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Medien und Propaganda 1933 | Deutschland 1933 | bpb.de

Deutschland 1933 Editorial Die Krise der Welt - 1933 und 2023 1923 als Schlüsseljahr für 1933? Ausnahmerecht, Gewalt und Selbstgleichschaltung. Die "Machtergreifung" der NSDAP 1933 "Alles erstirbt in Angst". Deutsche Juden im ersten Jahr der NS-Herrschaft 1933 in globalgeschichtlicher Perspektive Der Aufschwung der Anderen. Weimars ökonomische Krisenherde und der Aufstieg des Nationalsozialismus Medien und Propaganda 1933

Medien und Propaganda 1933

Niklas Venema

/ 15 Minuten zu lesen

Zunächst aggressiv gegen den Weimarer Staat gerichtet, betrieben die Nationalsozialisten nach 1933 eine "Integrationspropaganda" für die "Volksgemeinschaft". Ihre medial verbreiteten Botschaften verfingen vor allem, weil sie an bereits bestehende Werthaltungen anknüpften.

Abbildungen von Hitler-Plakaten in Schulbüchern, Schlagzeilen des "Völkischen Beobachters" auf Museumstafeln oder Ausschnitte aus nationalsozialistischen Filmen in Fernsehdokumentationen – die NS-Propaganda steht heute häufig sinnbildlich für das Regime selbst und dient implizit oder explizit der Erklärung des Aufstiegs der faschistischen Herrschaft in Deutschland. Ein Erfolg der Nationalsozialisten war es, dass ihrer Propaganda teils bis heute die Wirkmächtigkeit zugeschrieben wird, die Funktionäre wie der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, angestrebt und behauptet hatten. Insbesondere die damals neueren Medien Hörfunk und Film wurden zu wichtigen Stützen der Macht erklärt und mit erfolgreicher Propaganda assoziiert. Dahinter stehen Annahmen direkter und starker Medienwirkungen, die Zeitdiagnosen politischer Öffentlichkeiten lange prägten und die durch populäre Darstellungen etwa zur politischen Radikalisierung in "Filterblasen" oder "Echokammern" noch immer einflussreich sind. Thesen starker Medienwirkungen können im Zusammenhang mit der NS-Propaganda einem entlastenden Narrativ der "Überwältigung" und "Verführung" der Bevölkerung dienen. Die historische Forschung zeichnet allerdings ein differenzierteres Bild von der potenziellen Wirkung der NS-Propaganda und stützt sich dazu auch auf Erkenntnisse der kommunikationswissenschaftlichen Medienwirkungsforschung.

Aus kommunikationshistorischer Perspektive vollzog sich der Aufstieg der NSDAP ab den 1920er Jahren im Kontext einer politischen Öffentlichkeit, die sich bereits seit dem Kaiserreich maßgeblich durch medial vermittelte Kommunikation konstituierte. Die vor wie nach 1933 wichtigen Versammlungsöffentlichkeiten, etwa Demonstrationen, Kundgebungen oder Aufmärsche, erhielten auch durch ihre mediale Inszenierung und Darstellung Gewicht. Die Öffentlichkeit der Weimarer Republik war durch eine stark ausdifferenzierte Presse und die beginnende Ausbreitung von Film und Hörfunk charakterisiert. Neben Partei- und Parteirichtungszeitungen waren jüngere Zeitungstypen wie die Boulevardpresse oder Illustrierte unterschiedlicher politischer Couleur entstanden. Kinofilme transportierten zwar kaum Informationen und Meinungen zur Tagespolitik, vermittelten aber Werthaltungen und Weltbilder. Der Hörfunk gewann ab 1930 an Bedeutung als Medium der politischen Auseinandersetzung und damit auch als Wahlkampfinstrument der Nazis. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Rolle etablierten und neueren Medien beim Aufstieg des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik bis zur Festigung der diktatorischen Macht 1933 zukam.

