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1933 in globalgeschichtlicher Perspektive | Deutschland 1933 | bpb.de

Deutschland 1933 Editorial Die Krise der Welt - 1933 und 2023 1923 als Schlüsseljahr für 1933? Ausnahmerecht, Gewalt und Selbstgleichschaltung. Die "Machtergreifung" der NSDAP 1933 "Alles erstirbt in Angst". Deutsche Juden im ersten Jahr der NS-Herrschaft 1933 in globalgeschichtlicher Perspektive Der Aufschwung der Anderen. Weimars ökonomische Krisenherde und der Aufstieg des Nationalsozialismus Medien und Propaganda 1933

1933 in globalgeschichtlicher Perspektive

Sven Reichardt

/ 16 Minuten zu lesen

Der Machtantritt der Nationalsozialisten wurde im Ausland mit Abscheu und Bewunderung registriert. Schon bald knüpften die neuen Machthaber enge Bande mit Faschisten anderer Länder. Wesentliche verbindende Merkmale waren dabei Antikommunismus und Rassismus.

Bereits am 31. Januar 1933 stellten die "Altonaer Nachrichten" unter der Überschrift "Was sagt das Ausland zum neuen Reichskabinett?" Reaktionen aus Frankreich, England, den USA, Italien, Österreich und Polen zum Regierungsantritt Hitlers zusammen. Wenig überraschend kamen die enthusiastischsten Berichte aus dem faschistischen Italien. Aus italienischer Sicht handelte es sich um die längst überfällige nationale Einigung. Den "Triumph des neuen Deutschland" lobte das "Giornale d’Italia" als "Zusammenschluss aller gesunden Kräfte". "Il Lavoro Fascista" erkannte gleich auch noch den "Beginn einer neuen historischen Phase".

Aus Frankreich kamen deutlich kritischere Stimmen. Das "Journal" nannte das neue Kabinett eine "Diktaturregierung", und das radikalsozialistisch-pazifistische Blatt "L’Œuvre" fragte, ob Hitler wirklich aufrichtig Wasser in seinen Wein gegossen habe und seine Anhänger bereit sein würden, "sich mit diesem Getränk zu begnügen". Selbst das konservativ-nationalistische "L’Écho de Paris" attestierte den Deutschen eine Tendenz zu Autorität und Machtpolitik. Die Pariser Börse reagierte kurzfristig mit einem Rückgang der Young-Anleihen um 18 Punkte. Lediglich das Blatt des französischen Faschisten und Nationalsozialisten Gustave Hervé beneidete Deutschland, welches an das Ende seines Leidesweges gekommen sei. Deutschland werde durch Hitler gerettet, wie Italien durch Mussolini gerettet worden sei. Dagegen sei Frankreich einfach nur noch zu beklagen.

Nüchterner waren die Stimmen aus England, wo sowohl die "Financial Times" als auch die "Financial News" durch das Verbleiben der konservativen Minister in der deutschen Regierung ein gewisses Maß an Kontinuität in der Außenpolitik erwarteten. Weniger freundlich, wenngleich auch nicht feindselig, urteilten "Times", "Daily Herald" und "Daily Telegraph". Ähnlich diplomatisch lesen sich auch die Stimmen aus der Schweiz, die, wie die freisinnig-demokratische Zeitung "Der Bund", "den Ausgang des Experiments" abwarten wollten, zumal Hitler angesichts der Einrahmung durch nationalkonservative Kräfte nicht schalten und walten könne, "wie es ihm beliebt". Auch die Nachrichtenblätter der USA brachten die Ernennung Hitlers in großer Aufmachung. Noch unter dem Eindruck der verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise hofften die "New York Herald Tribune" und die "New York Times" einhellig auf die konservativen Kräfte im neuen Kabinett, die die Wirtschafts- und Außenpolitik beruhigen und stabilisieren würden. Von der polnischen Presse wurden hingegen im Zuge der Regierungsbildung innenpolitische Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Kräften erwartet.

