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Von Tschornobyl nach Saporischschja | Tschernobyl | bpb.de

Tschernobyl Editorial Tschernobyl transnational. Opfer, Überlebende und Erinnerungen vierzig Jahre später Strahlende Landschaften. Das bleibende Erbe der sowjetischen Nuklearmoderne Von Tschornobyl nach Saporischschja. Nukleare Technopolitik in der Ukraine zwischen sowjetischem Erbe, Nationalisierung und Krieg Tschernobyl und die überlegene Intelligenz der Demokratie Unverfügbarkeit erzählen. Die Angstästhetik der HBO-Serie „Chernobyl“

Von Tschornobyl nach Saporischschja Nukleare Technopolitik in der Ukraine zwischen sowjetischem Erbe, Nationalisierung und Krieg

Anna Veronika Wendland

/ 15 Minuten zu lesen

Während Tschernobyl in Europa die Antiatombewegung befeuerte, hielt die Ukraine an der Kernkraft fest und baute sie sogar noch aus. Doch wie kam die Kernenergie in die Ukraine? Und wie steht es um die Kernkraftwerke unter russischer Besatzung?

Am 26. April 2026 jährt sich der Unfall im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl zum vierzigsten Mal. Der sicherlich erstaunlichste historische Befund über diese ukrainische Nationalkatastrophe ist die Tatsache, dass sie nicht zu einem Atomausstieg führte – übrigens genauso wenig wie der Unfall von Fukushima in Japan. Das ist insbesondere für Deutsche erklärungsbedürftig, die ja diese beiden Erinnerungsorte längst in ihre eigene Atomausstiegsgeschichte eingeschrieben haben. Es ist aber durchaus auch für die Ukraine erklärungsbedürftig, wenn man betrachtet, dass die Kernenergie in ihren Anfängen überhaupt nicht dazu angetan war, einmal zu einer der wichtigsten ukrainischen Industrien und, vor dem Hintergrund des Krieges, sogar zu einem Identitätsanker der ums Überleben kämpfenden ukrainischen Nation zu werden. „Es gab keine ukrainische Kernenergie, es gab eine sowjetische Kernenergie in der Ukraine“, so formulierte es der erste Leiter der Atomaufsichtsbehörde in der unabhängigen Ukraine, Nikolaj Schtejnberg.

Wie die Kernenergie in die Ukraine kam

Als die Kernenergie in die Ukraine kam, war sie ein imperiales Projekt der Sowjetunion in den Flusslandschaften der Ukraine, die auf diesem Wege zu Energielandschaften aufgerüstet wurden. Die Kernkraftwerke folgten der Wasserkraft, die bereits seit den 1930er Jahren mit den „Großbauten des Stalinismus“ die ukrainischen Naturlandschaften verändert hatte. Hydrotechnische Spezialisten spielten auch eine große Rolle beim Bau der Kernkraftwerke. Wasserkraft-Ingenieure wirkten bei Projektierung und Bau von Leistungsreaktoren mit, und sie errichteten Kühlseen, Staustufen und Einlaufbauwerke, um auch kleinere Flüsse mit stark schwankenden Wasserständen für den Betrieb großer Reaktorblöcke aufzurüsten.

Tschornobyl war vor der Ankunft der Kernenergie ein Landstädtchen an der Mündung des Usch in den Prypjat, rund einhundert Kilometer nördlich von Kyjiw. Seine jahrhundertelange Tradition als Sitz einer berühmten chassidischen Rabbinerdynastie und einer großen jüdischen Gemeinde war ein Raum des Zusammenlebens von Ukrainern, Juden und Polen, den erst die stalinistischen Terrorjahre, dann die deutschen Nazi-Besatzer ausgelöscht hatten. Das Tschornobyl der Nachkriegsjahre war eine unauffällige sowjetische Kreisstadt mit Dampferstation auf der Route von Kyjiw nach Pinsk und Standort einer bescheidenen Agrarindustrie – und ein Geheimtipp für erholungsuchende Kyjiwer Großstädter, die in der verwunschenen Auwald- und Sumpflandschaft am Prypjat zelteten, paddelten, angelten und ethnologische Expeditionen unternahmen. Sie trafen auf archaische Dörfer, wo die Menschen einen schwer verständlichen Dialekt sprachen, mangels Straßen mit dem Boot zum Markt fuhren und Waldbienen in ausgehöhlten Kiefernstämmen züchteten.