Der Nationalsozialismus war nicht zuletzt eine Propagandabewegung, wie es charakteristisch für den Faschismus ist. Kernelemente waren die Inszenierung durch massenhafte Aufmärsche, die Verwendung visueller Symbole wie das Hakenkreuz sowie der Führerkult. Bei dieser "Ästhetisierung der Politik" bediente sich die NSDAP der Mittel strategischer politischer Kommunikation, etwa über Versammlungen, Reden und Plakate, konnte in der Weimarer Republik aber auch über ihre eigene Parteipresse hinaus starke Aufmerksamkeit durch Medienberichterstattung erzielen. So setzte Hitler etwa im Wahlkampf 1932 zwar insbesondere auf Kundgebungen, seine Flugzeugreisen zu diesen Veranstaltungen zielten aber auch auf mediale Inszenierung.

Presse in der Weimarer Republik

Leitmedium der politischen Öffentlichkeit war nach wie vor die Presse. Sie setzte Themen der öffentlichen Debatte und lieferte Deutungsangebote. Diese Wirkungen konnten stark sein, da JournalistInnen und vor allem PolitikerInnen an den Einfluss der Zeitungen und Zeitschriften glaubten. Sie beobachteten die Presseberichterstattung, nahmen sie einerseits als Ausdruck der öffentlichen Meinung wahr und unterstellten andererseits eine Wirkung auf die Bevölkerung. Entsprechend richteten sie ihr Handeln auch nach Medienberichten aus.

Der Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt in der Weimarer Republik war durch die Verschränkung politischer und ökonomischer Zielsetzungen charakterisiert. Durch Parteinahme oder direkte -verbundenheit war die Presselandschaft stark fragmentiert und polarisiert. Gleichzeitig verfolgten die Zeitungs- und Zeitschriftentitel ökonomische Ziele und versuchten ihren Leserkreis durch Publikumsorientierung zu erweitern. Allerdings lassen sich aus der Fragmentierung der Presse keine direkten Schlüsse auf die parteipolitische Entwicklung ziehen. Wahlergebnisse politischer Parteien sind nicht mit dem Parallelismus von Auflagen- und Verbreitungszahlen von Zeitungen und Zeitschriften mit entsprechender Parteibindung zu erklären. Vom Erfolg der nationalistisch-konservativen Presse des Unternehmers und Politikers Alfred Hugenberg profitierte nicht dessen Deutschnationale Volkspartei (DNVP), stattdessen stieg die NSDAP zur stärksten Kraft der Rechten auf. Die weite Verbreitung liberaler Titel mit Verbindungen zur Deutschen Demokratischen Partei (DDP) verhinderte nicht deren Niedergang zur Splitterpartei.

Häufig verweisen ForscherInnen darauf, dass die Ablehnung oder zumindest Skepsis gegenüber der Weimarer Republik aus den unterschiedlichen Überzeugungen heraus in der Presse nahezu des gesamten politischen Spektrums zu finden war und somit zu einem republikfeindlichen Klima beitrug. In der rechten bis faschistischen Presse wurde darüber hinaus gar offen zum Mord jüdischer, republikanischer oder linker Politiker aufgerufen. Mehr oder weniger explizit stützen sich Forschungsarbeiten zum republikfeindlichen Klima der Presse allerdings häufig auf totalitarismustheoretische Annahmen und sehen insbesondere die kommunistische Presse wie die NS-Presse in der Verantwortung für den Niedergang der Weimarer Republik. Plausibler als solche Urteile, die den politischen Gegnern und Opfern der Nationalsozialisten eine Mitschuld an der Katastrophe 1933 geben und eine politische Nähe als Opposition zur Weimarer Republik unterstellen, sind die Thesen, dass zum einen die Logik neuerer Boulevardtitel und zum anderen ein rechtes Presseklima den Aufstieg der NSDAP begünstigten.

