Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


Vorurteilsbewusste Bildung von Anfang an

Ein offener und anerkennender Umgang mit unterschiedlichen Lebensformen will gelernt sein. Zur frühen Förderung von Vielfalt gibt es eine Reihe von Angeboten für Eltern und Lehrende.

Kinderhände mit bunten BlätternDie Thematisierung und Förderung von Vielfalt ist bereits ab einem jungen Alter sinnvoll. ( Markus Spiske / bearbeitet / Unsplash / Lizenz: Unsplash Licence )

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Kurz & knapp:

  • Die stereotype Darstellung etwa von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Religion bildet die heutige heterogene Gesellschaft nur unzureichend ab.

  • Der Ansatz einer vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung versteht sich als inklusives Praxiskonzept und geht davon aus, dass auch Kinder bereits vorurteilsbehaftet sein können.

  • Eine frühe Thematisierung und Förderung von Vielfalt in Bildungseinrichtungen kann durch verschiedene Angebote gestaltet werden.


Vielfalt äußert sich in vielen Bereichen, etwa in Bezug auf Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion und ethnische oder soziale Herkunft. Oft werden Kinder bereits im jungen Alter im täglichen Leben mit stereotypen Bildern konfrontiert, sei es durch Bilderbücher, Fernsehen oder eigene Beobachtungen. So werden in vielen Büchern immer noch stereotype Bilder gezeichnet, zum Beispiel von der "klassischen" Familie: Vater, Mutter und Kind(er) mit heller Hautfarbe. Ähnlich verhält es sich mit sportlichen Aktivitäten oder Hobbies, die "typisch" weiblich oder männlich sein sollen: Jungen spielen Fußball, Mädchen Prinzessin. Diese Art von Darstellung mag zwar ein gesellschaftlich dominierendes Bild zeigen, bildet eine heterogene Gesellschaft aber nur unzureichend ab.

Pädagogik der Vielfalt

Eine Pädagogik der Vielfalt oder auch der Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung verstehen sich als inklusive Praxiskonzepte. Sie basieren auf dem Situationsansatz und dem Anti-Bias-Approach von Louise German-Sparks. Dabei soll ausnahmslos allen Kindern gleiche Teilhabe und Entwicklung ermöglicht werden. Das bedeutet nicht, alle Kinder kategorisch "gleich" zu behandeln, als vielmehr ein Bewusstsein sowohl für gesellschaftliche als auch persönliche Vorurteile zu schaffen und somit einen stetigen Reflexionsprozess zuzulassen. Dabei wird davon ausgegangen, dass bereits in der frühen Kindheit Stereotype und diskriminierendes Verhalten eine Rolle spielen und auch Kinder vorurteilsbehaftet sein können. Umso wichtiger sind positive Erfahrungen mit Vielfalt und das Erlernen einer kritischen Denk- und Handlungsweise.

Aktive Auseinandersetzung mit Vorurteilen im jungen Alter

Kindergärten beispielsweise spiegeln, als eine Art Mikrokosmos, meist die vielfältige Realität der Gesellschaft wider. Dort kann durch eine Pädagogik der Vielfalt bereits in jungem Alter der Weg zu einer aktiven Auseinandersetzung und Begegnung mit Vorurteilen und Stereotypen aufgezeigt werden. Die Erziehungswissenschaftlerin Caroline Ali-Tani schildert in "Wie Kinder Vielfalt wahrnehmen: Über Vorurteile in der frühen Kindheit und die pädagogische Konsequenz" folgende Situation: Drei Mädchen spielen mit Puppen. Als ein Junge in das Spiel einsteigen will, wird ihm das mit dem Argument "Jungen können nicht mit Puppen spielen" verwehrt. Eine Erzieherin, die das Gespräch mit den Kindern sucht, erklärt, dass Jungs genauso wie Mädchen mit Puppen spielen dürfen und moderiert die Situation geschickt, bis eine Lösung gefunden ist. Wenn solche und ähnliche Situationen hilfreich begleitet werden, können die Identitäten der Kinder gestärkt, kritisches Denken angeregt und Erfahrungen mit Vielfalt ermöglicht werden. Vertreterinnen und Vertreter einer Pädagogik der Vielfalt plädieren außerdem dafür, Kinder früh zu einer aktiven Teilhabe zu ermutigen und ihnen Mitgestaltungsmöglichkeiten, etwa im Kindergartenalltag, einzuräumen.