Es war das Wasser in der Sumpflandschaft Polesien, das die Aufmerksamkeit der Moskauer Energieplaner auf sich zog. Ende der 1960er Jahre litt die westliche Ukraine unter Strommangel, denn die neu aufgebaute Maschinenbau-, Elektro- und Nahrungsmittelindustrie, aber auch die Elektrifizierung der Landwirtschaft benötigten große Mengen Strom. Jeden Winter kam die ukrainische Elektrizitätswirtschaft an ihre Grenzen, weil die Wetterbedingungen die Belieferung der Kraftwerke mit Kohle aus dem Donbass gefährdeten. In dieser Situation erschien die neuartige Kernenergie wegen ihrer Rohstoffsparsamkeit und Leistungsdichte als ideale Lösung, konnte man doch mit einer Reaktorbeladung Millionen von Haushalten ein Jahr lang versorgen und den Kernbrennstoff kompakt auf dem Kraftwerksgelände lagern. Die nordwestliche Ukraine bot ideale Bedingungen für Kernkraftwerke – Wasserreichtum für die riesigen Kühlwasserbedarfe, die nötige Nähe zu den Verbrauchszentren, Bahnlinien und Hochspannungsnetzen, aber auch eine ausreichend geringe Bevölkerungsdichte. Letztere war eine Sicherheitsbedingung des sowjetischen kerntechnischen Regelwerks, die aus bitteren Erfahrungen mit Unfällen und radioaktiven Freisetzungen in der militärischen Atomindustrie der 1940er und 1950er Jahre resultierte.

Und so landete 1969 das „friedliche Atom“, wie man in der Sowjetunion die zivile Kernenergie nannte, wie ein Raumschiff der Tech-Moderne im archaischen Sumpfland von Tschornobyl. Zunächst kam ein Hubschrauber, der Parteifunktionäre und Ingenieure zum ersten Spatenstich für das Kernkraftwerk auf einer Wiese nahe des Dörfchens Kopatschi absetzte – Straßentransport war damals noch sehr mühsam, die tauglichste Verbindung zur Außenwelt war eine Eisenbahnline, die in der Nähe verlief, und die Schiffsroute nach Kyjiw.

Die Kreisstadt Tschornobyl lieh dem neuen Atomkraftwerk, das achtzehn Kilometer weiter nördlich errichtet wurde, ihren Namen, allerdings in seiner russifizierten Form: Tschernobyl. In Sichtweite des Kraftwerks wurde für seine Belegschaft eine „Atomstadt“ errichtet – atomgrad nannte man diese Siedlungen auch in Presse und Propaganda. Die neue Stadt Prypjat, die am Ufer des gleichnamigen Flusses entstand, brachte ganz neue Bau- und Lebensformen in eine Landschaft, in der es zuvor fast nur ein- bis zweistöckige Holzhäuser gegeben hatte. Nun wuchsen helle sozialistische Plattenbauten in die Höhe, ein Kulturpalast, Sportstätten, Restaurants, Buchhandlungen, Krankenhäuser, Schulen – Prypjat war die jüngste Stadt der Sowjetukraine und ein Schaufensterprojekt ihrer stolzen kommunistischen Eliten. 1977 ging der erste Block des Kernkraftwerks Tschernobyl ans Netz.

Anders als in Deutschland, wo zur selben Zeit die Bauplatzbesetzungen und Demonstrationen von Wyhl, Gorleben, Brokdorf und Grohnde Schlagzeilen machten, wurde die Kernenergie Anfang der 1970er Jahre in der Ukraine willkommen geheißen – wer sie nicht bewillkommnete oder an der Standortwahl zweifelte, was es mitunter gab, konnte seine Bedenken allenfalls in engen Expertenkreisen oder zu Hause am Küchentisch äußern. Eine Antiatombewegung gab es nicht, und wenn es sie gegeben hätte, wäre sie, wie die ungefähr zeitgleich aktive ukrainische Dissidentenbewegung, aufgelöst und mit Lagerhaft bestraft worden. Aber selbst die Dissidenten machten die Atomkraft als solche nicht zum Stein des Anstoßes – sie trieb eher um, dass die Industrialisierung auch eine Russifizierung mit sich brachte.

