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Die große Verunsicherung

Gentechnik Editorial Von A wie "Adenin" bis Z wie "Züchtung". Eine Einführung in die Gentechnologie Am Anfang war die Erbse. Kleine Geschichte der Gentechnik und ihrer Rezeption "Wir dürfen da noch sehr viel erwarten". Ein Gespräch über medizinische RNA-Forschung und -Therapien. Ende des Schicksals? Genomeditierung in der Medizin Recht vs. Naturwissenschaften? Die Debatte zur Regulierung grüner Gentechnik in der EU Die große Verunsicherung. Zur Resonanz grüner Gentechnik in der deutschen Bevölkerung

Die große Verunsicherung Zur Resonanz grüner Gentechnik in der deutschen Bevölkerung

Ortwin Renn

/ 13 Minuten zu lesen

Die öffentliche Debatte um Gentechnik ist von Unsicherheiten und Unklarheiten geprägt. Im Fokus steht dabei ihr Einsatz in der Landwirtschaft. Wie lässt sich die mehrheitliche Skepsis gegenüber Lebensmitteln erklären, die mithilfe von Gentechnik produziert werden?

Die Debatte um Gentechnik und ihre Anwendungen ist von vielen Unsicherheiten und Unklarheiten geprägt. Bei der gesellschaftlichen Bewertung der Gentechnik kommt es zunächst vor allem darauf an, für welchen Zweck sie eingesetzt wird, denn es handelt sich um eine sogenannte Querschnittstechnologie. Die Anwendungsbereiche der Gentechnologie lassen sich grob in vier Felder unterscheiden:

Die medizinische und pharmazeutische Anwendung wird oft als "rote" Gentechnik bezeichnet. In der Medizin liegen die Anwendungsfelder vor allem in der Diagnostik und Therapie, in der Pharmazie wird Gentechnik in erster Linie für die Entwicklung und auch die Herstellung von Arzneimitteln verwendet. Das ist zwar auch mit Gesundheitsrisiken verbunden, die Nutzanwendungen überwiegen aber in den Augen der meisten Betrachter:innen. Völlig anders fällt dagegen die Bewertung der Gentechnik in ihrer Anwendung am Menschen selbst aus: Vor allem in der Diagnose von Krankheiten im pränatalen Stadium sowie in der Reproduktionsmedizin werden zentrale ethische Fragen aufgeworfen. Allerdings ist der öffentliche Diskurs zu diesem Bereich weniger stark ausgeprägt und eher auf Fachdebatten beschränkt als die Auseinandersetzung um gentechnologische Anwendungen in der Landwirtschaft und Ernährung.

Dieses zweite große Betätigungsfeld der Gentechnologie wird meist als "grüne" Gentechnik bezeichnet. Hier geht es beispielsweise um gentechnisch veränderte Rohstoffe zur Nahrungsmittelproduktion, um Resistenz- und Intensivierungszüchtungen, um Produktivitätssteigerungen, Qualitätsveränderungen sowie um Anreicherungen mit ernährungsphysiologisch erwünschten Zusatzstoffen wie etwa Vitaminen.

Ferner werden gentechnische Verfahren in speziellen Produktionsprozessen angewandt, zum Beispiel bei der Enzymproduktion für Waschmittel. Auch für die Herstellung von Zwischenprodukten für die chemische Synthese können gentechnische Verfahren eingesetzt werden. Dieser Anwendungsbereich ist selten mit Endprodukten für Konsument:innen verbunden und wird häufig als "weiße" Gentechnik bezeichnet.

Schließlich werden gentechnische Verfahren auch im Bereich der Umwelttechnik und Schadstoffbeseitigung angewandt. Hierzu zählt unter anderem die sogenannte Bioremediation, also der Einsatz von Mikroorganismen zur Entsorgung kontaminierter Böden und Gewässer. Dieser Anwendungsbereich wird meist als "graue" Gentechnik bezeichnet.

