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"Alles erstirbt in Angst"

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"Alles erstirbt in Angst" Deutsche Juden im ersten Jahr der NS-Herrschaft

Mark Roseman

/ 16 Minuten zu lesen

Zeitgenössische Zeugnisse zeigen, wie tief und dauerhaft die jüdische Gemeinschaft von den Erschütterungen des Jahres 1933 getroffen wurde. Wer diejenigen, die das Land nicht verließen, in der Rückschau für blind oder naiv erklärt, macht es sich dennoch viel zu einfach.

"Nirgends ist mehr Recht in Deutschland! Nirgends", klagte der Breslauer Lehrer Willy Cohn, nur drei Wochen nachdem Hitler Kanzler geworden war.

"Ich möchte zur Hitlerjugend oder 'Luise' werden", verkündete die junge Gisela Solmitz. "Keinem Verein gehöre ich an, ich möchte doch auch so gern! Alle sind drin." Gisela konnte den Umstand, dass die Nazis sie als Jüdin betrachteten, nicht akzeptieren. Bis vor Kurzem wusste sie nicht, dass ihr Vater vom Judentum konvertiert war. Ihre Mutter musste wiederholt sagen: "Es geht nicht, es geht wirklich nicht."

"Wenn wir von den Andersgläubigen boykottiert werden, dann müssen wir Juden doch zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen", insistierte die Stenotypistin Enni Hilzenrad. "Der Rabbinerverband bittet die deutschen Juden dem deutschen Vaterland Treue zu bewahren. Sieht er denn nicht, was vorgeht. Sollen wir ins Ghetto zurück? Unsagbares Elend winkt uns."

"Was und wieviel bindet Dich hier?", fragte sich der 25-jährige Jude Rudolf Otto Heinsheimer in einem Brief an seine Frau, nachdem er eine Rede von Hitler gehört hatte, die er für inspirierend hielt. "Was und wieviel erwartet Dich hier? Gibt es für einen Juden (…) wirklich keine Möglichkeit, da, an dieser Sache mitzuarbeiten?"

Vielfalt und Zerrissenheit

Bereits diese wenigen Selbstzeugnisse deutscher Jüdinnen und Juden zeigen: Selbst in Anbetracht von Hitlers antisemitischer Hetze sollte man nicht erwarten, dass 1933 alle deutschen Juden die gleiche Sichtweise vertraten.

Die Nationalsozialisten stellten "den Juden" als einheitliche Sache dar, durchweg böse und auf verschwörerische Weise mit seinesgleichen verbunden. Tatsächlich aber war die jüdische Gemeinschaft in Deutschland sehr divers: Es gab akkulturierte Juden, orthodoxe Juden, Zionisten, Juden in Mischehen, konvertierte Juden und viele andere mehr. Ein Fünftel waren neue Einwanderer aus Osteuropa, die sogenannten Ostjuden. 60 bis 70.000 Jüdinnen und Juden waren im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) organisiert, einem 1893 gegründeten Interessenverband, der gegen Antisemitismus ankämpfte, aber stark patriotisch eingestellt war. Die ein Jahr später gegründete Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZVfD), die etwa 20.000 Mitglieder hatte, strebte wiederum danach, eine jüdische Heimat in Palästina zu erschaffen, allerdings nicht mit dem Ziel, jüdisches Leben in Deutschland ganz und gar aufzugeben. Die jüdische Veteranenorganisation Reichsbund jüdischer Frontkämpfer (RjF) hatte die größte Breitenwirkung auf der rechten Seite des jüdischen Spektrums. Die Vielfalt wurde von manchen indes als Makel empfunden: "Die deutschen Juden sind politisch unorganisiert, atomisiert und im wahrsten Sinne führerlos", beklagte ein Leitartikler in der "Jüdischen Rundschau" wenige Tage nach Hitlers Machtantritt.

