Anti-Nazi-Aufkleber

22.7.2014

M 02.15 Fallbeispiel Jürgen

Der Jürgen[1] von der NPD

Der jüdische Journalist Tuvia Tenenbom erlebt den braunen 1. Mai 2008 in Hamburg und plaudert eine Stunde lang mit dem NPD-Landesvorsitzenden von Tuvia Tenenbom

[…] Ich komme gerade aus Port al-Kantaoui in Tunesien zurück. Die Angestellten des Hotels dort waren sehr herzlich, sie behandelten mich wie einen echten Gott. Einer von ihnen, ein Supergläubiger, fragte, ob ich ein wenig Zeit für ihn hätte. Er bat mich in perfektem Deutsch, »meine Brüder in Palästina« nicht zu vergessen, und drängte mich, in den Gaza-Streifen zu fahren und »zu erläutern, was die Juden so machen«. Wenn ich das täte, so verhieß er mir, würde die Gerechtigkeit obsiegen und »jeder, wo immer er sich befindet, wird ein Gewehr in die Hand nehmen und jeden Juden töten, der ihm unter die Augen kommt«. Zwei ältere Touristen saßen neben uns, beide aus Deutschland, und sie nickten zu den Worten des jungen Tunesiers. »Klar«, sagten sie, »klar.«
Ich war allein und versuchte, diesen überwältigenden Hass auf die Juden zu entschlüsseln, einen Hass, der mir immer wieder an den unterschiedlichsten Orten entgegenschlägt. Ich bin einer von jenen, von denen Sie vielleicht schon mal gehört haben. Ein Jude, ein Jude mit Gepäck. […]
Ich schwimme mit dem Strom, von einem Land zum nächsten. Und mein nächster Stopp wird Deutschland sein. Ich fahre dorthin mit einem neu erwachten Missionsbedürfnis: Leute auf der Straße anhalten. Sie fragen, ob sie jenem charmanten Ehepaar zustimmen.
Und so lande ich am 1. Mai 2008 in Hamburg. Ich hatte ja keine Ahnung. Zwei Stunden später bin ich in Barmbek. Tausende Menschen, viele schwarz gekleidet, demonstrieren fleißig. Ich versuche, ihrem Gegröle zu entnehmen, was sie wollen. […] Ich kenne einen Trick, die Leute zum Sprechen zu bringen: meinen Presseausweis. Ich hänge ihn mir um den Hals, damit ihn alle sehen. Und das tun sie fürwahr. Die hier, das seien die Anarchisten (»Autonome«), und da drüben, das seien die Neonazis, werde ich belehrt. Der Jude in mir ist angetan von der Idee, die Neos zu sehen. Ich habe viel von den Nazis gehört – das ist die Chance, sie endlich leibhaftig zu erleben. Auf den ersten Blick sehen die sogenannten Neonazis der Gruppe auf der anderen Straßenseite sehr ähnlich. […]
»Frei, sozial und national«, singen sie. Dann wird ein Schild hochgehalten: »Deutsche Intifada«. Wie ist die Sache mit der Intifada bloß da hineingerutscht? Ich versuche, Hamas-Zeichen zu erspähen, doch stattdessen sehe ich: »1. Mai seit ’33 arbeitsfrei!« Das ist was Deutsches, hier geht es um Geschichte. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist, aber dieses Zeichen hat mich zum Sprechen gebracht. »Habt ihr Typen was mit Hitler am Hut?«, höre ich mich einen Mann in Schwarz fragen. »Wir reden nicht mit der Presse, weil ihr alle Lügner seid«, lautet die Antwort. Nach ereignislosen Minuten finde ich doch einen Gläubigen. Seine Augen heften sich auf meinen Presseausweis.
»Woher sind Sie?«, fragt der Mann. Sein Name, bemerkt er stolz, sei Jürgen Rieger. »Sie schreiben für die New York Times?«, fragt er, ich habe keine Ahnung, warum. »Ich kenne die New York Times«, erklärt er. Toll. Wir verbünden uns auf der Stelle. Wir kennen beide die New York Times, wir teilen etwas. Jürgen erzählt mir, er sei Landesvorsitzender der NPD in Hamburg. Ich frage nach seiner Visitenkarte. »Habe ich nicht mehr, aber hier kennt mich jeder.« Jürgen ist nicht schwarz gekleidet. Warum? »Mir gefällt das nicht. Ich trage lieber Jackett und Schlips.«
Er beklagt sich darüber, wie die Jugendlichen sich hier kleiden, aber er zweifelt nicht an ihrer Gesinnung. Für ihn sind diese Leute das Beste, was Deutschland zu bieten hat. »Sie glauben an die Sache.« Ein Glück, Jürgen redet gern. Wir plaudern über eine Stunde. Jürgen mag mich. Nach 30 Minuten sagt er: »Ja, ich weiß, ich habe Ihnen gesagt, ich hätte keine Visitenkarte. Ich habe aber eine. Möchten Sie sie?« Ja, ich möchte. Es ist schwer, Nein zu einem Nazi zu sagen, meine Familie konnte das auch nicht. Jürgen gibt, der Jude nimmt.