Für die Frage nach der gesellschaftlichen Resonanz ist vor allem die grüne Gentechnik von Bedeutung. Zum einen ist sie mehr als die anderen Anwendungsfelder von Regulationen geprägt, zum anderen wird grüne Gentechnik von Gruppen, die der Gentechnik im Allgemeinen kritisch oder skeptisch gegenüberstehen, als Hauptgegenstand der Kritik und Kernpunkt der gesellschaftlichen Kontroverse um Gentechnik betrachtet. Schließlich sind auch die meisten empirischen Untersuchungen zur Akzeptanz der Gentechnik auf den Bereich Landwirtschaft und Ernährung ausgerichtet. Daher wird im Folgenden die Resonanz der grünen Gentechnik in der Gesellschaft im Mittelpunkt stehen.

Einstellungen zur grünen Gentechnik

Wenn es um grüne Gentechnik geht, zeigen nahezu alle Umfragen der vergangenen drei Jahrzehnte eine klare Tendenz: Mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung sprechen sich gegen den Einsatz gentechnischer Methoden in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelversorgung aus. Die Zahlen schwanken zwar ein wenig von Jahr zu Jahr, dennoch steht eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung der grünen Gentechnik skeptisch gegenüber.

So waren kurz vor der Bundestagswahl 2021 in einer repräsentativen Umfrage zu den Erwartungen an die künftige Bundesregierung in Bezug auf den Einsatz grüner Gentechnik 83 Prozent der Befragten der Meinung, dass alle Gentechnikmethoden – alte und neue – auf ihre Risiken hin überprüft werden sollten (Abbildung). Je jünger die Befragten, desto eher stimmten sie dieser Aussage zu. Eine Mehrheit der Deutschen wünschten sich zudem eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel, die mithilfe von Gentechnik hergestellt wurden, sowie für tierische Produkte wie Fleisch, Eier und Milchprodukte, wenn sie von Tieren stammen, die mit gentechnisch verändertem Futter gefüttert wurden. Nahezu zwei Drittel der Befragten befürworteten ein Verbot des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen in Deutschland. Mit Blick auf die gentechnische Veränderung von Tieren fiel das Urteil noch eindeutiger aus: 83 Prozent sprachen sich für ein Verbot der Gentechnik an Nutztieren in Deutschland aus.

Nur um Nuancen positiver fiel eine im Juli 2021 veröffentliche repräsentative Studie aus, in der 65 Prozent der Befragten Lockerungen der Regeln für die Zulassung und Kennzeichnung von Pflanzen ablehnten, die mit neuen Gentechnikverfahren gezüchtet werden. Interessant ist, dass diese Ablehnung bei den Anhänger:innen aller Parteien in Deutschland überwiegt. Selbst bei Wähler:innen der FDP, die sich in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2021 für eine Lockerung ausgesprochen hatte, waren 49 Prozent gegen eine Deregulierung der Gentechnik und nur 40 Prozent dafür. Am stärksten lehnten Sympathisant:innen der Linken mit 75 Prozent Lockerungen bei der Zulassung und Kennzeichnung von Gentechnik ab.

Ein ähnliches Bild ergab die 2019 vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebene Studie zum Naturbewusstsein der deutschen Bevölkerung. Darin befürworteten mehr als 80 Prozent der Befragten ein Verbot gentechnisch veränderter Pflanzen und Tiere in der Landwirtschaft. 95 Prozent sprachen sich dafür aus, mögliche Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen auf die Umwelt zu untersuchen. Zudem meinten 88 Prozent, auch die Wissenschaft sei nicht in der Lage, die langfristigen Folgen der neuen gentechnischen Verfahren abzusehen.

Ein Blick auf die europäischen Nachbarländer zeigt eine große Spreizung im Einstellungsspektrum. So schwankte die Zustimmung zum Einsatz von Gentechnik 2010 zwischen 10 Prozent in Griechenland und 44 Prozent im Vereinigten Königreich. Insgesamt sieht man aber auch im europäischen Vergleich, dass die Mehrheit der Europäer:innen die Gentechnik nicht unterstützt. Dabei ist Deutschland keineswegs das Land mit den meisten Skeptiker:innen. Die Bevölkerungen der Schweiz, Luxemburgs, Österreichs und Griechenlands übertreffen die Deutschen in ihrer Skepsis gegenüber der grünen Gentechnik (Tabelle). Diese skeptische Haltung ist in vielen Ländern seit Mitte der 1990er Jahre relativ stabil. Interessant ist auch, dass in Ländern wie Portugal und Spanien, in denen mithilfe von Gentechnik hergestellte Produkte auf dem Lebensmittelmarkt angeboten werden, die Skepsis vergleichsweise geringer ist als in Ländern, in denen solche Produkte nicht erlaubt sind oder schlichtweg nicht angeboten werden.