Neuartige Boulevardtitel verbanden inhaltliche Mittel wie Sensationalismus und Skandalisierung sowie gestalterische Elemente wie Bebilderung mit einer politischen Agenda. Die Nazis selbst bedienten sich mit Titeln wie "Der Angriff", "Der Stürmer" oder "Illustrierter Beobachter" der Mittel der Boulevardpresse. Zudem boten sie einer zunehmend auf Skandale und Sensationen gerichteten Presse unterschiedlicher politischer Tendenz Stoff und erhielten insbesondere nach ihrem Erfolg bei den Reichstagswahlen 1930, bei denen sie mit einem sprunghaften Anstieg auf 18,3 Prozent zur zweitstärksten Kraft wurden, eine hohe mediale Aufmerksamkeit. Der ständige politische Konflikt und nicht zuletzt die direkte Straßengewalt kamen der medialen Logik insbesondere der Boulevardpresse entgegen. Dabei verband sich die reißerische Berichterstattung mit politischen Zielsetzungen. Sowohl konservative Titel als auch die NS-Presse beschuldigten Kommunisten, Sozialdemokraten und Mitglieder der Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold der Gewalt. Eine sensationalistische und parteiliche Berichterstattung über politisch motivierte Auseinandersetzungen suggerierte die Gefahr eines Bürgerkrieges und ermöglichte es den Nazis, sich als Bollwerk gegen eine vorgebliche kommunistische Bedrohung zu inszenieren.

Die politische Fragmentierung der Gesellschaft zeigte sich in der Mediennutzung abseits der Kernmilieus – etwa der Organisationen des politischen Katholizismus und der Arbeiterbewegung – weniger in abgeschlossenen parteilichen Teilöffentlichkeiten als in einer Polarisierung zwischen im weitesten Sinn rechts und links. So lasen beispielsweise Sozialdemokraten oder Kommunisten häufig die hochauflagigen linksliberalen Titel mit attraktiver Berichterstattung auch abseits politischer Themen. Sie konsumierten aber kaum ihnen gegenüber offen feindliche nationalistisch-konservative Zeitungen und Zeitschriften.

Insbesondere außerhalb Groß-Berlins bestimmte die nationalistisch-konservative Presse die öffentliche Kommunikation. Denn Hugenberg, ab 1928 Vorsitzender der DNVP, vertrat die Interessen von Schwerindustrie und rechten Parteien oder Verbänden nicht nur mit der Hauptstadtpresse des Scherl-Verlags wie "Berliner Lokal-Anzeiger", "Der Tag" oder "Berliner Illustrierte", die er 1916 erworben hatte. Über Anzeigenvermittlung, Kredite und Unternehmensbeteiligungen brachte er weite Teile der Provinzpresse in die finanzielle Abhängigkeit seiner Gesellschaften. Darüber hinaus nahm er durch die Nachrichtenagentur Telegraphen-Union und andere Dienste unmittelbar Einfluss auf den Inhalt der Provinzzeitungen. Die rechte Hugenberg-Presse setzte durch ihre Nachrichtenauswahl – etwa über angeblichen kommunistischen Terror – Themen des öffentlichen Diskurses. LeserInnen folgten aber nicht unbedingt den Wahlaufrufen für die DNVP, sondern konnten die Berichterstattung auch so interpretieren, dass die NSDAP für sie die bessere Wahl sei.

Untersuchungen zur Hamburger und Leipziger Presse zeigen exemplarisch, wie die bürgerliche Presse auch abseits von Hugenbergs Einfluss den Aufstieg der NSDAP begünstigte. Aus Sympathie zur nationalistischen und gegen die Arbeiterbewegung gerichteten Programmatik betrachtete sie die Partei wohlwollend und warb dafür, Hitler und die NSDAP in Regierungen einzubinden. So unterstützten Titel wie die "Hamburger Nachrichten", das "Hamburger Fremdenblatt" oder die "Leipziger Neuesten Nachrichten" zwar nicht direkt die NSDAP, trugen aber zur Normalisierung der faschistischen Bewegung und zur Akzeptanz im bürgerlichen Lager bei. Neben politischer Überzeugung waren dazu auch schlicht ökonomische Erwägungen der Verlage ausschlaggebend. Als privatwirtschaftliche Unternehmen nahmen liberale oder konservative Zeitungshäuser Rücksicht auf nationalsozialistische WählerInnen als (potenzielle) LeserInnen. Der Politikwissenschaftler Jürgen Falter hat für die späte Weimarer Republik einen Zusammenhang zwischen der Verbreitung einer rechten Presse und Wählerstimmen für die NSDAP aufgezeigt. Insgesamt kam den nationalistisch-konservativen Zeitungen und Zeitschriften in den Großstädten und in der Provinz eine wichtigere Rolle für den Aufstieg der Nationalsozialisten zu als der eigenen Parteipresse.