Liest man zum Vergleich in den Berichten ausländischer Konsuln und Gesandter aus Europa, den USA, Lateinamerika oder Japan, so waren von dieser Gruppe zunächst kritischere Töne zu vernehmen. Der US-Generalkonsul George Messersmith erkannte in den neuen Machthabern reine "Psychopathen", die, so ergänzte der niederländische Gesandte Johan Graf van Limburg Stirum, von einem "kleinen Usurpator mit Talent für Demagogie" angeführt wurden. Manche, wie der dänische Gesandte Herluf Zahle, meinten, ein völlig neuartiges Regime vor sich zu haben, während die britischen und schweizerischen Diplomaten das Regime als radikalisierte Fortsetzung des Deutschen Kaiserreichs interpretierten. Viele britische Politiker sahen im NS-Regime den Rückfall in die "Urform" eines antidemokratischen Militarismus – aus ihrer Sicht waren die Deutschen ohnehin nur halb zivilisiert.

Abscheu und Bewunderung, Gewalt und Partizipation

In den ersten Regimejahren stand der Abscheu vor den radikal antijüdischen Maßnahmen vor allem die Anerkennung der außenpolitischen Erfolge Deutschlands gegenüber. Beeindruckt zeigten sich die Diplomaten auch von den öffentlichen Inszenierungen und der raschen wirtschaftlichen Erholung. Aufrufe an die jeweils eigenen Regierungen, ihre nationalen Grenzen jüdischen Flüchtlingen zu öffnen, sucht man in den Berichten der Diplomaten hingegen vergebens. Der japanische Generalkonsul in Wien riet sogar, die Einreise jüdischer Flüchtlinge nach Japan gänzlich zu verbieten.

Zuweilen wurde auch der neuartige Charakter einer populistischen Diktatur erkannt. In der widersprüchlichen Mischung aus Repression von oben und Vertrauen von unten, so kabelte etwa die französische Botschaft schon im Juni 1933 nach Paris, habe sich ein "autoritäres Regime" etabliert, das "mit dem Segen und der Zustimmung der Bevölkerung" ausgestattet sei. Der spanische Deutschlandkorrespondent Manuel Chavez Nogales berichtete im Mai 1933 aus Kaiserslautern: "Selbstverständlich sind die Leute im Gasthof alle, ausnahmslos alle, für Hitler. (…) Es agieren hier keine hinterhältigen und bezahlten Schergen (…), es handelt sich um ein ganzes Volk, dessen Hass durch die Predigten nationalsozialistischer Führer geschürt wird, bis hin zu schweren Verbrechen, zu denen sie die Massen ermutigen; der Kommunist oder Jude braucht sich weniger vor knüppelnden Polizisten zu fürchten, vielmehr von den eigenen Nachbarn, Kollegen, Passanten, der ganzen Volksmasse, die plötzlich in den Marxisten und Juden den Grund für ihr Elend ausgemacht hat und sich nun auf sie stürzt, um sie in Stücke zu reißen."

Die geschichtswissenschaftliche Diskussion um die Bedeutung der "Volksgemeinschaft" im Nationalsozialismus hat verdeutlicht, dass die Partizipation im Regime sich nicht nur in der propagandistischen Inszenierung eines kollektivistischen Massenappeals erschöpfte. Gewalt und Beteiligung hingen vielmehr zusammen, und die Massenorganisationen eröffneten ebenso neue Teilhabechancen, wie sie die Gewaltbereitschaft förderten. Das nationalsozialistische Regime verschränkte plebiszitären Populismus mit gewaltsamer Unnachgiebigkeit gegenüber den "Gemeinschaftsfremden". So, wie sich innenpolitische Mobilisierung mit Repression verband, so bot selbst auch noch der rassistische Vernichtungskrieg Verheißungen eines völkischen Neuaufbaus. Diese durch Destruktion hergestellte Ordnung erkannten manche Beobachter bereits 1933.