Ablehnungsgründe

Zweifellos bestehen bei der Gentechnik erhebliche Akzeptanzprobleme. Diese sind in Europa besonders stark ausgeprägt, aber Bedenken gegen Gentechnik bis hin zu Protesten und Verwüstungen von Feldern mit gentechnisch veränderten Pflanzen gibt es auch in Asien, den USA und einigen Ländern des Globalen Südens. Dabei ist der Protest weitgehend geprägt von der Wahrnehmung eines mangelnden Nutzens für Verbraucher:innen, der Sorge um eine weitere Industrialisierung der Landwirtschaft und der Ablehnung einer von Konzernen bestimmten Form der Landnutzung.

Die meisten Menschen lehnen die grüne Gentechnik weniger aufgrund konkreter gesundheitlicher Bedenken ab, sondern aus Unbehagen gegenüber einer Veränderung der Produktionsprozesse in der Landwirtschaft, die als natürlich empfunden werden. Dieses Unbehagen äußert sich auch in negativen Einstellungen zu künstlicher Düngung, zur Bekämpfung von Schädlingen durch Pflanzenschutzmittel oder zum Einsatz von Herbiziden. Gentechnisch veränderte Pflanzen, die versprechen, resistent gegen Unkrautvernichtungsmittel zu sein, verstoßen in diesem Sinne in zweifacher Weise gegen die Vorstellung einer natürlichen Landwirtschaft: Ihr genetischer Bauplan ist "künstlich" verändert, um das intuitiv abgelehnte Ziel der Bekämpfung von Unkraut durch Herbizide effizienter erreichen zu können. Gleichzeitig werden auch die Risiken der Gentechnik häufig als Grund für die Ablehnung genannt, wobei es mehr um langfristige Risiken und Unsicherheiten mit Blick auf noch nicht entdeckte Folgen geht und weniger um konkrete Befürchtungen, die eigene Gesundheit sei negativ betroffen.

Neben dem Unbehagen an der Künstlichkeit der Nahrungsmittelproduktion spielt auch der kaum wahrnehmbare Nutzen der Gentechnik für die Verbraucher:innen eine wichtige Rolle. Da die Lebensmittelpreise in Deutschland im internationalen Vergleich ohnehin sehr niedrig sind und auch nur einen kleinen Teil des individuellen Einkommens beanspruchen, sind kleinere Preisvorteile nur für die unteren Einkommensschichten in Deutschland ein Argument für den Einsatz von Gentechnik bei der Lebensmittelproduktion. Von daher bleiben auch mehr als zwei Drittel der deutschen Bevölkerung bei ihrer negativen Grundhaltung, wenn in den Umfragen ein möglicher Preisnachlass in Aussicht gestellt wird.

Die Einstellung zur Gentechnik ist auch von einigen moderierenden Variablen abhängig. Je größer das Vertrauen in Expert:innen für Gentechnik ist, desto eher ist mit einer positiven Haltung zu rechnen. Im Vergleich gegenüber Expert:innen aus anderen Technikbereichen ist das Vertrauenspotenzial gegenüber den Gentechnikspezialist:innen in Deutschland jedoch besonders gering. In der Naturbewusstseinsstudie 2019 bekundeten 61 Prozent der Befragten, sie hätten kein oder nur wenig Vertrauen in Wissenschaftler:innen, die eine befürwortende Haltung gegenüber der grünen Gentechnik einnehmen. Diese Zahl kontrastiert in hohem Maße mit der Vertrauensbasis gegenüber Wissenschaft im Allgemeinen. Hier streuen die Werte zwischen 50 und 73 Prozent der Befragten, die den Aussagen der Wissenschaft zu möglichen Risiken oder Gefahren für die Umwelt, die Gesundheit oder das Gemeinwesen "voll und ganz" oder "eher" Vertrauen schenken.

