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23.7.2014

Best Practise Projekt 1: "Heldenplatz – Krieger, Helden, Opfer, Täter"

Durchgeführt vom Gymnasium St. Michael in Ahlen im Frühjahr 2011

Hintergrund
Den unmittelbaren Anlass für das Projekt lieferten die Aktivitäten neonazistischer Gruppierungen aus Ahlen und dem nördlichen Ruhrgebiet, die besonders in den Jahren zwischen 2008 und 2012 mit zahlreichen Aktionen, wie Kundgebungen, der Verbreitung extrem rechter Propaganda in Form von Aufklebern, Plakaten und im Internet veröffentlichten Videos, aber auch wiederholt durch gewalttätige Übergriffe in Erscheinung traten. Das auf dem Ahlener Marktplatz errichtete Kriegerdenkmal aus dem Jahr 1896, das mittlerweile als Mahnmal fungiert, diente den Neonazis als bevorzugte Bühne ihrer provokativen Aktionen. Besonders am 8. Mai, dem Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, führten Neonazis in drei aufeinanderfolgenden Jahren gespenstisch anmutende Kundgebungen in Form eines „Heldengedenkens“ durch. Dabei verharmlosten oder leugneten sie die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen, Lehrer/-innen und Schüler/-innen der meisten weiterführender Schulen in Ahlen sowie Bürgermeister und Rat der Stadt riefen daher im Jahr 2011 erstmals am 8. Mai zu einem Aktionstag für Demokratie und Zivilcourage auf, um den Ort und das Datum, die beide von den Neonazis vereinnahmt und in deren Sinne umgedeutet worden waren, gleichsam wieder „zurückzugewinnen“. Der vom Jugendamt der Stadt koordinierte Aktionstag auf dem Marktplatz sollte von den örtlichen Schulen gestaltet werden.

Inhaltliche Zielsetzung des Projekts „Heldenplatz – Krieger, Helden, Opfer, Täter“ Das Projekt „Heldenplatz – Krieger, Helden, Opfer, Täter“ des bischöflichen St. Michael Gymnasium unter der Leitung von Dietmar Hecht entstand in dem beschriebenen Kontext. Das Projekt bestand aus thematisch zusammenhängenden Modulen, die jedoch nicht notwendigerweise aufeinander aufbauten – jedes Modul war und ist demnach als Einzelnes umsetzbar. Die Module können entsprechend des zur Verfügung stehenden zeitlichen Rahmens, der Altersstufe und dem Leistungsniveau der Lerngruppe unterschiedlich kombiniert werden.

Von zentraler Bedeutung für die inhaltliche Ausrichtung des Projekts waren die Schlüsselbegriffe „Held“ und „Zivilcourage“. Herausgearbeitet werden sollten zum einen die Spannungsfelder und Bedeutungsebenen des Begriffs „Held“ zwischen
  • Heldenbildern heutiger Jugendlicher
  • dem Heldenbild des Mahnmals auf dem Marktplatz in Ahlen
  • dem Heldenbild im Heldenkult der Neonazis
  • dem „Helden“, der sich als „(rechts)autonomer“ Rebell sowie als Regel- und Grenzverletzter stilisiert.
Zum anderen sollten die Spannungsfelder und Bedeutungsebenen des Begriffs „Zivilcourage“ ausgelotet werden, der sich zwischen
  • der Verwendung des Begriffs „Courage“ beispielsweise im Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ bewegt und
  • der Verwendung der Begriffe „Zivilcourage“, „Autonomie“ und „Selbstbestimmtheit“ in aktuellen neonazistischen Denkformen und Rhetoriken.
Die Auseinandersetzung mit den Schlüsselbegriffen findet im Rahmen von folgenden Modulen statt:
  • Modul I: „Heroes 2011“: Auf der Suche nach unseren Helden
  • Modul II: „Beschwiegene Mörder“? Eine Auseinandersetzung mit dem Ahlener Mahnmal
  • Modul III: „Helden der Schwarzen Sonne“ – Mit „Zivilcourage“ für das Vierte Reich?


