Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Redaktion | Peter Schuller am 22.09.2017

OER von Unternehmen

Wenn Wirtschaftsunternehmen und Stiftungen (kosten-)freie Bildungsmaterialien anbieten, mag das auf den ersten Blick ungewöhnlich sein. Immerhin lassen sich mit solchen Open Educational Resources (OER), die frei kopiert, verändert und wiederveröffentlicht werden können, keine Erlöse erzielen. Worauf sollten insbesondere Lehrende achten, die mit solchen OER-Materialien im Bildungskontext arbeiten?

OER von UnternehmenMit OER von Unternehmen umgehen: Worauf sollten Lehrende achten? ( opensourceway / bearbeitet / flickr / Lizenz CC BY-SA 2.0 )

"Seite 23 im Buch, los geht’s!" Egal ob klassisches Schulbuch oder vorgefertigtes Arbeitsblatt – beides gehört zum Standardmaterial im Schulunterricht. Doch was tun, wenn Lehrerinnen und Lehrer bei der Unterrichtsvorbereitung feststellen, dass der im Buch abgebildete Bundespräsident schon längst nicht mehr im Amt ist? Oder wenn laut Arbeitsblatt noch immer nur Frauen und Männer heiraten dürfen? Kurz: Wenn das Material hoffnungslos veraltet ist?

Freie Bildungsmaterialien und Privatwirtschaft – ein Widerspruch?

Steht das Lehrwerk oder das Arbeitsblatt – egal ob in gedruckter oder digitaler Form – unter einer CC-BY-Lizenz, die die Weiternutzung und Veränderung des Materials erlaubt, können Lehrende loslegen: Ein gemeinfreies Porträt aus dem Netz liefert den neuen Bundespräsidenten, ein selbst geschriebener Infokasten ergänzt die gleichgeschlechtliche Ehe auf dem Arbeitsblatt – und schon sind die Materialien auf dem neuesten Stand. Im besten Falle stellt der Lehrende das so bearbeitete Material anschließend ins Netz, damit auch andere Lehrende und Lernende darauf zugreifen können.

Der Fundus an solchen OER-Materialien ist groß. Zwar gibt es noch sehr wenige OER-Schulbücher, doch bieten etwa mit dem ZUM-Wiki, der bpb oder den Projekten Edutags, schulbuch-o-mat.de und Elixier sowie mit den Datenbanken diverser Landesbildungsserver bereits einige Plattformen OER-Materialien an [1]. Mit der Siemens Stiftung, die eine OER-Datenbank für MINT-Themen bereitstellt, oder serlo.org, einem Verein, der unter anderem von Google und SAP mitfinanziert wird, engagieren sich auch privat finanzierte Anbieter im OER-Bereich.

Warum setzen Unternehmen auf OER?

Mit dem Prinzip OER, also der kontinuierlichen Weiterentwicklung und Bereitstellung von Arbeitsmaterialien durch Lehrende, ist eine direkte wirtschaftliche Verwertbarkeit erstmal nicht verbunden. Denn wenn Materialien im Netz frei zur Verfügung stehen, kann das klassische Einnahmemodell über den Verkauf von Kopien und Büchern nicht mehr funktionieren [2]. So verwundert es nicht, dass etwa die Interessenvertretung der Schulbuchverlage kritisch gegenüber OER eingestellt ist und die Verlage auf geschlossene Plattformen – und damit auf das gegenteilige Prinzip von OER – setzen [3].

Welchen Nutzen und Mehrwert sehen also Wirtschaftsunternehmen und privat finanzierte Stiftungen darin, die OER-Material zu produzieren und zu veröffentlichen? Spannend ist diese Frage nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die bei OER übliche Weiterverwertung und -bearbeitung von Texten, Bildern oder Videos deutlich höhere Lizenzierungskosten nach sich ziehen kann und die Produktion von OER-Materialien damit deutlich teurer macht.

Die Jugendzeitung yaez ging dieser Frage 2015 in einem Forschungspapier zum OER-Engagement von Unternehmen auf den Grund. Deutlich wird dabei, dass die positiven Effekte mittelbarer Natur sind: Demnach könne ein Unternehmen durch ein solches "Education Marketing" sein Image verbessern, indem es sich im Bildungsbereich engagiert – sowohl in der breiten Öffentlichkeit als auch unter Schülerinnen und Schülern. Diese könnten so auch für die Branche interessiert werden und das jeweilige Unternehmen könne sich als "offen, dialogfreudig und modern" [4] präsentieren. Insbesondere Unternehmen wie Google, SAP oder die Siemens-Stiftung reklamieren zudem für sich, durch die Verbreitung von OER den Bildungsgrad von Menschen weltweit anzuheben.

