Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Björn Nölte am 10.04.2017

Meinung: Lernen in der digitalen Gesellschaft

Im öffentlichen Diskurs gehen die Meinungen über den Einsatz digitaler Medien in Bildungskontexten stark auseinander. Auf werkstatt.bpb.de stellen wir Pro- und Contra-Perspektiven auf das Thema gegenüber: Björn Nölte, Lehrer, Dozent und Seminarleiter für angehende Lehrende, plädiert in seinem Gastbeitrag für den Einsatz digitaler Instrumente in der Schule.

Digitales Lernen - ProDer Einsatz digitaler Medien in der Bildung wird ambivalent eingeschätzt. Eine Position: Digitale Medien haben viel Potenzial für den Unterricht. (HOerwin56 / Pixabay / bearbeitet / Lizenz CC0)

Es ist ein großer Fehler, die heutige Schülerschaft pauschal als "digital natives" zu verstehen. Keineswegs sind Jugendliche allein durch das Aufwachsen in der Umgebung von Smartphones und Computern automatisch digital kompetent. Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem intuitiven Bedienen von Apps oder der Kommunikation über WhatsApp und dem verantwortungsvollen Verhalten im Internet hinsichtlich Recherche, Kommunikation, dem Umgang mit der eigenen digitalen Identität oder Kollaboration. Der Schule und anderen Bildungsinstitutionen kommt nun die große Aufgabe zu, diese Kluft zu schließen. Im Zentrum der unterrichtlichen Bemühungen steht der selbständige, mündige Schüler, der sich seiner Kompetenzen, seines Lernweges und seiner Lernpotentiale bewusst ist. Unter dieser Prämisse ist die Integration digitaler Wege des Lernens sinnvoll. Der Anspruch der Lehrkraft sollte es dabei sein, aus der Rolle als Vermittler und "Bescheidwisser" herauszutreten. Auch Lehrende müssen Lernende sein und offen für neue Wege – auch, wenn es erst einmal Umwege zu sein scheinen. Die Schulleitungen können entscheidend dazu beitragen, ein Schulklima zu erzeugen, das von Innovationsbereitschaft und Offenheit gekennzeichnet ist.

Im Zentrum aller Überlegungen zum Einsatz digitaler Medien in der Schule sollte das Lernen stehen. Es sind nicht digitale oder analoge Medien an sich, die die Qualität des Unterrichts bestimmen, sondern die reflektierte Planung des gut ausgebildeten Lehrenden, der immer Medienentscheidungen in Abstimmung zu Inhalten, Zielen, Methoden und Voraussetzungen trifft. Schlechter Unterricht wird durch digitale Medien nicht automatisch besser, aber guter Unterricht kann durch einen gezielten Einsatz noch besser werden.

Digitale Medien und heterogene Lerngruppen

So kann zum Beispiel der Heterogenität der Schülerschaft und den Anforderungen an individuelle Förderung mit digitalen Hilfsmitteln und Werkzeugen gut begegnet werden. Ein beispielhaftes Instrument für solche Bemühungen ist das Tool goformative.com. Es handelt sich hierbei um ein kommerzielles Tool, das in der Basisausstattung jedoch kostenlos ist und ohne Registrierung benutzt werden kann. Im Zusammenhang mit einer Registrierung als "Klasse" sollte die Möglichkeit genutzt werden, mit den Lernenden Fragen des Datenschutzes zu erörtern. So habe ich es mit einer Lerngruppe im Deutschunterricht gemacht. Das Tool ermöglicht einen Lernprozess, bei dem die Schülerinnen und Schüler in eigenem Tempo an Aufgaben arbeiten und von der Lehrkraft individuelle Rückmeldungen unmittelbar auf ihren Bildschirm erhalten. In Deutsch können die Lernenden beispielsweise einen erzählenden Text am Bildschirm analysieren. Die Fortschritte der einzelnen Lernenden sehe ich dabei live an meinem Bildschirm und kann durch kleine Hinweise darauf reagieren, um so direkt im Lernprozess zu unterstützen. Das Feedback ist meiner Erfahrung nach hierbei ein großer Lernverstärker, außerdem bieten sich mir als Lehrkraft gegenüber der üblichen Arbeit im Klassenzimmer bessere Beobachtungs- und Diagnosemöglichkeiten: Ich nehme alle Schülerinnen und Schüler wahr und nicht nur die, die sich im Unterrichtsgespräch dominant in Szene setzen. Auch die Zusammenarbeit innerhalb der Klassengemeinschaft kann hier zielgerichtet initiiert werden, etwa indem ich Lernende mit den gleichen Schwierigkeiten zu einem schnellen Klassenmitglied schicke, das diese Aufgabe bereits gelöst hat.