Während viele Juden zutiefst besorgt waren über das, was geschah, hofften manche, dass sie die Nazis von ihrer patriotischen Gesinnung überzeugen könnten. Nicht wenige junge Menschen fühlten sich von der Energie der Bewegung angezogen und wollten als stolze Deutsche Teil davon sein. Rudolf Otto Heinsheimers oben zitierte Überlegungen sind hierfür ein typisches Beispiel. Andere, die nicht glaubten, dass sich der Antisemitismus der Nazis überwinden ließe, erkannten dennoch den Reiz der Bewegung und waren verblüfft, dass die Partei eine derartig unnötig erscheinende Haltung gegenüber den Juden eingenommen hatte.

Die Hoffnung auf eine mögliche Integration währte vor allem bei einem kleinen Rand mit konservativeren und nationalistischeren Einstellungen länger, etwa in den Reihen des Verbandes nationaldeutscher Juden oder im Verein Der Deutsche Vortrupp. Gefolgschaft deutscher Juden, der im Februar 1933 gegründet worden war. Indem sie ihren eigenen militanten Nationalismus zur Schau stellten, hofften sie, das Regime davon überzeugen zu können, dass sie Geistesverwandte waren. Eine Zeitlang war dies auch das Bestreben des RjF, insbesondere nachdem dieser im April 1933 erfolgreich auf den Präsidenten Paul von Hindenburg eingewirkt hatte, die Folgen der Entlassungen im Verwaltungs-, Justiz- und Gesundheitswesen einzudämmen. Der RjF versuchte, sich selbst an die Spitze eines geplanten autoritäreren "Führerrats" jüdischer Organisationen zu setzen. Eine energische Intervention des einflussreichen Rabbiners Ignaz Maybaum, seinerseits Mitglied des RjF, stoppte die Initiative jedoch.

Rudolf Otto Heinsheimers Geschichte bietet indes auch ein Beispiel dafür, wie rasch sich Wahrnehmungen und in der Folge Lebenswege ändern konnten. Bereits wenige Wochen nachdem er die zitierten Gedanken niedergeschrieben hatte, war er im Begriff, nach Palästina aufzubrechen. Seine Kommentare sind zudem dahingehend aufschlussreich, wie sich die zeitgenössische Erfahrung von späteren Darstellungen unterscheidet. Nach der Gründung des Staates Israel 1948 wurde Heinsheimer unter dem Namen Uri Yadin zu einer wichtigen Figur im israelischen Justizwesen. Seine Tochter Shulamit Volkov, eine renommierte Historikerin, sah ihn lange als die Personifizierung der "perfekten zionistischen Geschichte": ein junger Mann, der den Antisemitismus Europas hinter sich lassen wollte zugunsten der erlösenden Aussicht einer neuen jüdischen Gesellschaft. Heinsheimers Gewissenskampf im Mai 1933 und sein junges deutsch-jüdisches Selbst waren ihr unbekannt gewesen. Erst nach dem Tod ihres Vaters 1985 entdeckte Volkov diese verborgene frühe Stimme.

Mit unserem Wissen darüber, wie die Dinge in Nazi-Deutschland endeten, ist es schwer, diese Ungewissheit nachzuempfinden: die wöchentlichen oder gar täglichen Schwankungen dieser frühen Wochen und Monate unter der nationalsozialistischen Herrschaft. Deshalb sind zeitgeschichtliche Dokumente wie die Briefe Heinsheimers so wertvoll; sie sind Zeugnisse von Spekulationen, die bald völlig irrelevant erschienen. Die Entscheidung, zu gehen, war fundamental. Sobald man Nazi-Deutschland verlassen hatte, war der gesellschaftliche Hintergrund, vor dem man handelte, der eine Projektionsfläche bot und über den man sich definierte, ein anderer. Dies schuf eine Distanz zum früheren Selbst und verlieh der schlichten Tatsache, dass man gegangen war – und andere wiederum nicht – eine psychologische Klarheit und moralische Bedeutung, die der zuvorigen Zerrissenheit zwischen "Gehen" oder "Bleiben" nicht entsprach. Unter den neuen Bedingungen führte dies zur Anpassung von Selbstnarrativen, etwa zu einem makellosen zionistischen Lebenslauf, der ein kurzes Liebäugeln mit Hitler überdeckte.