In einem größeren Kontext lässt sich die Ablehnung der Gentechnik in eine Grundhaltung der Verunsicherung gegenüber der Technisierung, Digitalisierung und Globalisierung im Weltmaßstab einordnen. Die mit diesen Trends verbundenen Veränderungen werden häufig als bedrohlich und unnatürlich empfunden. Gentechnische Veränderungen erscheinen als Fremdkörper in einer vertrauten Welt, die mental mit Landwirtschaft und Nahrungsmitteln verbunden wird. Gentechnik wirkt dann wie ein Eindringling in die eigene Lebenswelt, deren Grundfeste sie erschüttert und vertraute Routinen sie hinterfragt. Eine Untersuchung in sechs EU-Ländern mit Fokusgruppen, in denen offen die Ängste, Befürchtungen, aber auch Hoffnungen und Visionen der Teilnehmer:innen angesprochen wurden, hat diesen Zusammenhang bestätigt: Je stärker Menschen die gentechnischen Veränderungen als Zeichen einer anonymen Bedrohung ihrer selbstbestimmten Lebenswelt erleben, desto skeptischer, ja geradezu feindseliger betrachten sie den Vormarsch der Gentechnik in den Nahrungsmittelbereich. Die Angst, durch Effizienz von Zweckerfüllung Autonomie über die eigene Lebenswelt zu verlieren, äußert sich in der bewussten Abkehr von industriellen Fertigungsweisen und durchgestyltem Convenience-Food.

Damit steht die grüne Gentechnik wie ein Sündenbock für eine von vielen als bedrohlich empfundene Modernisierung unserer Gesellschaft. Sie ist zu einem Symbol für den empfundenen Verlust von Natürlichkeit und Vertrautheit geworden. Aus diesem Grund ist es auch außerordentlich schwierig und meist wenig aussichtsreich, die Debatte um Gentechnik auf deren instrumentelle Vor- und Nachteile zu lenken. Gerade wenn es sich um grundlegende Haltungen gegenüber Transformationen und Umbrüchen in unserer Gesellschaft handelt, muss die Debatte um Gentechnik in diesen größeren Kontext eingeordnet werden.

Aussichten

Die Zukunft der Gentechnik hängt stark vom Gestaltungswillen der beteiligten Akteur:innen ab. Die Gentechnik besitzt das Potenzial, Impulse für eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Transformation der Gesellschaft zu leisten. Gleichzeitig sind mit der Gentechnik viele zum Teil übergreifende Risiken verbunden, die aber durch eine sachlich fundierte und gemeinwohlorientierte Gestaltung zumindest eingeschränkt, wenn nicht sogar vermieden werden können.

Die Zeit für eine Neubesinnung ist gerade günstig. Die Gentechnik hat als Streitthema in den vergangenen Jahren an öffentlicher Sprengkraft verloren. Mit der Entdeckung der CRISPR/Cas9-Methode, der sogenannten Genschere zur gezielten Erbgutveränderung, ist eine neue Debatte aufgekommen, die von den gentechnikkritischen NGOs wie Greenpeace inzwischen differenzierter aufgegriffen wird als früher. Auch haben sich im Verlauf der Debatte die Themen der Auseinandersetzung geändert: Stand anfangs der Gesundheitsschutz im Vordergrund, also die Frage, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel die menschliche Gesundheit mittel- und langfristig gefährden können, sind es heute andere Aspekte wie die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft und der Nahrungskette insgesamt, die Abhängigkeit von Großkonzernen, langfristige ökologische Veränderungen sowie die Beschränkung der Kulturpflanzen auf wenige gentechnisch veränderte Sorten.

