Wegweiser zum Wahllokal in Berlin aus dem Jahre 2013

18.7.2017

M 04.02 Theorien zum Wählerverhalten

(D) DAS MODELL DER SOZIALEN MILIEUS

Der vierte Ansatz betont die Bedeutung des „sozialen Milieus “.

Forschungsgeschichte: Seit den achtziger Jahren ist ein neuer Zugang zur Erklärung von Wahlverhalten entwickelt worden: die Einteilung der Wählerinnen und Wähler in sozial-moralische Milieus. Das Sinus-Institut hatte 1984 eine Studie vorgelegt, die den Anspruch erhob, veränderte Verhaltensweisen und Einstellungen der bundesdeutschen Bevölkerung vor dem Hintergrund eines sich vollziehenden Wertewandels zu beschreiben und vorherzusagen. Die Untersuchung, die ursprünglich dem Konsumverhalten galt, wurde 1992 im Auftrag der SPD von der Sinus-Gruppe und dem Polis-Institut aktualisiert und auf das Wahlverhalten übertragen.

Hauptaussage: „Wahlverhalten ist abhängig vom sozialen Milieu.“

Perspektiven: Der Begriff der „sozialen Milieus“ wird hier in zweierlei Hinsicht von herkömmlichen Definitionen abgegrenzt. Soziale Milieus entsprechen nicht zwangsläufig ökonomisch definierten sozialen Schichten. Sie sind auch keine Milieus im traditionellen Sinne, die sich durch gemeinsames Handeln oder gemeinsame Kommunikation auszeichnen, wie etwa das Arbeitermilieu. Die Einteilung der Gesellschaft in soziale Milieus erfolgt vielmehr durch die Identifikation grundlegender Wertorientierungen, die die jeweilig vorherrschenden Lebensstile und -strategien bestimmen. Und auch die Einstellungen zu Arbeit, Familie oder Konsumverhalten werden dabei genauso einbezogen wie Wunschvorstellungen, Ängste oder Zukunftserwartungen.
Die Sinus-Gruppe unterscheidet zehn soziale Milieus, die sich durch gemeinsame Grundwerte und Lebensweisen auszeichnen. Den Vorteil des Milieukonzepts sehen seine Entwickler darin, dass es damit den politischen Parteien möglich ist, zielgruppengerechter zu agieren und auf diese Weise neue Wählerpotenziale zu erschließen.

Die Sinus-Forscher empfahlen der SPD daher zum Beispiel, sich verstärkt um das "neue Arbeitnehmermilieu" zu bemühen. Es sei, so das Ergebnis der Forschungsgruppe, sowohl demografisch wie auch forschungshistorisch ein junges Milieu. Der Altersdurchschnitt liege deutlich unter 50 Jahren. Charakteristisch für seine Vertreter seien mittlere Bildungsabschlüsse und dienstleistungsorientierte oder technologische Berufsfelder. Sie strebten nach einem selbstbestimmten und materiell abgesicherten Leben. Politik werde in diesem Milieu nicht als eine Frage der richtigen oder falschen Ideologie wahrgenommen, sondern als pragmatisches Problemlösungsmanagement aufgefasst. Unter den Angehörigen dieses Milieus sei die Bereitschaft, sozialdemokratisch zu wählen, aufgrund von "Sachloyalitäten" in besonderem Maß vorhanden. Grundsätzlich habe die SPD das Problem, dass ihre Anhängerschaft in zahlreichen und heterogenen Milieus vertreten sei, was eine programmatische Zielgruppenorientierung erschwere. Die jeweiligen Wählerschwerpunkte von CDU/CSU, FDP und den Grünen konzentrierten sich dagegen in wenigen Milieus.
Die CDU zum Beispiel rekrutiert einen signifikanten Anteil ihrer Wählerschaft aus dem "kleinbürgerlichen" und "aufstiegsorientierten Milieu". Dieser Umstand sei unter dem Gesichtspunkt der Stimmenmaximierung eine "ausgezeichnete Startposition im Wählermarkt".

Prognosefähigkeit und -schwierigkeit: Die Einteilung der (Wahl-)Bevölkerung nach sozial-moralischen Wertvorstellungen und Lebensstilen ist auch von anderen Wissenschaftlern vorgenommen worden. Die Kategorienschemata variieren dabei genauso wie die Prognosen für zukünftige Wählerpotenziale der verschiedenen Parteien. Der Nutzwert von sozial-moralischen Milieukategorien für Wahlkampfstrategen ist nicht unumstritten, wenn auch die „Neue-Mitte“-Kampagne der SPD 1998 als Bestätigung des Konzepts interpretiert werden könnte.

Zusammengestellt auf Basis von Karl-Rudolf Korte: Wahlen in Deutschland: Grundsätze, Verfahren, Analysen. Theorien des Wahlverhaltens: vier Erklärungsansätze, Bundeszentrale für politische Bildung, 2017.

Das Arbeitsmaterial ist hier alsPDF-Icon PDF-Datei abrufbar.


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