Grenzen der Medienwirkung

Trotz dieser Befunde zur Fragmentierung und Polarisierung der (Boulevard-)Presse sowie zum rechten Tenor der Berichterstattung sind keine direkten Schlüsse auf die Bedeutung von Mediennutzung als Ursache des Aufstiegs des Nationalsozialismus zu ziehen. Urteile zur Fragmentierung als Folge von Mediennutzung waren bereits in der Weimarer Republik weit verbreitet. Noch heute schlagen sie sich in populären Zeitdiagnosen von "Filterblasen" oder "Echokammern" der politischen Radikalisierung durch selektive Mediennutzung online nieder. Sie vernachlässigen jedoch zum einen den sozialen Kontext der Mediennutzung, zum anderen die aktive Rolle der NutzerInnen. Der Aufstieg der NSDAP ist weniger im Sinne von Echokammer-Hypothesen mit Radikalisierungsprozessen durch den alleinigen Konsum der NS-Presse zu erklären. Der Einfluss von Medien kann stattdessen beschrieben werden als, erstens, die aktive Verarbeitung und Interpretation einer – beispielsweise antirepublikanischen, antikommunistischen und nationalistischen – Berichterstattung durch, zweitens, Personen, deren Einstellungen und Überzeugungen solchen Mustern nicht grundlegend entgegenstanden. So war in Gemeinden mit einem hohen Anteil an KatholikInnen und ArbeiterInnen an der Bevölkerung auch trotz einer rechten Presse die Zustimmung zur NSDAP bei Wahlen geringer.

Auch im Bereich des Films war die weite Verbreitung von nationalistischen und militaristischen Inhalten, an die die faschistische Ideologie der NSDAP anknüpfen konnte, bedeutsamer für den Aufstieg der Nazis als ihre direkte Propaganda. Hugenbergs Firmengeflecht war nicht nur auf die Presse beschränkt. Der deutschnationale Politiker war ebenso in der Produktion und im Verleih von Filmen tätig, insbesondere über das größte deutsche Filmunternehmen Ufa, an dem er ab 1927 beteiligt war.

Ab Beginn der 1930er Jahre konnten sich die Nationalsozialisten zudem auf das neuere Medium Hörfunk stützen. Der unmittelbare Einfluss des Rundfunks auf den Erfolg der NSDAP lässt sich allerdings nur schwer belegen. Zwar ging die NSDAP aus den Wahlen im Juli 1932 als stärkste Partei hervor, nachdem sie erstmals im Radio um Stimmen hatte werben können. Bei den Wahlen im November 1932 verlor sie aber trotz Möglichkeiten der Rundfunkwerbung wieder an Stimmen. Gleichzeitig gelangen der KPD, obwohl sie als einzige Partei von der Rundfunkwerbung ausgeschlossen worden war, zumindest leichte Zugewinne.

