Erstmals seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und nach drei Jahren Krieg in Gaza wählt Israel ein neues Parlament. Die bisherige rechte Regierung könnte laut Umfragen ihre Mehrheit verlieren. Die Wahl findet in einer Zeit statt, in der Israel international zunehmend isoliert wird.
Wer regiert bislang?
Seit Ende Dezember 2022 wird Israel von einem Bündnis unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu regiert. Der am weitesten rechts stehenden Regierungskoalition in Israels Geschichte gehören neben dem national-konservativen Likud von Netanjahu auch mehrere streng religiöse sowie extrem rechte Kräfte an. Die Amtszeit wurde vor dem 7. Oktober 2023 von Massenprotesten gegen einen geplanten Umbau des Justizsystems begleitet. Hunderttausende gingen monatelang auf die Straße. Sie
Zuvor hatte eineinhalb Jahre lang ein breites Bündnis aus acht Parteien regiert, die sowohl der politischen Mitte als auch dem rechten und linken Spektrum zuzuordnen sind. Dem Bündnis gehörte erstmals eine arabische Partei als Koalitionspartner an. Ministerpräsident war im ersten Jahr Naftali Bennett, im Anschluss Jair Lapid. Die Koalition zerbrach jedoch im Juni 2022 an Konflikten über religiöse Vorschriften, Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern und einem Gesetz zum Schutz der Siedler im besetzten Westjordanland.
Mit der Wahl im Oktober 2026 geht erstmals seit beinahe vier Jahrzehnten eine Legislaturperiode in Israel ohne vorzeitige Neuwahlen zu Ende. Dennoch nahm die Polarisierung der israelischen Gesellschaft in der vergangenen Legislaturperiode weiter zu.
Israel nach dem 7. Oktober 2023
In die jüngste Amtszeit Netanjahus fiel der
Trotz des im Oktober 2025 unterzeichneten Waffenstillstands dauern die Kämpfe in Teilen bis heute an. Dabei wurden über 70.000 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet, darunter laut Angaben der israelischen Armee mehr als 20.000 Kämpfer der Hamas. Die Angaben des israelischen Militärs lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Die israelische Armee zerstörte weite Teile der Infrastruktur, ein großer Teil der Region befindet sich noch unter ihrer Kontrolle.
Die in der Regierung in Jerusalem vertretenen Parteien lehnen eine Zweistaatenlösung ab oder sehen diese zumindest äußerst kritisch. Unter Netanjahu wurde der Ausbau israelischer Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten deutlich vorangetrieben.
Ende Februar dieses Jahres griffen Israel und die USA Iran an und lösten damit einen Krieg aus, der die Region erheblich destabilisierte.
Zersplittertes Parteiensystem
Israels Parteiensystem ist zersplittert und durch eine große Parteienvielfalt gekennzeichnet. Oft gehören Regierungsbündnisse mehr als drei Parteien an und die Mehrheiten fallen sehr knapp aus, sodass auch Kleinstparteien mitunter großen Einfluss auf die politische Willensbildung haben. Bei der Wahl zur letzten Knesset zogen insgesamt zehn Parteien und Listenvereinigungen in das Parlament ein.
Wie wird gewählt?
Israel ist eine
Bei der
Wahlberechtigt sind alle israelischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mit der Vollendung des 18. Lebensjahres. Das passive Wahlrecht dürfen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger im Alter von mindestens 21 Jahren ausüben. Eine Option zur Briefwahl gibt es in Israel nicht.
Das waren die Wahlkampfthemen
Zentrale Wahlkampfthemen waren die Außen- und die Sicherheitspolitik. Die Opposition wirft der Regierung vor, dass ihr bei den Militärschlägen gegen Iran und Libanon sowie bei der Besetzung von Teilen des Gaza-Streifens eine langfristige Strategie fehle. Netanjahu inszeniert dagegen sich und seine Politik als Garant für die Sicherheit und Stärke Israels. Auch ein mögliches Versagen der Regierung Netanjahu im Zusammenhang mit dem Hamas-Überfall im Oktober 2023 wird diskutiert.
Ein zentrales Wahlkampfthema war zudem eine mögliche Wehrpflicht für Ultraorthodoxe. Generell beträgt die Wehrpflicht in Israel für Männer 32 Monate, doch viele streng religiöse Männer verweigern den Dienst an der Waffe. Vor allem die säkulare Opposition verspricht, dies zu ändern. Der Oberste Gerichtshof urteilte 2024, die bestehende Ausnahme für streng Religiöse sei rechtswidrig. Allerdings hat die Regierung Netanjahu die Entscheidung auf Druck der ultraorthodoxen Koalitionspartner bis heute nicht vollständig umgesetzt. Ein Gesetz, das ultraorthodoxe Wehrdienstverweigerer vor einer Strafverfolgung schützt, erklärte das Gericht zuletzt für ungültig.