»Juden«, findet Jürgen, »sind von Geburt an intelligenter, ihr IQ ist etwa 20 Prozent höher als im Durchschnitt, doch sie sind aggressiv und wollen alles beherrschen, wo immer sie auftauchen. Sehen Sie doch, wie sie die Palästinenser behandeln!« – »Frei, sozial und national«, singt die Menge, und Jürgen lächelt. Offenbar liebt er diesen Slogan. »Muslime sind von Natur aus gewalttätig. Sehen Sie einem Türken in die Augen, und Sie werden es sofort erkennen. Es liegt in ihrer Natur.« – »Frei, sozial und national!« Ich offeriere Jürgen eine »intellektuelle« Frage: »Wenn die Muslime von Natur aus gewalttätig sind, dann sind die Israelis vielleicht deshalb so hart zu ihnen…« Er hört die Frage gar nicht, er fährt automatisch fort, glücklich wie ein Kind, das Gelegenheit hat, zu zeigen, was es weiß. »Schwarze«, erklärt er, seien »von Natur aus zurückgeblieben. Ihr IQ liegt 20 Prozent unter dem Durchschnitt.« Jürgen ist ein gebildeter Mann. Doch so sei er nicht immer gewesen, gesteht er. Er habe Jahre gebraucht, um es zu werden. »Vor vielen Jahren traf ich mich mit einem dunkelhaarigen, braunäugigen Mädchen«, vertraut er mir an. »Nach sechs Monaten ging die Beziehung den Bach runter. Damals wusste ich nicht, warum. Heute weiß ich es.« Stolz zeigt er auf sein Haar. »Ich muss mit einer Frau zusammen sein, die ist wie ich. Blonde, blauäugige Menschen müssen blonde, blauäugige Menschen heiraten. Alles andere klappt nicht.«
Ich mag »intellektuelle« Unterhaltungen, darum frage ich ihn: »Wenn ein blonder, blauäugiger Mann eine blonde, blauäugige Frau heiratet, ist das die Garantie für eine glückliche Ehe?« Die Frage gefällt ihm. »Juden«, erklärt er mir, »sind die intelligentesten Menschen der Welt. Sind Sie Jude?« Das weise ich entschieden von mir. »Gut«, sagt er, denn »Juden wollen auch die ganze Welt beherrschen. Sie sind hierhergekommen, in unser Land, 200000 Juden aus Russland. Wissen Sie, warum? Weil sie Deutschland unter ihre Herrschaft bringen wollen. Wir müssen sie zurückschicken!«
Jürgen, der ewig lächelnde, sieht für mich nicht aus wie der klassische Nazi, ob Neo oder nicht. Eher wie ein Clown, finde ich. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie er Juden in einen Fluss wirft und dann auf sie schießt. »Was halten Sie von Adolf Hitler, würden Sie ihn wählen?«, frage ich. »Ja«, erwidert er. »Ja«, ein Wort; ein Wort, das alles sagt.
Ich schaue ihn mir genauer an und kann es kaum glauben. So wie meine Familie im Krieg komme auch ich damit nicht klar. Zu absurd. Vielleicht habe ich ihn nicht richtig verstanden, vielleicht hat er meine Frage nicht kapiert. Ich versuche es noch einmal anders, nur um sicherzugehen: »Glauben Sie, mein Freund, dass sechs Millionen Juden von den Nazis ermordet wurden?« Er sieht mich vielsagend an, als habe er diese Frage erwartet.
»Es ist in unserem Land verboten, das zu leugnen«, sagt er. »Vergessen Sie das Gesetz«, sage ich, »was glauben Sie tief, tief drinnen in Ihrem Herzen?« Er mag meine Art nachzuhaken. »Das kann ich sagen: Ich glaube nicht daran. Es ist legal, wenn ich das sage, und es ist die Wahrheit. Ich glaube nicht, dass es passiert ist.« Der Mann ist Rechtsanwalt. Ich fühle mich wie vor einem Scheidungsgericht auf einem billigen TVKanal und versuche ihm eine Falle zu stellen: »Glauben Sie, dass Adolf Hitler von der Ermordung der Juden wusste?« Überraschenderweise tappt Jürgen hinein. »Adolf Hitler wusste nichts davon; die niederen Offiziere haben es getan.«
»Frei, sozial und national!« Er singt gern, mein Jürgen. Derzeit ist er Single. Keine Liebe in seinem Leben. Hätte er eine, sänge er vielleicht dieses Frei-Gedöns-Zeug nicht, der Gedanke schießt mir durch den Kopf. Könnte eine Jüdin sexuell attraktiv für ihn sein?, frage ich mich laut. Oder eine Muslimin? Doch in diese Fall tappt Jürgen nicht. »Merke ich, dass ich anfange, etwas für eine Frau einer solchen Rasse zu empfinden, würde ich sofort aufhören, mich mit ihr zu treffen.«
Jürgen ist kein »kalter« Mensch, er hat nichts gemein mit den Nazicharakteren, wie sie lange in amerikanischen Filmen gezeigt wurden. Dieser Mann ist ein liebenswertes Geschöpf. Wenn er einem die Hand schüttelt, fühlst du, wie er Wärme verströmt, sein Lachen ist ansteckend. »Mag ja sein, dass im Krieg 300000 Juden ums Leben kamen, aber das ist normal im Krieg«, sagt er mit seinem ewigen Lächeln, unvermittelt, ohne auf eine Frage zu antworten. »Frei, sozial und national!« […]

