Die arabische Minderheit in Israel ist mit einer beispiellosen Krise tödlicher Gewalt konfrontiert. Trotz des arabischen Bevölkerungsanteils von rund einem Fünftel stellt diese Gruppe etwa 80 Prozent aller Mordopfer dar. Dieses Phänomen ist keine bloße Statistik. Es stellt eine nationale Krise dar, die Jahr für Jahr weiter um sich greift. Im Jahr 2025 wurden 225 arabische Bürgerinnen und Bürger Opfer tödlicher Gewalt. Die Mordrate in der arabischen Gemeinschaft in Israel lag bei 11,9 pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, während sie in der jüdischen Gemeinschaft 0,6 betrug. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, getötet zu werden, für israelische Araberinnen und Araber 20-mal höher als für jüdische Bürgerinnen und Bürger
Die relative Häufigkeit tödlicher Gewaltverbrechen ist einer der wichtigsten Indikatoren für das Ausmaß der Gewalt in der arabischen Gesellschaft, wenngleich nicht der einzige. In Israel wurden Tausende Fälle von Schusswaffeneinsatz und Schussverletzungen verzeichnet, mehr als 90 Prozent davon in der arabischen Gesellschaft. Diese Entwicklung spiegelt ein eskalierendes gesellschaftliches Problem von Gewaltkriminalität wider, das sich hauptsächlich auf die arabische Gemeinschaft in Israel konzentriert. Die Krise wird durch ein fundamentales Versagen der Strafverfolgungsbehörden verschärft. Im Jahr 2023 wurden weniger als 20 Prozent der Tötungsdelikte aufgeklärt, bei denen die Opfer Araberinnen oder Araber waren. In der jüdischen Bevölkerung lag die Aufklärungsquote bei etwa 70 Prozent. Diese große Diskrepanz bei den Aufklärungsquoten untergräbt das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Strafverfolgungsbehörden und fördert einen Kreislauf von Vergeltungsakten
Als Reaktion darauf wurde 2021 das Projekt „Stop the Bleeding“ (hebräisch „Latzor et ha-dimum“, arabisch „Waqf an-nazif“) ins Leben gerufen. Nach einem Hackathon an der Hebräischen Universität entwickelte sich das Projekt zu einer behördenübergreifenden Initiative, die im Externer Link: Regierungsbeschluss 549 verankert wurde. Anfang 2023 wurde es teilweise in sieben von besonders gravierender Gewalt geplagten Kommunen umgesetzt. Das Ziel war es, eine Brücke von der akademischen Theorie zur Praxis vor Ort zu schlagen.
Der vorliegende Beitrag untersucht ausgewählte Faktoren, die zu steigenden Mordzahlen in der arabischen Gemeinschaft geführt haben. Ferner wird ein umfassender und integrativer, auf „Stop the Bleeding“ beruhender Ansatz zur Bekämpfung schwerer Kriminalität in arabischen Städten und Ortschaften präsentiert.
Arabische Bevölkerung in Israel: soziale und kriminologische Aspekte
Die israelisch-arabischen Bürgerinnen und Bürger innerhalb der „Grünen Linie“ – der Demarkationslinie, die Israel vom Westjordanland und dem Gazastreifen trennt – machen etwa 21 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes von rund 10 Millionen Menschen aus. Sie sind eine einheimische Minderheit und Teil der palästinensischen Nation. Seit über 100 Jahren befindet sich das palästinensische Volk in einem gewalttätigen und andauernden nationalen Konflikt mit der jüdischen Nationalbewegung und in jüngerer Zeit mit dem Staat Israel. Bei seiner Gründung unmittelbar vor dem Krieg von 1948 gewährte Israel der innerhalb seiner Grenzen lebenden arabischen Minderheit die volle formelle Staatsbürgerschaft. Allerdings sehen sich arabische Bürgerinnen und Bürger in Israel im Allgemeinen als eine palästinensische nationale Minderheit mit einer eigenständigen kollektiven, kulturellen und historischen Identität innerhalb des israelischen Staates. Demgegenüber betrachten Teile der jüdischen Mehrheit die arabische Identität oft unter dem Gesichtspunkt der Landessicherheit. Das gilt insbesondere in Zeiten regionaler Konflikte und führt zur Verdächtigung einer „doppelten Loyalität“
Der Großteil der israelisch-arabischen Bevölkerung lebt in drei geografischen Regionen: in Galiläa im Norden, im sogenannten Dreieck nordöstlich des Großraums Tel Aviv und im Negev im Süden. Diese Regionen bilden die Peripherie der israelischen Gesellschaft und liegen zugleich nah der Landesgrenzen. Zwar gibt es dort eine urbane Mittelklasse, allerdings lebt ein großer Teil der arabischen Bevölkerung in ländlich geprägten Städten und Dörfern, in denen traditionelle gesellschaftliche Strukturen nach wie vor eine wichtige Rolle spielen.