Exemplarische Modulbeschreibungen

Modul I „’Heroes 2011’ – Auf der Suche nach unseren Helden“:

Das Modul sollte zu einer ersten grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff „Held“ anregen. Dabei ging es zum einen um die (unterschiedlichen) historischen Bedeutungsebenen des Begriffs, zum anderen um die Frage, wodurch sich „Helden“ (nicht nur) für Schüler/-innen heute auszeichnen bzw. ob der Begriff gegenwärtig überhaupt noch eine identifikationsstiftende Kategorie darstellt. Als möglicher Einstieg in eine Auseinandersetzung mit dem Begriff bot sich eine örtliche „Spurensuche“ an konkreten Orten und lokalen Schauplätzen an. In Ahlen war dies das ursprünglich als Kriegerdenkmal errichtete Mahnmal auf dem Markplatz. Die auf einem Arbeitsblatt formulierten Leitfragen halfen den Schüler/-innen sich in Kleingruppen mit der Gestaltung und dem Umfeld des Denkmals zu befassen.

Das Arbeitsblatt enthielt folgende Fragestellungen:
  • Oft liegt vor dem Denkmal ein Kranz. Das kennt ihr von Friedhöfen. Der Markplatz ist aber kein Friedhof. Warum liegen dort trotzdem Kränze? Sprecht über mögliche Gründe!
  • Der Engel auf dem Denkmal hält über den Kopf des Soldaten einen Kranz. Überlegt, was mit dieser Darstellung ausgesagt werden soll.
  • Diskutiert folgende Fragen:
    • Ist dieser Soldat für mich ein Held?
    • Welche Menschen nenne ich „Helden“?
  • Notiert die Ergebnisse eurer Diskussion und besprecht diese mit den anderen Gruppen.
Daran anknüpfend lautete ein weiterer Arbeitsauftrag in diesem Modul:
  • Sammelt Bilder, auf denen aus eurer Perspektive „Helden“ dargestellt werden.
  • Fertigt daraus eure eigene „Helden“-Collage
  • Eine Präsentation und Diskussion der Collagen kann im Rahmen des Unterrichts oder im Kontext eines Projekttages geschehen.
Um eine multiperspektivische Annäherung an den Begriff des „Helden“ zu finden, führten Schüler/-innen einzeln oder in Kleingruppen Interviews mit Eltern, Freund/-innen, Lehrer/-innen, Politiker/-innen oder Prominenten aus Sport und Unterhaltung durch. Die Interviewfrage lautete schlicht: „Wer ist für dich/für Sie ein Held“? „Was zeichnet einen Helden oder Heldinnen aus“?

Eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Begriff des „Helden“ war über eine Reihe weiterer im Internet verfügbarer Materialien möglich. Als äußerst anregend erwiesen sich die vom LWL-Industriemuseum in Hattingen erarbeiteten Unterrichtsmodule zum Themenfeld „Helden“, die im Rahmen des Begleitprogramms zur im Jahr 2010 gezeigten Ausstellung „HELDEN“ entwickelt worden waren.
(Weitere Informationen hierzu: http://www.lwl.org/LWL/Kultur/wim/portal/S/hattingen/Ausstellung/Helden/heldenwerkstatt/unterrichtsmodule/)

Modul II „Beschwiegene Mörder“? Eine Auseinandersetzung mit dem Ahlener Mahnmal

Das Mahnmal auf dem Ahlener Marktplatz weist unterschiedliche Zeitebenen auf. Im Jahr 1896 errichtet, sollte es zunächst an die Gefallenen der drei „Einigungskriege“ (1864, 1866 1870/71) erinnern. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden auf dem Denkmal die Namen der zwischen 1914 und 1918 aus Ahlen stammenden Gefallenen angebracht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal mehrfach ergänzt und im Jahr 1985 schließlich zum „Mahnmal“ umgewidmet. Am Volkstrauertag 1988 wurden auf dem Mahnmal in Bronze die Namen der neun während des Ersten Weltkriegs gefallenen jüdischen Soldaten hinzugefügt. Im gleichen Zeitraum entstanden in Ahlen weitere Denkmäler und Mahnmale. Zu nennen ist hier beispielsweise das am 10. November 1985 eingeweihte Mahnmal „Fingerzeig der Geschichte“, das an die in der Schoah ermordeten 88 jüdischen Bürger/-innen Ahlens erinnern soll. Das Modul war als historische Spurensuche zu den Entstehungskontexten und Hintergründen der Ahlener Denk- und Mahnmäler angelegt, wobei die Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Kriegerdenkmal im Zentrum stand. Mit Unterstützung der Ahlener Stadtverwaltung und dem Kreisarchiv Warendorf recherchierten die Schüler/-innen dessen wechselvolle Geschichte als Teil einer sich über die Jahrzehnte hinweg ständig wandelnden Erinnerungskultur.