Die "Diktatur der Massen", so der US-Generalkonsul Messersmith, erntete im Ausland ganz konkrete Aufmerksamkeit, als US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der Mussolini "bewundernswert" fand, sich erkundigte, wie das NS-Regime die grassierende Massenarbeitslosigkeit bekämpft habe. Der US-amerikanische "New Deal" der 1930er Jahre knüpfte mit seiner starken Exekutive, der Ideologie von Nation, Volk und Boden sowie dem wirtschaftlichen Dirigismus an einige Elemente der nationalsozialistischen Sozialpolitik wie etwa dem Reichsarbeitsdienst an. Nicht zuletzt führten die neuen Arbeitsbeschaffungsprogramme, die staatlichen Kontrollen der Industrieproduktion und die Subventionen für die Landwirtschaft den liberalen amerikanischen Journalisten Mauritz Hallgren 1933 zu einer gewagten Prognose: "Zwar haben wir bis jetzt noch keine Armee von Schwarzhemden und keinen Diktator, dennoch führt der Weg zwangsläufig in den Faschismus (…) Dieser wird, um die demokratischen Gefühle des amerikanischen Volkes nicht zu verletzen, im Gewand der Demokratie auftreten. Aber wenn er einmal da ist, wird er sich von den Regimes in Italien und Deutschland nicht grundsätzlich unterscheiden." Freilich wurden die USA weder zu einem Einparteienstaat, noch zu einer mit Konzentrationslagern durchsetzten Diktatur.

Die japanische Armee hatte bereits 1931/32 die chinesische Mandschurei in imperialer Absicht erobert und zum Marionettenstaat gemacht. Militärische Eroberung, Industrialisierung und Massenmigration in Mandschukuo mobilisierten und radikalisierten auch die Gesellschaft der japanischen Heimat – nicht wenige Beamte, die in Mandschukuo tätig waren, kehrten später wieder nach Japan zurück und brachten dort ihre Erfahrungen ein. Japan hatte eine Mischung aus Reformbürokraten, Armeeoffizieren und vormals sozialistischen Intellektuellen in die Mandschurei entsandt, die dort ein technokratisch ausgerichtetes Entwicklungsmodell entwarfen, welches sich sowohl am faschistischen Korporatismus, aber auch an nationalsozialistischen Gemeinwirtschaftsvorstellungen und später an den Planungen der "Deutschen Arbeitsfront" anlehnte. Die technokratischen Sozialingenieure verfolgten die Idee der Schaffung eines "Neuen Menschen". 1933 jedoch hatten die japanischen Zeitungen noch mit Zurückhaltung vor allem auf die Gewaltpolitik der Nationalsozialisten reagiert, während der Antikommunismus bereits von Anfang an mit großer Sympathie bedacht wurde.

Zahlreich waren in den Jahren bis etwa 1937/38 die Bewunderer des wirtschaftlichen und technologischen Aufschwungs und der volkstümlichen Inszenierungen Nazi-Deutschlands – die Palette ist breit und reicht vom Dramatiker George Bernard Shaw über den britischen Politiker David Lloyd George bis zum Transatlantik-Piloten Charles Lindbergh. Wirklich fasziniert von ihren Vorbildern Mussolini und Hitler waren aber vor allem die faschistischen Bewegungen Europas. Der "Duce" interpretierte den Sieg Hitlers gleich zum Sieg seines Faschismus um, während Hitler in den ersten Jahren nach 1933 seine unterwürfige Haltung gegenüber Mussolini kaum änderte. Bereits am 31. Januar 1933 ließ er Mussolini seine Grüße "mit dem Ausdruck der größten Bewunderung" übermitteln.

Gewalt und Diktatur, charismatische Führerschaft, Radikalnationalismus und gesellschaftliche Mobilisierung, Hierarchie und die Anbetung von Willenskraft und Jugendkult führten zu vielen Formen der Anverwandlung zwischen den faschistischen Regimen. Nicht zuletzt der kriegerische Expansionismus, Antikommunismus, Antisemitismus und Rassismus galt den europäischen Faschismen als vielversprechender, neuer politischer Weg aus der Krise. Zahlreiche Anhänger und Bewunderer Hitlers wie auch Mussolinis prägten die Eiserne Garde Rumäniens ebenso wie die ungarischen Pfeilkreuzler, die Ustascha in Kroatien oder einige Fraktionen der autoritären und faschistischen Gruppierungen Spaniens.