Etwa 90 Prozent der israelischen Araberinnen und Araber leben in kleinen, überwiegend arabischen Kommunen. Nur acht Städte sind ethnisch gemischt, und selbst diese weisen eine starke Wohnsegregation auf
Zudem bestehen erhebliche kulturelle Unterschiede zwischen der arabischen und der jüdischen Bevölkerung. Erstere ist Teil der mediterranen islamisch-arabischen Kultur, während letztere eher westlich orientiert ist. Diese Unterschiede spiegeln sich in verschiedenen kulturellen Merkmalen wider. Dazu gehören Familienstrukturen, Wohnformen, Interaktionen innerhalb der Großfamilie (der „Hamula“), die Rolle des Clans als informeller Mechanismus sozialer Kontrolle, Geschlechterbeziehungen, Freizeitaktivitäten, Konsumverhalten. Die arabische Gesellschaft ist traditionell strukturiert, sie hat keine umfassende Urbanisierung durchlaufen. Ein beträchtlicher Teil der arabischen Bevölkerung lebt weiterhin in Dörfern. Informelle Strukturen der sozialen Kontrolle innerhalb der Gemeinschaft sind bis zu einem gewissen Grad erhalten geblieben, obwohl kulturelle und wirtschaftliche Veränderungen der vergangenen Jahre die traditionelle Ordnung infrage stellen.
Dennoch durchläuft die arabische Gemeinschaft in Israel tiefgreifende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen. So stieg das durchschnittliche Arbeitseinkommen in der arabischen Bevölkerung zwischen 2012 und 2022 jährlich um 4 Prozent
Veränderungen der wirtschaftlichen Ungleichheit und der Kriminalität korrelieren im arabischen Sektor anders als im jüdischen. Das hat die jüngste Forschung gezeigt. Zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit in arabischen Kommunen ging mit einer Zunahme der Gewaltkriminalität einher. Dagegen war sie in jüdischen Kommunen mit einem Rückgang verbunden
Die zweite Erklärung ist kultureller Natur. Der Großteil der Fachliteratur zum Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Kriminalität konzentriert sich auf westliche Gesellschaften. Die Auswirkungen wirtschaftlicher Ungleichheit auf die Kriminalität in nicht westlichen Ländern werden hingegen weitgehend vernachlässigt
Die ungenügende Polizeiarbeit in arabischen Kommunen und das Misstrauen gegenüber der Strafjustiz erschweren die Bekämpfung der zunehmenden Gewaltkriminalität. Eine überproportionale Beteiligung von Minderheiten an schwerer Gewaltkriminalität unter Einsatz von Schusswaffen ist nicht auf die arabische Minderheit in Israel beschränkt. Aktuelle Studien weisen bei tödlicher Schusswaffengewalt in den USA auf eine deutliche Überrepräsentation der schwarzen Minderheit hin (Kegler et al., 2023; Piquero, 2024
Das „Stop the Bleeding“-Projekt: vom Hackathon zum Regierungsbeschluss
Das von akademischen Experten initiierte Projekt begann im Juli 2020. Bei einem Workshop hatten sechs interdisziplinäre Teams die Aufgabe, Kriminalitätsschwerpunkte in ausgewählten Ortschaften zu identifizieren. Die Teams bestanden aus Vertretern der Polizei, der Staatsanwaltschaft und des Ministerpräsidentenamts, lokalen Führungspersönlichkeiten sowie Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftlern und Fachleuten aus dem Sozialbereich.
Die erste Aufgabe der Arbeitsgruppen bestand darin, die schwere Gewaltkriminalität in den jeweiligen Gemeinden systematisch zu untersuchen. Dabei sollten der „harte Kern“ der lokalen Verbrechensszene, aber auch Personen, die in schwere Kriminalität abzurutschen drohten, identifiziert werden. Außerdem sollten Kriminalitätsschwerpunkte, Zeiten erhöhter Gewaltkriminalität sowie spezifische lokale Kriminalitätsphänomene benannt werden.
