Anti-Nazi-Aufkleber

22.7.2014

M 02.14 Fallbeispiel Micha

Der 16-jährige Micha besucht mit etwa 50 gleichgesinnten rechtsextremistischen Freunden das Fußballländerspiel Deutschland gegen die Türkei im Dortmunder ‘Westfalen-Stadion’. Um die Stimmung anzuheizen, hat Micha mit seinen Freunden Axel und Chris ein großes Plakat mit der Aufschrift: „Scheißkanaken, geht hin, wo ihr hingehört! – Euch Sozialschmarotzer werden wir schon noch vergasen!“ angefertigt, das er neben einigen Dosen Bier in seinem Rucksack verstaut. Vor Beginn des Spiels mischt sich die Gruppe auf der Südtribüne unter die Fans. Micha, Axel und Chris prosten sich mit ihrem Bier zu und heizen die Stimmung auf der Südtribüne so richtig an. Beim Abspielen der deutschen Nationalhymne zeigen einige der 50 rechtsextremistischen Jugendlichen, unter ihnen auch Micha, den Hitler-Gruß. Gleichzeitig entrollen Axel und Chris das mitgebrachte Plakat und halten es in Richtung des Spielfeldes. Dabei freuen sie sich riesig, als sie merken, dass ihre Aktionen – wie geplant – von den anwesenden Fernsehteams erfasst und später in den Nachrichten übertragen werden. Die Polizei nimmt noch im Verlaufe der Spiels einige der Jugendlichen fest.
Nach Ende des Spiels entschließt sich die restliche Gruppe von etwa 20 Personen spontan, in die Dortmunder Nordstadt zu ziehen, um dort aufzumischen. Auf dem Weg durch ein von vielen Ausländern bewohntes Viertel grölen Axel und Chris sowie einige andere aus der Gruppe wiederholt Parolen wie „Ausländer raus“, „Sieg heil“, „Hoch die nationale Solidarität“ und „Deutschland den Deutschen“. Micha beteiligt sich nicht an diesen Parolen, trägt aber während des Zuges im Wechsel mit anderen die Reichskriegsflagge des Ersten Weltkrieges vor den anderen Beteiligten her. Als der Zug an einem türkischen Döner-Imbiss vorbeizieht, werfen Andreas und Christian gemeinsam mit Steinen die Schaufensterscheibe ein. Als daraufhin der türkische Eigentümer auf der Strasse erscheint, rufen ihm Axel, Chris und Micha gemeinsam entgegen: „Arrogantes Türken-Schwein. Dir fehlen mal ein paar richtig auf die Fresse, aber ich mach mir die Finger an dir nicht schmutzig.“ Bevor die Situation weiter eskalieren kann, trifft die von den Nachbarn herbeigerufene Polizei ein, löst die Versammlung auf und nimmt die Jugendlichen vorläufig fest. Als Micha abends von der Polizei nach Hause gebracht wird, sehen sich zwei Beamte das Zimmer des Jugendlichen an. Dabei stoßen sie auf mehrere Portraits Hitlers sowie eine große Menge Hakenkreuz-Aufnäher, die Micha nach eigenen Angaben unter seinen Mitschülern verteilen wollte.
Micha ist mittlerweile mehrfach vorbestraft. Mit viel Glück erhielt der inzwischen 17-Jährige einige Zeit später zusammen mit zehn weiteren Jugendlichen eine Ausbildungsstelle zum Industriemechaniker im Ausbildungszentrum des öffentlichen Stadtreinigungsunternehmens in Berlin. Der Ausbildungsgruppe gehörten Jugendliche unterschiedlicher Nationalitäten an, unter anderem der türkische Özem. Nach mehreren Wortgefechten mit Özem fertigte Micha ein Blechschild an, auf dem mit Schlagbuchstaben von fünf Millimetern Größe der Text „ARBEIT MACHT FREI – TÜRKEI SCHÖNES LAND“ stand. Er befestigte das Schild nach Feierabend an Özems Spind. Dort fand Özem das Schild am nächsten Morgen vor und informierte den Leiter des Ausbildungszentrums. Als dieser Micha vor Dienstschluss zur Rede stellen wollte, hörte er aus dem Gemeinschaftsraum mehrere grölende Auszubildende, unter anderem auch Micha. Sie sangen während der Arbeitszeit Nazilieder, darunter „Auschwitz, wir kommen“ und Textzeilen, wonach Juden getrieben und die Öfen schon einmal bereit gemacht werden sollten. Eine Vernehmung der einzelnen Jugendlichen ergab, dass Micha diese Lieder angestimmt und die dazugehörigen Texte an alle verteilt hatte. Nach diesen Vorfällen kündigte die Stadtreinigungsfirma das Ausbildungsverhältnis mit Micha fristlos. Das Bundesarbeitsgericht entschied in dem zugrundeliegenden Fall, dass die fristlose Kündigung auch ohne vorangehende Abmahnung wirksam sei.

Aus: Ministerium für Inneres und kommunales des Landes Nordrhein Westfalen (Hrsg.): Musik-Mode-Markenzeichen, Rechtsextremismus bei Jugendlichen, 6. Auflage, Düsseldorf, 2012, S. 102ff., http://www.mik.nrw.de/fileadmin/user_upload/Redakteure/Verfassungsschutz/Dokumente/Musik-Mode-Markenzeichen_Auflage6.pdf (18.11.2013)


Arbeitsaufträge

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Partner A
  1. Überprüfe, welche Einstellungen des Rechtsextremismus in diesem Fallbeispiel sichtbar werden.
  2. Fertige dazu eine Tabelle an, in dem du die Aussagen des Textes den typischen Einstellungen zuordnest.
Partner B
  1. Überprüfe, welche Verhaltensformen des Rechtsextremismus in diesem Fallbeispiel sichtbar werden.
  2. Fertige dazu eine Tabelle an, in dem du die Aussagen des Textes den typischen Verhaltensformen zuordnest.
Partnerarbeit
  1. Stellt euch gegenseitig eure Ergebnisse vor und ergänzt diese zu einer gemeinsamen Tabelle.


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Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

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