Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Christine Aumiller am 17.09.2018

Mit der App zum eigenen Memo-Spiel

Tablets haben in der Kita nichts zu suchen? Von wegen. Christine Aumiller erklärt, wie Kinder mit verschiedenen Apps spielerisch lernen und am Ende ein eigenes Memo-Spiel entwickelt haben – mit Projektanleitung.

Zwei Kinderhände formen Knetfiguren auf einem Tisch, an anderes Kind filmt die Aktion mit einem Tablet, man sieht ebenfalls nur die Hände.Filmen und Fotografieren in der Kita: Mit einem Tablet können Kinder kreativ werden und selbst Spiele gestalten. Lizenz: cc by/2.0/de (Brad Flickinger)

Der Einsatz von Tablets und Apps spielt in der frühkindlichen Bildung zunehmend eine Rolle – auch weil Medienbildung im Primar- und Elementarbereich gesellschaftlich und politisch immer relevanter wird. Für uns als Erzieherinnen und Erzieher ist klar: Medienkompetenz ist eine Schlüsselkompetenz.

Deswegen setzen meine Kolleginnen, Kollegen und ich bei unserer Arbeit im Kindergarten und Hort Tablets und Apps alltagsintegriert ein und gestalten mit ihnen Projekte zur gezielten Förderung verschiedenster Bildungsbereiche. So halten die Kinder zum Beispiel Entdeckungen im Garten (bspw. einen Regenwurm) bildlich mit der Tabletkamera fest und können ihren Eltern später beim Abholen zeigen, was sie gefunden haben. Sie erzählen dabei, was sie beobachtet und über den Austausch mit den Erzieherinnen und Erziehern Neues über den Regenwurm erfahren haben. Anschließend werden die Aufnahmen und Beobachtungen der Kinder als Erklärfilm für alle anderen zusammengefasst.

Nicht alle Erzieher müssen Medienexperten sein

Medienbildung sollte sich immer im Gesamtkonzept der Einrichtung widerspiegeln. Das heißt nicht, dass alle Kolleginnen und Kollegen Technik- oder Medienexpertinnen und -experten sein müssen. Auch sollen sie digitale Medien nicht immer und überall in ihre pädagogische Arbeit einbeziehen. Vielmehr bedeutet es, als Einrichtung eine innere Haltung zu besitzen, die den Sinn und den Nutzen digitaler Medien in der Elementarpädagogik versteht: Die Pädagoginnen und Pädagogen sollten erkennen,
Porträtaufnahme von Christine AumillerChristine Aumiller (© C. Aumiller, bearbeitet)
wann es sinnvoll ist, das aktuelle Interesse der Kinder, ihre aktuellen Entwicklungsthemen und -bedürfnisse mit digitalen Medien aufzugreifen. Wenn Kinder beispielsweise Interesse an Zahlen oder Buchstaben zeigen, setzen die Kolleginnen und Kollegen Lern-Apps als Ergänzung zu anderen Methoden ein. Diese Kompetenz entwickelt sich bei vielen Kolleginnen und Kollegen erst in der Praxis. Leider wird in der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher der Bereich Medienpädagogik noch sehr vernachlässigt. Wünschenswert wäre es, wenn auch hier der Fokus stärker auf die Vermittlung von praxisorientierter Medienkompetenz gerichtet werden würde. Im Kita-Alltag sind Interesse am Thema Medien, der Mut etwas auszuprobieren und gemeinsame Projekte und Aktionen mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen förderliche Faktoren. Gute Praxisbeispiele aus dem Alltag, von Fortbildungen, aus Büchern oder von Onlineportalen tragen zur Motivation bei und bauen Ängste ab. Einige meiner Kolleginnen gewannen zum Beispiel viel Sicherheit im Umgang mit dem Tablet, als sie selbst einen Trickfilm mit Kindern umsetzten.

