Inhaltsbeschreibung
Die Bundesrepublik Deutschland versteht sich mit dem grundgesetzlich verankerten Schutz der Freiheit und Würde der Einzelnen als Antithese zur nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Doch wie weit konnte dieser Anspruch in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft eingelöst werden? Ressentiments und abwertende Denkmuster wie antisemitische, rassistische und homophobe Einstellungen hielten sich, so die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum, hartnäckig und verschwanden nur langsam.
In Ministerien, Polizei, Bundeswehr, Wirtschaft, Medien sowie im Bildungs- und Gesundheitswesen verblieben vielfach dieselben Personen in Ämtern, die sie bereits vor 1945 innegehabt hatten. Nicht zuletzt aufgrund solcher personeller Kontinuitäten erfuhren Frauen, Männer und Kinder, die zuvor aufgrund ihres sozialen oder sexuellen Verhaltens, einer Krankheit oder ihrer als „rassisch“ definierten Herkunft aus der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen, verfolgt, eingesperrt oder ausgebeutet worden waren, auch in der Bundesrepublik oftmals Diskriminierung. Stefanie Schüler-Springorum rekonstruiert diese Kontinuitäten aus der Perspektive der Betroffenen und verdeutlicht so, wie brüchig sich der reklamierte Neubeginn für sie darstellte.