Die Ukraine und die sowjetische Atomwirtschaft

Doch die staatsloyalen sowjetukrainischen Intellektuellen, die Partei-, Industrie- und Wissenschaftseliten waren voller Stolz und Selbstbewusstsein über die Position der Ukraine als secunda inter pares im sowjetischen Atomstaat. Neben den Russen waren die Ukrainer die zweitwichtigste Nation in der expandierenden Atomindustrie. Ukrainer betätigten sich nicht nur im eigenen Land als nukleare Kolonisatoren, sondern auch in den nichtrussischen Sowjetrepubliken Litauen, Armenien oder Kasachstan, wo sie von den Einheimischen als „Russen“ wahrgenommen wurden. Denn auf den Anlagen, in den Nuklearforschungsinstituten, im Uranabbau und in den geheimen Kernwaffenproduktionsstätten war die Betriebssprache eine imperiale: Russisch. Das Umgangs-Ukrainisch, häufig auch der regionale Dialekt der einfachen Atomarbeiter in den Maschinenhäusern der ukrainischen Kernkraftwerke, blieb lange eine nichtoffizielle Sprache. Auch ukrainischsprachige Ingenieure, die aus dem renommierten Polytechnischen Institut in Lwiw (Lemberg) in die Kernkraftwerke kamen, wurden angewiesen, auf Schicht nicht Ukrainisch zu sprechen.

Dem riesigen militärisch-industriellen Komplex der sowjetischen Atomindustrie stand ein Ukrainer vor, Juchym (russ. Jefim) Slavskyj, der Minister für „mittleren Maschinenbau“, abgekürzt MinSredMasch, eine Codebezeichnung für Reaktorbau und Kernbrennstoffzyklus. Der Ingenieur und Abkömmling einer ostukrainischen Kosakenfamilie war das nukleare Gegenstück des sowjetukrainischen Parteichefs und Nationalkommunisten der 1960er Jahre, Petro Schelest, der eine Ingenieurskarriere als Werksdirektor in der Rüstungs- und Luftfahrtindustrie gemacht hatte und die Kernenergie in die Ukraine holte. Beide wären im Traum nicht auf die Idee gekommen, eine Eigenständigkeit der Ukraine zu verlangen: Sie waren sowjetukrainische Patrioten. Slavskyj sorgte dafür, dass eine der kasachischen Atomstädte den Namen des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko erhielt, der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Nähe in der Verbannung gesessen hatte. Für Slavskyj wie für Schelest konnte es eine starke Ukraine nur im Verbund mit Russland in einer starken Sowjetunion geben. Das Verhältnis der Ukrainer zur Kerntechnik war also ambivalent: Wenn sie sich als gute Sowjetbürger gaben, standen ihnen alle Wege offen – wenn sie die kulturelle Hierarchie infrage stellten, der zufolge die Russen die herrschende Kulturnation und alle anderen nur Nationalitäten seien, gab es Schwierigkeiten.

Sowjetukrainische atomgrady

Die Selbstdarstellung der sowjetukrainischen Kernenergie war die einer naturkompatiblen Alternative zu den ökologischen Verwüstungen in den ukrainischen Schwerindustriegebieten. Die erste populärwissenschaftliche Publikation über das Kernkraftwerk (KKW) Tschernobyl präsentierte die Anlage als Techno-Idyll in einer unberührten Naturlandschaft, in der akademisch gebildete, weiß gekleidete Spezialisten ihren Dienst taten.

