Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


Von der Mediennutzung zur Medienkompetenz

Bereits im Kleinkindalter beginnt die Nutzung digitaler Medien. Welche Fragen das aufwirft, welche Chancen die Geräte im Unterricht bringen und wie es um die Medienerziehungskompetenz der Lehrenden steht, zeigt ein Blick auf die aktuellere Studienlandschaft.

Die meisten Kinder verfügen zu Hause über digitale Medien wie Smartphone, Tablet oder Laptop.Die meisten Kinder verfügen zu Hause über digitale Medien wie Smartphone, Tablet oder Laptop. ( Igor Starkov / bearbeitet / Unsplash / Lizenz: Unsplash License )

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Kurz & knapp:

  • Regelmäßig erscheinen Studien, die sich mit dem Mediennutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Elternhaus und Schule sowie den Potenzialen und Risiken digitaler Medien im Unterricht beschäftigen.
  • Kinder nutzen digitale Medien schon im Kleinkindalter. Eltern sind mit der Medienerziehung oft überfordert und sehen diese Aufgabe primär bei den Bildungseinrichtungen.
  • In Schulen kann der Einsatz digitaler Medien positive Lerneffekte haben - etwa wenn Lernende diese in Partner- oder Gruppenarbeit nutzen können. Die Ausbildung einer Medienerziehungskompetenz bei den Lehrenden wird jedoch durch fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten und eine mangelhafte technische Ausstattung erschwert.


Digitale Medien gehören für viele Kinder und Jugendliche mittlerweile selbstverständlich zum täglichen Leben dazu. Laut einer Pressemitteilung zur BLIKK-Studie 2017 (Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kommunikation), die unter der Schirmherrschaft der Drogenbeauftragten der Bundesregierung und mit Förderung des Bundesministeriums für Gesundheit 5.573 Eltern und deren Kinder zum Umgang mit digitalen Medien befragte, benutzen 70 Prozent der Kinder schon im Kita-Alter das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich.

Auch die bundesweit repräsentative KIM-Studie 2016 (Kindheit, Internet, Medien) belegt, in welchem Maße Kinder in ihrem Alltag von digitalen Medien umgeben sind. Für die KIM-Studien, die seit 1999 alle ein bis zwei Jahre erscheinen, sammelt der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) alljährlich Daten zur Mediennutzung von Kindern. 2016 wurden dafür 1.229 Kinder persönlich-mündlich befragt. Auch deren Eltern wurden über einen schriftlichen Fragebogen mit einbezogen. Familien mit sechs- bis 13-jährigen Kindern verfügten demnach in fast allen Fällen neben Fernseher, Handy oder Smartphone auch über einen Internetzugang und Computer oder Laptop. Jedes dritte Kind zwischen sechs und 13 besitze ein eigenes Smartphone. Die vielfältigen Möglichkeiten, sich zu informieren, sich unterhalten zu lassen, zu spielen, zu kommunizieren und zu partizipieren, machten Medien bereits in jungem Alter interessant.

"Digitale Mediensucht“ und ungeeignete Inhalte

Die BLIKK-Studie konzentriert sich auf die Frage, welche gesundheitlichen Folgen die Mediennutzung für Kinder habe könnte. Die Studienergebnisse liegen in Gänze nicht vor, sind jedoch in einem Fact Sheet kurz zusammengefasst. Darin wird vor durchweg negativen Auswirkungen wie Bindungs-, Sprachentwicklungs- und Konzentrationsstörungen bereits im Baby- und Kleinkind-Alter gewarnt. Zudem wird für das angehende Teenager-Alter ein erhöhtes Gefährdungspotenzial für die Entwicklung einer digitalen Mediensucht festgestellt. Die BLIKK-Studie stößt bei Medien- und Bildungsexpertinnen und -experten bis heute auf Kritik: Jöran Muuß-Merholz beispielsweise bemängelt in einem Blogbeitrag den zu pauschalen Begriff der "digitalen Mediensucht“ und bewertet die "digitale Diät“, die von den in die Studie involvierten Ärzten empfohlen wird, aus medienpädagogischer Sicht als dürftig.