Die Leitbilder hinter den jeweiligen Einstellungen zur Gentechnik bleiben jedoch relativ konstant. Zum einen findet man die Vision einer naturnahen Landwirtschaft, getragen von kleinen ländlichen Betrieben, die sich und die umgebende Bevölkerung ausreichend ernähren können und auf ökologische Werte wie den Erhalt der Biodiversität und hohe Bodenqualität achten. Ziel ist die Selbstversorgung in einer Region, weniger der Export. Dieser Entwurf funktioniert global nur, wenn wir die Ernährung von Fleisch auf mehr pflanzliche Kost umstellen und auch höhere Preise für Lebensmittel als akzeptabel einstufen. Gerade dies ist durch die Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine deutlich geworden. Zum anderen findet man den Gegenentwurf einer modernisierten industriellen Landwirtschaft auf der Basis von Digitalisierung und Gentechnik, die angesichts der wachsenden Weltbevölkerung auf mehr Effizienz und eine Erhöhung der Erträge auf immer weniger zur Verfügung stehendem Boden setzt. Dieser Entwurf würde keine Änderung unserer Ernährungsweise erforderlich machen und auch einen hohen Fleischbedarf in den sich entwickelnden Ländern auffangen. Gentechnik ist dabei nur ein Baustein unter vielen: Letztendlich stehen am Ende dieser Entwicklung einige wenige global agierende Agrarkonzerne, die weltweit die Bodenbewirtschaftung für Nahrungsmittel oder Biostoffe mithilfe modernster Technik und wissenschaftlich geprüfter Optimierung übernehmen.

Um eine Form des Dialogs zwischen den Fronten dieser beiden gegensätzlichen Visionen zu organisieren, sind neue kooperative Formen der Verständigung zwischen Industrie, Landwirt:innen, Umweltschutzorganisationen sowie politischen Regulierungsinstanzen notwendig. Dabei muss das Thema Gentechnik in einen größeren Zusammenhang mit Landnutzung, Treibhausgasemissionen und Ernährungsverhalten eingebettet werden. "Beispielsweise könnte bei (…) partizipativen Modellen angesichts zukünftiger Technikkontroversen stärker darauf geachtet werden, von Beginn an nicht allein auf die Potenziale und Risiken der zu behandelnden Technologie zu fokussieren, sondern darüber hinaus bewusst auch Subkonflikte und Vorstellungswelten, Metaphern und Narrationen in der Diskussion zuzulassen sowie zum Thema zu machen."

Die Einrichtung solcher erweiterten Plattformen für den gesellschaftlichen Diskurs könnte dazu führen, Treiber und Hemmnisse landwirtschaftlicher Praktiken systemisch zu beleuchten, vor allem unter der Randbedingung der Digitalisierung, der neuen Entwicklungen in der Gentechnik und der Forderung nach nachhaltiger Entwicklung. Wenn man diese größeren Themen miteinander verzahnt, ist die Gentechnik ein Mosaikstein unter vielen. Das heißt nicht, dass man im Rahmen dieser Netzwerke nicht auch über Möglichkeiten und Grenzen von Gentechnik debattieren sollte, aber dieses Thema ist in einem größeren Rahmen von neuen Entwicklungen, Transformationen und Überschneidungen mit anderen Feldern wie etwa Energie und Süßwassernutzung eingebunden. Mit einem Ansatz wie "Neue Leitbilder für die Landwirtschaft und Landnutzung der Zukunft" wäre viel mehr gewonnen als mit einem engen Dialog zum Thema Gentechnik. Dann kämen Themen wie Saatgutverbesserung über Züchtung, Gentechnik oder andere Methoden oder die Intensivierung der Landnutzung von selbst zur Sprache. Auch die Anpassung an den Klimawandel wäre ein wesentlicher Gesichtspunkt, etwa welche Rolle gentechnisch veränderte Pflanzen bei der Anpassung (adaptation) an die Auswirkungen des jetzt schon eingetretenen Klimawandels spielen können. Mit solchen Dialogen über Zusammenhänge können Themen wie Gesundheit, Landwirtschaft und Ernährung ohne ideologische Scheuklappen zusammengebracht werden.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Christine Steinhoff, Grüne, Rote, Weiße und Graue Gentechnik, Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Der aktuelle Begriff 18/2005; Igor Matyushenko/Iryna Sviatukha/Larysa Grigorova-Berenda, Modern Approaches to Classification of Biotechnology as a Part of NBIC-Technologies for Bioeconomy, in: British Journal of Economics, Management & Trade 4/2016, Externer Link: https://doi.org/10.9734/BJEMT/2016/28151.

