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18.7.2014 | Von:
Wolfgang Sander
Cornelius Knab

Sachanalyse

1.3.2 Krisen in der Gesellschaft und „Deutsche Zustände“ (die Sichtweise der Bielefelder Forschungsgruppe)

Seit mehr als zehn Jahren untersucht das Forscherteam unter der Leitung von Wilhelm Heitmeyer an der Universität Bielefeld „Deutsche Zustände“ und dokumentiert seismographisch, mit welchen Ängsten die Menschen auf die Krisen der Gesellschaft und Wirtschaft reagieren und wie sich ihre Einstellungen gegenüber Randgruppen sowie Schwachen verändern. In diesem Langzeitprojekt orientieren sich die Forscher an einer der zentrale Maximen für eine demokratische Gesellschaft, “dass die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Sicherung ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit zu den zentralen Werten einer modernen und humanen Gesellschaft gehören“. (Heitmeyer 2011, S. 15) Eine Gefahr für das Zusammenleben der Menschen in der Gesellschaft droht folglich immer dann, wenn in latenten oder manifesten Aussagen oder Handlungen die Ungleichwertigkeit der Menschen herausgestellt wird. “Eine auf längere Sicht zerstörende Entwicklung sowohl für Individuen als auch für eine liberale und humane Gesellschaft ist dann gegeben, wenn sich menschenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen oder gar ausweiten. Menschenfreundlichkeit wird erkennbar in der Betonung von Ungleichwertigkeit und der Verletzung von Integrität, wie sie in öffentlichen Aussagen von Repräsentanten sozialer Eliten, die vornehmlich über die Medien vermittelt werden, formuliert, in Institutionen oder öffentlichen Räumen artikuliert bzw. in privaten Kreisen durch Angehörige ganz unterschiedlicher Altersgruppen reproduziert werden, so dass sie auch von bestimmten politischen Gruppen – vornehmlich rechtsextremistischer Couleur zur Legitimation manifester Diskriminierungen oder gar Gewalttaten genutzt werden können.“ (ebd. , S. 15f)

Drei Fragestellungen standen in dem Bielefelder Untersuchungsprojekt zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) im Zentrum, die mit entsprechenden Abstrichen (hinsichtlich Umfang, Laufzeit, Methodenvielfalt etc.) auch für ein didaktisch ausgerichtetes Befragungsprojekt in der Schule von Bedeutung sein könnten:
  • „In welchen Formen werden Gruppen von Menschen in dieser Gesellschaft durch Abwertungen, Diskriminierungen und Gewalt gefährdet?
  • In welchen Ausmaßen geschieht dies …?
  • Welche Erklärungen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen lassen sich heranziehen?“ (ebd., S. 16f)
  • Diese drei Punkte (Formen, Ausmaß und Erklärungen) können in einem schulischen Befragungsprojekt im Format „Forschen mit GrafStat“ in modifizierter Form aufgegriffen und durch einen vierten Punkt, der für die Bewusstseinsbildung und die Handlungsorientierung der Jugendlichen relevant ist, ergänzt werden: Was können wir in unserem Alltag gegen rechtsextremistische Vorurteile (Einstellungen, Vorstellungen) tun?
Diese für die politische Bildung wichtige Verbindung von sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen über rechtsextremistische bzw. rechtspopulistische Einstellungen und eigenem Handeln vor Ort (im Unterricht, in der Schule, außerhalb der Schule) gelingt Jugendlichen besonders dann, wenn sie ihre Untersuchungsergebnisse als diagnostische Befunde z.B. unter der Überschrift „Ungleichheit und Diskriminierung in den Vorstellungen von Jugendlichen“ einer schulischen Öffentlichkeit präsentieren können, auf diese Weise selbst thematisch orientierte Gesprächsanlässe in der Schule schaffen, Diskussionen mit anderen Schülerinnen und Schülern oder auch Lehrpersonen (vielleicht auch unter Berücksichtigung historischer Vergleiche) initiieren und in überschaubarem Rahmen Handlungskonsequenzen anregen.

Als Herausgeber der Reihe „Deutsche Zustände“ widmet sich die Bielefelder Arbeitsgruppe in ihrem empirischen Langzeitprojekt der Problematik der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ innerhalb der Gesellschaft. In diesem Konzept wird nicht nur vom Rassismus als Problem für die Gesellschaft ausgegangen, sondern allgemein menschenfeindliche Einstellungen erfasst. Zu diesen zählen Rassismus, Etabliertenvorrechte, Homophobie, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus , Heterophobie und Sexismus. (Heitmeyer 2012 S. 10) Ausgangspunkt der Reihe „Deutsche Zustände“ ist die „Bielefelder Rechtsextremismusstudie“ die den Begriff eines „soziologischen Rechtsextremismus“ entwickelt hat. Demnach entstehen rechtsextremistische Einstellungen durch eine Kombination der „Ideologie der Ungleichheit“, welche auf der Abwertung von Personen und Gruppen sowie lebenslagenbezogenen Ausgrenzungsforderungen basiert, und von Gewaltakzeptanz. (Heitmeyer 1993, S.14) Demnach ist von Rechtsextremismus zu sprechen “wenn also die strukturell gewaltorientierte Ideologie der Ungleichheit verbunden wird mit Varianten der Gewaltakzeptanz als Handlungsform.“ (Heitmeyer 1993, S.14)

