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Ungleichheit, Demokratie und Autokratisierung

Ungleichheit Editorial Gleichheit als normatives Prinzip Gleichheit – ein Missverständnis Illusion der Gleichheit. Über die Perzeption sozialer Ungleichheit und ihre Folgen Ungleichheit, Demokratie und Autokratisierung Wie ungleich ist die Welt? Ergebnisse des World Inequality Report 2022 Ungleichheit in der Klassengesellschaft

Ungleichheit, Demokratie und Autokratisierung

Staffan I. Lindberg Martin Lundstedt

/ 16 Minuten zu lesen

Es ist ein Trugschluss, dass Demokratien generell ein niedrigeres Niveau wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit aufweisen als Autokratien. Wenn aus sozialer Ungleichheit Unzufriedenheit mit der Demokratie wird, dann ist ihre Stabilität in Gefahr.

In Demokratien hören die Menschen oft, die ihrem politischen System zugrunde liegende Idee sei die einer "Herrschaft durch das Volk für das Volk". Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu bewerten, wie gut ein politisches System funktioniert, doch häufig wird die Verteilung von materiellen Ressourcen in einer Gesellschaft als Maßstab genommen. Wirtschaftliche Ungleichheit bedeutet, dass diejenigen, die sich am falschen Ende der Leiter befinden, mit – relativ gesehen – erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Wenn diese Nachteile nicht nach und nach verringert werden, sondern sich sogar verstärken, wie können wir dann von den Leuten erwarten, dass sie ein solches politisches System als eine "Herrschaft für das Volk" wahrnehmen? Wir wollen hier der Frage nachgehen, inwiefern die hohe und weltweit um sich greifende wirtschaftliche Ungleichheit eine Erklärung für die jüngste Welle der Autokratisierung ist, die wir seit einiger Zeit beobachten können.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Welt einen dramatischen Wandel von politischen Systemen erlebt. In den 1970er und 1980er Jahren begann die sogenannte dritte Welle der Demokratisierung, die ihren Höhepunkt in den 1990er Jahren erreichte, als sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion über 70 Länder gleichzeitig in einem Demokratisierungsprozess befanden. Seitdem ist die Zahl der sich demokratisierenden Länder deutlich zurückgegangen – auf 13 im Jahr 2021 –, während der entgegengesetzte Prozess der Autokratisierung weltweit dominant wurde. Im Jahr 2021 befanden sich 33 Länder in Autokratisierungsprozessen, von denen nicht weniger als 36 Prozent der Weltbevölkerung betroffen waren. Dies wird gemeinhin als "dritte Welle der Autokratisierung" bezeichnet, die auch eine Veränderung in der Autokratisierungsdynamik mit sich brachte. Während sich eine Autokratisierung in der Vergangenheit meist innerhalb kurzer Zeit in Form von Putschversuchen oder ausländischen Übergriffen vollzog, ist sie heute in der Regel ein schrittweiser Prozess, bei dem demokratisch gewählte Entscheidungsträger die demokratischen Institutionen nach und nach von innen heraus aushöhlen und abbauen.

Parallel zu diesen Entwicklungen hat die wirtschaftliche Ungleichheit seit den 1980er Jahren weltweit zugenommen. Für Menschen am unteren Ende der Einkommens- und Vermögensskala stellt die wirtschaftliche Ungleichheit eine erhebliche, vielgestaltige Belastung dar. Gefangen in prekären Arbeitsverhältnissen, im Niedriglohnsektor oder in der Arbeitslosigkeit, verfügen zahlreiche Menschen nicht über nötige Qualifikationen, können nur auf geringe Ersparnisse zurückgreifen oder haben Schulden und sind aufgrund dieser Faktoren bei wirtschaftlichem Abschwung oder einer Wirtschaftskrise einem hohen Risiko ausgesetzt. Die, die am wenigsten haben, sind in Bezug auf Grundbedürfnisse wie Ernährung und Wohnraum vom Staat, der Gemeinschaft, der Familie oder anderen abhängig – oder sind gänzlich auf sich allein gestellt. Ungleichheit bedeutet natürlich aber auch, dass es nicht nur die verschiedenen Grade wirtschaftlicher Entbehrung gibt, sondern dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in gutsituierten bis hin zu extrem wohlhabenden Verhältnissen lebt.