Werden analoge Unterrichtsformen durch digitale ergänzt, kann der Heterogenität außerdem dadurch Rechnung getragen werden, dass bei gleichen Zielen und Kriterien der Bewertung unterschiedliche Wege der Erarbeitung beschritten werden können: Eine Mindmap kann zum Beispiel analog oder digital erstellt werden, komplexe Schülerprodukte können unterschiedlich realisiert werden und durch digitale Instrumente können den Lernenden erweiterte Möglichkeiten der Zusammenarbeit ermöglicht werden, etwa über webbasierte Editoren zur kollaborativen Bearbeitung von Texten, sogenannte Etherpads. Automatisierte Rückmeldesysteme wie etwa bei dem genannten Tool goformative.com führen dazu, dass die Lehrkraft mehr Zeit hat, sich individuell der Unterstützung und Beratung einzelner Schüler zu widmen.

Beispiele aus der Praxis: Deutsch und Geschichte

Ich selbst gebe meinen Klassen oft Entscheidungsmöglichkeiten. In Deutsch kann eine Aufgabe etwa darin bestehen, gemeinsam einen Text zu verfassen, bei dem man sich von anderen Schülerinnen und Schülern im Schreibprozess Rückmeldungen nach bestimmten Kriterien einholt und diese mit einarbeitet. Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler meiner aktuellen Lerngruppe der Klasse 11, wollte gerne mit Stift und Papier arbeiten, zwei Drittel benutzen GoogleDocs an stationären PCs sowie an eigenen Tablets und Smartphones. Alle Wege waren erlaubt und führten zu guten Ergebnissen. In unserer abschließenden Reflexion wurde jedoch deutlich, dass es in den digital arbeitenden Teams leichter war, Textüberarbeitungen durchzuführen, Rückmeldungen zu geben und diese zu lesen, sowie zu Hause, also orts- und zeitunabhängig, an dem gemeinsamen Dokument weiterzuarbeiten.

Auch aus meinem Geschichtsunterricht lässt sich ein positives Beispiel für den Einsatz digitaler Medien anführen: Die Schülerinnen und Schüler sollten das Thema Korea-Krieg bearbeiten und sich für eine digitale oder analoge Methode der Umsetzung entscheiden. Natürlich lässt sich zur Darstellung des Korea-Kriegs auch ein Plakat entwerfen. Digitale Präsentationstools bringen allerdings einige didaktische Vorteile mit sich – sie wollen jedoch auch sinnvoll ausgewählt sein: Die Darstellung lässt sich für alle über eine einfache Internetadresse überall und jederzeit zugänglich machen. Neben Texten lassen sich auch animierte Grafiken, Videos und Audiodateien integrieren, was die Darstellung nicht nur anschaulicher, sondern auch inhaltlich anspruchsvoller macht. Unabhängig von der analogen oder digitalen Form der Darstellung schließen sich historische Fragestellungen im Bereich der Urteilsbildung an. Die Entscheidungsmöglichkeit führt zu Begründungszwängen, die die Schülerinnen und Schüler zu einer Reflexion des eigenen Lernwegs führen. Mit einer vorgegebenen Präsentationsform würde dieser Schritt entfallen.

Mit digitalen Medien Lernmotivation steigern

Großer Beliebtheit und steigender Verbreitung erfreuen sich in der Schule Quiz-Tools. Natürlich wäre es fatal, wenn sich der Unterricht darauf beschränken würde, nur Quizze zu spielen. Aber als Möglichkeit der Wiederholung oder spielerischen Sicherung von Lerninhalten können solche Ansätze die Lernenden motivieren. Hier ist die technische Form ein entscheidender Punkt. Didaktisch noch sinnvoller wird es, wenn die Lernenden selbst Quizze für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler gestalten.

Motivationssteigernd ist vor allem die Anlehnung an Elemente der medialen Lebenswelt der Lernenden. So erleichtert etwa die Verwendung von Bildsymbolen auf Arbeitsblättern bei regelmäßiger Anwendung das Aufgabenverständnis. Auch der Einsatz von Video-Tutorials kann sich lernförderlich auswirken, sei es über die Produktion eigener Videos oder im Konzept des sogenannten Flipped Classroom. Hier wird die übliche Abfolge von Instruktion im Klassenzimmer und Anwendung beziehungsweise Übung als Hausaufgabe getauscht, also "geflippt". Als Vorbereitung auf die Hausaufgabe findet die Instruktion vorab per Video-Tutorial statt, sodass die Lernenden zu Hause in individuellem Tempo für gesicherte Grundkenntnisse sorgen können, während im darauffolgenden Klassenunterricht mehr Zeit für individuelle Anwendung und Übung bleibt.