Frühkindliche Medienpädagogik – Spaß und Regeln

Medienpädagogisches Handeln orientiert sich immer am Kind. Es soll Mädchen und Jungen die Möglichkeit bieten, Spiel, Spaß und Kreativität zu erleben und sich dadurch weiterzuentwickeln. Im aktiven und gemeinsamen Umgang mit einem für viele Kinder schon bekannten Alltagsgegenstand wie dem Tablet erfahren sie oftmals einen anderen Zugang zu dem Gerät und entdecken neue Nutzungsmöglichkeiten. Tablets sollten im Kontext einer (frühkindlichen) Bildungseinrichtung immer gemeinsam und betreut durch eine erwachsene Person genutzt werden. So erfahren die Kinder den Umgang mit den Medien in kommunikativer, kooperativer und solidarischer Atmosphäre.

Meine Erfahrung in der medienpädagogischen Arbeit mit Kindergarten- und Hortkindern zeigt vor allem die Notwendigkeit, mit den Kindern zu besprechen, wie verschiedene (Spiele-)Apps sinnvoll und richtig genutzt werden können. Gerade jüngere Kinder und Kinder mit geringem Sprachverständnis tippen ohne Einführung bei Apps impulsiv und wahllos auf Punkte oder Zeichen auf dem Bildschirm. Sie erleben Selbstwirksamkeit, können jedoch dem Inhalt nicht folgen.

Anhand des folgenden Projektes möchte ich einen exemplarischen Praxiseinblick geben, wie der Einsatz von Tablet, Apps und Kamera-App in der Kita umgesetzt werden kann.

Projektanleitung: Sprachprojekt "Gegensätze"

Projektinformationen: Das Projekt fand im Rahmen von Vorkurs Deutsch 240[1] einmal wöchentlich für ca. 30 Minuten mit jeweils sechs Kindern im Alter von fünf und sechs Jahren statt. Für die Kleingruppe standen zwei Tablets zur Verfügung.

Ziele:
  • Sprachlich: z. B. Erweiterung und Festigung
  • Kognitiv: z. B. Wahrnehmen und zuordnen
  • Sozial: z. B. mit anderen zusammenarbeiten und sprachlich kooperieren
  • Motorik: z. B. Halten des Tablets und Auslöser drücken
  • Medienkompetenz: z. B. kreative Weiterarbeit mit einem Spiel, Fachwörter der Fotografie kennenlernen und aktiv nutzen


Ablauf: Jede Einheit begann mit dem Mitmachlied "Das ist gerade und das ist schief" (Simone Sommerland, Karsten Glück und die Kita-Frösche).

"Das ist gerade und das ist schief
Das ist hoch und das ist tief
Das ist dunkel das ist hell
Das ist langsam und das ist schnell"


Das Lied wurde jeweils mit den entsprechenden Bewegungen begleitet. Nach dem ersten Durchlauf wurde besprochen, was das Besondere an den Wörtern aus dem Mitmachlied ist und welche Gegensatzpaare die Kinder sonst noch kennen oder im Raum wahrnehmen. Anschließend spielten immer drei Kinder zusammen an einem Tablet die kostenpflichtige App "Cricket Kids: Gegensätze" [2]. Die Pädagogin erläuterte hierfür zunächst die Funktionsweise der App. Gemeinsam wurden dann die Spielregeln wiederholt (Erst zuhören: Um was geht es? Überlegen: Was muss ich tun? Überlegen: Wo muss ich tippen?). Die Kinder wurden aufgefordert, untereinander zu klären, wie sie gemeinsam spielen möchten und welche Rollen sie übernehmen: Wer hält wann das Tablet, wer tippt usw.