Presse 1933

Die Politik der NSDAP nach der Machtübertragung auf Hitler bestand einerseits aus Repression und Verfolgung von Minderheiten und politischen Gegnern, andererseits warben die Nationalsozialisten um weitere Zustimmung in der Bevölkerung. Die Kontrolle über die öffentliche Kommunikation hatte daher hohe Priorität für das Regime, um die errungene Macht zu festigen und letztlich den Krieg und die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden propagandistisch vorzubereiten. Dies zeigt zunächst vor allem, dass auch Hitler und seine Parteigänger von der starken Wirkung von Medien überzeugt waren. Nachdem sich die Nazis unter den Bedingungen einer pluralistischen Öffentlichkeit aggressiv gegen den Weimarer Staat gerichtet hatten, betrieben sie nun eine "Integrationspropaganda" für die sogenannte Volksgemeinschaft und den Führerstaat. Die Ästhetisierung der Politik durch die symbolische Inszenierung in Versammlungsöffentlichkeiten konnten die Nationalsozialisten ab 1933 noch umfassender betreiben und sie auch noch in verstärktem Maß über Presse, Hörfunk und Film unter ihrer Kontrolle verbreiten. Die NS-Propaganda bestand aus der emotionalisierten Inszenierung der Politik um einen Führerkult, Rassismus, "Volksgemeinschaft" und das Bild der "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung".

Die Notverordnung des Reichspräsidenten "zum Schutze des Deutschen Volkes" schränkte nur wenige Tage nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler die Pressefreiheit drastisch ein. In der Folge erlassene Verbote trafen insbesondere die kommunistische und sozialdemokratische, aber auch Teile der liberalen Presse. Infolge der sogenannten Reichstagsbrandverordnung Ende Februar 1933 verbot das Regime die Publikationen ihrer linken Gegner vollständig. Die Verbote der als marxistisch bezeichneten Titel waren ein tiefer Einschnitt in die Pressefreiheit, doch standen sie auch in Kontinuität der zeitweisen Zeitungsverbote in der Weimarer Republik, die sich zuvorderst gegen die kommunistische Presse gerichtet hatten. Für eine Zäsur sorgte die NS-Medienpolitik vor allem in personeller Hinsicht: Insbesondere jüdische und linke JournalistInnen verloren ihre Betätigungsmöglichkeiten und wurden verfolgt, jüdische Verlage wurden enteignet. Im März wurde das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda als zentrale Einrichtung zur Lenkung der öffentlichen Kommunikation eingerichtet. Die personelle Kontrolle sicherte das Regime mit einem berufsständischen Kammersystem durch Zwangsmitgliedschaft in der Reichskulturkammer und schließlich dem antisemitischen und gegen ihre politischen Gegner gerichteten Schriftleitergesetz, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat.

Allerdings konnte das Regime nicht der gesamten Presse mit Terror und Gewalt begegnen. Mit dem Großteil der Verleger und JournalistInnen der ehemals konservativen und liberalen Blätter musste es zusammenarbeiten. Auf sie waren die Nationalsozialisten sowohl aus Mangel an eigenem Personal als auch zur Integration des Bürgertums in die faschistische Diktatur und zur Außendarstellung im Ausland angewiesen. Obwohl oder gerade weil sie weniger aggressive, offen antisemitische Propaganda betrieben, übernahmen damit auch Titel wie die "Frankfurter Zeitung" oder das "Berliner Tageblatt" eine Funktion für die Festigung der Macht Hitlers. Der Umgang mit den älteren, zunächst in Privatbesitz belassenen Pressetiteln war noch stärker von der negativen Medienpolitik der Verfolgung und Repression als von einer eigenen Gestaltung wie beim Film und Hörfunk geprägt. Auch deshalb scheint die Betonung der neueren Medien für die NS-Propaganda in Teilen der Forschung und im populären Diskurs plausibel. Doch trotz der weiteren Verbreitung der neueren Medien in den 1930er Jahren blieb die Presse auch in der NS-Diktatur das wichtigste Medium. Zum einen blieb die Nutzung von Film und Radio schon allein aus ökonomischen Gründen beschränkt. Zum anderen erfüllten Tageszeitungen auch weiterhin die Bedürfnisse nach (lokaler) Information und Unterhaltung.