  2. Vgl. Oskar Luger/Astrid Tröstl/Katrin Urferer, Gentechnologie in der medizinischen Anwendung am Menschen, in: dies. (Hrsg.), Gentechnik geht uns alle an! Ein Überblick über Praxis und Theorie, Wiesbaden 2017, S. 115–160.

  3. Vgl. Ortwin Renn, Gentechnische Anwendungen im Spiegel der nachhaltigen Entwicklung, in: Boris Fehse et al. (Hrsg.), Fünfter Gentechnologiebericht. Sachstand und Perspektiven für Forschung und Anwendung, Baden-Baden 2021, S. 480–503.

  4. Vgl. Bernd Müller-Röber et al. (Hrsg.), Grüne Gentechnik. Aktuelle wissenschaftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, Dornburg 2013.

  5. Vgl. Luger/Tröstl/Urferer (Anm. 2), S. 21.

  6. Vgl. Kes McCormick/Niina Kautto, The Bioeconomy in Europe: An Overview, in: Sustainability 6/2013, S. 2589–2608.

  7. In der Erhebung wurde nach "alten" und "neuen Verfahren" gefragt, ohne diese zu spezifizieren. Ob die Befragten "neue Verfahren" mit der sogenannten Genschere CRISPR/Cas9 assoziiert haben, lässt sich aus den Antworten nicht ersehen. Die Antwortmuster variieren aber auch nicht von der Gesamttendenz, wenn explizit nach "neuen Verfahren" gefragt wurde.

  8. Vgl. Bundestagswahl: Fast zwei Drittel gegen Lockerungen der Gentechnik-Regeln, 4.8.2021, Externer Link: http://www.ohnegentechnik.org/artikel/bundestagswahl-fast-zwei-drittel-gegen-lockerungen-der-gentechnik-regeln.

  9. Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU), Naturbewusstsein 2019. Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt, Bonn 2020, S. 58ff.

  10. Vgl. Studie: große Mehrheit der Deutschen gegen Gentechnik auf dem Acker, 19.8.2021, Externer Link: http://www.keine-gentechnik.de/nachricht/34093.

  11. Vgl. Akademie der Technikwissenschaften (Acatech), Perspektiven der Biotechnologie-Kommunikation. Kontroversen – Randbedingungen – Formate, Heidelberg 2012.

  12. Eine Reihe von nationalen Erhebungen in verschiedenen europäischen Ländern bestätigen diese Ergebnisse über 2010 hinaus, siehe etwa Externer Link: http://www.keine-gentechnik.de/dossiers/meinungsumfragen. Auch eine Umfrage der Grünen-Fraktion im EU-Parlament ergab, dass 2021 rund 85 Prozent der befragten Europäer:innen eine Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Produkte befürworten, siehe Externer Link: http://www.martin-haeusling.eu/presse-medien/pressemitteilungen/2715.html.

  13. Vgl. Hans-Peter Peters et al., Culture and Technical Innovation, Impact of Institutional Trust and Appreciation of Nature on Attitudes Towards Food Biotechnology in the USA and Germany, in: International Journal of Public Opinion Research 2/2007, S. 191–220; Ortwin Renn, Symbolkraft und Diskursfähigkeit. Die neue Technik in der öffentlichen Wahrnehmung, in: Politische Ökologie 81–82/2003, S. 27–30.

  14. Vgl. Dominika Sikora/Piotr Rzymski, Public Acceptance of GM Foods: A Global Perspective (1999–2019), in: Pardeep Singh et al. (Hrsg.), Policy Issues in Genetically Modified Crops: Global Perspective, London 2021, S. 293–315.