"Achse Berlin-Rom"

Das NS-Regime hatte sich schon vor seiner Expansion im Zweiten Weltkrieg international mehrfach verflochten. Hitler strebte bereits seit Beginn seiner Regierungstätigkeit eine enge Verbindung mit dem faschistischen Italien an. Das geschah einerseits aus ideologischen Motiven, andererseits, um die außenpolitische Isolation Deutschlands nach der Wiederbewaffnung und der Militarisierung des Rheinlands zu überwinden und einen Verbündeten für seine aggressive Außenpolitik zu finden. Hitlers Machtübernahme und deren Konsolidierung folgten in wesentlichen Zügen einem Muster, das in Italien durch Mussolinis Faschismus vorgegeben worden war. Hitler bezeichnete Mussolini schon vor 1933 durchgängig mit Bewunderung als "überragendes Genie", als "tatkräftigen Diktator" oder Idol, "dessen glühender Freund ich bleibe". In dem "großen Italiener" entdeckte er einen "überragenden Staatsmann". Nach dem durchschlagenden Wahlerfolg vom September 1930 verdichteten sich dann die Beziehungen der NSDAP-Führungsclique zu den faschistischen Machthabern in Italien nachhaltig.

Italien wiederum griff im Mai 1935 den Völkerbundstaat Abessinien, das heutige Äthiopien, an und eroberte es innerhalb weniger Monate in einem blutigen Vernichtungskrieg. Wie Deutschland war nun auch Italien international isoliert, wollte aber weiterhin seine imperialistische Außenpolitik fortführen, für die es auf deutsche Unterstützung hoffte. Als man 1935/36 einen gemeinsamen Nenner in der Österreich-Frage fand, stand der deutsch-italienischen Allianz nichts mehr im Wege. Am 1. November 1936 sprach Mussolini auf dem Domplatz in Mailand zum ersten Mal von der "Achse Berlin-Rom", um die sich die europäische Politik künftig drehen solle.

Eine Reihe von Bündnissen flankierte die Allianz, wobei die faschistischen Regime über diverse diplomatische Seitenkanäle zwischen 1935 und 1939 unterschiedlichste Politikfelder koordinierten. Im April 1935 wurde ein Abkommen über deutsche Rohstofflieferungen nach Italien getroffen; ein Jahr später schlossen der SS-Reichsführer Heinrich Himmler und der italienische Polizeichef Arturo Bocchini einen Pakt für gegenseitige Hilfe bei der Unterdrückung ihrer Gegner. Die Jugendführer Baldur von Schirach und Renato Ricci initiierten den wechselseitigen Austausch ihrer Mitglieder und entwickelten Pläne einer europäisch gedachten faschistischen Jugenderziehung. Auch die Justizapparate näherten sich durch den Austausch zwischen den Justizministern Hans Frank und Arrigo Solmi an.

Das Jahr 1937 markierte den ersten Höhepunkt des "Achsen-Paktes". Ständig reisten Parteigrößen und Minister zwischen Deutschland und Italien hin und her. Im Januar und April fuhr Göring nach Italien, im April waren Reichsarbeitsführer Ley, im Mai Außenminister von Neurath und im Juni der Reichswehrminister Werner von Blomberg auf der Halbinsel. Umgekehrt kamen der faschistische Arbeitsführer und spätere Korporationsminister Tullio Cianetti, der Propagandaminister Dino Alfieri und im September 1937 schließlich der "Duce" selbst nach Berlin. Der Polittourismus wollte gar nicht mehr abreißen, Besuche von Schülern, Jugendorganisationen, Pressevertretern, Sportverbänden, Gauleitern und Oberbürgermeistern füllten das "Achsen-Bündnis" mit Leben. Der deutsche Botschafter Ulrich von Hassell schrieb am 19. November 1936 an den deutschen Reichsaußenminister mit einer missglückten Metapher, dass die "angenehme Temperatur" der deutsch-italienischen Beziehungen dazu geführt habe, dass sich die Besuche "wie eine Lawine über uns ergossen".

Beide Länder koordinierten ihre Außenpolitik, trafen Kulturabkommen, verständigten sich über ihre Repressionspolitik und über die Lenkung der Bevölkerung. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels wurde das schon fast zu viel. Am 21. Oktober 1937 hielt er in seinem Tagebuch fest: "[Minister Rudolf] Heß geht mit einer Abordnung auf Romreise. Himmler ist gerade in Rom. Das hängt einem bald zum Halse raus." Aber auch Goebbels stand bereits seit Mai 1933 mit seinem italienischen Gegenüber in regem Austausch. Ab Sommer 1939 intensivierte sich der Kontakt sogar nochmals, da der neue Außenminister Joachim von Ribbentrop versuchte, die Zuständigkeit in der Auslandspropaganda von Goebbels zu übernehmen. Diesen Machtkampf entschied Goebbels dadurch, dass er entschieden der "Achse entgegen" arbeitete. Umgekehrt wirkte Goebbels' Vorbild auf den Ausbau des italienischen Propagandaministeriums ein. Von den 193 wechselseitigen Besuchen allein zwischen den höchsten nationalsozialistischen und faschistischen Kadern und Staatsbeamten zwischen 1933 und 1943 entfielen auf die Jahre 1936 bis 1939 nicht nur die jährlich meisten, sondern auch die wichtigsten Besuche.