Vorsicht und Ungewissheit

Die Entdeckung des Centralverein-Archivs in den 1990er Jahren hat offengelegt, wie hart der CV vor 1933 daran gearbeitet hatte, die Nationalsozialisten zu bekämpfen und vor der Bedrohung, die sie darstellten, zu warnen. Nach 1933 übermittelte der CV Informationen ins Ausland, nicht zuletzt durch sein Mitglied Alfred Wiener, der nun das Jewish Central Information Office in Amsterdam leitete. Doch obwohl sie gut informiert waren über die Gefahr der Nazis, konnten weder der CV noch andere jüdische Beobachter vorhersagen, was Hitlers Ernennung zum Reichskanzler bedeuten würde. Würde die neue Koalition beständiger sein als ihre Vorgängerinnen? "Auch sie werden mit der Wirtschaftskrisis [sic!] nicht fertig werden", prophezeite Willy Cohn, ein stolzer Veteran, Sozialdemokrat und Zionist, am 31. Januar, "und dann kommt der große Umschlag nach links!" Aber wenn es Hitler gelingen sollte, Kanzler zu bleiben, wäre seine vorherige Rhetorik dann ein guter Indikator für sein Verhalten im Amt? Würde er von seinen konservativen Partnern gebändigt werden? Die Signale der Nationalsozialisten selbst waren widersprüchlich. Auf den Straßen kam es in den ersten Februartagen zu zahlreichen beunruhigenden Zwischenfällen, aber lag dies vielleicht daran, dass es Hitler noch nicht gelungen war, die radikalere Basis zu zügeln?

Die öffentliche Kommunikation von führenden jüdischen Repräsentanten im Februar 1933 sollte vor diesem Hintergrund betrachtet werden. Am 2. Februar 1933 verkündete der CV, man erwarte, "dass die verfassungsmäßigen Rechte der deutschen Juden nicht angetastet werden" und die deutschen Juden nicht die "Ruhe" verlieren würden, "die ihnen das Bewusstsein untrennbarer Verbundenheit mit allem wirklichen Deutschen gibt". Die orthodoxe jüdische Wochenzeitung "Der Israelit" bestätigte, die Ernennung Hitlers zum Kanzler "bedeutet eine schwere stimmungsmäßige Belastung der ganzen deutschen Judenheit", glaubte aber nicht, "daß Herr Hitler und seine Freunde, einmal in den Besitz der lange erstrebten Macht gelangt, nun etwa nach dem Rezept des 'Angriff' oder des 'Völkischen Beobachters' vorgehen und kurzer Hand die deutschen Juden ihrer verfassungsmäßigen Rechte entkleiden" würden, und führte weiter aus, dass der Druck, sich "mitten im Konzert der Kulturvölker" wie eine zivilisierte Macht zu verhalten, dies verhindern würde. In diesen Artikeln wurde versucht, eine empfindliche Balance zu halten: Sie sollten einerseits die Gefahren anerkennen und Signale an das Regime senden, andererseits die Wogen glätten und Mitglieder und Leser vor unnötigen Ängsten bewahren.

Manche dürften solche Töne beruhigt haben. Andere waren von ihnen frustriert. Als Reaktion auf spätere, ähnlich besänftigende Stellungnahmen verurteilte das CV-Mitglied Käthe Hammerstein die "widerwärtige" und "ekelhafte" Anbiederung. Der Philologe Victor Klemperer, ein protestantischer Konvertit, der sich dessen bewusst war, dass die Nationalsozialisten und Antisemiten ihn als Juden betrachteten, war ebenfalls verärgert über die Vorsicht der jüdischen Anführer in der Presse. Doch Klemperer gab zu, dass er selbst genauso unsicher darüber war, in welche Richtung die Entwicklung ging. "Am meisten berührt, wie man den Ereignissen so ganz blind gegenübersteht."

