraine gaben sich gegenseitig die Schuld an der Entstehung des Feuers.
Trotz des andauernden
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