Das entsprach zwar nicht den sozialen Realitäten der Atomstädte, wo es ein deutliches soziales Gefälle gab: hier die Tausenden von Bauarbeitern und Handwerkern, die jahrelang in Bauwagen, Baracken und Wohnheimen leben mussten, dort die Atomspezialisten, die bevorzugt mit Wohnraum versorgt wurden. Doch insgesamt schätzten sich alle Bewohner des ukrainischen atomgrad glücklich, in einer privilegierten Stadt zu leben, ob in Prypjat oder in Kusnezowsk (seit 2015 Warasch) beim Kernkraftwerk Riwne, in Netischyn beim KKW Chmelnyzkyj, in Piwdennoukrainsk beim gleichnamigen KKW, oder in Enerhodar beim KKW Saporischschja, das zum größten Kernkraftwerk Europas ausgebaut wurde. Die „Energetiker“ waren stolz, in Hightech-Anlagen zu arbeiten und ihr Land mit Strom zu versorgen. Von diesem Stolz – und vom Alltag des Lebens mit dem Atom – künden viele private Fotoarchive. Zur selben Zeit wie die Kernkraftwerke kam nämlich auch die Kleinbildkamera in die sowjetische Gesellschaft, und viele Techniker und Ingenieure waren auch begeisterte Hobbyfotografen, die ihre Kollegen, ihre Schicht, ihr Kraftwerk und ihre Stadt aufnahmen und ihre je eigenen Kolonistengeschichten erzählten. Die Erinnerungsalben aus Prypjat wurden nach dem Unfall auf Erinnerungswebseiten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht – in den anderen ukrainischen Atomstädten, die bis heute wie Prypjat leben, zieren sie die Stadtmuseen und Informationszentren.

Unfallerfahrung und Unfallbewältigung

Im Inneren der Kernkraftwerke herrschte, wie in der gesamten sowjetischen Atomwirtschaft, ein Regime strengen Gehorsams, das Selbstkritik und Fehlerdiskussionen verunmöglichte oder zumindest sehr erschwerte. Es war der Entscheidung des einzelnen Vorgesetzten überlassen, wie viel „questioning attitude“ zugelassen wurde und ob ein Fehler eine Diskussion und Verbesserung oder einen Vertuschungsversuch zur Folge hatte. Das war eine der systemischen Randbedingungen für die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986. Ein Funktionstest an den elektrischen Anlagen des vierten, neuesten Blocks im Kraftwerk Tschernobyl brachte durch eine unglückliche Verkettung von Umständen die Anlage außer Kontrolle.

Eine nukleare Leistungsexkursion zerstörte das Reaktorgebäude, und das hochradioaktive Inventar des Reaktorkerns verteilte sich mit den Luftströmungen einer frühsommerlichen Südostwetterlage über ganz Europa. Damit wurde der Unfall zur transnationalen Katastrophe, die weit weg vom Unfallort politische Verwerfungen und kerntechnische Reformbemühungen auslöste.

Über 50 Menschen starben in den ersten Tagen und Wochen nach dem Unfall qualvoll an akuter Strahlenkrankheit. Die meisten waren Mitarbeiter des Kraftwerks, Ersthelfer sowie Feuerwehrleute, die durch selbstlosen Einsatz vermutlich weit Schlimmeres zu verhüten halfen. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet als Spätfolge mit rund 4.000 vorzeitigen Todesfällen durch Krebserkrankungen. Ein Gebiet von 2.600 Quadratkilometern im Nordwesten des Verwaltungsbezirks Kyjiw, das zusammen mit ausgedehnten Gebieten im südlichen Belarus und westlichen Russland am stärksten vom radioaktiven Fallout betroffen war, wurde zwischen April 1986 und 1995 evakuiert, insgesamt 170.000 Menschen verloren für immer ihr Zuhause und fast alles, was sie besessen hatten. Der volkswirtschaftliche Gesamtschaden des Unfalls wird auf rund 170 Milliarden Euro geschätzt.

An der „Liquidierung“, der Beseitigung des Unfalls, waren rund 600.000 Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion beteiligt – die letzte große gemeinsame Anstrengung der Sowjetunion vor ihrer Auflösung fünf Jahre später. Das erinnerte viele Menschen an den Kampf gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, und die symbolische Sprache der Unfallbewältigung wurde in den ersten Jahren nach Tschernobyl bewusst an die Kriegserfahrung angelehnt. Doch zunächst griff die sowjetische Führung – der Reformrhetorik des neuen Parteichefs Michail Gorbatschow Hohn sprechend – auf alte Verhaltensmuster zurück. Schuldige wurden gesucht und gefunden, um das System der sowjetischen Atomwirtschaft nicht infrage stellen zu müssen. Eine Reihe von Sündenböcken aus der Kraftwerksleitung und der Betriebsmannschaft von Tschernobyl wurden in einem Schauprozess zu harten Gefängnisstrafen verurteilt. Die Version vom „menschlichen Versagen“ und Fehlern der Betriebsleitung wurde auch der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) auf ihrem Kongress im Sommer 1986 präsentiert.