Im späteren Kindesalter spielt ein Thema wie die altersgerechte Nutzung digitaler Medien eine verstärkte Rolle. Laut KIM-Studie 2016 nehmen drei Viertel der Befragten die Alterskennzeichnung von Computer-, Konsolen- oder Online-Spielen wahr. Von diesen Spielerinnen und Spielern gebe mehr als ein Drittel zu, sich bereits einmal über die Kennzeichnung hinweggesetzt zu haben, bei den zwölf- bis 13-Jährigen sei auf diese Weise sogar die Hälfte der Nutzerinnen und Nutzer mit ungeeigneten Inhalten in Berührung gekommen. Neben der Peer Group seien es vor allem die Eltern, die ihren Kindern Zugang zu diesen Inhalten verschafften. Teilweise nähmen die Erziehungsberechtigten die Alterskennzeichnung nicht oder falsch wahr, teilweise vertrauten sie dem eigenen Urteil mehr als den Altersbeschränkungen. Hier könnte eine verstärkte Aufklärung der Eltern notwendig sein.

Aufgabe der Medienerziehung liegt auch bei den Schulen

Das Aufwachsen als "Digital Native“ geht nicht automatisch mit einer kompetenten, sicheren und kritisch-reflektierten Mediennutzung einher – diese muss aktiv angeeignet werden. Der Monitor Digitale Bildung – Digitales Lernen an Grundschulen der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2017 schafft eine repräsentative empirische Datenbasis zum Stand des digitalisierten Lernens im Kindesalter. Er kommt zu dem Schluss, dass Eltern zwar Wert darauf legen, dass ihre Kinder "etwas Vernünftiges“ mit dem Computer machen, dass der pädagogische Anspruch manche Eltern jedoch überfordert. Sie könnten nur schwer beurteilen, welche Lernspiele und Programme angemessen und altersgerecht seien und welche qualitativ zu den jeweiligen Lernbedarfen passten. Ein Bericht zu der durch die MacArthur Foundation geförderten britischen Untersuchung Parenting for a Digital Future der London School of Economics and Political Science (LSE) von 2018 kommt zu dem Ergebnis, dass Eltern Unterstützung in digitalen Fragen fehlt. Ende 2017 wurden hierfür unter der Leitung von Professorin Sonia Livingstone 2.032 Eltern von Kindern im Alter bis 17 Jahre befragt.

Laut KIM-Studie 2016 sieht die Mehrheit der Erziehenden in Deutschland (76 Prozent) vor allem die Schule in der Pflicht, Kinder zu einem verantwortungs- und sinnvollen Umgang mit Medien anzuleiten. Dafür setzt sich auch die Kultusministerkonferenz (KMK) ein. In ihrem Strategiepapier "Bildung in der digitalen Welt“ von 2016 definierte sie Medienkompetenz zuletzt als Schlüsselqualifikation, die bereits im Grundschulbereich gelernt und gelehrt werden sollte. Es gelte, eine selbstbestimmte und kritische Mediennutzung zu erlernen, noch bevor Medien zum ständigen Begleiter würden. Gleichzeitig läge es in den Händen von Pädagoginnen und Pädagogen, Wege zu einem produktiven und kreativen Umgang aufzuzeigen.

Auch der Monitor Digitale Bildung sieht die Schule als geeignete Stelle für eine positive Medienerziehung. Welche pädagogischen Potenziale die Digitalisierung für Bildungseinrichtungen konkret hat, wisse allerdings auch Bertelsmann nicht, kritisierte Süddeutsche Zeitung-Autorin Susanne Klein kurz nach Erscheinen der Studie, und bemängelte an der Untersuchung, sie denke Pädagogik zu stark von den Geräten her.

Lernmotivation und Medienkompetenz

Laut KIM-Studie 2016 zählen sich über die Hälfte der Grundschulkinder zu Computernutzerinnen und -nutzern. Mindestens einmal pro Woche verwendeten sie Suchmaschinen für schulische Zwecke, zum Beispiel für Recherchen. Eine weitere Studie der Bertelsmann-Stiftung mit dem Titel Chancen und Risiken digitaler Medien in der Schule aus dem Jahr 2015 kommt zu dem Schluss, dass sich durch den Einsatz digitaler Medien Inhalte attraktiver vermitteln lassen – beispielsweise wenn sie multimedial und interaktiv aufbereitet sind. Dadurch könne bei den Lernenden eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Lernstoff erreicht werden. Gleichzeitig werde die Verarbeitung und Speicherung von Informationen sowie ein selbstgesteuertes und problemorientiertes Lernen unterstützt.

Auch eine von der Kultusministerkonferenz in Auftrag gegebene Metastudie von 2017, in der 79 Studien ausgewertet wurden, die seit 2000 weltweit erschienen waren, kommt zu dem Ergebnis, dass Lernende motivierter sind und bessere Ergebnisse erzielen, wenn sie mit digitalen Medien arbeiten. Allerdings profitierten die Schülerinnen und Schüler mehr vom Einsatz digitaler Medien, wenn sie diese in Partner- oder Gruppenarbeit nutzen könnten und gleichzeitig auch klassische Unterrichtsmaterialien verwendeten. Eine Leistungssteigerung sei abhängig von einer professionellen Begleitung bei der Mediennutzung durch Lehrkräfte.