Das Spiel besteht aus mehreren Situationen, die aus der kindlichen Lebenswelt stammen. In jeder Situation müssen die Kinder spielerisch eine passende Interaktion finden, um von einem Zustand zum anderen zu gelangen bzw. einen Gegensatz zu erzeugen. Das kann etwa sein: Am Geburtstagskuchen brennen mehrere Kerzen, hierzu wird das Wort "angezündet" gesagt. Durch selbstständiges Pusten der Kinder werden die Kerzen ausgeblasen und das Wort "ausgelöscht" gesagt. Durch Tippen auf die Kerzen können diese wieder angezündet werden. Die Erzieherin begleitete die Kinder hierbei unterstützend: Sie beobachtete kindliche Reaktionen (etwa das Staunen darüber, wie in der App durch Pusten Kerzen erlöschen), ging darauf ein, leitete die Kinder zur Wiederholung der Wörter an, beispielsweise "angezündet" – "ausgelöscht", und wiederholte auch selber die Wörter in betonter Aussprache. Sie ermutigte die Kinder zur Reflexion des eigenen Spielverhaltens, zum Beispiel indem sie die Kinder fragte, was ihnen gerade besonders Spaß machte dabei. Und sie bereitete die Kinder auf das Beenden des Spielens vor.

Nach etwa zehn Minuten aktiven Spiels wurden nun von den Kindern selbst Gegensätze im Raum gesammelt und mit der (den Kindern oftmals bekannten) Kamera-App des Tablets fotografiert. Herausfordernd ist für die Jungen und Mädchen hierbei vor allem das eigenständige Halten und Bedienen der Kamera. Hilfreich ist es, wenn ein Kind das Tablet hält und das Objekt fokussiert und ein anderes Kind den Auslöser betätigt. Einige Kinder brauchen hier Unterstützung beim Halten oder Auslösen. Die Pädagogin gab in dieser Phase Hinweise zu verschiedenen Perspektiven (Frosch- und Vogelperspektive, Frontale etc.) und ermunterte die Kinder zum Testen der verschiedenen Blickwinkel. Anschließend wurden die entstandenen Fotos gemeinsam angeschaut und ggf. aussortiert und gelöscht.

Mit den gespeicherten Bildern wurde im nächsten Schritt mithilfe einer Fotocollagen-App ein Memo-Spiel erstellt. Wir verwenden hier die App "Pic Collage"[3]. Die ausgewählten Fotos fügten die Kinder dabei abwechselnd in die Vorlage der App ein, sodass jedes Kind selbst aktiv wurde. Eine weitere Möglichkeit zur Erstellung eines Memo-Spiels ist das Anlegen einer einfachen Tabelle in einem Textverarbeitungsprogramm, in die die Bilder eingefügt werden. Die fertige Vorlage wurde anschließend per Mail an einen PC versandt und für jedes Kind ausgedruckt. Alternativ kann auch ein WLAN-Drucker verwendet werden.

Im letzten Schritt wurden die ausgedruckten Vorlagen laminiert und zurechtgeschnitten. So entstand ein Memo-Spiel, das jedes Kind mit nach Hause nehmen konnte und mit der Familie spielen kann. Alle aus der Projektgruppe waren sehr stolz, "ihr" Memo-Spiel den anderen Kindern und Pädagoginnen zu zeigen, zu erklären und es gemeinsam zu spielen.

Fußnoten

1.
Vorkurs Deutsch 240 ist ein Angebot des Bayerischen Staatsministeriums für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache. Das Team absolvierte hierzu Fortbildungen. Das Angebot läuft an unserer Einrichtung in Zusammenarbeit mit der Grundschule seit vielen Jahren erfolgreich.
2.
Die App „Cricket Kids: Gegensätze“ wird zum Preis von 1,99€ für Android, Windows und iOS angeboten. Die App ist niederschwellig angesetzt und bietet großen Spielspaß, was bei diesem Sprachförderangebot zur Motivation beiträgt. Im Projekt wurde der „Spielen“-Modus benutzt; es wird auch ein „Quiz“-Modus angeboten. (Anm.d.Red.: Auf der Startseite befindet ein Knopf, über den eine Werbeseite mit weiteren Eigenproduktionen des Herstellers sowie Links zu Sozialen Netzwerken öffnet; außerdem gibt es eine Bewertungsoberfläche der App. Beide Schaltflächen sind durch eine bestimmte Wischart gesichert. Andere Daten werden nicht erfasst. Hier geht es zur Bewertung der App des Deutschen Jugendinstituts.)
3.
„Pic Collage“ ist eine kostenlose App und für alle gängigen Betriebssysteme verfügbar. Leider ist sie nicht komplett werbefrei und es besteht die Verbindungsmöglichkeit zu Messengern. Es ist Bestandteil einer guten medienpädagogischen Arbeit, die Kinder auf die damit verbundenen Risiken hinzuweisen. (Anm.d.Red.: Hier geht es zur Bewertung der App des Deutschen Jugendinstituts.)
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-sa/4.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet


Kommentare anderer Nutzer

Obenhuber | 30.09.2018 um 17:58 [Antworten]

Verhältnismäßig und Nützlich?