Erst vier Jahre später, kurz vor dem Ende der Sowjetunion, legte eine neu berufene Untersuchungskommission einen Bericht vor, der die systemischen Unfallursachen benannte. Der grafitmoderierte Druckröhren-Siedewasserreaktor RBMK (Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny), eine sowjetische Eigenentwicklung, die bis dahin ein hohes Prestige als sowjetischer „Nationalreaktor“ besessen hatte, war konstruktiv fehlerhaft ausgelegt. Die Betriebsmannschaften am Ende der Befehlslinien waren jedoch systematisch vom Informationsfluss über diese Mängel ausgeschlossen worden. Gleichzeitig sorgte mangelnde Automatisierung des Reaktorschutzes im RBMK dafür, dass die Anlagenfahrer Eingriffe ins System hatten vornehmen können, die die Randbedingungen für den späteren Unfallverlauf herstellten. Auch kam nun heraus, dass seit 1975 schwere Störfälle mit Brennelementschäden aufgrund der physikalischen Instabilitäten in RBMK-Anlagen belegt waren, und dass Messreihen bei der Inbetriebsetzung von RBMK-Anlagen die unfallträchtigen neutronenphysikalischen Eigenarten des Reaktors offengelegt hatten. Diese Befunde, aber auch die anfängliche Verheimlichung des Unfallausmaßes, zerstörten das Vertrauen der Sowjetbürger in Staat und Atomexperten. Gleichwohl wurde Tschernobyl zur ersten öffentlichen Katastrophe der sowjetischen Geschichte, von der sogar Bilder gezeigt wurden, wenn auch zensierte.

In der Ukraine löste Tschernobyl eine ganze Reihe von Prozessen aus, die das Ende der Sowjetunion zwar nicht auslösten, aber zumindest katalysierten. Es wurde offen von den systemischen Mängeln der kommunistischen Diktatur gesprochen – und die eingeübte kulturelle, politische und ökonomische Hierarchie wurde infrage gestellt. Nun gab es unangenehme Fragen nach der Kernenergie als imperialem Oktroi und nach dem Moskauer Zentralismus als Erstursache des Unfalls. Gleichzeitig organisierten Menschen sich zu sozialen Protesten und thematisierten die mangelhafte Versorgung mit Wohnraum, Lebensmitteln und medizinischer Betreuung in den radioaktiv belasteten Gebieten. Ambivalenzen wie die recht erfolgreiche Einwurzelung der sowjetischen Atomanlagen in der ukrainischen Provinz und die breite Beteiligung von Ukrainern an der sowjetischen Nukleargeschichte wurden nun ausgeblendet. Das neue ökonationale Narrativ stilisierte die Ukrainer vor allem als Opfer der Moskauer Technokraten, die Kernkraftwerke wurden als Russifizierungsagentur und Fremdkörper im eigenen Land dargestellt. Der Tschernobyl-Unfall war in dieser Lesart der Sargnagel für die Sowjetunion und der Ansatzpunkt für die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung.

Von der imperialen zur verflochtenen nationalen Technologie

Kaum war die Ukraine unabhängig, entdeckten die ukrainischen Eliten die Kernenergie neu. Nun, unter den Bedingungen einer massiven Versorgungskrise, schien sie ein unabhängigkeitsstiftendes Potenzial zu bieten. Ein 1990 noch im Geiste des Ökonationalismus verhängtes AKW-Baumoratorium wurde 1993 vom ukrainischen Parlament aufgehoben. Erst im Jahr 2.000 wurde das Kernkraftwerk Tschernobyl, dessen verbliebene Blöcke seit Ende 1986 sukzessive wieder ans Netz genommen worden waren, endgültig stillgelegt. Ersetzt wurden diese Kapazitäten durch die Vollendung von liegengebliebenen Atombaustellen: in Saporischschja, Riwne und Chmelnyzkyj gingen neue Reaktorblöcke in Betrieb, das Hochspannungsnetz wurde ausgebaut, die Atomaufsicht nach US-Vorbild reorganisiert, Kooperationsbeziehungen mit westlichen Gutachterorganisationen und Lieferanten aufgebaut. Auf den Anlagen hielt die ukrainische Amtssprache Einzug.