Es fehlt an Weiterbildungsmöglichkeiten und Ausstattung

Die International Computer- and Information Literacy Study (ICILS) untersuchte – unterstützt durch das Ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und durch Mittel der Europäischen Kommission – schon 2013 erstmals, in welchem Maße Achtklässler weltweit über computer- und informationsbezogene Kompetenzen verfügen. Deutschland lag seinerzeit im Mittelfeld des internationalen Ländervergleichs. Rahmenbedingungen, die die Ausbildung von Medienkompetenz bei Lernenden beeinflussen, sind laut der Studie IT-Ausstattung, technischer und pädagogischer Support, computerbezogene Einstellungen und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten von Lehrpersonen sowie die Möglichkeit von Lehrerfortbildungen.

Die ICILS kommt zu dem Ergebnis, dass die Voraussetzungen an deutschen Schulen für eine ausreichende Vermittlung von digitalem Know-how und Medienkompetenz ausbaufähig sind. Quantitativ wie qualitativ mangele es an Hardware-Ausstattung und Internetzugang, außerdem an ausreichend Unterstützung bei der Wartung der IT und an entsprechenden Fortbildungsaktivitäten der Lehrenden.

Vier Jahre später sieht die Situation laut dem Monitor Digitale Bildung nicht wesentlich besser aus: Neben der technischen Ausstattung – etwa geringe W-LAN-Qualität oder nicht vorhandene Geräte – fehle es oft auch an passenden Qualifizierungsmöglichkeiten für Lehrende, um das volle pädagogische und didaktische Potenzial digitalen Lernens ausschöpfen zu können. Lehrkräfte benötigten neben fachlichem und inhaltlichem Wissen sowohl methodisch-didaktische Kompetenzen als auch technische Kenntnisse. Ebenso stelle fehlende Zeit für die Unterrichtsvorbereitung ein Problem dar.

Auch der vom Bildungsausschuss des Bundestages beauftragte Arbeitsbericht "Digitale Medien in der Bildung“ des "Büros für Technikfolgenabschätzung“ von 2016, der auf der Grundlage verschiedener Studien und Publikationen einen aktuellen Stand digitaler Bildungsangebote in Deutschland erhebt, kommt zu dem Schluss, dass sich der Einsatz digitaler Medien im Unterricht noch auf eher niedrigem Niveau bewegt. Gründe seitens der Lehrenden – über die oben bereits genannten hinaus – seien u. a. ein zu hoher allgemeiner Zeitdruck, zu wenig erkennbarer Mehrwert, schulische Raumprobleme oder zu große Klassen. Ursachen für eine fehlende Medienerziehung in der Schule seien wiederum andere Prioritäten der Lehrenden, fehlende Ausbildung für Unterrichtseinheiten oder Projekte zur Medienbildung sowie Zweifel an der Wirksamkeit schulischer Mediennutzung durch die Lernenden. Bei Expertinnen und Experten fiel der Arbeitsbericht allerdings durch, wie Christian Füller in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 2016 zusammenfasst – er sei keine kritische Würdigung, sondern ein reiner Potenzialbericht, der der Industrielobby nach dem Mund rede.

Der Großteil der genannten Studien kommt zu dem Schluss, dass Kinder und Jugendliche – bei bewusstem Umgang mit Risiken und Herausforderungen – von digitalen Medien profitieren können. Einsatz und Nutzung könnten sich positiv auf Entwicklung und Identitätsbildung, die Teilhabe an Gesellschaft und Demokratie und auf formelles und informelles Lernen auswirken. Allerdings sei es für Kinder wichtig, dass die ersten Erfahrungen begleitet stattfänden. Eine gemeinsame Medienerziehung junger Menschen, die parallel in den Elternhäusern und in den Bildungseinrichtungen stattfindet, scheint dabei sinnvoll.

Für Orientierung suchende Eltern gibt es eine ganze Reihe unterstützender Angebote beispielsweise vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wenn die Vermittlung von Medienkompetenz noch durch fehlende Fähigkeiten Lehrender eingeschränkt ist, sind das Teach-the-Teacher-Konzept oder die Nutzung außerschulischer Lernorte mögliche Wege, um sich als Lehrende und Lernende gemeinsam digitales Wissen und Medienkompetenz anzueignen.


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