Aus dem Englischen von Sigrid Weise Tuvia Tenenbom, Autor und Regisseur, geboren in Jerusalem, leitet seit 1994 gemeinsam mit seiner Ehefrau das Jewish Theater of New York

Aus: Tuvia Tenenbom: Der Jürgen von der NPD, in: Die ZEIT online, 02.09.2009, http://www.zeit.de/2008/20/tenenbom/seite-1 (06.11.13)

Arbeitsaufträge

Einzelarbeit

Partner A
  1. Überprüfe, welche typischen Einstellungen des Rechtsextremismus in den Aussagen Riegers erkennbar sind.
  2. Fertige dazu eine Tabelle an, in dem du die Aussagen des Textes den typischen Einstellungen zuordnest.
Partner B
  1. Überprüfe, welche typischen Verhaltensformen des Rechtsextremismus im Erscheinungsbild Riegers erkennbar sind.
  2. Fertige dazu eine Tabelle an, in dem du die Aussagen des Textes den typischen Verhaltensformen zuordnest.
Partnerarbeit
  1. Stellt euch gegenseitig eure Ergebnisse vor und ergänzt diese zu einer gemeinsamen Tabelle.


Das Arbeitsmaterial ist PDF-Icon hier als PDF-Dokument abrufbar.

Fußnoten

1.
Jürgen Rieger (1946-2009): war deutscher Rechtsanwalt, Neonazi, 2008 stellv. Bundesvorsitzender der NPD, angeklagt wegen Volksverhetzung und schwerer Körperverletzung, Leugnung des Holocaust, Verwendung verfassungswidriger Symbole

Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

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