Ausgehend vom Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit wird von Heitmeyer konstatiert, dass menschenfeindliche Entstellungen in den letzten Jahren in Deutschland zugenommen haben (vgl. Heitmeyer 2012, S. 38 ff.) Entscheidende Faktoren für die Abwertungen andere Personen sind nach Heitmeyer die Gruppenzugehörigkeit des Individuums (z.B. Alter, Geschlecht, materielle und immaterielle Ressourcen etc.) sowie Motive die sich durch Orientierungen (Nationale Identität, Autoritarismus etc.) erfassen lassen. Rechtsextremismus manifestiert sich also durch bestimmte Einstellungen und ein bestimmtes Verhalten. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive besteht Rechtsextremismus ebenfalls aus den Dimensionen der Einstellungen und des Verhaltens (Vgl. Grumke 2013, S. 26). Rechtsextremes Verhalten kennzeichnet sich durch das Wahlverhalten, die Mitgliedschaft in rechten Organisationen, durch die Anwendung von Gewalt und Terror und die Ausübung von Protest und Provokationen. Allerdings setzt rechtsextremes Verhalten rechtsextreme Einstellungen voraus. Diese sind innerhalb der wissenschaftlichen und verfassungsrechtlichen Debatte in ihren Ausprägungen sehr ähnlich aber nicht deckungsgleich. Zu ihnen zählt der Rassismus welcher die Gleichheit und den Anspruch aller Menschen auf gleiche Rechte negiert; das Leitbild der Volksgemeinschaft in dem Staat und die ethnisch einheitliche Bevölkerung zueinander verschmelzen; der Kollektivismus, der Nationalismus sowie die Verharmlosung des Nationalsozialismus. Beide Dimensionen sind im Einzelnen getrennt voneinander zu betrachten. Aber das Phänomen des Rechtsextremismus kann nur durch die Berücksichtigung des von Einstellungen und Verhalten in Gänze abgebildet werden. Aus diesen Überlegungen erscheint die Definition von Hans Gerd Jaschke am besten geeignet um das Phänomen Rechtsextremismus adäquat abzubilden und wird deshalb auch in diesem Unterrichtsprojekt verwendet (vgl. Baustein 2 ).

''Unter 'Rechtsextremismus' verstehen wir die Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern verlangen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts-Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen." (Jaschke 2001, S. 30)

In der neuesten Veröffentlichung ist Heitmeyer der Frage nachgegangen, inwiefern die Erkenntnisse der empirisch-analytischen Wissenschaft über den Rechtsextremismus in die öffentliche Diskussion von Städten und Gemeinden eingebracht werden, identifikationsrelevante Informationen über das Wohnquartier den Menschen verständlich mitgeteilt und z.B. im Unterricht der Schulen nutzbar gemacht werden können. „Wie erreicht man ‚produktive Unruhe‘, um der Abwertung schwacher Gruppen entgegenzuarbeiten und stattdessen eine Kultur der Anerkennung in der Nachbarschaft, im Wohnviertel und in der Stadtgesellschaft hinzuwirken.“ (Grau /Heitmeyer 2013, S.14) Mit Hilfe einer aktivierenden Sozialforschung soll der Selbstreflexionsprozess in der Stadtgesellschaft initiiert und unterstützt werden. Dabei steht auch die Wissenschaft noch am Anfang, denn bisher sind die hoch aggregierten Daten der Längsschnittuntersuchungen nicht auf Entwicklungen einer bestimmten (meiner) Nachbarschaft, des Wohnquartiers oder der Stadtgesellschaft heruntergebrochen worden. Daher fragt der Wissenschaftler zu recht: „Wie können präventiv die subjektiven Empfindungen, Ängste etc. im jeweiligen Sozialraum sensibel zum ‚Thema‘ gemacht werden, so dass nicht erst im Nachhinein, also nach Konflikten oder gar ordnungspolitisch durch Polizei und Justiz? Wie initiiert man eine ‚reflexive Stadtgesellschaft‘ bzw. ein ‚reflexives Wohnquartier‘, die bzw. ds über die gewohnten kommunalpolitisch eingeengten Pfade hinausreicht, andere Eliten erreicht und bewegende Themen sichtbar und diskutierbar macht, und damit auch gegen beliebte Imagepolitik gerichtet ist, die latente Probleme verdeckt?“ (ebd. S. 31)

Das in diesem Unterrichtsprojekt genutzte Format „Forschen-mit-GrafStat“, das in mehreren Schulprojekten sich bereits bewährt hat, verfolgt seit Jahren diese Zielsetzung, nämlich empirisch-analytische Methoden und Neue Medien gezielt zu nutzen, um selbsterhobene Daten zur Reflexion der eigenen Situation und zur politischen Analyse einsetzen zu können und um auf dieser Basis Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten zu generieren.


Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

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