Die Opposition versuchte in ihren Kampagnen, besonders die Korruptionsermittlungen gegen Netanjahu zu einem wichtigen Thema ihres Wahlkampfs zu machen. Netanjahus wichtigster Herausforderer Gadi Eisenkot inszeniert sich mit seiner Partei Jaschar („Geradeaus“, „Ehrlich“) als rechtschaffenen Gegenentwurf zum amtierenden Ministerpräsidenten.
Zudem spielen im Wahlkampf die
Für Schlagzeilen sorgten auch mehrere teils menschenverachtende Wahlkampfvideos des extrem rechten Innenministers Itamar Ben-Gvir. Wirtschafts- und sozialpolitische Themen spielten im Vergleich zur Sicherheitspolitik eine untergeordnete Rolle.
Wer tritt zur Wahl an?
Bei der Wahl 2026 treten Externer Link: 38 Parteien und Listenvereinigungen an. Realistische Chancen auf einen Einzug ins Parlament haben bis zu 13 von ihnen. Das stark nationalistisch ausgerichtete und in Teilen ultraorthodoxe Regierungslager Netanjahus tritt gegen ein tendenziell säkular-liberales, teils gemäßigt nationalistisches Oppositionslager an. Zudem gibt es mehrere Parteien, die keinem Block angehören.
Aktuelle Regierungskoalition
Likud
Stärkste Kraft in der Knesset ist derzeit der nationalkonservative Likud (Zusammenschluss). Spitzenkandidat ist erneut Benjamin Netanjahu. Kein israelischer Premierminister war so lange Ministerpräsident wie er. Der 77-Jährige hatte das Amt bereits von 1996 bis 1999 sowie erneut von 2009 bis 2021 inne. Unter Netanjahu rückte der Likud weiter nach rechts und setzt sich etwa für einen verstärkten Bau neuer Siedlungen im besetzten Westjordanland ein. Im Zusammenhang mit dem Hamas-Überfall sieht er sich Vorwürfen ausgesetzt, dass seine Sicherheitspolitik versagt habe. Zudem wird Kritik geübt, er würde seine persönlichen Interessen über jene des Landes stellen. Umfragen zufolge könnte der Likud mehr als ein Drittel seiner zuletzt 32 Sitze in der Knesset verlieren.
Der religiöse Zionismus
Teil des Regierungsbündnisses ist auch die extrem rechte Partei HaTzionut HaDatit („Der Religiöse Zionismus“). Die Partei von Finanzminister Bezalel Smotrich vertritt rechts-religiöse Positionen und steht für einen Ausbau der Externer Link: völkerrechtswidrigen Siedlungspolitik im Westjordanland, zu dessen Annexion sie offen aufruft. Umfragen sagen der Partei sechs bis acht Sitze voraus.
Jüdische Stärke
Spitzenkandidat der extrem rechten Partei Otzma Jehudit („Jüdische Stärke“) ist Israels Minister für nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir. Vertreter der Partei fallen immer wieder durch extremistische Äußerungen auf. Sie brachten etwa den Abwurf einer Atombombe auf den Gazastreifen ins Spiel und befürworten die Interner Link: Vollstreckung der Todesstrafe, die für Palästinenser gelten kann, die Israelis aus terroristischen Gründen getötet haben sollen. Beide Parteien können auch dank ihrer Popularität bei den Siedlern im besetzten Westjordanland erneut mit dem Einzug ins Parlament rechnen. In Umfragen liegt die Partei bei sieben bis acht Sitzen.
Sephardische Tora-Wächter und Vereinigtes Thora-Judentum
Ebenfalls der konservativen Regierungskoalition gehören zwei Gruppierungen an, die sich als Stimme des ultraorthodoxen Judentums sehen: Die Partei Schas („Sephardische Tora-Wächter“) vertritt insbesondere die Interessen der sephardischen Juden. Ihre Vorfahren stammen größtenteils aus Westasien, Nordafrika und der iberischen Halbinsel. Jahadut HaTorah HaMeukhedet („Vereinigtes Thora-Judentum“) wiederum ist die Sammelbewegung das aschkenasisch-ultraorthodoxen Milieus. Ihre Vorfahren stammen mehrheitlich aus Europa. Beide Parteien lehnen eine Wehrpflicht für Ultraorthodoxe strikt ab und stehen für eine strenge Auslegung des Judentums im öffentlichen Leben. Beide Parteien können jüngsten Umfragen zufolge mit jeweils sieben bis acht Mandaten rechnen.
Opposition
Jaschar
In der laufenden Legislaturperiode hat sich die israelische Parteienlandschaft stark verändert – vor allem innerhalb des Oppositionslagers gab es Neugründungen. In Umfragen lag zuletzt die erst im September 2025 vom populären Ex-Stabschef der israelischen Armee, Gadi Eisenkot, gegründete Partei Jaschar („Ehrlich“) vorne. Sie gilt als politisch rechts und verspricht eine umfassende Aufklärung der Versäumnisse der Sicherheitsbehörden am 7. Oktober. Eisenkot lehnt einen eigenständigen palästinensischen Staat und damit die Zweistaatenlösung ab. Jüdische Siedlungen im Westjordanland befürwortet er grundsätzlich, allerdings nur, wenn sie von der israelischen Regierung genehmigt wurden. Die Partei ist vor allem auf die Person von Eisenkot ausgerichtet und kann laut Umfragen mit mindestens 20 Sitzen rechnen.