Für den CV gab es zweierlei Unsicherheit: Zum einen war nicht abzusehen, wie weit die Nationalsozialisten mit Gewalt, wirtschaftlichen Maßnahmen und Einschränkungen der Bürgerrechte noch gehen würden; zum anderen stellte sich die fundamentale Frage der Identität – würde es in Zukunft Platz geben für jene "untrennbare Verbundenheit" zwischen Juden und Deutschen, die der CV so schätzte? Im Gegensatz dazu fühlten sich viele deutsche Zionisten in ihrer Kritik an der Assimilation bestätigt. Nur sie, behaupteten sie, hätten die "naturgegebene Distanz zwischen Juden und Nichtjuden" richtig eingeschätzt. Es sei "lächerlich", sich gegen die Rhetorik der Nazis "durch Berufung auf jüdische Leistungen verteidigen zu wollen". Die Zionisten sahen sich nun selbst in einer Führungsrolle: Die deutschen Juden könnten stark sein, wenn sie den Schaden abschütteln würden, den die Assimilation mit sich gebracht hatte, wenn sie sich befreien würden von ihrer "Atomisierung und Selbstverlorenheit" und sich versammeln würden "um dieses jüdische Banner". Allerdings sahen sich die Zionisten bei ihren öffentlichen Verlautbarungen genau wie der CV oftmals zu einem vorsichtigen Balanceakt gezwungen.

Gewalt und Boykott

Was aus unserer heutigen Perspektive, wo die Demokratie fragiler wirkt, als man es vor einem Jahrzehnt für möglich gehalten hätte, im Hinblick auf die Wochen nach dem 30. Januar 1933 besonders auffällt, ist das Ausmaß an Gewalt und die Geschwindigkeit, mit der grundlegende Rechtsgüter außer Kraft gesetzt wurden. Weniger als eine Woche nach der "Machtergreifung" hielt Willy Cohn die "furchtbare Nachricht" fest, dass ein ehemaliger Student nach einem Reichsbanner-Aufmarsch von der SA ermordet worden war. Wenige Wochen später, nachdem einer der Mörder aus der Haft entlassen wurde, formulierte Cohn die eingangs zitierte Stellungnahme über die herrschende Rechtlosigkeit. In dieser frühen Phase war die Gewalt der Nationalsozialisten zwar öfter gegen die Linke gerichtet als gegen Juden per se, aber jüdische Personen vom linken Flügel waren von allen am meisten gefährdet und sahen sich sowohl durch polizeiliche Aktionen als auch durch das verbrecherische Vorgehen der SA bedroht. Viele jüdische Politiker flohen außer Landes. Das Ausmaß der Gewalt unterschied sich nicht nur nach politischer Zugehörigkeit, sondern auch nach Regionen. In manchen Gebieten, etwa in Pommern, hatte der CV bereits vor 1933 einen Notstand für Juden erkannt. Fast ein Fünftel der deutschen Juden lebte in kleinen Ortschaften, wo sie exponierter waren als diejenigen in den großen Städten.

Nach den Wahlen am 5. März gab es für die jüdischen Beobachter noch mehr Anlass zur Sorge. "Was ich bis zum Wahlsonntag (…) Terror nannte", schrieb Klemperer am 10. März, "war mildes Prélude". Die Berichte von Straßengewalt, Überfällen, Morden und die Abwesenheit rechtlicher Konsequenzen waren schockierend. Chronisten beriefen sich oft auf das Mittelalter oder, wie der schrullige Breslauer Buddhist und "Rassejude" Walter Tausk, auf den Dreißigjährigen Krieg, womit sie das tiefe Gefühl vermittelten, dass sich die moderne Welt, in der sie zu leben glaubten, aufgelöst hatte. "Ich habe mich wahrhaftig immer als Deutscher gefühlt", hielt Klemperer fest, "Und ich habe mir immer eingebildet: 20. Jahrhundert und Mitteleuropa sei etwas anders als 14. Jahrhundert und Rumänien. Irrtum."