Modul III „Helden der Schwarzen Sonne“ – Mit „Zivilcourage“ für das Vierte Reich?

In diesem Modul sollte eine Auseinandersetzung mit den Symbolen, Weltbildern und (Selbst-) Inszenierungspraktiken regionaler neonazistischer Gruppen stattfinden. Ausgangspunkt bildete das Symbol der „Schwarzen Sonne“, das an ein zwölfarmiges Hakenkreuz oder an ein Bündel aus zwölf Sig-Runen erinnert und von extrem rechten Akteur/-innen vielfach auf Transparenten, Flugblättern und Kleidungsstücken verwendet wird. (Vgl. www.dasversteckspiel.de.) Der Mythos der „Schwarzen Sonne“ gründet nicht zuletzt darauf, dass sich ein derart gestaltetes Sonnenrad als Bodenmosaik im Nordturm der bei Paderborn gelegenen Wewelsburg findet, die in der Zeit des Nationalsozialismus als ideologisches Zentrum der SS fungieren sollte. Noch heute ist daher die Wewelsburg, in der sich seit den frühen 1980er Jahren eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes findet, ein bei Neonazis beliebter Ausflugsort. Zudem existiert mittlerweile eine breite Rezeption des Motivs wie auch der mythisch überhöhten Wewelsburg in einschlägigen extrem rechten Publikationen. Ganz in dieser Interpretationslinie stilisierten Ahlener Neonazis in einem Eintrag auf ihrer Internetseite die „Schwarze Sonne“ zu einem Symbol „sich selbst bestimmender Menschen“. In den rechtsextremen Veröffentlichungen wie auch in den Verlautbarungen der neonazistischen Gruppe aus Ahlen avancierte das Sonnenrad zum Sinnbild von „Rebellion“ und unangepasstem Verhalten gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Die Materialgrundlage des Moduls bildeten daher Auszüge aus den rechtsextremen Veröffentlichungen und die (Selbst-)Stilisierungen der örtlichen Neonazis. Die Schüler/-innen recherchierten zum einen zu den ideologischen Hintergründen der „Schwarzen Sonne“ – nutzbar waren hier etwa die vom Kreismuseum Wewelsburg aufbereiteten Materialien – setzten sich aber auch mit den Haltungen und weltanschaulichen Positionen der lokalen neonazistischen Aktivist/-innen auseinander.

Die zentralen Leitfragen lauteten:
  • Könnte für uns derjenige, der Zivilcourage zeigt, ein Held sein, weil er ein Rebell ist?
  • Schätzen wir die Autonomen Nationalisten Ahlen als Rebellen ein?
  • Zeigen sie mit ihren Aktionen Zivilcourage?
Neben der Beschäftigung mit dem Symbol der „Schwarzen Sonne“ und dessen Bedeutung für den aktuellen Rechtsextremismus ging es in dem Modul also auch um eine Auseinandersetzung mit der normativen Aufladung der Begriffe „Held“ und „Zivilcourage“.

Fazit
Insgesamt war das bemerkenswerte am Projekt „Heldenplatz – Krieger, Helden, Opfer, Täter“ dessen Vielschichtigkeit. Es verknüpfte eine Beschäftigung mit den Entwicklungslinien der lokalen Erinnerungskultur mit der Erarbeitung von Informationen über die aktuellen Erscheinungs- und Ausdrucksformen regionaler und lokaler rechtsextremer Strömungen. Auf einer dritten Ebene wollte das Projekt dazu anregen, über vielfach unhinterfragt gebrauchte Begriffe wie „Helden“ oder „Zivilcourage“ zu reflektieren. Das Projekt zeichnete sich somit durch seinen Gegenwartsbezug ebenso aus wie durch Multiperspektivität, den in allen Modulen praktizierten Ansatz des entdeckenden Lernens sowie nicht zuletzt den Mut und die Bereitschaft, sich auf eine Auseinandersetzung mit den Verlautbarungen und Veröffentlichungen aus dem neonazistischen Spektrum einzulassen.

Weitere Informationen zum Projekt: Eigener Text von Heiko Klare und Michael Sturm (mobim)

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Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

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