Bildung im digitalen Wandel

Digitaler Girls'Day und Boys'Day: Notlösung oder Chance?

Zoom-Gespräch mit 7 Frauen, die jeweils eine Kachel einnehmen. Mit dabei sind die Projektleiterin des Girls'Days Elisabeth Schöppner, eine Moderatorin, zwei ehemalige Girls'Day-Teilnehmerinnen, eine Ausbilderin und eine Gebärdensprache-Dolmetscherin. Es handelt sich um einen Screenshot des YouTube-Livestreams, weswegen oben links in der Ecke das YouTube Zeichen abgebildet ist. Unten links ist das Girls'Day-Logo abgebildet und darunter steht "Willkommen beim digitalen Girls'Day-Event!"Digitale Gesprächsrunde beim diesjährigen Mädchen-Zukunftstag. (© kompetenzz.de)

Im letzten Jahr wurden die Präsenzpraktika des Girls'Day und Boys'Day - den Zukunftstagen für Jungen und Mädchen - nur wenige Tage bevor es losgehen sollte abgesagt. Trotzdem stellten 30 Unternehmen innerhalb kurzer Zeit ein eigenes digitales Programm auf die Beine.

Auch in diesem Jahr konnten der Girls'Day und der Boys'Day wegen der Coronavirus-Pandemie nicht wie üblich durchgeführt werden. Doch es stand zumindest lange im Voraus fest, dass die Aktion online stattfinden muss. Die Organisatorinnen und Organisatoren konzipierten daher ein abwechslungsreiches Livestream-Programm für den 22. April 2021. Darüber hinaus gaben sie den beteiligten Unternehmen Hilfestellung für eigene digitale Angebote. Diese konnten bestimmte Bausteine für ihr eigenes digitales Programm buchen und bekamen Leitfäden, ein Ideenboard und ein digitales Escape Game an die Hand.

Idee des Girls'Day und Boys'Day

Selbsterklärtes Ziel des Projekttages ist es seit jeher[1], Mädchen und Jungen dazu zu ermutigen, Berufe abseits der geschlechtlichen Norm zu wählen und starre Geschlechterrollen aufzuweichen. Noch immer gelten bestimmte Berufe und Branchen als Männer- oder Frauendomänen. Eine Zahl, die das deutlich macht: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verteilten sich im Jahr 2019 ein Viertel der Frauen in Ausbildung auf nur drei von über 340 Ausbildungsberufen.[2]

Bei Tagespraktika, Workshops und weiteren Mitmach-Aktionen können Mädchen beim Girls'Day in vermeintlich klassische "Männerberufe" und Jungen beim Boys'Day in "Frauenberufe" reinschnuppern. Das Angebot richtet sich an Kinder und Jugendliche ab der fünften Klasse. Welche Berufsgruppen als solche gewertet werden, basiert auf einer 40 Prozent-Regel: wenn der Frauen- bzw. Männeranteil in einem Beruf unter 40 Prozent liegt, können Tagespraktika angeboten werden. Mögliche Berufsfelder werden in einer Tabelle auf der Website des Girls'Day und Boys'Day aufgelistet.

Neben dem Abbau von Geschlechterungleichheiten, stecken hinter dem Projekttag auch ökonomische Überlegungen: Unternehmen im MINT-Bereich sollen Mädchen für mathematische, IT-, naturwissenschaftliche und technische Berufe begeistern. Dies sei laut Hannes Schwaderer, dem Präsidenten der Initiative D21, die den Livestream zum Auftakt des Girls'Days gehostet hat, auch hinsichtlich des Fachkräftemangels relevant.[3]

Ablauf des Girls'Day Livestreams 2021

Der Girls'- und Boys'Day hatten jeweils ihr ganz eigenes Programm: Beim Girls'Day übernahmen die Bundesministerin für Familie, Senioren und Jugend Franziska Giffey und die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek die Begrüßung und richteten motivierende Worte an die jungen Teilnehmerinnen. Im Anschluss waren Rapperin Liser und Journalistin Annika Don Prigge zu Gast. Annika Don Prigge hat die Webserie „:in“ ins Leben gerufen, die Frauen in klassischen Männerberufen portraitiert. Eine davon ist Liser. Beide berichteten von der Erfahrung, beruflich nicht ernstgenommen worden zu sein. Der Hintergrund dieser beiden jungen Frauen ist insofern bemerkenswert, als dass sich zeigt, dass nicht nur technische Berufe männlich dominiert sind. Auch in der Musik- und Medienbranche gehört Diskriminierung aufgrund des Geschlechts zum Alltag vieler Frauen.