Sogar jene, die relative Sicherheit genossen, waren zutiefst verunsichert von den Vorfällen anderswo. Erleichtert darüber, dass Hamburg das Schlimmste erspart blieb, registrierte der Hamburger Anwalt Kurt Rosenberg trotzdem die Gewalt im fränkischen Rothenburg, wo alle jüdischen Männer brutal zusammengeschlagen worden waren, wie auch in Coburg, wo im Laufe der Monate März und April 150 Menschen, darunter 39 Juden, wochenlang in Kellern gefangen gehalten und brutal misshandelt wurden, sowie die bösen Attacken in Gelsenkirchen und weitere mehr. Die Bedrohung bestand nicht nur in Form von Straßengewalt, sondern ging auch von der Polizei und Denunziationen aus. Bereits im März notierte Klemperer, es sei "furchtbar leichtsinnig, dies alles in mein Tagebuch zu schreiben," und fügte im April hinzu, dass die Nutzung des Telefons nun auch ein Risiko sei.

Infolge der Machtergreifung organisierten Nazi-Gruppen lokale Boykotte jüdischer Geschäfte. In der zweiten Märzhälfte vergrößerte sich der Druck für eine Aktion auf nationaler Ebene. Zunehmende Proteste im Ausland gegen die Behandlung der Juden in Deutschland lieferten den Nationalsozialisten eine Ausrede, sich über die "Gräuelpropaganda" zu beschweren und mit Vergeltungsmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte zu drohen, sollten solche Kampagnen kein Ende nehmen. Wieder einmal steckten die jüdischen Organisationen in der Klemme. Sie konnten es nur begrüßen, wenn internationaler Protest die Aufmerksamkeit auf das Verhalten der Nazis lenkte. Gelänge es ihnen aber, die Beschwerden einzudämmen, würden sie den Mythos nähren, dass sie die internationalen Reaktionen erst angefacht hätten. Zudem war ihnen bewusst, dass das Thema "ausländische Propaganda" bereits seit dem Ersten Weltkrieg, als die Darstellung der Deutschen als barbarische "Hunnen" allseits verurteilt worden war, breite Resonanz in der deutschen Öffentlichkeit fand. Sie wollten dem Regime keinerlei Gelegenheit bieten, Juden als anti-deutsch darzustellen. Der CV und die Zionisten kommunizierten daher äußerst vorsichtig; neben der öffentlichen Ablehnung der "Übertreibungen" im Ausland und Telegrammen an amerikanisch-jüdische Organisationen, in denen um Zurückhaltung gebeten wurde, gab es verdeckte Korrespondenz mit denselben Organisationen, in denen man der eigenen öffentlichen Kommunikation weitestgehend widersprach, sowie maßvolle öffentliche Kritik an den antisemitischen Aktionen. Diese Schritte mögen logisch und strategisch gewesen sein – sie verhinderten jedoch weder den Boykott, noch legten sie gewöhnlichen Mitgliedern offen, was ihre führenden Repräsentanten wirklich dachten.

Auch wenn er nur einen Tag andauerte, war der nationale Boykott am 1. April 1933 ein Schock für die deutschen Juden. Er ließ sich nicht mehr einfach abtun als lokale Aktion skrupelloser Hitzköpfe, die von einer verantwortungsvollen Parteiführung noch nicht auf Linie gebracht worden waren. Doch die Erfahrung war ambivalent. Wie Marta Appel, die Ehefrau des Dortmunder Rabbiners, notierte, nachdem sie am 1. April durch das Stadtzentrum gegangen war, fiel die Reaktion der Masse oft verhalten oder negativ aus. Viele Berufstätige, wie Henriette Nefheles-Magnus aus Hamburg-Wandsbek, waren überrascht und gerührt von den Bekundungen geduldiger Loyalität. Doch in den folgenden Monaten bemerkten die Juden, wie sich diejenigen, die im April ihre Solidarität bekundet hatten, nach und nach zurückzogen. Nachdem sie zu einem Kaffeekränzchen eingeladen worden war, das sie früher oft besucht hatte, sagte Appel trotz Bedenken und einer schlaflosen Nacht zu – und fand niemanden vor, als sie dort ankam. Aber sie konnte den Druck nachvollziehen, der auf ihren nicht-jüdischen Bekannten lastete. "Schwerlich werden diejenigen, die unsere Tage nur noch als Geschichte erleben, erkennen können, wie tief der Zwang auf das Einzelleben wirkt", hielt Kurt Rosenberg im Mai fest. "Das Briefgeheimnis ist aufgehoben. In jedem Briefe wägt man seine Worte. Das gesprochene Wort ist eine Gefahr, hinter der das Gefängnis steht. Überall herrscht der Zwang, Bewegungen anzugehören, die nicht der eigenen Überzeugung entsprechen." "Aber alles, buchstäblich alles", schrieb Klemperer, "erstirbt in Angst".