Sehr geehrte Frau Aumiller,

auch wenn mir die Geschichte mit dem Regenwurm einleuchtet, wäre es nicht genauso schön und mindestens so kindgerecht eine orange-roter Nudel auf einem Papier zuhause würde Grundlage der Erzählung sein.
Auch ich muss gestehen, ich möchte auf E-Mail als Postkarten oder einfache Geschäftsbriefe nicht mehr verzichten. Doch sollten wir auch auf die Ergebnisse, dieser teilweise etwas zu einfachen Unterhaltung sehen. Die Leistungsprüfungen der pädagoischen Fachkräfte zeigen sogar in Norwegen nach unten von Niveau her.
Gut, jedoch finde ich, wenn die Kinder auf die Gefahren des Netzes clever und spielerisch aufmerksam werden, nur denke ich im Allgemeinen, sollte der Digitalisierung mir mehr Vorsicht, Umsicht und etwas weniger hoffungsvoll begegnet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Steffen Obenhuber

Christine Aumiller | 03.10.2018 um 21:21 [Antworten]

Re.:Verhältnismäßig und Nützlich?

Sehr geehrter Hr. Obenhuber,

Danke für Ihren Kommentar.
Ich stimme ihnen zu, ein selbstgestaltetes Bild des Regenwurms ist definitiv ebenso schön und kindgerecht. Es handelt sich hier ja um ein Beispiel wie Tablets in den Bildungsalltag integriert werden können und als Ergänzung zum täglich pädagogischen Handeln dienen.
Digitalisierung im Elementarbereich sollte immer mit Vorsicht und Umsicht geschehen und das Ziel Medienkompetenz auf die jeweilige Altersstufe anpassen. Hierzu brauchen Fachkräfte neben theoretischem Wissen u.a. auch gute Beispiele aus der Praxis.
Mit freundlichen Grüßen
Christine Aumiller


werkstatt.bpb.de in Social Media

Hätten Sie es gewusst?

Quiz: Von Kinderbuch-Apps bis Medienkompetenz

Was bedeutet Pädagogik der Vielfalt und welche Funktionen kann eine Kindersuchmaschine haben? Testen Sie Ihr Wissen zum Thema Smart Kids mit unserem Quiz!

Jetzt spielen

werkstatt.bpb.de in Social Media

Was bedeutet Web 2.0 für die politische Bildung? Das Archiv des Weblogs pb21.de bietet Praxisbeispiele, Anleitungen und Tipps um das Web 2.0 als Werkzeug der politischen Bildung.

Mehr lesen auf pb21.de

Im Archiv von werkstatt.bpb.de finden Interessierte viele informative Artikel, Interviews und Videos zum Thema zeitgemäße Vermittlung von Zeitgeschichte und Politik in Schulen und in der außerschulischen Bildung vor dem Hintergrund aktueller Herausforderungen wie Migration und Digitalisierung.

Mehr lesen auf werkstatt.kooperative-berlin.de

Spezial

OER - Material für alle

Über den Einsatz sogenannter Open Educational Resources (OER) im Unterricht wird schon seit einigen Jahren diskutiert. In den Schulen selbst jedoch führt das Thema noch immer ein Schattendasein. Dieses Spezial soll Abhilfe schaffen: Die Beiträge liefern Grundlagen zum Thema freie Bildungsmaterialien und bieten Hilfestellungen, um OER von der Theorie in die schulische Praxis zu überführen.

Mehr lesen