Fascist Warfare und Antikommunismus

Im Zentrum der von diplomatischen Seitenkanälen geprägten Verknüpfungen stand zweifellos die Idee, Expansion unter dem Vorzeichen einer gemeinsamen Kriegführung zu entwickeln. Hierzu bedurfte es wirtschaftlicher Kooperationen, militärischer Absprachen und propagandistischer Mobilisierungen. Die militärische Zusammenarbeit im Spanischen Bürgerkrieg, in dem die Achse mit Blut und Eisen zusammengeschmiedet worden war, markierte einen wichtigen Schritt in diese Richtung. Zudem entsandten das deutsche Heer und die Luftwaffe zwischen 1935 und 1937 Beobachter nach Abessinien und China, um die entgrenzte Kriegführung ihrer Partnerländer Italien und Japan zu studieren. Aus der totalen Kriegführung, die die systematische Bekämpfung von Zivilisten ebenso einschloss, wie sie sich durch eine entgrenzte Partisanenbekämpfung und brutale Behandlung der Kriegsgefangen (sofern überhaupt welche gemacht wurden) auszeichnete, lernte das deutsche Militär für die eigenen Kriegspläne.

Es entstand in diesen Austauschverhältnissen eine Radikalisierung vormals kolonialer Kriegführungstechniken, die zugleich Elemente des totalen Krieges aus dem Ersten Weltkrieg weiterentwickelte. Der spanische Historiker Javier Rodrigo und sein südafrikanisch-irischer Kollege Alan Kramer haben daraus den Begriff "fascist warfare" modelliert, der ultranationalistische Kriege mit eliminatorischer und genozidaler Tendenz bezeichnet, die sich durch eine schnelle und besonders brutale Form der Kriegführung auszeichneten. Sie richteten sich in umfassender Form auch gegen die Zivilbevölkerung und stilisierten den Luftkrieg als eine Form von notwendiger und "sauberer" Kriegführung. Im Zuge dessen kam es durch die Konvergenz von Waffengang und ideologischer Überhöhung zu einer radikalisierten Faschisierung der Regime.

Auch die Globalisierung des faschistischen Antikommunismus, der für den Spanischen Bürgerkrieg zentral war, gehört in diesen Zusammenhang. Schließlich sollte die spanische Nation durch die "physische Vernichtung alles als unspanisch wahrgenommenen Lebens" gereinigt und mit nahezu rassistischen Vorstellungen gesäubert werden. Francos Presseattaché gab zu Protokoll, für das Ziel, das "Krebsgeschwür" des Marxismus in einer blutigen Operation aus dem spanischen "Volkskörper" zu entfernen, dürfe ein Drittel der männlichen Bevölkerung Spaniens eliminiert werden.

Der Beitritt Italiens zum Antikominternpakt wurde 1937 durch den rührigen von Ribbentrop am Auswärtigen Amt vorbei betrieben. Dieses ursprünglich am 25. November 1936 zwischen Japan und dem Deutschen Reich geschlossene Abkommen sollte der Kommunistischen Internationale (Komintern) und der Sowjetunion entgegenwirken. Darin wurde unter anderem vereinbart, gemeinsam über die Abwehr der Aktivitäten der Komintern zu beraten und keine Verträge abzuschließen, die dem Pakt entgegenwirken könnten. In einem geheimen Zusatzprotokoll sicherte man sich gegenseitig Neutralität zu, sollte es zu einem "provozierten Angriff" oder zu einer "nichtprovozierten Angriffsdrohung" kommen. Die Nationalsozialisten wollten damit zugleich einen einheitlichen, großen Wirtschaftsblock formen, der die vier europäischen Antikomintern-Partner Deutschland, Italien, Ungarn und Spanien verband, zu denen dann auch noch Rumänien, die Türkei und Iran zählen sollten. Der Block der antidemokratischen und antikommunistischen Staaten Europas trat mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 nahezu als Gemeinschaftsunternehmen auf. Japan hingegen hatte kurz zuvor, im April 1941, ein Neutralitätsabkommen mit Moskau abgeschlossen, denn Japan erhielt durch den europäischen Angriff die ersehnte Rückendeckung für das eigene imperiale Ausgreifen im Pazifikraum.