Unterdessen kamen wirtschaftliche Sorgen zu denen um die persönliche Sicherheit hinzu. Das am 7. April erlassene "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" sowie nachfolgende Maßnahmen in juristischen und medizinischen Bereichen sorgten in Verbindung mit lokalen Boykottaktionen und den Entlassungen jüdischer Arbeitnehmer für echte wirtschaftliche Not. Die Hälfte aller jüdischen Richter und Staatsanwälte verlor ihre Arbeit. Viele jüdische Ärzte verloren ihre Kassenzulassung. Bereits im Frühjahr 1933 war ein Drittel der jüdischen Angestellten arbeitslos, in Berlin die Hälfte der jüdischen Arbeiter.

Fluchtversuche

"Man hört von jüd. Selbstmorden (…) und man fühlt das Schwert im eigenen Nacken", hielt Rosenberg Anfang April fest. Er selbst überlegte, mit seiner Familie ins Ausland zu fliehen. Doch neben all den Sorgen, die mit dem Verlassen der vertrauten Welt verbunden waren, gab es enorme Hürden, die zu überwinden waren, ehe dies überhaupt möglich war. Alle Vermögenden hatten eine "Reichsfluchtsteuer" in Höhe von 25 Prozent zu begleichen, die Devisenkontrollen waren äußerst streng, und die offiziellen Wechselkurse der Reichsmark waren stark unterbewertet. Zudem stellte sich die Frage der Pässe. Die Pässe der Breslauer Juden beispielsweise wurden im März eingezogen. Doch selbst, wenn all dies geklärt war: Wohin konnte man dann gehen? Nur wenige Staaten hießen Neuankömmlinge mit offenen Armen willkommen. Abgesehen von Frankreich, wo die Einreise in der ersten Jahreshälfte 1933 ohne Visum möglich war, gab es in den meisten Ländern strenge Grenzkontrollen und einen noch strenger geregelten Zugang zum Arbeitsmarkt.

In Anbetracht dieser Bedingungen ist es bemerkenswert, dass rund sieben Prozent der deutschen Juden, etwa 37.000 Menschen, Deutschland im ersten Jahr der NS-Herrschaft verließen. Deutlich mehr, womöglich doppelt so viele, ersuchten bei jüdischen Agenturen Rat zu einer möglichen Emigration. Von denen, die aufbrachen, flohen drei Viertel in kontinentaleuropäische Länder und das Vereinigte Königreich, über die Hälfte allein nach Frankreich. Diese Zahlen sind Schätzungen, da viele die Grenzen Deutschlands illegal überquerten. Die übrigen jüdischen Emigranten gingen 1933 größtenteils nach Palästina.

Das Leben in Palästina war zweifellos hart, aber zumindest hatten diejenigen, die dort aufgenommen wurden, das Recht zu bleiben und zu arbeiten. Andernorts fanden sich viele Geflohene in solch einer wirtschaftlichen Misere wieder, dass Tausende bald zurückkehrten. Die deutschen Juden erfuhren rasch von der ernsten Notlage derer, die ins Ausland gegangen waren. Die deutsch-jüdischen Wohlfahrtsverbände, darunter sogar zionistische, baten potenzielle Auswanderer dringend darum, erst aufzubrechen, sobald sie ihren Lebensunterhalt gesichert hatten. Die Zahl der Menschen, die in europäische Länder auswanderte, sank in den folgenden Jahren rapide.