Film und Hörfunk 1933

Wie im gesamten Medienbereich war im Film die Zäsur durch Berufsverbote und Verfolgung für jüdische MitarbeiterInnen drastisch. Inhaltlich gab es hingegen Kontinuitäten zur Weimarer Republik. Charakteristisch waren kurz nach der Machtübertragung weniger die eindeutigen Propagandafilme wie "Hitlerjunge Quex" (1933), sondern eine Orientierung an den Unterhaltungsbedürfnissen der ZuschauerInnen. NS-Unterhaltungsfilme waren jedoch nicht unpolitisch und dienten der Integration in die "Volksgemeinschaft" – und damit auch dem Ausschluss jüdischer BürgerInnen. Obgleich weiterhin Unterschiede nach Klasse, Schicht oder Milieu bestanden, wirkte diese Filmpolitik durchaus im Sinne einer völkischen Integration des Publikums. Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno als Vertreter der Kritischen Theorie haben die Kontinuitäten um 1933 herausgearbeitet und dabei weniger auf den direkten protofaschistischen Charakter von Medieninhalten als vielmehr auf das grundlegende faschistische Potenzial der Unterhaltung und Reklame der modernen Kulturindustrie in bürgerlichen Massengesellschaften hingewiesen.

Die intensive Verwendung des noch jungen Mediums Hörfunk zur Reichstagswahl im März 1933 durch die NSDAP nach den ersten Radiowahlkämpfen 1930 und 1932 gab Anlass zu Mutmaßungen, der Gebrauch neuerer Medien könnte zur Festigung der Macht der Nazis beigetragen haben. Mit Hitlers Amtsübernahme erhielten die Nationalsozialisten vollständigen Zugriff auf den Rundfunk. Während das Kabinett aus Mitgliedern von NSDAP, DNVP und Stahlhelm Parteienwerbung im Rundfunk verbot, gestand es sich selbst Reden und Berichte zu. Da die NSDAP allerdings selbst trotz offenen Terrors gegen ihre politischen Gegner und Einschränkungen der Wahlen "nur" 43,9 Prozent der Stimmen erreichte, kann auch der Wahlkampfkommunikation lediglich eingeschränkt Erfolg zugeschrieben werden.

Bereits die Präsidialregierung unter Franz von Papen hatte den Hörfunk 1932 vollständig verstaatlicht und eine Aufsicht über die Programme eingeführt. Angesichts der zentralisierten und staatlichen Organisation konnten die Nationalsozialisten das Medium einfach unter ihre Kontrolle bringen und dem Propagandaministerium unterstellen. Mit der weiten Verbreitung günstiger Empfangsgeräte ("Volksempfänger") schufen sie zumindest die Voraussetzung für eine gesellschaftliche Wirkung des neueren Mediums Hörfunk. 1933 war die Reichweite jedoch noch gering. Inhaltlich war der Rundfunk von der Machtübertragung bis zum Ende des Jahres 1933 von direkter politischer Propaganda geprägt, erst danach rückte die Unterhaltung immer stärker ins Programm. Bemerkenswert ist, dass das Regime nicht nur die Produktion und Inhalte des Radioprogramms kontrollierte, sondern durch die Förderung des Gemeinschaftsempfangs auch die Rezeption lenken wollte, um Hoheit über die Deutung der gesendeten Inhalte zu erlangen.

Möglichkeiten der Medienwirkung

Insgesamt konnte die NS-Propaganda nur wirksam sein, wenn sie sich auf Erfolge und populäre Politik beziehen konnte. Der Terror gegen die politische Linke bei der Etablierung der diktatorischen Macht 1933 war eine durchaus populäre Maßnahme, die das Regime als Erfolg darstellen konnte.

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Öffentlichkeit in der Weimarer Republik konnte die NSDAP propagandistisch erstens eine Polarisierung zwischen einer marxistischen Linken und einer nationalistischen Rechten behaupten und sich als die Kraft zur Abwehr des Kommunismus inszenieren. Dabei knüpfte sie an gesellschaftlich weit verbreitete Haltungen an: Die rechte Presse der Weimarer Republik und die NS-Propaganda hatten ihre Feindbilder etwa bei der Verbreitung der antisemitischen "Dolchstoßlegende" zum Ersten Weltkrieg nicht neu etablieren müssen. Die Ablehnung der Arbeiterbewegung und die Begründung ihrer Bekämpfung waren seit dem Kaiserreich die zentralen Elemente der bürgerlichen Weltanschauung, zu deren Verbreitung und Verfestigung Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Flugschriften seit dem 19. Jahrhundert beigetragen hatten. Zweitens konnte sich die NSDAP angesichts tatsächlicher und medial betonter Spaltungen als Kraft zur Überwindung der Fragmentierungen präsentieren, insbesondere durch die Propagierung der Idee der "Volksgemeinschaft" und der Inszenierung Hitlers als starken Führer. Drittens gelang es dem Regime, aufbauend auf abstrakteren antisemitischen Vorurteilen, die Deutung zu etablieren, es gäbe tatsächlich eine konkrete "Judenfrage", die gar durch Vernichtung zu lösen wäre.