Im Folgenden betrachten wir zunächst das Verhältnis von Demokratie und Ungleichheit und zeigen, dass es in Demokratien im Durchschnitt keineswegs eine gleichmäßigere Verteilung von Einkommen und Vermögen gibt als in Autokratien. Anschließend erörtern wir die Umstände, unter denen Ungleichheit einen Prozess der Autokratisierung in Gang setzen kann. Da nicht wenige Politiker, die autokratische Ambitionen an den Tag legen, demokratisch gewählt sind, konzentrieren wir uns im Besonderen darauf, welche Konsequenzen Ungleichheit für einzelne Wählerinnen und Wähler hat und wie daraus potenziell eine Unterstützung antidemokratischer Politik erwächst.

Demokratie und Ungleichheit

Ein Großteil der Wissenschaftler, die sich mit den sozialen Auswirkungen von Autokratie und Demokratie beschäftigen, ist der Ansicht, dass Demokratien besser auf die Bedürfnisse der Bürger eingehen als Autokratien. Das klassische theoretische Modell geht davon aus, dass in dem Maß, in dem das Wahlrecht ausgeweitet wird – was zur Folge hat, dass das Einkommen des Durchschnittswählers statistisch sinkt –, die Umverteilungsbemühungen zunehmen, da die Politikerinnen und Politiker sich um die Stimmen der Wähler bemühen müssen, um an der Macht zu bleiben. Allgemeiner ausgedrückt: Je gleichmäßiger die politische Mitsprache und der politische Einfluss verteilt sind, so die Annahme, desto größer ist der Teil der Bevölkerung, dessen Bedürfnisse von der Politik berücksichtigt werden. Intuitiv scheint dieses Argument einleuchtend.

Das vom Varieties-of-Democracy-Institut (V-Dem) durchgeführte Projekt "The Case for Democracy" zeigt, dass diese grundlegende Annahme für viele zentrale gesellschaftliche Bereiche und Anliegen zutrifft. So gibt es in Demokratien in der Tat ein größeres Wirtschaftswachstum, eine allgemein bessere Gesundheit und weniger gewaltsame Konflikte, um nur einige wichtige Beispiele zu nennen. In Bezug auf die wirtschaftliche Ungleichheit kann die Forschung jedoch keine ähnliche Wirkung der Demokratie nachweisen. In einer aktuellen und umfassenden länderübergreifenden Untersuchung konnten die Wissenschaftler um Daron Acemoglu keinen Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Demokratie feststellen. Auch hinsichtlich der Vermögensungleichheit finden sich nur wenige Anhaltspunkte dafür, dass es in Demokratien eine gleichmäßigere Vermögensverteilung gibt als in Autokratien. Die Autorinnen und Autoren bieten einige theoretische Erklärungen für diese Ergebnisse an, etwa, dass sich in vielen Demokratien wohlhabende Eliten an die Spitze der Regierungen gesetzt haben, dass keine Chancengleichheit gegeben ist, um am Markt teilzunehmen, dass es andere politische Trennlinien gibt, etwa ethnische oder religiöse, oder dass eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler die Idee der Umverteilung ungerecht findet und ablehnt. Was auch immer die Gründe sein mögen: Es gibt keinen Beleg dafür, dass Demokratie im Durchschnitt zu einem niedrigeren Niveau wirtschaftlicher Ungleichheit führt.