Geblendet und getäuscht?

Jahrzehnte nach dem Krieg war es eine verbreitete Ansicht unter deutsch-jüdischen Emigranten, dass die in Deutschland Zurückgebliebenen von der Tragödie erfasst worden waren, weil sie die Gefahr nicht ernst genug genommen hatten; weil sie es nicht für möglich gehalten hatten, dass ihnen etwas passieren könne; weil sie zu stark an ihr Vaterland gebunden waren, an ihr Geld und Mobiliar; weil sie zu geblendet und getäuscht waren, um die Zeichen der Zeit zu erkennen. Der Historikerin Deborah Lipstadt zufolge sei in den USA unter Juden, die nach dem Holocaust geboren sind, häufig eine Variation des folgenden Satzes zu hören: "Wie konnten sie nicht begreifen, was die Nazis mit ihnen vorhatten?" Aus der sicheren Position der Nachgeborenen "verweisen Post-Holocaust-Juden auf das, was sie für die Gleichgültigkeit und den Selbstbetrug der Juden in Nazi-Deutschland halten, um zu erklären, warum sie – eines Besseren belehrt – die Stimme beim geringsten Anzeichen von Antisemitismus erheben, sei er real oder eingebildet".

Schon die kurze Darstellung jüdischer Reaktionen zu Beginn dieses Artikels legt nahe, dass das verbreitete Urteil über die deutschen Juden in Nazi-Deutschland viel zu vereinfacht ist. In ihm werden die Konsternation und die Schwankungen der jüdischen Wahrnehmungen und Erfahrungen nicht erfasst. Es missversteht zudem die patriotischen Äußerungen jüdischer Organisationen, hinter denen weitaus komplexere und realistischere Kalkulationen standen, als es zunächst erscheint. Es missversteht auch den Umstand, dass die Emigration das Niveau von 1933 erst wieder 1938 erreichte und überholte – was in Wirklichkeit ein Zeichen dafür ist, dass die massive Auswanderung des Jahres 1933 vielen, die aufgebrochen waren, keine Erleichterung brachte. Außerdem ist es letztlich ein Pauschalurteil über zahlreiche Einzelpersonen, deren Wahrnehmungen und Kalkulationen sich fortwährend veränderten. Niemand hätte 1933 Auschwitz vorhersagen können, nicht einmal 1939.

Sicher, jüdische Organisationen und Individuen versuchten sich an die neuen Umstände anzupassen und einen Weg zu finden, ihr Leben weiterzuführen. Um den Bedürfnissen des jüdischen Gemeinwohls gerecht zu werden, schufen jüdische Körperschaften im April 1933 den Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau (ZAHA). Im September einigten sich die wichtigsten jüdischen Organisationen dann darauf, ein neues gemeinsames Führungsinstrument zu schaffen, die Reichsvertretung der deutschen Juden, obwohl CV, RjF und ZVfD weiterhin eine wichtige Rolle spielten. Der CV hoffte seinerseits noch eine Zeitlang, dass in Deutschland irgendeine Form von jüdischem Leben möglich sein würde, und drängte seine Mitglieder dazu, ihre Posten nicht aufzugeben, ehe sie dazu gezwungen wären. Aber schon 1935 verkündete der ZAHA, dass die allermeisten jungen Juden ihr Glück im Ausland suchen müssten; bis 1939 sank die Zahl der Jüdinnen und Juden unter 40 Jahren in Deutschland im Vergleich zu 1933 um 80 Prozent.

Auch hier wird deutlich, wie irreführend eine Rückschau sein kann. Die Entscheidung, aufzubrechen, veränderte nicht nur das Verständnis von einem selbst, sondern auch die eigene Wahrnehmung jener, die zurückgelassen wurden. Selbstverständlich hatten viele deutsche Juden an die Kultur geglaubt, die einen großen Teil ihrer Identität ausmachte, und sich gegen die Erkenntnis gesträubt, dass wirklich alles verloren war. All dies war keine Erfindung der Nachkriegserinnerung. Aber die zeitgenössischen Dokumente und Zeugnisse zeigen uns, wie tief und dauerhaft die jüdische Gemeinschaft wieder und wieder von den fortlaufenden Erschütterungen des Jahres 1933 getroffen wurde.