Mit dieser Anknüpfung an vorhandene Werthaltungen und die Ausnutzung von Indifferenz und Vorurteilen konnte die Integrationspropaganda ohnehin virulente und akzeptierte Themen aufwerten und instrumentalisieren. Durch die Verbreitung von Deutungsangeboten nahmen die Nazis Einfluss, beispielsweise auf die interpersonale Anschlusskommunikation im privaten Bereich. Selbst wenn unter den Bedingungen der Diktatur nicht von einem passiven Publikum ausgegangen werden kann, sollte die aktive Mediennutzung im Sinne eines Lesens zwischen den Zeilen – genau wie ein oppositionelles Schreiben zwischen den Zeilen – jedoch nicht überbewertet werden, da dafür immer auch eine Decodierungsleistung notwendig war.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass den älteren wie den neueren Medien beim Aufstieg der NSDAP und bei der Etablierung ihrer diktatorischen Macht eine zentrale Rolle zukam. Allerdings bestand diese nicht darin, dass sie passive RezipientInnen mit Propaganda überwältigte oder verführte, sondern dass die Nazis Themen der politischen Öffentlichkeit in ihrem Sinne setzen und vorhandene Einstellungen mobilisieren und verstärken konnten. Potenziale und Grenzen der Medienwirkungen bewegten sich dabei in Abhängigkeit von individuellen und gesellschaftlichen Kontextfaktoren – wie Überzeugungen und Milieus in der Weimarer Republik oder als Erfolge darstellbare Maßnahmen des Regimes nach 1933.

Das ältere Medium Presse blieb auch in der Diktatur zentral für die Vermittlung politischer Informationen und Meinungen. Die faschistische Bewegung erlangte mit ihrer symbolischen Inszenierung und ihrer Brutalität in der Weimarer Öffentlichkeit eine hohe Aufmerksamkeit, insbesondere bei neueren Zeitungs- und Zeitschriftentypen, die auf Skandalisierung und Sensationalisierung setzten. Darüber hinaus konnten sich die Nazis bei ihrem Weg an die Macht auf die weite Verbreitung konservativ-nationalistischer Inhalte in Presse, Film und Hörfunk stützen. Dabei wurde nur teilweise unmittelbar für Hitler geworben, sie boten den RezipientInnen aber Deutungsmöglichkeiten im Sinne der NSDAP und der Partei selbst Anknüpfungsmöglichkeiten für ihre Propaganda.

Schließlich konnte Hitler die "Volksgemeinschaft" und den Führerstaat als Lösung zur Überwindung der fragmentierten und polarisierten Weimarer Gesellschaft und Öffentlichkeit inszenieren. Das bildete die Grundlage für die Medienpolitik nach der Machtübertragung, mit der die Nazis jegliche Opposition unterbanden, gleichzeitig aber mit einer Integrationspropaganda um Zustimmung warben.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Daniel Mühlenfeld, Was heißt und zu welchem Ende studiert man NS-Propaganda? Neuere Forschungen zur Geschichte von Medien, Kommunikation und Kultur während des "Dritten Reiches", in: Archiv für Sozialgeschichte Jg. 49/2009, S. 527–559; Clemens Zimmermann, Medien im Nationalsozialismus. Deutschland 1933–1945, Italien 1922–1943, Spanien 1936–1951, Wien u.a. 2007, S. 9–25.

