Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen


Meinung: Mit Degrowth zu einer sozial-ökologischen Digitalisierung

Anja Höfner, Max Bömelburg und Nicolas Guenot vom unabhängigen Verein Konzeptwerk Neue Ökonomie schildern aus ihrer Sicht die Voraussetzungen für eine nachhaltige und demokratische digitale Bildung. Als Bezugspunkt dient ihnen unter anderem das freie Internet der 1990er Jahre.

Smartphones und Tablets mit zerbrochenen Displays liegen auf einem HaufenDass Digitalisierung nicht gleich Ressourceneinsparung bedeutet, zeigt sich auch an schlecht recyclebarem Elektromüll. Lizenz: cc by-sa/2.0/de (Frerk Meyer)

Führt die Digitalisierung zu einer Dematerialisierung – also dazu, dass deutlich weniger Material und Energie verbraucht werden? Die Fakten widersprechen dieser weit verbreiteten Annahme: Die Nutzung digitaler Geräte führt heute fast immer zu einem Mehrverbrauch an Rohstoffen und Energie und erhöht somit den ökologischen Fußabdruck der Benutzerinnen und Benutzer statt Ressourceneinsparungen zu fördern.

In der notwendigen Diskussion zum Thema stößt dieses Argument jedoch auf ein großes Hindernis: Es braucht mehr Sachverstand in der Breite, um gemeinschaftlich die Folgewirkung technischer Neuerung diskutieren zu können. Dabei spielt Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) eine große Rolle, muss aber einen kritischen Blick jenseits der eigenen Rolle als Verbraucher und Verbraucherin fördern. Die Probleme der Gestaltung von digitaler Technik können nur kollektiv angegangen werden. Bisher wurde die Entwicklung, Nutzung und Entsorgung digitaler Technik vor allem profit- und wachstumsorientiert organisiert. Der Degrowth-Ansatz fordert ein Umdenken, das statt ökonomischem Kalkül sozial-ökologische Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt.

Die Technik der 1990er Jahre

Ein kurzer Rückblick in die Geschichte hilft, die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, besser zu begreifen. In den 1990er Jahren war es noch relativ kompliziert, ins Internet zu kommen. Diejenigen, die über einen heimischen PC und eine Modemverbindung verfügten, mussten unter lauten Knirsch- und Piep-Geräuschen lange warten, bevor sie auch nur eine einzige Webseite laden konnten. Dafür hatten sie Zugang zu einer Technik, die auf offenen Standards wie "Request for Comments" (RFC) basierte, einer Form von offener technischer Dokumentation, die eine wichtige Rolle bei der Standardisierung des Internets gespielt hat und relativ leicht verständlich war. Einen Beleg für die Zugänglichkeit dieser Technik liefert Linus Torvalds, der zu jener Zeit als Student mithilfe des offen zugänglichen GNU-Projekts ein ganzes Betriebssystem programmieren konnte, das später zu GNU/Linux wurde.[1]

Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute ist das erste digitale Gerät, das ein Mensch in seinem Leben nutzt, meist ein Smartphone. Ein Produkt also, das zwar auf einfache Nutzung, aber auch auf Datensammelwut und maximale Verschleierung der Datenflüsse hin optimiert wurde. Und obwohl beispielsweise Android, das meistgenutzte Betriebssystem für Smartphones, ein Open-Source-Projekt ist, bleiben die auf Android basierenden Geräte undurchsichtig, weil ihre Hardware viel komplexer ist als beispielsweise jene des beliebten i386 PC, den auch Linus Torvalds benutzte. Nicht zuletzt ist der Stand der Bildung im Vergleich zur Entwicklung der Technik nicht einmal an Hochschulen ausreichend, um eine technische Selbstermächtigung wie die Linus Torvalds heute zu ermöglichen. Was heißt das für unsere Gesellschaft?

Die sozial-ökologischen Folgen der Digitalisierung

Die Frage, welche Auswirkung der technische und digitale Wandel auf die gesellschaftliche Entwicklung hat, gerät mit dem starren Fokus auf das Smartphone-Display aus dem Blick. Eine Bildung, die Nachhaltigkeit bei der Digitalisierung ermöglicht, muss deshalb vermitteln können, was digitale Hardware ist und welche Ressourcen sie braucht. Diese Aufklärung über die materiellen Grundlagen der Digitalisierung ist entscheidend für alle, die Soft- oder Hardwareentwicklung betreiben.

Neben dem enormen Stromverbrauch der digitalen Infrastruktur[2] zeigt beispielsweise der Abbau von Kobalt oder Coltan im Kongo die ungerechten und umweltschädlichen Bedingungen, die mit der Rohstoffförderung für digitale Geräte verbunden sind[3]. Darüber hinaus sind die Geräte abhängig von gigantischen Infrastrukturen aus Millionen von Kabeln und riesigen Rechenzentren. Dieser enorme Energie- und Ressourcenaufwand wird zu selten mit den sozialen und ökologischen Folgen – vor allem im globalen Süden – in Verbindung gebracht.