Doch blieb die ukrainische Atomwirtschaft bis zur Annexion der Krim 2014 noch stark mit Russland verflochten. Die ukrainische Kernkraftwerksbetreiberin Enerhoatom orderte Brennelemente von TVEL, einer Tochterfirma des staatseigenen russischen Atomkonzerns Rosatom, transportierte abgebrannten Kernbrennstoff zur Wiederaufbereitung nach Russland und hatte Kooperationsbeziehungen mit russischen Forschungsinstituten. Auch umgekehrt funktionierte die Verflechtung: Die ukrainische Reaktorstahl-Schmiede Enerhomaschspetsstal war ein Tochterunternehmen der russischen Holding Atomenergomasch und fertigte Komponenten für die russischen Kernkraftwerksprojekte. In der Moskauer Filiale der WANO, des Weltverbandes der Kernkraftwerksbetreiber, arbeiteten russische und ukrainische Ingenieure gemeinsam bei der Betreuung von Peer Reviews in Kernkraftwerken sowjetischer Bauart.

Vor der russischen Totalinvasion hatte die Ukraine einen Atomstromanteil von rund 50 Prozent an der Gesamtstromproduktion, und noch in der ersten Kriegswoche wurde das ukrainische Stromnetz mit dem europäischen Verbundnetz ENTSO-E synchronisiert – ein wichtiger technischer und symbolischer Schritt der Ukraine in Richtung der Europäischen Union (EU). Ukrainische Politiker und Wirtschaftsführer träumen heute von Stromexporten in die EU und von einer blühenden Energiewirtschaft mit Kernkraftwerken und erneuerbaren Energien, die endgültig die Gasverflechtung mit und die Abhängigkeit von Russland beenden würde. Diese Träume hat der russische Angriffskrieg, der vor allem auf die Zerstörung der ukrainischen Energiewirtschaft abzielt, einstweilen zunichte gemacht.

In dieser allmählichen Transformation der Kernenergie von der imperialen zur international verflochtenen Nationaltechnologie hat sich auch die Bedeutung von Tschornobyl-Tschernobyl als Erinnerungsort verändert. Er rückte aus der Erinnerung der Mitlebenden allmählich in den Status eines fernen historischen Ereignisses und ritualisierten nationalen Gedenktages. Zahlreiche Denkmäler und ein zentrales Museum in Kyjiw erinnern heute in der Ukraine an die nationale Katastrophe. Die Atomindustrie ist an dieser Erinnerungskultur nicht beteiligt – es ist die Zivilgesellschaft, manchmal auch Stadtverwaltungen, die in die Gedenkstätten investieren, und es sind Tschernobyl-Veteranen, die sich im Museum in Kyjiw engagieren. Die Stadtmuseen der Atomstädte, die gleichzeitig als Informationszentren der Kernkraftwerke dienen, sparen die bittere Erfahrung von Tschernobyl aus, obwohl zahlreiche Beschäftigte der ukrainischen Schwesteranlagen dort als „Liquidatoren“ Dienst getan hatten. Gleichzeitig entwickelte sich seit den 2010er Jahren ein florierender dark tourism rund um die Sperrzone von Tschernobyl. Mit „Chernobyl Tours“ und anderen Dienstleistern konnte man Erkundungsfahrten nach Prypjat unternehmen und das Kraftwerk besichtigen; sogar spezielle Touristenkarten von der „Zone“ gibt es inzwischen. Tschernobyl erfuhr als Erinnerungsort also eine neue Form von Inwertsetzung, aber auch eine Normalisierung.