Eine deutsch-japanische Annäherung gab es gleichwohl. Diese begann schon 1935, als der japanische Militärattaché Hiroshi Oshima den Kontakt zum späteren Reichsaußenminister von Ribbentrop aufnahm. Es ging darum, Sondierungen für eine gemeinsame Politik gegen die Sowjetunion aufzunehmen. In Japan war vor allem die Armee an diesen Kontakten interessiert, da mit dem autoritären Kurs seit dem Februar 1936 die japanischen Bewunderer des NS-Regimes die Oberhand bekommen hatten. Mit dem Antikominternpakt und dem Beginn des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges 1937 wurde nun gegen den maoistischen Kommunismus gekämpft. Zudem versuchte man über Deutschlands in China stationierte Militärberater Einfluss auf die nationalchinesische Kuomintang unter Chiang Kai-shek zu bekommen. Als sich dieser Nationalist aber mit dem Kommunisten Mao gegen die Japaner verbündete, zogen sich die deutschen Militärberater aus China zurück. Deutschland stellte seine Rüstungslieferungen nach China ein und erkannte den Marionettenstaat Mandschukuo an.

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 leitete dann eine zwischenzeitliche Flaute in der deutsch-japanischen Zusammenarbeit ein, die allerdings nur bis zum September 1940 andauerte. Unter dem zweiten Kabinett des rechtsautoritären Fürsten Konoe kam es zum Abschluss des Dreimächtepaktes zwischen Berlin, Rom und Tokio, der eine Verteidigungsallianz gegen die USA und die Anerkennung ganz Asiens als japanische Einflusssphäre umfasste.

Rassistische Internationale

Mit dem "Stahlpakt" vom 22. Mai 1939 schlossen auch Deutschland und Italien einen Vertrag, der zunächst "Blutpakt" ("patto di sangue") heißen sollte. In der Präambel des Paktes wurde die "innere Verwandtschaft" der Weltanschauungen betont, zugleich verpflichteten sich die Partner, "in Zukunft Seite an Seite mit vereinten Kräften für die Sicherung ihres Lebensraumes (…) einzutreten". Das Bekenntnis zu einer imperialistischen Wertegemeinschaft war vor allem Mussolini wichtig. Im "Stahlpakt" wurde der Mythos der unverbrüchlichen Treue beschworen; den materiellen Kern des Abkommens bildeten eine gegenseitige Beistandsverpflichtung sowie die Vereinbarung der engen militärischen Zusammenarbeit und gegenseitigen Unterstützung.

Der ursprünglich vorgesehene Name für das Bündnis deutet aber etwas anderes an. International vernetzt waren nicht nur die faschistische Kriegführungstechnik und der Antikommunismus, sondern auch der Rassismus. Das rassistische Überlegenheitsdenken der italienischen Faschisten manifestierte sich sowohl im kolonialen Rassismus als auch gegenüber Slawen, Sinti und Roma sowie Juden. Juden galten auch in Italien als innerer Feind. Sie wurden von Mussolini als gefährlich angesehen, weil sie angeblich die Sicherheit des Regimes zu unterminieren drohten, was vorab den Afrikanern unterstellt worden war. Beeinflusst von ihrer rassistischen Siedlungspolitik in Libyen und Abessinien begann 1938 eine antisemitische Kampagne, die in das "manifesto della razza" einfloss, mit dem die Zugehörigkeit der Juden zur "italienischen Rasse" bestritten wurde. Juden galten als Inkarnation des Antifaschismus und wurden massiv entrechtet, enteignet und vertrieben. Jüdischen Kindern wurde der Schulbesuch und der Verkehr mit "Ariern" untersagt. "Mischehen" wurden verboten. Konvertierten Juden, die in der katholischen Kirche geheiratet hatten, wurde der Ehestatus abgesprochen. Juden wurden aus der Faschistischen Partei, aus der Bürokratie, der Armee, den Berufsverbänden und kulturellen Einrichtungen ausgeschlossen. Sie durften keine "arischen" Bediensteten haben, kein größeres Unternehmen führen oder größeren Landbesitz haben. Zwangsarbeit gehörte ab 1942 zum Alltag der italienischen Juden, und die 1943 gegründete Republik von Salò (Repubblica Sociale Italiana) übernahm schließlich nationalsozialistische Standards. Es kam zu Verhaftungsaktionen, Deportationen und regelrechten Massakern.