  2. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Zweite Fassung, in: Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser (Hrsg.), Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. I, Teil 2, Frankfurt/M. 19903, S. 471–508, hier S. 506.

  3. Vgl. Corey Ross, Media and the Making of Modern Germany. Mass Communications, Society, and Politics from the Empire to the Third Reich, New York 2008, S. 242–246.

  4. Vgl. Bernhard Fulda, Press and Politics in the Weimar Republic, Oxford 2009.

  5. Vgl. Heidrun Holzbach, Das "System Hugenberg", Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP, Stuttgart, 1981, S. 259–313.

  6. Vgl. Fulda (Anm 4).

  7. Vgl. Karl Christian Führer, Politische Kultur und Journalismus. Tageszeitungen als politische Akteure in der Krise der Weimarer Republik 1929–1933, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte Jg. 10/2008, S. 26–51; Michael Meyen, Leipzigs bürgerliche Presse in der Weimarer Republik. Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichem Wandel und Zeitungsentwicklung, Leipzig 1999, S. 171–186.

  8. Vgl. Jürgen W. Falter, Hitlers Wähler, München 1991, S. 327–339.

  9. Vgl. Ross (Anm. 3), S. 239–246.

  10. Vgl. Maria Löblich/Niklas Venema, Echo Chambers. A Further Dystopia of Media Generated Fragmentation, in: Gabriele Balbi et al. (Hrsg.), Digital Roots: Historicizing Media and Communication Concepts of the Digital Age, Berlin u.a. 2021, S. 177–191.

  11. Vgl. Falter (Anm. 8).

  12. Vgl. Ross (Anm. 3), S. 231, S. 242.

  13. Vgl. Holzbach (Anm. 5), S. 300ff.

  14. Vgl. Rudolf Stöber, Die erfolgverführte Nation. Deutschlands öffentliche Stimmungen 1866 bis 1945, Stuttgart 1998, S. 339f.

  15. Vgl. Thymian Bussemer, Propaganda und Populärkultur, Konstruierte Erlebniswelten im Nationalsozialismus, Wiesbaden 2000, S. 14–18.

  16. Vgl. Adelheid von Saldern, Öffentlichkeiten in Diktaturen. Zu den Herrschaftspraktiken im Deutschland des 20. Jahrhunderts, in: Günther Heydemann/Heinrich Oberreuter (Hrsg.), Diktaturen in Deutschland – Vergleichsaspekte, Strukturen, Institutionen und Verhaltensweisen, Bonn 2003, S. 442–475.

  17. Vgl. Bernd Sösemann, Propaganda und Öffentlichkeit in der "Volksgemeinschaft", in: ders. (Hrsg.), Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft, München 2002, S. 114–151.

  18. Vgl. Norbert Frei/Johannes Schmitz, Journalismus im Dritten Reich, München 20145, S. 9–53.

  19. Vgl. Karl Christian Führer, Die Tageszeitung als wichtigstes Massenmedium der nationalsozialistischen Gesellschaft, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 5/2007, S. 411–434.

  20. Vgl. Ross (Anm. 3), S. 311–321.

  21. Vgl. Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 200616.

  22. Vgl. Konrad Dussel, Deutsche Rundfunkgeschichte, Köln 20224.

  23. Vgl. Frei/Schmitz (Anm. 18), S. 83ff.

  24. Vgl. von Saldern (Anm. 16), S. 445ff.

  25. Vgl. Ian Kershaw, How Effective Was Nazi Propaganda?, in: David Welch (Hrsg.), Nazi Propaganda: The Power and the Limitations, London 1983, S. 180–205.

  26. Vgl. Bussemer (Anm. 15), S. 88.

  27. Vgl. Rudolf Stöber, Presse im Nationalsozialismus, in: Bernd Heidenreich/Sönke Neitzel (Hrsg.), Medien im Nationalsozialismus, Paderborn 2010, S. 275–294.

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ist Juniorprofessor für Kommunikations- und Medienwandel an der Universität Leipzig.
E-Mail Link: venema@uni-leipzig.de