Auf dem anschließenden Podium sprach Girls'Day-Projektleiterin Elisabeth Schöppner mit Sarah Müller von der Bundesagentur für Arbeit, Industriemechanikerin und -Ausbilderin Sabine Derra, Schornsteinfegerin Kira Stork und Mikrotechnologin Jessica Gosse über ihre Wege in den Beruf und ihre persönlichen Erfahrungen beim Girls'Day. Kira Stork hat durch mehrfache Teilnahme am Girls'Day während ihrer Schulzeit das Handwerk für sich entdeckt, anschließend eine Ausbildung zur Schornsteinfegerin gemacht und bereitet sich aktuell auf die Selbstständigkeit vor. Einen ähnlichen Werdegang hat Jessica Gosse hinter sich, die ihre Ausbildung in dem Betrieb absolviert hat, bei dem sie als Schülerin beim Girls'Day reingeschnuppert hatte. Nun studiert sie Mikrosystemtechnik und möchte bei ihrem Ausbildungsunternehmen weiterarbeiten. Die beiden sind keine Ausnahme: Laut Elisabeth Schöppner haben Umfragen ergeben, dass sich bei knapp 40 Prozent der teilnehmenden Unternehmen ehemalige Girls'Day-Teilnehmerinnen bewerben. Davon würden drei Viertel der Bewerberinnen angenommen. Ein Vorteil der Mädchen und jungen Frauen bei einer Bewerbung sei, dass sie das Unternehmen bereits kennen.

Ablauf der Boys'Day Livestreams 2021

Auch im Boys'Day Livestream richtete Franziska Giffey Grußworte an die jungen Zuschauer. Sie betonte: ein Beruf sei weder männlich noch weiblich. Im Anschluss war sie Teil einer Gesprächsrunde mit jungen Männern in Boys'Day-Berufen. Zu Gast waren Sozialarbeiter und Rapper Fidi Baum, Friseur Dejan Garz, Kindertagesstätten-Leiter Jonas Koziorowski und Krankenpfleger Thies Sprenger. Die Gäste berichteten von gemischten Reaktionen aus ihrem Umfeld hinsichtlich ihrer Berufswahl und von den schönen Seiten ihres Berufsalltags. So schätzt etwa Jonas Koziorowski an seinem Beruf, dass die Arbeit besonders abwechslungsreich sei: "Wer Erzieher wird, wird alles: Hausmeister, Bauarbeiter, Clown, Maler, Alleinunterhalter."

Auch die Gehaltsnachteile sozialer Berufe wurden auf dem Podium thematisiert: Jonas Koziorowski verwies auf das geringe Ausbildungsgehalt für Erzieher und Franziska Giffey berichtete von Gesprächen mit jungen Männern, die durch niedrige Einstiegslöhne abgeschreckt seien. Für Koziorowski sei der Spaß bei der Arbeit jedoch wichtiger als das Gehalt. Thies Sprenger kritisierte neben den geringen monetären Anreizen des Pflegeberufs auch die mangelnde politische Anerkennung. Die Gäste wiesen zudem immer wieder darauf hin, dass ein enormer gesellschaftlicher Druck auf (jungen) Männern laste, dem Idealbild des Familienernährers gerecht zu werden. Sie schienen sich durch ihre Berufswahl ein Stück von diesen Erwartungen gelöst zu haben und andere dazu inspirieren zu wollen, es ihnen gleich zu tun.

Rückblick der Projektleiterinnen

Projektleiterin des Girls'Days' Elisabeth Schöppner erzählte uns im Gespräch, dass der Girls'Day vermutlich auch in Zukunft digitale Aspekte beibehalten wird – auch wenn die Corona-Situation dann eine vollständige Präsenzveranstaltung zulassen würde. Man habe die Rückmeldung bekommen, dass sich durch die digitalen Möglichkeiten mehr Unternehmen, aber auch Kinder und Jugendliche aus strukturschwachen Regionen beteiligt hätten, für die eine Teilnahme sonst nur schwer möglich gewesen wäre.

Romy Stühmeier, Projektleiterin des Boys'Days, sieht die Zuschauerzahlen der Livestreams als Erfolg. Etwa 60.000 Zugriffe hätten die beiden Livestreams zusammen verzeichnet – eine Größenordnung, die bei einer zentralen Präsenzveranstaltung des Girls'Days und Boys'Days undenkbar wäre.

Der Livestream sei auch in Sachen Inklusion ein Fortschritt, da das gesamte Programm von Gebärdendolmetscherinnen und -dolmetschern begleitet wurde. Trotz positiver Rückmeldungen zum digitalen Programm von Unternehmens- und Teilnehmendenseite sind Elisabeth Schöppner die Vorteile von Präsenzveranstaltungen bei der Berufsorientierung bewusst: die Schülerinnen und Schüler könnten aktiver mitmachen und die Stimmung in den Unternehmen besser wahrnehmen.

Fazit

Die Livestreams des Girls' und Boys'Days ermöglichten über die Berufsorientierung hinaus auch die Diskussion rund um starre Rollenbilder und wie sie junge Menschen belasten können. Daneben fanden als Alternative zu den klassischen Tagespraktika digitale Veranstaltungen der Unternehmen statt. Wie diese angekommen sind und angenommen wurden, wird durch die Organisatorinnen und Organisatoren aktuell noch durch eine Umfrage ausgewertet.

Noch ist offen, wie der Mädchen- und Jungen-Zukunftstag in Zukunft aussehen wird. Eine Kombination aus Präsenz-Praktika wie vor Corona und einem Livestream mit Podiumsdiskussionen wie in diesem Jahr scheinen denkbar und vielversprechend.




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