In der "Internationale der Rassisten" hatten sich Eugeniker und Rassehygieniker bereits seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ausgetauscht. Entsprechende Gesetzgebungen gab es in Kalifornien ebenso wie in Brasilien, Frankreich, China oder Italien. Letztlich aber übertraf die nationalsozialistische Eugenik alle anderen Varianten und war durch die konsequente Umsetzung einer radikalvölkischen Variante der "negativen Eugenik" des Tötens gekennzeichnet.

Der US-amerikanische Journalist Leland Stowe veröffentlichte, nachdem er im Sommer 1933 Deutschland besucht hatte, noch im gleichen Jahr ein Buch mit den bezeichnenden Titel "Nazi Germany Means War". Früh beschrieben manche hellsichtige Zeitgenossen die Mischung aus Massenmobilisierung und Repression, aus imperialistischem Vernichtungskrieg und völkischem Antisemitismus, aus Antikommunismus und Rassismus als die Zentralelemente des Nationalsozialismus. Allerdings war diese Ansicht 1933 noch keineswegs mehrheitsfähig. Stowes Reportage wurde in den USA für alarmistisch gehalten – nicht einmal seine Hauszeitung, die "New York Herald Tribune", druckte sie ab.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Was sagt das Ausland zum neuen Reichskanzler?, in: Altonaer Nachrichten, 31.1.1933, S. 2; Börsenreaktion in Paris, in: Der Bund, 31.1.1933, S. 1.

  2. Hitler wird Reichskanzler, in: Der Bund, 31.1.1933, S. 1f.

  3. Vgl. Das Echo des Regierungswechsels im Ausland, in: Altonaer Nachrichten, 31.1.1933, S. 1f.

  4. Zit. nach Frank Bajohr/Christoph Strupp (Hrsg.), Fremde Blicke auf das Dritte Reich. Berichte ausländischer Diplomaten über Herrschaft und Gesellschaft in Deutschland 1933–1945, Göttingen 2011, S. 16, S. 19.

  5. Vgl. Jörg Später, Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902–1945, Göttingen 2003, S. 61.

  6. Vgl. Bajohr/Strupp (Anm. 4), S. 29f. Zu Japan siehe Martin Kaneko, Die Judenpolitik der japanischen Kriegsregierung und jüdische Flüchtlinge in Kôbe, Berlin 2008.

  7. Zit. nach Bajohr/Strupp (Anm. 4), S. 20.

  8. Manuel Chaves Nogales, Deutschland im Zeichen des Hakenkreuzes, Köln 2022, S. 59, S. 147.

  9. Vgl. Sven Reichardt, Faschistische Beteiligungsdiktaturen. Anmerkungen zu einer Debatte, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutschen Geschichte 42/2014, S. 133–157.

  10. Vgl. Kiran Klaus Patel, "Soldaten der Arbeit". Arbeitsdienste in Deutschland und den USA 1933–1945, Göttingen 2003; Wolfgang Schivelbusch, Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933–1939, München–Wien 2005.

  11. Zit. nach Schivelbusch (Anm. 10), S. 32. Vgl. Mauritz A. Hallgren, Seeds of Revolt. A Study of American Life and the Temper of the American People during Depression, New York 1933; Michael J. Roberto, The Coming of the American Behemoth. The Origins of Fascism in the United States, 1920–1940, New York 2018, S. 294f.; Norman Domeier, Weltöffentlichkeit und Diktatur. Die amerikanischen Auslandskorrespondenten im "Dritten Reich", Göttingen 2021.