Anschließend mussten die Teams für jedes der in der Analysephase identifizierten Probleme maßgeschneiderte Lösungen entwickeln. Dies galt sowohl auf individueller Ebene – etwa durch Maßnahmen zur Abschreckung potenzieller Straftäter – als auch auf Gemeindeebene, beispielsweise durch Programme zur Stärkung gesellschaftlicher Resilienz der Kommunen, kommunale Interventionsgruppen und Gesprächsforen. Bei der Planung dieser „gezielten Interventionswelle“ mussten sich die Teams auf die oben genannten, wissenschaftlich als wirksam belegten Instrumente und Methoden stützen, darunter gezielte Abschreckung, Polizeiarbeit an Kriminalitätsschwerpunkten und kommunale Interventionsgruppen.
Den Teams stand ein von der Forschungsgruppe erstelltes Handbuch zur Verfügung, das das Verständnis und die Umsetzung dieser Strategien erleichtern sollte. Zum Abschluss der Aufgabe musste jedes Team einen strukturierten Arbeitsplan vorlegen. Dieser umfasste alle genannten Elemente – Analyse und praktische Lösungsansätze – und wurde anschließend dem Lenkungsausschuss des Projekts zur Genehmigung vorgelegt.
Dieser basisnahe und konzeptionell fundierte Reformansatz fand schließlich Eingang in den Regierungsbeschluss 549. In den jüngsten Jahren wird das Projekt von einem Lenkungsausschuss aus hochrangigen Beamten geleitet. Der Ausschuss arbeitet am Abbau bürokratischer Hürden. Ein wichtiger Partner, JDC-Ashalim, stellte das praktische Know-how für die Umsetzung der komplexen Programme in sieben Pilotgemeinden bereit. JDC-Ashalim ist eine gemeinnützige Organisation, die in Zusammenarbeit mit der Regierung Sozialprogramme für benachteiligte Gemeinschaften entwickelt und umsetzt. Nach dem Amtsantritt der neuen Regierung Ende 2022 wurde die Beteiligung der Organisation an dem Projekt jedoch eingestellt. In der wissenschaftlichen Debatte zur Kriminalitätsprävention wird betont, dass herkömmliche Polizeiarbeit zur Eindämmung anhaltender schwerer Gewalt bis hin zu Tötungsdelikten oft nicht ausreicht. Fachleute aus Wissenschaft, Praxis und politischen Entscheidungsgremien setzen daher auf vier Säulen: proaktive Polizeiarbeit, integriertes Vorgehen, institutionelle Verankerung sowie Analyse und Bewertung.
Proaktive Polizeiarbeit
Proaktive Polizeiarbeit stellt einen Paradigmenwechsel gegenüber traditionellen „reaktiven“ Modellen dar. Anstatt erst nach einer Straftat tätig zu werden und zu ermitteln, zielen proaktive Strategien darauf ab, die Ursachen sowie die Bedingungen, die Kriminalität begünstigen, zu identifizieren und zu bekämpfen. Eine der wichtigsten proaktiven Strategien, die im Rahmen von „Stop the Bleeding“ zum Einsatz kam, war gezielte Abschreckung.
Personenorientierte Polizeiarbeit: gezielte Abschreckung und Diversion
So wie sich Kriminalität auf bestimmte Orte konzentriert, konzentriert sie sich auch auf bestimmte Personen. Oft ist eine kleine Zahl von Hochrisikotätern für den Großteil der tödlichen Vorfälle verantwortlich.
Gezielte Abschreckung: Diese Strategie umfasst direkte Kommunikation mit Hochrisikotätern. Ihnen wird erklärt, dass der Staat auf Straftaten mit aller Härte des Gesetzes reagieren werde, zugleich aber auch präventiv Hilfe und Unterstützung anbiete, wenn die Betroffenen den Kreislauf der Gewalt stoppen
. Im Rahmen des Programms „Stop the Bleeding“ identifizierten Polizei und Staatsanwaltschaft Hochrisikotäter. Sie ergriffen gezielte Abschreckungsmaßnahmen, um diese Personen künftig von der Teilnahme an Gewaltverbrechen abzuhalten. Programme zur Vermeidung eines Strafverfahrens: Aufgrund der Erkenntnis, dass der Justizvollzug oft eine „Schule der Kriminalität“ ist, bieten Diversionsprogramme Rehabilitationsmaßnahmen wie kognitive Verhaltenstherapie an, um ein Abrutschen in dauerhafte Kriminalität zu verhindern
. Im Rahmen des Projekts „Stop the Bleeding“ setzten Polizei und Staatsanwaltschaft bei Straftätern häufig auf Rehabilitationsmaßnahmen statt regulärer Strafverfahren.