  15. Vgl. Ortwin Renn, Grüne Gentechnik: Konfliktlinien und Möglichkeiten ihrer Überwindung, in: Barbara Köstner/Markus Vogt/Beatrice Saan-Klein (Hrsg.), Agro-Gentechnik im ländlichen Raum – Potentiale, Konflikte, Perspektiven, Dettelbach 2007, S. 41–56.

  16. Siehe dazu die Studienreihe Naturbewusstsein des Bundesumweltministeriums und des Bundesamts für Naturschutz unter Externer Link: http://www.bfn.de/naturbewusstsein.

  17. Vgl. Jürgen Hampel/Andreas Klinke/Ortwin Renn, Beyond "Red" Hope and "Green" Distrust. Public Perception of Genetic Engineering in Germany, in: Politeia 60/2000, S. 68–82.

  18. Vgl. Jürgen Hampel/Uwe Pfenning, Einstellungen zur Gentechnik, in: Jürgen Hampel/Ortwin Renn (Hrsg.), Gentechnik in der Öffentlichkeit. Wahrnehmung und Bewertung einer umstrittenen Technologie, Frankfurt/M. 1999, S. 28–55; Renn (Anm. 13).

  19. Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB), Informationen zur Naturbewusstseinsstudie, 27.4.2016, Externer Link: https://www.bmuv.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Naturschutz/.

  20. Vgl. Peters et al. (Anm. 13).

  21. 65 Prozent misstrauen sehr oder eher Expert:innnen für Gentechnik. Vgl. Wissenschaft im Dialog, Wissenschaftsbarometer 2016, S. 13.

  22. Vgl. BMU (Anm. 9), S. 62.

  23. Siehe Externer Link: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1193534.

  24. Vgl. Manuel Thiel, Grüne Gentechnik in Deutschland. Einstellungen der Bevölkerung, Stuttgart 2014, S. 134ff.

  25. Vgl. Hampel/Pfenning (Anm. 18).

  26. Vgl. Renn (Anm. 15).

  27. Vgl. ders. (Anm. 3).

  28. Vgl. Christian Dürnberger, Natur als Widerspruch. Die Mensch-Natur-Beziehung in der Kontroverse um die Grüne Gentechnik, Baden-Baden 2019, S. 68ff.

  29. Vgl. Steffen Albrecht et al., Green Genetic Engineering and Genome Editing, in: TATuP – Zeitschrift für Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis 3/2017, S. 64–69.

  30. Vgl. Rabiul Islam et al., Assessment of the Effects of Genetically Modified (GM) Foods: A Brief Study on Health and Environmental Concerns, in: Journal of Materials and Environmental Sciences 10/2020, S. 1676–1688.

  31. Vgl. Franz-Theo Gottwald, Auf der Suche nach Regeln für eine nachhaltige Bioökonomie. Sechs Thesen zur Regulierung aus ethischer Sicht, in: Jahreschrift des Deutschen Netzwerks Wirtschaftethik (Hrsg.), Forum Wirtschaftsethik: Bioökonomie und Ethik, Berlin 2018, S. 100–105, hier S. 101.

  32. Vgl. Acatech (Anm. 11); One Planet Network, Towards a Common Understanding of Sustainable Food Systems. Key Approaches, Concepts, and Terms, 2020, S. 22.

  33. Vgl. Olivier K. Butkowski et al., Examining the Social Acceptance of Genetically Modified Bioenergy in Germany: Labels, Information Valence, Corporate Actors, and Consumer Decisions, in: Energy Research & Social Science 60/2020, Externer Link: https://doi.org/10.1016/j.erss.2019.101308.

  34. Dürnberger (Anm. 28), S. 251.

  35. Vgl. Chantal Clément/Francesco Ajena, Paths of Least Resilience: Advancing a Methodology to Assess the Sustainability of Food System Innovations – the Case of CRISPR, in: Agroecology and Sustainable Food Systems 5/2021, S. 637–653.

  36. Vgl. Gottwald (Anm. 31).

  37. Vgl. Henry C.J. Godfray, The Debate over Sustainable Intensification, in: Food Security 7/2015, S. 199–208, hier S. 205.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Ortwin Renn für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam und Inhaber des Lehrstuhls für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart.
E-Mail Link: ortwin.renn@iass-potsdam.de