  12. Vgl. Janis Mimura, Planning for Empire. Reform Bureaucrats and the Japanese Wartime State, Ithaca–London 2011.

  13. Vgl. Daniel Hedinger, Die Achse. Berlin–Rom–Tokio 1919–1946, München 2021, S. 110.

  14. Zit. nach Wolfgang Schieder, Adolf Hitler – Politischer Zauberlehrling Mussolinis, Berlin–Boston 2017, S. 64f.

  15. Vgl. Robert O. Paxton, The Anatomy of Fascism, New York 2004; Antonio Costa Pinto/Aristotle Kallis (Hrsg.), Rethinking Fascism and Dictatorship in Europe, Houndmills–Basingstoke 2014; David D. Roberts, Fascist Interactions. Proposals for a New Approach to Fascism and Its Era, 1919–1945, New York–Oxford 2016.

  16. Zit. nach Sven Reichardt, Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Köln–Weimar–Wien 20092, S. 16. Vgl. Schieder (Anm. 14); Christian Goeschel, Mussolini und Hitler. Die Inszenierung einer faschistischen Allianz, Berlin 2019.

  17. Vgl. Benito Mussolini, Opera Omnia, Bd. 28: Dalla proclamazione dell’impero al viaggio in Germania, Florenz 1959, S. 67–72. Zum Abessinienkrieg siehe Robert Mallet, Mussolini in Ethiopia, 1919–1935. The Origins of Fascist Italy’s African War, Cambridge 2015; Aram Mattioli, Experimentierfeld der Gewalt. Der Abessinienkrieg und seine internationale Bedeutung 1935–1941, Zürich 2005.

  18. Zit. nach Nils Fehlhaber, Netzwerke der "Achse Berlin-Rom". Die Zusammenarbeit faschistischer und nationalsozialistischer Führungseliten 1933–1943, Köln 2019, S. 61.

  19. Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente, Teil I: Aufzeichnungen 1924–1941, Bd. 3: 1.1.1937–31.12.1939, hrsg. von Elke Fröhlich im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte und in Verbindung mit dem Bundesarchiv, München u.a. 1987, S. 309.

  20. Fehlhaber (Anm. 18), S. 78.

  21. Vgl. Fehlhaber (Anm. 18), S. 16, S. 72–94, S. 280–289, S. 305f., Zitat S. 60.

  22. Vgl. Sven Reichardt, National Socialist Assessments of Global Fascist Warfare (1935–1938), in: Miguel Alonso/Alan Kramer/Javier Rodrigo (Hrsg.), Fascist Warfare, 1922–1945. Aggression, Occupation, Annihilation, Basingstoke 2019, S. 51–72.

  23. Vgl. Alonso/Kramer/Rodrigo (Anm. 22).

  24. Vgl. Javier Rodrigo, La guerra fascista. Italia en la Guerra Civil Española, 1936–1939, Madrid 2016; Antony Beevor, Der Spanische Bürgerkrieg 1936–1939, München 2006, S. 505.

  25. Vgl. Gerhard Krebs, Japans Deutschlandpolitik 1935–1941. Eine Studie zur Vorgeschichte des pazifischen Krieges, Bd. 1, Hamburg 1984, S. 204–216; Miles Fletcher, The Search of a New Order. Intellectuals on Fascism in Prewar Japan, Chapel Hill 1982.

  26. Vgl. Hedinger (Anm. 13), S. 274–364; Gerhard Krebs, Das moderne Japan 1868–1952. Von der Meiji-Restauration bis zum Friedensvertrag von San Francisco, München 2009, S. 67–74.

  27. Vgl. Lutz Klinkhammer et al. (Hrsg.), Die "Achse" im Krieg. Politik, Ideologie und Kriegführung 1939–1945, Paderborn u.a. 2010.

  28. Vgl. Hans Woller/Thomas Schlemmer, Der italienische Faschismus und die Juden 1922 bis 1945, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 53/2005, S. 165–201; Michele Sarfatti, Gli ebrei nell’Italia fascista. Vicende, identità, persecuzione, Turin 2000; Joshua Zimmermann (Hrsg.), Jews in Italy under Fascist and Nazi Rule 1922–1945, Cambridge 2005; Simon Levis Sullam, The Italian Executioners. The Genocide of the Jews of Italy, Princeton–Oxford 2018.

  29. Stefan Kühl, Die Internationale der Rassisten. Aufstieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M.–New York 1997.

  30. Leland Stowe, Nazi Germany Means War, London 1933. Vgl. Chaves Nogales (Anm. 8), S. 24ff.

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ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz.
E-Mail Link: sven.reichardt@uni-konstanz.de