Bürgernahe Polizeiarbeit
Diese Strategie nutzt das soziale Potenzial der Bevölkerung. Durch ein engeres Verhältnis zwischen Bevölkerung und Polizei wird die Bevölkerung zum Partner bei der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung
Im Rahmen des Projekts „Stop the Bleeding“ wurden Mittel bereitgestellt, um die Arbeit auf kommunaler Ebene weiterzuentwickeln. Damit sollte der Bevölkerung ein größerer Einfluss bei der Bekämpfung schwerer Gewaltkriminalität verschafft werden.
Es fanden Treffen zwischen Polizistinnen und Polizisten, Vertreterinnen und Vertretern der Ortsbevölkerung, lokalen Sicherheitsinitiativen sowie Elternorganisationen statt. Darüber hinaus erhielten Aktivistinnen und Aktivisten aus der Bevölkerung in einigen Orten Schulungen sowie Instrumente und Fähigkeiten zu Techniken der Konfliktlösung.
Der integrative Ansatz: ressortübergreifend denken
Tödliche Gewalt ist selten ein isoliertes Problem. Sie ist eng mit Armut, maroder Infrastruktur, Bildungslücken und anderen sozialen Benachteiligungen verflochten. Daher ist eine eindimensionale Reaktion der Polizei zum Scheitern verurteilt.
Das Projekt „Stop the Bleeding“ verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der Kriminalität auf mehreren Ebenen bekämpft: durch Strafverfolgung, Prävention, Rehabilitationsmaßnahmen sowie eine starke Einbindung der Bevölkerung. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Nationale Sicherheit, dem Justizministerium, dem Bildungsministerium sowie den lokalen Kommunen und der Zivilgesellschaft.
Eine große Herausforderung für diese Zusammenarbeit ist die hohe personelle Fluktuation in öffentlichen Ämtern. Um dem entgegenzuwirken, setzt das Projekt auf eine Theorie des Wandels. Dabei wird festgelegt, wie verschiedene Maßnahmen aller Beteiligten zur Verringerung der Kriminalität beitragen können.
Institutionelle Verankerung und Bewertung
Damit kooperative und integrative Projekte wie „Stop the Bleeding“ dauerhaft erfolgreich sein können, müssen sie über den Status eines „Pilotprojekts“ hinausgehen und institutionell verankert werden. Die Grundsätze proaktiver und integrativer Polizeiarbeit müssen zu einem festen Bestandteil der spzalen Arbeit der Polizeiausgaben werden.
Darüber hinaus ist eine Evaluierung geplant. Dabei soll überprüft werden, ob die bisher ergriffenen Maßnahmen zu einem Rückgang der schweren Gewaltkriminalität geführt haben.
Fazit und Ausblick
Die Gewaltkrise im arabischen Sektor beruht auf verschiedenen Faktoren. Sie ist ein Problem, das eine behördenübergreifende Lösung erfordert. Das Projekt „Stop the Bleeding“ signalisiert den Wandel zu einer evidenzbasierten Polizeiarbeit, bei der Entscheidungen auf Grundlage von Daten getroffen werden – anstatt aus Intuition.
Die Verbindung proaktiver Polizeiarbeit – des Aufbaus von Vertrauen zwischen Bevölkerung und Polizei – mit wissenschaftlicher Evaluierung stellt einen Hoffnungsschimmer dar. Der Erfolg dieses Modells hängt jedoch von langfristiger Unterstützung durch die Regierung, stabiler staatlicher Finanzierung und der Fähigkeit ab, Vertrauen zwischen der arabischen Minderheit und den Strafverfolgungsbehörden aufzubauen. Nur bei dauerhaftem und integrativem Handeln besteht eine realistische Chance, die Gewalt einzudämmen und die Sicherheit in den Straßen israelisch-arabischer Gemeinden wiederherzustellen.
Aus dem Englischen von Wladimir Struminski