Im Folgenden finden Sie einige Online-Angebote zum Thema vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung.

Angebote zu vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung

In dem Blog Vielfalt lernen – Faire Schulen. Starke Kinder stehen Fragen nach vielfältigen Möglichkeiten des Lernens in heterogenen Klassen, individueller Förderung und ihrer Umsetzung im Vordergrund. Diese Fragen werden aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, indem wissenschaftliche Erkenntnisse mit der Schulpraxis verknüpft werden. Träger des Blogs ist die Bertelsmann Stiftung, die gemeinsam mit der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet e. V. (ZUM) auch ein Wiki zum Thema bereitgestellt hat.

In der Vielfalt-Mediathek des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirasissmusarbeit e. V. finden sichausgewählte Materialien zur Frühprävention im Vor- und Grundschulalter, die helfen sollen, Vielfalt und Offenheit als positive Werte in der Gesellschaft stärker zu verankern. Die Vielfalt-Mediathek dient als Informationsportal zu Themen wie Diversität, Demokratiepädagogik oder Rassismuskritik. Gefördert wird die Mediathek durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben! Gegen Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit und Gewalt".

Auf der Seite der Fachstelle Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung gibt es Materialien, Kinderbücher, Literaturempfehlungen, Fortbildungsmöglichkeiten und einiges mehr zum Thema vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Auch die Fachstelle Kinderwelten wird vom Programm "Demokratie leben!" des BMFSFJ gefördert.

Die beiden Servicestellen "Interkulturelles Lernen in der Kita" und "Interkulturelles Lernen in Schulen in Sachsen-Anhalt" sind Anlauf- und Beratungsstellen für pädagogische Fachkräfte aus Schulen und Kitas in Sachsen-Anhalt. Hier werden Fortbildungen und Materialien zu interkulturellem Lernen angeboten, Pädagoginnen und Pädagogen bei der Entwicklung von Handlungskonzepten für den Umgang mit Vielfalt unterstützt und zur Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern und Freiwilligen beraten. Die Seite stellt Literaturtipps, Materialien und Methoden zur Verfügung und zeigt Projektbeispiele.

Das Fortbildungsinstitut für die pädagogische Praxis (FiPP e. V.) führte von 2007 bis 2010 in Kooperation mit vier Berliner Grundschulen und deren Horten das Modellprojekt "Starke Kinder machen Schule" durch. Ziel war unter anderem, einen Dialog über gemeinsame Werte anzuregen. Entstanden sind dabei auch Lehrmaterialien, zum Beispiel zum Thema "Umgang mit Vielfalt", die auf der Projektseite zum Download zur Verfügung stehen. Das FiPP hat zusätzlich eine Broschüre über die Erfahrungen mit dem Anti-Bias-Ansatz an Berliner Grundschulen herausgebracht, in dem das Projekt vorgestellt wird, Erfahrungen reflektiert und Lernmaterialien beschrieben werden. Gefördert wurde das Projekt im Rahmen des Bundesprogramms "Vielfalt tut gut" durch das BMFSFJ.

Kinder und Jugendliche profitieren von Vielfalt, wenn diese auch von Bildungseinrichtungen gewollt und aktiv unterstützt wird. In einer Studie der University of Wollongong, Australien aus dem Jahr 2004 heißt es, dass eine Rücksichtnahme auf individuelle Lernstile, ethnische Herkunft und Gender von Kindern sich positiv auf deren Lernfortschritte in Bezug auf Zahlenkonzepte oder die Herstellung logischer Verknüpfungen auswirkt. Notwendig ist dafür auch eine (Lern-)umgebung, in der alle gleichberechtigt sind, die niemanden ausschließt und in der sich alle Kinder wiederfinden können. Umso wichtiger sei es laut der Studie, kulturelle, geschlechtliche, familiäre, gesellschaftliche und weitere Vielfaltsaspekte bewusst aufzugreifen und zu vermitteln.