Kernenergie im Krieg

Mit der russischen Vollinvasion im Februar 2022 wurde ein ganz neues und nicht weniger dramatisches und ambivalentes Kapitel in der ukrainischen Atomgeschichte aufgeschlagen. Als in den ersten Kriegstagen das stillgelegte KKW Tschernobyl und die laufende Anlage Saporischschja angegriffen und besetzt wurden, war das ein Novum in der Weltgeschichte. Gleichzeitig gab der Krieg Anlass zu höchster Besorgnis über Reaktorunfälle als Folge von Kriegshandlungen. Die ukrainischen Kernkraftwerke wurden zu Geiseln in der Angstkommunikation des hybriden Krieges: Während Moskau mit seinen Atomdrohungen auch auf die Ängste westlicher Länder setzte, um eine Entsolidarisierung mit der Ukraine zu erreichen, kämpfte Kyjiw mit überzeichneten Katastrophenszenarien um die Unterstützung der Weltöffentlichkeit.

Auch für die Beschäftigten in der Atomindustrie stellte der russische Angriff eine enorme physische und psychische Belastung dar. Schockiert nahmen die ukrainischen Kernkraftwerker zur Kenntnis, dass Kollegen, mit denen sie studiert oder im selben Kraftwerk ihre Lehrjahre verbracht hatten, den Krieg, auch den Angriff auf Kernkraftwerke, offen billigten und sich sogar an ihm beteiligten, indem sie etwa als Angestellte von Rosatom das von Russland besetzte KKW Saporischschja übernahmen. Nun wurden alle Beziehungen gekappt; die Versorgung mit Brennelementen hatten die Ukrainer in weiser Vorausschau bereits seit den 2010er Jahren schrittweise auf den US-Hersteller Westinghouse umgestellt. Doch auch von innen kamen die Schockwellen: Im Mittelpunkt des jüngsten Korruptionsskandals in der ukrainischen Regierung stand das Energieministerium, dessen Leitung sich mit überteuerten Aufträgen des Staatskonzerns Enerhoatom bereichert hatte.

Das besetzte und seit September 2022 abgeschaltete Kernkraftwerk Saporischschja wurde nicht weniger als zehnmal von seiner Netzanbindung abgeschnitten und musste tagelang, in einem Falle sogar über mehrere Wochen, im Notstrombetrieb verharren. Die sicherheitswichtigen Verbraucher der Nachkühlsysteme wurden solange von Dieselaggregaten versorgt. Das ist eine anormale Betriebsweise, die eigentlich nur für wenige Stunden Netzausfall vorgesehen ist. Nach allen vorliegenden Informationen haben die sechs Reaktoren, die nach mehreren Jahren Stillstand allerdings nur noch geringe Mengen von Nachzerfallswärme abführen müssen, diese Herausforderungen stabil überstanden. Doch wurde Saporischschja auch zum Symbol für die Leiden und Gefahren, denen die ukrainische Bevölkerung unter russischer Besatzung ausgesetzt ist: Zwangsrussifizierung, Aussperrung von Mitarbeitenden, die keine russischen Arbeitsverträge unterschreiben wollten, Verschwindenlassen und Folter gegen Mitglieder der Belegschaft finden im ganzen Land großen Widerhall.

Auch die laufenden ukrainischen Anlagen Riwne, Chmelnyzkyj und Piwdennoukrajinsk erlitten aufgrund gezielten Beschusses ihrer Großschaltanlagen bereits alle erdenklichen Betriebsfälle, von Reaktorschnellabschaltung und Notstromfall über Lastabwurf auf Eigenbedarf bis hin zum erzwungenen Teillastbetrieb. Immer wieder müssen Reparaturtrupps ausgesandt werden, um die zerschossenen Umspannwerke und Leitungen instand zu setzen, häufig unter Lebensgefahr. Im Eiswinter 2025/26 wuchsen die ukrainischen Kernkraftwerke in einen allseits respektierten Status als Stütze der ukrainischen Energiewirtschaft hinein, nachdem fossile und Wasserkraftkapazitäten in erheblichem Ausmaß infolge von Kriegseinwirkungen den Betrieb einstellen mussten. Heute genießt die Energiewirtschaft, insbesondere die nukleare, in der Ukraine einen ähnlichen Heldenstatus wie die Verteidigungsarmee und die Eisenbahn. Sie wird als Infrastruktur wahrgenommen, die das Land am Laufen hält und für Zusammenhalt sorgt. Das wird sich voraussichtlich auch positiv auf das Image der ukrainischen Kernenergie im sehnlich erhofften Frieden auswirken.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Zit. nach Tatiana Kasperski, Nuclear Dreams and Realities in Contemporary Russia and Ukraine, in: History and Technology 1/2015, S. 55–80, hier S. 58.