Schließt die Bereitstellung von OER darüber hinaus auch beispielsweise die Entwicklung von Software ein, können die Investitionen dank des kollaborativen Prinzips von OER für das Unternehmen auch spürbar geringer sein als bei Eigenentwicklungen, wie Till Kreutzer auf irights.info betont [5]. Denn je stärker die Netzgemeinde an der Entwicklung eines OER-Projektes beteiligt ist, desto weniger Ressourcen muss das Unternehmen einsetzen.

Eine Frage der Qualität

Was aus Unternehmenssicht vorteilhaft erscheint, muss jedoch immer im Kontext Schule und ihren Bildungszielen kritisch hinterfragt werden. So kam etwa eine Studie der Verbraucherzentrale Bundesverband 2014 zu dem Ergebnis, dass Unterrichtsmaterialien der Wirtschaft gegenüber jenen der öffentlichen Hand, von Nichtregierungsorganisation (NRO) und Verlagen deutlich abfallen. Das dabei untersuchte Material, das nicht nur OER beinhaltete, wurde vor allem hinsichtlich Objektivität und Überparteilichkeit kritisiert. OER von Unternehmen bieten zwar Lehrenden auch die Chance, einseitige Passagen, die etwa auch versteckte Werbung enthalten, bei Bedarf zu verändern, wie die Studie von yaez betont [6]. Für Lehrende ist es jedoch angesichts mangelnder Zeitressourcen problematisch, Unterrichtsmaterial auf seine Überparteilichkeit und Werbefreiheit prüfen zu müssen – Qualitätsmerkmale, auf die sie sich bei Materialien, die von unabhängigen Dritten geprüft sind, in der Regel verlassen können. Zudem legen viele Unternehmen den Fokus auf den MINT-Bereich, was nicht dazu führen darf, dass sozialwissenschaftliche Themen aufgrund fehlender aktueller OER-Materialien ins Hintertreffen geraten.

Praxistipps für die Nutzung von OER von Unternehmen

Was bedeutet das Engagement von Unternehmen also für Lehrende? werkstatt.bpb.de hat einige Tipps zusammengestellt, die bei der Verwendung von entsprechenden freien und offenen Bildungsmaterialien helfen können:


Für die Suche nach geeigneten OER:
  • Verfügt die OER-Datenbank über einsehbare Prüfstandards vor der Freigabe von Dokumenten (vgl. etwa das Portal Elixier des Deutschen Bildungsservers). Oder gibt es Bewertungen von Nutzenden des Materials? Denn die Grundannahme ist ein kollaborativer Ansatz, bei dem die Prüfung und Korrektur, ähnlich wie bei Wikipedia, durch die Netzcommunity erfolgt.
  • Ist das Material evtl. kommentiert, bewertet oder empfohlen worden?

Für die Arbeit mit geeigneten OER:
  • Ist das Material mit einer eindeutig einem Rechteinhaber zuordenbaren Lizenzangabe gekennzeichnet?
  • Hat das Material ein Impressum und einen Ansprechpartner?
  • Sind Bezüge zu den Lehrplänen gegeben?
  • Ist es frei von (Suggestiv- oder versteckter) Werbung? Sind beispielsweise auffällig viele Logos von bestimmten Unternehmen platziert?


Fußnoten

1.
Eine ausführliche Übersicht findet sich hier auf S. 47: http://l3t.eu/oer/images/band10.pdf
2.
https://irights.info/artikel/oer-urheberrecht-finanzierung-qualitaetssicherung/23916
3.
http://l3t.eu/oer/images/band10.pdf S. 38
4.
https://www.yaez.com/wp-content/uploads/2016/02/Whitepaper_OER_YAEZ_20160215.pdf s. 5
5.
https://irights.info/artikel/oer-urheberrecht-finanzierung-qualitaetssicherung/23916
6.
https://www.yaez.com/wp-content/uploads/2016/02/Whitepaper_OER_YAEZ_20160215.pdf S. 5

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