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Kommentare anderer Nutzer

Mario Kahle | 20.06.2018 um 14:57 [Antworten]

"Vorurteilsfreie Bildung"

Sehr geehrte Damen und Herren,
in vielen sozialen Medien, aber auch in Gesprächen, wird u.a. der "Verschwörungstheorie" nachgegangen, daß man in Deutschland das historisch gewachsene Bild der Familie abschaffen will, weil "jeder mit jedem" ja die Zukunft sein soll. Bisher konnte ich mich diesen Sichtweisen enthalten. Wenn ich jetzt Ihr "Angebot" und den Text dazu lese, kommen mir doch erhebliche Zweifel. Statt sich für die Familie als kleinste Zelle der Gesellschaft einzusetzen und sie gerade in der heutigen Zeit zu unterstützen, wird eher alles andere bevorzugt. Das "stereotype Bild der Familie", das klingt ja gerade so, als wäre es das Schlechteste, was der Menschheit passieren kann. Ich finde diese Aussagen und die Programme völlig wesensfremd. Es zeugen nun mal Mann und Frau die Kinder und am besten wächst es in einer Familie von beiden auf. Das ging seltsamerweise schon Jahrtausende so und ist auch in der gesamten Tierwelt zu beobachten. Ein Kind braucht Führung und Erziehung. Und das lernt es nun mal am besten in der Familie von Mann und Frau. Warum plädieren Sie bzw. die Ideengeber für etwas anderes? Soll hier alles zerstört werden? Haben Sie sich einmal damit beschäftigt, wie viele junge Menschen durch nicht intakte Familien und sonstige Formen des Aufwachsens später in ihrer Entwicklung große Probleme haben? Das Heer der Psychologen wird es Ihnen sicher danken. In meiner Familie waren Kindergärtnerinnen und die haben die Kinder hervorragend in ihrem Heranwachsen begleitet, sodaß sich die heutigen Erwachsenen oftmals noch gern daran erinnern. Gleiches ist im wesentlichen von den Familien zu sagen Ausnahmen gibt es immer. Ich finde diese Wege der zukünftigen Erziehung nicht richtig.
Mit freundlichen Grüßen

Erkus Bündlin | 21.06.2018 um 11:40 [Antworten]

Antwort "Vorurteilsfreie Bildung"

Sehr geehrter Herr Mario Kahlo,

es geht nicht darum Familien abzuschaffen oder zu zerstören, sonder darüber hinaus auch andere Formen und Rollenmodelle des Zusammenlebens zuzulassen.

Gerade die Natur hält hier ja die unterschiedlichsten Varianten vom Einzelgänger über lebenslange Zweierbeziehung bis zu Harem und Clan bereit. Auch Menschen sind unterschiedlich: der Eine macht gerne die Tür hinter sich zu, der andere lässt die Wohnungstür offen oder gründet eine Kommune.

Und dann gibt es noch die Neurotiker und Heßlinge von Heinrich Mann der guten alten deutschen Ordnung, die an ihren eigenen Vorurteilen allen Fremden und Unbekannten gegenüber ersticken weil ihnen als Kind der letzte Funke kreativer Lebendigkeit ausgetrieben wurde als Erbe der preußischen Pädagogik des Deutschen Ordens als ehemalige Heimstatt von Schwertbruder-Soziopathen -> Sapolsky "Gewalt und Mitgefühl" .

Bereisen Sie doch mal andere Kulturen, besuchen die nächste Kommune oder ihren schwulen Nachbarn.

Mit offener Herzlichkeit
Erkus Bündlin


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