Dies steht im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Vorstellung darüber, warum es in Ländern überhaupt zu Demokratisierung kommt. In zwei in der Demokratisierungsforschung sehr einflussreichen Büchern gehen zum Beispiel Carles Boix sowie Daron Acemoglu und James Robinson davon aus, dass sich der Kampf um Demokratisierung eigentlich aus wirtschaftlichen Umverteilungskonflikten speist. Eine wohlhabende autokratische Elite, so argumentieren sie, will immer Umverteilung vermeiden. Der Rest der Bevölkerung – der die Demokratisierung vorantreibt – ist hingegen von dem Wunsch nach Umverteilung beseelt und betrachtet die Demokratie als ein System, das es ermöglicht, die wirtschaftlichen Dividenden der Gesellschaft gleichmäßiger unter den Vielen aufzuteilen. Eine andere bedeutende Tradition in der Demokratisierungsforschung verfolgt einen alternativen Ansatz: Wissenschaftler wie Douglass North und Barry Weingast oder Ben Ansell und David Samuels vertreten die Position, dass Demokratisierung in erster Linie das Ergebnis einer wachsenden Mittelschicht ist, die versucht, ihr Eigentum vor einer enteignenden autokratischen Elite zu schützen. In dem Maße, wie Größe und Vermögen dieser Mittelschicht zunehmen, wächst auch ihre Unzufriedenheit mit der Willkürherrschaft der autokratischen Elite – und ebenso ihre Fähigkeit, die Demokratisierung tatsächlich voranzutreiben.

Beide Theoriestränge versuchen also, Demokratisierungsprozesse zu erklären, unterscheiden sich dabei aber deutlich hinsichtlich des erwarteten sozioökonomischen Effekts demokratischen Regierens. Die Frage ist: Welche der beiden Denkschulen entspricht eher den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger selbst? Wir können annehmen, dass die Präferenzen der Bürger in Bezug auf das Thema Umverteilung dafür ausschlaggebend sind, inwieweit sie die Demokratie angesichts der wachsenden Ungleichheiten legitimiert sehen. Wenn ein wesentlicher Teil der Gesellschaft von einem demokratischen politischen System erwartet, dass wirtschaftliche Ungleichheit durch Umverteilung verringert wird, können wir daraus schließen, dass anhaltende oder sogar zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit von diesen Personen als ein Versagen der Demokratie wahrgenommen wird. Das wiederum würde das politische System selbst gefährden.

Autokratisierung und wirtschaftliche Ungleichheit

Die jüngste Forschung zur Autokratisierung liefert wertvolle Analysen über die Art und Weise, wie sich Autokratisierung heute vollzieht. Die Ursachenanalyse hingegen wurde bisher etwas stiefmütterlich behandelt, insbesondere in Bezug auf strukturelle Determinanten wie die Wirtschaft. Uns sind zumindest keine Studien bekannt, in denen konkret die Auswirkungen von Ungleichheit auf die jüngste Welle der Autokratisierung untersucht worden wären. Im Folgenden gehen wir daher zunächst auf einige nachgewiesene Auswirkungen der Ungleichheit auf die demokratische Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger und auf die Befürwortung antidemokratischer Politik ein und stellen dann unsere Überlegungen dazu vor, wie diese Erkenntnisse mit der Autokratisierungsfrage zusammenhängen.

Es ist allgemein bekannt, dass demokratische Partizipation Ressourcen erfordert. Klassischerweise werden drei Komponenten genannt – Zeit, Geld und staatsbürgerliche Kompetenzen oder Fähigkeiten –, die in der Gesellschaft ungleich verteilt sind. Nicht nur Geld, sondern auch Zeit und zivilgesellschaftliche Ressourcen sind in den unteren Schichten der Einkommens- und Vermögenspyramide knapp. Entsprechend gibt es eine ganze Reihe von Belegen dafür, dass wirtschaftliche Benachteiligung unterschiedlichste Aspekte der demokratischen Beteiligung behindert. In einer Gesellschaft, in der es deutlich voneinander getrennte sozioökonomische Schichten gibt, wird dieser Effekt noch verstärkt, da wohlhabende Menschen nicht nur einen größeren Einfluss auf einzelne politische Entscheidungen ausüben können, sondern auch die politische Agenda so gestalten können, dass sie ihren Interessen dient und die Interessen anderer Gruppen unter den Tisch fallen. So lässt sich etwa empirisch nachweisen, dass Einkommensungleichheit bei allen Bürgerinnen und Bürgern zu einer Verringerung von politischem Interesse, politischem Engagement und der Wahlbeteiligung führt – mit Ausnahme der Vermögenden. Eine geringe Wahlbeteiligung bei bestimmten Bevölkerungsgruppen ist jedoch gefährlich für die Demokratie. Der Grundsatz der Gleichheit im Recht auf politische Beteiligung ist ein Grundpfeiler der Idee von Demokratie. Zwar erreicht wohl keine Gesellschaft de facto eine perfekt austarierte Beteiligung. Entfernt sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft jedoch zu weit vom Ideal der politischen Gleichheit, kann die Legitimität des Systems ernsthaft Schaden nehmen.