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Bildungsmaterial zum Thema


Ein Weg zur demokratischen Digitalisierung

Der Degrowth-Ansatz ist hier hilfreich, da er es ermöglicht, ganzheitlich über digitale Technik zu reflektieren. Er ruft dazu auf, das bestehende Paradigma des unendlichen Wirtschaftswachstums angesichts der Klimakrise in Frage zu stellen. Denn die schnell fortschreitende Digitalisierung ist der neue Treiber des Wachstums und kann nach wie vor nicht von ihrer umweltschädlichen Basis entkoppelt werden – ein hocheffizientes Smartphone bezieht noch allzu häufig Strom vom CO2 ausstoßenden Kohlekraftwerk um die Ecke. Mehr Geräte und mehr Datenverarbeitung heißt auch: mehr Rohstoff- und Stromverbrauch. Doch wie viele digitale Geräte, wie viele Daten benötigt und erträgt ein gutes Leben für alle – selbstbestimmt, ökologisch, gerecht?

Die Debatte rund um digitale Technik ist höchst politisch. Eine demokratische Digitalisierung würde die Beteiligung aller erfordern, und zwar als mündige Bürgerinnen und Bürger, nicht als Konsumentinnen und Konsumenten. Dies setzt eine Ermächtigung durch Bildung voraus, die darauf zielt, eine kritische und kollektive Gestaltung von digitaler Technik, sowohl Hardware als auch Software, und eine demokratische Debatte über deren sozial-ökologische Folgewirkungen zu ermöglichen.

Warum ist es so wichtig, die kritischen und kollektiven Aspekte zu betonen? Erstens wird die aktuelle Durchdringung aller Lebensbereiche von digitaler Technik von großen Technologiekonzernen vorangetrieben. Politische Bildung ist deshalb notwendig, weil eine Anpassung des gesellschaftlichen Zusammenlebens an die Profitzwecke von Unternehmen wie Amazon, Apple, Google, Facebook oder Microsoft nicht das Ziel sein kann – und erst recht nicht eine Bildung, die von solchen Unternehmen selbst finanziert und inhaltlich geprägt wird.

Zweitens ist Selbstbestimmung in der Nutzung von digitalen Plattformen nicht individuell zu erreichen: wegen des "Netzwerkeffekts" [4] sind kollektive Handlungen nötig, so dass beispielsweise die Entscheidung, eine Alternative zu WhatsApp oder Facebook zu nutzen, nicht zu sozialer Ausgrenzung führt.

Die gesellschaftliche Aneignung der digitalen Technik braucht drittens eine Diskussion darüber, was digitalisiert werden soll und was nicht und zu welchen sozial-ökologischen Kosten. Bildung muss dabei eine große Rolle spielen, denn eine Technik, die für die Mehrheit unverständlich ist, kann letztlich nur der Sicherung der ökonomischen Vormachtstellung der Technologiekonzerne dienen. Bildungsarbeit sollte sich zur Aufgabe machen, unter diesen Umständen demokratische Teilhabe einzufordern und zu ermöglichen.

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Hintergrundinformationen

Das Konzeptwerk Neue Ökonomie ist seit 2011 ein gemeinnütziger, unabhängiger Verein in Leipzig, der sich auf vielfältige Weise für eine sozial-ökologische Transformation der Wirtschaft einsetzt. Das Konzeptwerk vernetzt Akteurinnen und Akteure, schmiedet zivilgesellschaftliche Bündnisse, arbeitet mit sozialen Bewegungen zusammen und beschäftigt sich mit alternativen Wirtschaftskonzepten. Darüber hinaus ist das Konzeptwerk in der Bildungsarbeit aktiv und stellt einen Großteil ihrer Bildungsmethoden unter dem Titel ENDLICH WACHSTUM! zur freien Verfügung.

Fußnoten

1.
https://www.computerwoche.de/a/die-linux-geschichte,3316767, Zugriff 02.12.2019
2.
https://www.deutschlandfunk.de/streaming-youtube-apps-wie-die-digitalisierung-dem-klima.724.de.html?dram:article_id=453448, Zugriff 02.12.2019
3.
https://www.deutschlandfunk.de/kobaltabbau-im-kongo-der-hohe-preis-fuer-elektroautos-und.724.de.html?dram:article_id=454818, Zugriff 02.12.2019
4.
Der Begriff "Netzwerkeffekt" (auch "Plattformeffekt") beschreibt den selbstverstärkenden Effekt, dass Plattformen, die bereits viel benutzt werden, für neue Nutzerinnen und Nutzer attraktiver sind als kleinere Plattformen. Der Druck "dabei zu sein" steigt, was zu einer Monopolbildung führen kann.
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