Zusammen
Die beiden früheren Ministerpräsidenten Yair Lapid und Naftali Bennett gehen nun mit einer gemeinsamen Liste namens Bejahad („Zusammen“) ins Rennen. Der nationalkonservative Benett ist Spitzenkandidat des Bündnisses. Der bisherige Oppositionsführer und in der politischen Mitte verortete Lapid gilt als Externer Link: zentristisch. Beide Partner eint nicht zuletzt der Wille, eine Mehrheit gegen Netanjahu zu schmieden. Bejahad fordert eine Wehrpflicht für Ultraorthodoxe. Umfragen sagen der Liste elf bis 15 Sitze voraus.
Die Demokraten
HaDemokratim („Die Demokraten“) ist unter den
Israel Beitenu
Ebenfalls im Oppositionsblock ist die Mitte-Rechts-Partei Israel Beitenu („Unser Zuhause Israel“). Sie ist strikt säkular und im rechts-nationalistischen politischen Lager verortet. Viele ihrer Anhänger stammen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Die Partei kann laut Umfragen mit bis zu neun Sitzen rechnen.
Vereinigte Arabische Liste Ra‘am
Eine besondere Rolle im Parteiensystem kommt den Parteien der palästinensischen Minderheit zu. Gut zwei Millionen und damit rund ein Fünftel der israelischen Staatsbürger sind arabischer Abstammung. Jahrzehntelang gehörten die Parteien keiner israelischen Regierung an. Die moderate und stark realpolitisch ausgerichtete Vereinigte Arabische Liste Ra'am von Mansour Abbas hatte sich 2021 erstmals an der Regierungskoalition von Bennett und Lapid beteiligt und dieser zur Mehrheit verholfen. Für die Vereinigte Arabische Liste treten neben arabischstämmigen auch jüdische Israelis an. Die Liste verspricht etwa, organisierte Kriminalität und Gewalt in palästinensischen Gemeinden zu bekämpfen, auch ihre Beschäftigung und Teilhabe soll gefördert werden. Sie kann Umfragen zufolge mit bis zu sechs Sitzen rechnen.
Gemeinsame Liste
Zudem dürfte die gemeinsame Liste aus den Parteien Chadasch, Taal und Balad in die Knesset einziehen. Das Bündnis eint unterschiedliche arabische und linksgerichtete Strömungen. Balad lehnt Israel als ausschließlich jüdischen Nationalstaat ab. Alle drei Parteien setzen sich für die Gleichberechtigung der arabischen Israelis und für eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ein. Umfragen sagen der Liste bis zu neun Sitze voraus.
Andere Parteien
Die wirtschaftsfreundliche Partei HaMiluimnikim („Die Reservisten“) von Yoaz Hendel ordnet sich dem Mitte-Rechts-Lager zu, lehnt jedoch eine Koalition mit ultraorthodoxen und arabischen Gruppierungen ab. Ebenso wie die zum Netanjahu-Lager tendierende rechtsnationalistische Partei Amcha Israel („Dein Volk Israel“) muss die Reservistenpartei um den Einzug in die Knesset bangen.
So könnte es nach der Wahl weitergehen
Laut fast allen Umfragen dürfte das Regierungslager um Netanjahu seine Mehrheit verlieren. Doch selbst, wenn sich die Reservistenpartei für eine mögliche Regierung unter einem Premierminister Eisenkot aussprechen würde, hätte dessen Lager wohl keine eigene Mehrheit.
Zuletzt wurde daher darüber spekuliert, dass die größeren arabischen Parteien oder zumindest die Vereinigte Arabische Liste Ra'am mit ihren Stimmen einem der beiden Lager zur Regierungsmehrheit verhelfen könnten. Zwar schlossen der Likud sowie seine rechtsgerichteten Verbündeten ebenso wie Teile der Opposition eine Zusammenarbeit mit der Vereinigten Arabischen Liste aus. Als mögliche Option wird allerdings eine von Ra’am unterstützte Minderheitsregierung aus den Demokraten, Israel Beitenu, Bejahad und Jaschar mit dessen Vorsitzenden Eisenkot als Premierminister diskutiert.
Eine Zusammenarbeit zwischen ultraorthodoxen Parteien und Oppositionsparteien scheitert nach Ansicht von Experten an der Frage der Integration von Ultraorthodoxen in die Streitkräfte. Als Option sehen manche Beobachter deshalb auch eine Regierung aus dem Likud, Jaschar, Bejahad und Israel Beiteinu, die nicht von Netanjahu geführt wird, aber auch keine linken, arabischen oder ultraorthodoxen Parteien einbezieht. Bislang hat sich Netanjahu zu einem Rückzug im Fall einer Niederlage nicht geäußert. Klar scheint: Sollte kein Lager eine Mehrheit erringen, dürften sich Koalitionsverhandlungen wohl langwierig gestalten, auch baldige Neuwahlen sind möglich.