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Was heißt "Bildung für nachhaltige Entwicklung"?

Nachhaltigkeit lernen – das geht am besten durch eigenes Erleben, meint Dozentin Amanda Groschke. Aber auch die Digitalisierung ist hierfür eine wichtige Ressource.

Amanda GroschkeAmanda Groschke ist Dozentin für BNE. Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (bpb / Fotografin: Theresa Samuelis)

werkstatt.bpb.de: Wofür steht Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und worum geht es dabei eigentlich?

Amanda Groschke: Unter Bildung für nachhaltige Entwicklung verstehe ich, dass Menschen einen gewissen Wertekanon ausbilden. Es ist wichtig, eine gute Beziehung zu sich selbst aufzubauen, um auch mit anderen eine gute, gerechte Beziehung führen zu können und als Kollektiv ein wertschätzendes Verhältnis zur Natur und zu unseren Ressourcen zu entwickeln. Es geht bei BNE darum, eine Entwicklung voranzutreiben, mithilfe derer wir zukunftsfähig bleiben können – damit wir nachwachsenden Generation den gleichen Möglichkeitsraum bieten können, den wir auch hatten. Das heißt: über die Ressourcen verfügen, die man einfach für ein gerechtes, gesundes und glückliches Leben braucht.

Auf welchen Ebenen findet BNE statt?

BNE findet aus meiner Sicht auf vier verschiedenen Ebenen statt: auf einer ökologischen Ebene, einer sozialen Ebene, auf einer kulturellen und einer ökonomischen Ebene. Diese Ebenen müssen alle miteinander interagieren. Es ist schwer, dort eine Balance zu finden, denn wenn ich an dem einen Schräubchen drehe, verändern sich ja die anderen drei auch. So kann es wieder zu einem Ungleichgewicht kommen.

Wie stehen Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Bildung zueinander?

Digitalisierung ist für mich kein Trend, sondern eine gesellschaftliche Transformation, die sich auf alle Lebenslagen und -bereiche auswirken wird. Deswegen gibt es überall Schnittmengen. Nehmen wir das Beispiel Software: Hier kommen wieder Bildung und bestimmte Kulturtechniken ins Spiel, weil ich lesen und verstehen können muss, wie ich ein bestimmtes Programm bediene. Auch bei einem Nachhaltigkeitsprojekt in der Natur mit Kindern kann man digitale Tools einsetzen. Zum Beispiel eine App, mit der man einen Baum bestimmen kann, herausfinden kann, ob er krank oder gesund ist, ob er große oder kleine Blätter hat. So lassen sich Brücken schlagen zwischen dem Naturraum, der Lernerfahrung und dem Digitalen. Digitalisierung erleichtert das Lernen und ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Welche Chancen bieten digitalisierte Lehr-Lern-Umgebungen für BNE?

Für viele Menschen birgt Digitalisierung vor allem Negatives. Häufig ist sie erst einmal etwas, das uns Angst macht, etwas, das wir nicht kennen. Sie birgt aber auch viele Chancen, Dinge zu verbessern. Kinder können durch Digitalisierung lernen, Verantwortung zu übernehmen. Die JIM-Studien zeigen, dass Kinder heutzutage viel Zeit im Netz verbringen und das kann man nutzen. Sie können darüber zum Beispiel eine Art von bewusstem Konsum lernen und sich fragen: Wie viel konsumiere ich? Bin ich achtsam mit mir? Bin ich überhaupt noch konzentrationsfähig? Ich finde über das Machen und die Reflexion des eigenen Handelns – und da gehören auch Gestaltungskompetenzen dazu – kann man mit der Digitalisierung viele Dinge verbessern. Wir stehen hier noch ganz am Anfang. Digitalisierung ist ein völlig neues Phänomen und wir haben keine historische Erfahrung gemacht, die uns hier den Weg weisen könnte. Wir müssen uns hier noch finden.

Wie kommt BNE zu der Zielgruppe, die sie erreichen soll?

Bildungspraktikerinnen und -praktiker fragen sich natürlich, was sie tun können und wie sie bestimmtes Wissen zum Thema nachhaltige Entwicklung an Jugendliche oder Schülerinnen und Schüler weitergeben können. Gerade die Klimademonstrationen, die wir im Moment erleben, bieten hier eine große Chance. Ich persönlich finde es großartig, dass endlich mal eine junge Generation aufsteht und sich damit beschäftigt, denn wir haben alle etwas mit dem Klimawandel zu tun – einfach aufgrund der Tatsache, dass wir existieren. Schon allein durch das "In-diese-Welt-geboren-werden“ verbrauchen wir Ressourcen, die nun einmal endlich sind. Indem Schülerinnen und Schüler jeden Freitag auf die Straße gehen, lernen sie Partizipation, eine wichtige Gestaltungskompetenz. Sie zeigen, dass sie sich zusammenschließen und dass sie problemorientiert und komplex denken können. Dabei sollten sie noch viel mehr Unterstützung von den Lehrenden erhalten: Man könnte auf den Demos beispielsweise BNE-Workshops anbieten – dort sind so viele unterschiedliche Akteurinnen und Akteure vor Ort, mit denen man viel ausprobieren kann. Ich glaube, dass die Dinge, die man tatsächlich erlebt und spürt, so wie diese Bewegung, ein Leben lang erhalten bleiben.

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Hintergrundinformationen zum Beitrag

Das Interview entstand im Rahmen des 8. Bildungsforums des Klimahauses Bremerhaven 8° Ost "bildung. digital. nachhaltig" am 19. März 2019. Zentrales Thema der Veranstaltung war Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Spannungsfeld digitaler Herausforderungen.

Das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost versteht sich als Wissens- und Erlebniswelt rund um die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel. Zentrales Ausstellungselement ist eine Reise entlang des 8. Längengrades durch verschiedene Klimazonen. Mehr Informationen finden Sie hier.

Amanda Groschke ist Dozentin für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und arbeitet außerdem im Coachingbereich und in der Beratung von Nachhaltigkeitsprozesse für Kommunen, für Organisationen und Unternehmen.

Weitere Informationen zum Thema BNE finden Sie auf dem BNE-Portal der Deutschen UNESCO-Kommission e.V., sowie auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung – etwa als Erklärfilm oder Broschüre.

Creative Commons License

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