Die Digitalisierung eröffnet auch Lehrkräften mehr Möglichkeiten des Austauschs und der Kooperation. Außerdem kann ich mich als Lehrkraft in einem steigenden Angebot frei verfügbarer Unterrichtsmaterialien beziehungsweise -settings bedienen. Für das Fach Geschichte istsegu-geschichte.de ein herausragendes Beispiel von freien digitalen Lehr- und Lernmaterialien (OER – Open Educational Resources), die sich kostenfrei und einfach an den eigenen Unterricht anpassbar einsetzen lassen. Oftmals behindern noch infrastrukturelle Voraussetzungen, dass die neuen Möglichkeiten ausgeschöpft werden können. BYOD ("Bring your own device"), also die Verwendung privater Endgeräte der Schülerinnen und Schüler im Unterricht, ist dabei ein durchaus vielversprechender Ansatz. Erste Praxiserfahrungen meinerseits mit diesem Ansatz sind jedoch zwiespältig und ich habe festgestellt, dass eine plattformunabhängige Vorgehensweise (iOS, Android, Windows etc.) die Gelingensbedingung für das Prinzip BYOD ist. Die Initiativen, die eine Kombination von Schulgeräten und privaten Geräten vorsehen, haben in der Praxis die besten Erfahrungen beschrieben. Der Ansatz zwingt dazu, sich aktiv mit der Frage des Datenschutzes auseinanderzusetzen. Als Idee zur sicheren Datenverarbeitung wird derzeit etwa die sogenannte Schul-Cloud entwickelt. Die Herausforderung besteht hier in der Kombination von sicherem Datenverkehr teils privater Endgeräte und der Integration produktiver Apps, die ein kommerzielles Interesse vertreten.

Auswirkungen auf die Lehrendenausbildung und Ausblick

Als Lehrer, Fach- und Hauptseminarleiter, Uni-Dozent und Schulleitungsmitglied konnte ich vielfältige Erfahrungen im Umgang aller Beteiligten mit digitalen Medien sammeln. Überall ist die Haltung der Beteiligten der entscheidende Schlüssel für Innovation. In der Ausbildung neuer Lehrkräfte geht es vor allem darum, eine offene und gleichzeitig kritische Haltung zu digitaler Bildung auszustrahlen und Formen digitalen Unterrichtens zu ermöglichen. Ganz konkret ließe sich etwa die Seminarorganisation durch den cloudbasierten Austausch verbessern. So könnten beispielsweise schriftliche Unterrichtsentwürfe im pdf-Format von der Seminarleitung vor der Durchführung digital kommentiert und mit Audio-Kommentaren versehen werden oder Lehramtskandidaten digitale Entwicklungsportfolios einsetzen. Meine bisherigen Erfahrungen mit solchen digitalen Strategien sind sehr gut. Abgesehen von wenigen Leuchtturm-Initiativen, die meist auf das Engagement einzelner Lehrender zurückgehen und weniger systematisch implementiert sind, besteht hier jedoch noch ein enormer digitaler Aufholbedarf.

Die Grenzen digitaler Strukturen und Zusammenarbeit sehe ich darin, dass der persönliche Kontakt von Seminarleitung und Auszubildenden, sowie die Ausbildung in Lerngruppen nicht durch automatisierte Verfahren ersetzt werden können: Die Beziehungsqualität bildet hier eine fundamentale Grundlage. Sowohl in der Schule wie auch in der Lehramtsausbildung sollte die kritische Reflexion nicht isoliert, sondern in direktem Zusammenhang mit dem genannten Einsatz erfolgen, um digitale Bildung im Sinne von Medienbewusstsein zu fördern. In diesem Sinne ist es für mich notwendig, sich der digitalen Bildung zu öffnen, zumal die Vorteile für den Lernerfolg der Lernenden eindeutig überwiegen.

Gegenposition - Der beste Start ins digitale Zeitalter findet ohne Computer statt


Digitale Didaktik - ContraDer Einsatz digitaler Medien in der Bildung wird ambivalent eingeschätzt. Eine Position: An klassischen Modellen sollte festgehalten werden. (congerdesign / Pixabay / bearbeitet / Lizenz CC0)

Prof. Dr. Gerald Lembke plädiert für einen Verzicht digitaler Medien im Schulunterricht bis zum 12. Lebensjahr und liefert eine kritische Perspektive zum Thema Digitales Lernen.

Zum Contra-Beitrag


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