Übersetzung aus dem Englischen: Maximilian Murmann, München.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Willy Cohn, Kein Recht, nirgends. Tagebuch vom Untergang des Breslauer Judentums, Köln 2006, S. 13.

  2. Zit. nach Frank Bajohr/Beate Meyer/Joachim Szodrzynski (Hrsg.), Bedrohung, Hoffnung, Skepsis. Vier Tagebücher des Jahres 1933, Göttingen 2013, S. 217. "Luise" bezieht sich auf den Luisenbund, die Frauenbewegung des Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten.

  3. Enni Hilzenrad, Brief an den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Berlin, 25.3.1933, United States Holocaust Memorial Museum, RG-11.001M.31, reel 100.

  4. Zit. nach Shulamit Volkov, Der einzelne und die Gemeinde: zwischen Erfüllung und Enttäuschung, in: dies., Das jüdische Projekt der Moderne. Zehn Essays, München 2001, S. 184–199, hier S. 187.

  5. Robert Weltsch, Innere Sicherheit, in: Jüdische Rundschau, 3.2.1933, S. 45.

  6. Vgl. Volkov (Anm. 4).

  7. Cohn (Anm. 1), S. 7.

  8. C.V. Zeitung, 2.2.1933, S. 33f.

  9. Der Israelit, 2.2.1933, S. 1f.

  10. Zit. nach Daniel Siemens, Leben ohne Zukunft?, in: Regina Grundmann/ders./Bernd J. Hartmann (Hrsg.), "Was soll aus uns werden?" Zur Geschichte des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens im nationalsozialistischen Deutschland, Berlin 2020, S. 15–44, hier S. 25.

  11. Victor Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Berlin 1988, S. 7.

  12. Weltsch (Anm. 5), S. 46.

  13. Vgl. Jürgen Matthäus, Zwischen Anpassung und Risikobereitschaft: Der Centralverein nach der NS-"Machtergreifung", in: Rebekka Denz/Tilmann Gempp-Friedrich (Hrsg.), Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens: Anwalt zwischen Deutschtum und Judentum, Berlin–Boston 2021, S. 195–210, hier S. 197.

  14. Cohn (Anm. 1), S. 8.

  15. Klemperer (Anm. 11), S. 8.

  16. Ebd., S. 15.

  17. Vgl. Kurt F. Rosenberg, "Einer, der nicht mehr dazugehört". Tagebücher 1933–1937, Göttingen 2012, S. 61, S. 100.

  18. Klemperer (Anm. 11), S. 12.

  19. Zit. nach Monika Richarz (Hrsg.), Jüdisches Leben in Deutschland. Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918–1945, Stuttgart 1982, S. 231f.

  20. Zit. nach Margarete Limberg/Hubert Rübsaat (Hrsg.), Germans No More. Accounts of Jewish Everyday Life, 1933–1938, New York 2006, S. 19–22.

  21. Vgl. Richarz (Anm. 19).

  22. Rosenberg (Anm. 17), S. 89.

  23. Klemperer (Anm. 11), S. 50f.

  24. Rosenberg (Anm. 17), S. 74f.

  25. Vgl. Herbert A. Strauss, Jewish Emigration From Germany. Nazi Policies and Jewish Responses (I), in: Leo Baeck Institute Year Book 1/1980, S. 313–361; Arbeitsbericht des Zentralausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, Berlin 1933, S. 11ff., Externer Link: https://archive.org/details/arbeitsberichtde00unse/page/n12/mode/1up.

  26. Deborah E. Lipstadt, Aryan Nation, 26.4.1998, Externer Link: nytimes.com/books/98/04/26/reviews/980426.26lipstat.html.

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ist Professor für Neuere Europäische und Jüdische Geschichte an der Indiana University in Bloomington, USA.
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