  2. Vgl. Per Högselius/Achim Klüppelberg, The Soviet Nuclear Archipelago. A Historical Geography of Atomic-Powered Communism, Budapest 2024, S. 50–56.

  3. Zur Landschaft von Tschornobyl, das Polissja (Polesien), siehe Svetlana Boltovska, Local Identities in Ukrainian Polesia and Their Transformation Under the (Post-)Soviet Nuclear Economy, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 3/2019, S. 445–477.

  4. Vgl. Anna Veronika Wendland, Nuclearizing Ukraine – Ukrainizing the Atom. Soviet Nuclear Technopolitics, Crisis, and Resilience at the Imperial Periphery, in: Cahiers du Monde Russe 2–3/2019, S. 335–367.

  5. Vgl. ebd.; dies., Tschernobyl – Tschornobyl: Ein ukrainischer Erinnerungsort mit globaler Bedeutung, 26.4.2021, Externer Link: https://ukraineverstehen.de/wendland-tschernobyl-tschornobyl.

  6. Vgl. I.D. Morochov/A.K. Grigorjanc/V.P. Brjuchanov (Hrsg.), Černobyl’skaja AĖS s reaktorom RBMK-1000. Pervaja na Ukraine, Otraslevoj vystavočnoj centr, special’nyj ėksperimental’nyj chudožestvenno-konstruktorskij otdel, Kyjiw 1978.

  7. Vgl. Anna Veronika Wendland, Inventing the Atomograd. Nuclear Urbanism as a Way of Life in Eastern Europe, 1970–2011, in: Thomas Bohn et al. (Hrsg.), The Impact of Disaster. Social and Cultural Approaches to Fukushima and Chernobyl, Berlin 2015, S. 261–287.

  8. Vgl. IAEA, INSAG-7: The Chernobyl Accident, Updating of INSAG-1. A Report by the International Nuclear Safety Advisory Group, Wien 1992.

  9. Vgl. Anna Veronika Wendland, Tschernobyl: (K)eine Visuelle Geschichte. Nukleare Bilderwelten in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten, in: Melanie Arndt (Hrsg.), Politik und Gesellschaft nach Tschernobyl, Berlin 2016, S. 182–210.

  10. Vgl. Jane I. Dawson, Eco-Nationalism. Anti-Nuclear Activism and National Identity in Russia, Lithuania, and Ukraine, Durham 1996.

  11. Vgl. Ukraine’s EMSS Audited as Supplier to Finnish NPP, 12.4.2026, Externer Link: https://www.neimagazine.com/news/ukraines-emss-audited-as-supplier-to-finnish-npp-4862334.

  12. Vgl. Anna Veronika Wendland, Ukrainian Memory Spaces and Nuclear Technology. The Musealization of Chornobyl’s Disaster, in: Technology and Culture 4/2020, S. 1162–1177.

  13. Siehe etwa Sebastian Marciak, Prypeć: Czarnobyl-2: plan miasta/Pripyat: Chernobyl-2: City Map 1:4.000, Warschau 2018.

  14. Vgl. Luke Harding, Ukraine’s Energy Sector Corruption Crisis – What We Know So Far and Who Was Involved, 19.11.2025, Externer Link: https://www.theguardian.com/world/2025/nov/19/ukraine-energy-sector-corruption-crisis.

  15. Vgl. Anna Veronika Wendland, Das Kernkraftwerk Zaporižžja. Kriegsschauplatz und Testfall der Reaktorsicherheit, in: Osteuropa 10–11/2023, S. 125–161.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Anna Veronika Wendland für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Osteuropahistorikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg und widmet sich insbesondere der Technik- und Umweltgeschichte mit Fokus auf Atomenergie.