Die vergangenen Jahrzehnte in Europa und Nordamerika zeichneten sich durch eine sinkende Wahlbeteiligung, eine schwindende Identifikation mit den Parteien, fallende Mitgliederzahlen, eine geringere Unterstützung für die etablierten Parteien, das Aufkommen von "Single-Issue-Bewegungen", die sich nur auf einzelne Themen konzentrieren, und den Aufstieg von systemfeindlichen Parteien aus. Dies kann als Ausdruck der Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Zustand der Politik in den etablierten Demokratien gedeutet werden, es bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Unterstützung für eine autokratische Alternative wächst. Die Ablehnung von etablierten Parteien und die Unterstützung einer populistischen Partei als Ergebnis politischer Unzufriedenheit kann immerhin noch als Zeichen dafür verstanden werden, dass das vorhandene politische System weiterhin für fähig gehalten wird, sich zum Besseren zu wandeln. Wenn die populistische Partei jedoch auch antidemokratisch agiert und/oder die Wählerschaft antidemokratische Werte vertritt, kann aus der Ablehnung einer aktuellen Regierung oder einer konkreten Politik eine Ablehnung des gesamten politischen Systems werden.

Antidemokratische Werte haben in den etablierten Demokratien Europas und Nordamerikas in den zurückliegenden Jahrzehnten erheblich an Zustimmung gewonnen: Bürgerinnen und Bürger scheinen immer weniger von der Hoffnung getragen, sie könnten tatsächlich Einfluss auf die öffentliche Politik nehmen. Sie messen der Demokratie als politischem System immer weniger Wert bei und stehen autoritären Optionen offener gegenüber als früher. Für das Überleben der Demokratie ist es von entscheidender Bedeutung, ob das demokratische politische System generell Unterstützung erfährt, und dies gilt nicht nur für die alten, etablierten Demokratien. Eine empirische Untersuchung von 135 Ländern über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten ergab kürzlich, dass ein höheres Maß an demokratischer Unterstützung eng mit dem Fortbestand der Demokratie verbunden ist. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Ungleichheit bei der abnehmenden Unterstützung für die Demokratie eine Rolle spielt. So zeigt sich zum Beispiel, dass die Kombination aus rechtsgerichteten kulturellen Werten und linksgerichteten wirtschaftlichen Werten (sogenannte protektionistische Einstellungen) der stärkste Indikator für autoritäre Werte in Demokratien ist. Ein Kernelement dieses protektionistischen Einstellungssets ist die Abneigung gegen Ungleichheit und Globalisierung, bei gleichzeitiger Befürwortung einer (nationalen) Sozialpolitik. Dies deutet darauf hin, dass wirtschaftliche Ungleichheit tatsächlich einen Effekt auf die Unterstützung des demokratischen politischen Systems hat. Da der Effekt jedoch in Kombination mit rechtsgerichteten kulturellen Werten besonders ausgeprägt ist, scheint die Angelegenheit noch etwas komplizierter zu sein.

Sozioökonomische und kulturelle Faktoren

Diese Komplexität tritt klar zutage, wenn man sich die Indikatoren für die Unterstützung populistischer und rechtsradikaler Parteien in diesen etablierten Demokratien anschaut. In der Regel konzentriert sich die Forschung zu den Ursachen der Unterstützung für solche Parteien entweder auf wirtschaftliche oder auf kulturelle Faktoren. In Studien, die sich auf wirtschaftliche Aspekte konzentrieren, konnte gezeigt werden, dass Personen am unteren Ende des Einkommensspektrums eher für populistische und rechtsradikale Parteien stimmen, wenn die Verhältnisse insgesamt sehr ungleich sind.

Es gibt aber auch ein wachsendes Forschungsfeld, das sich mit der Kombination von wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren befasst und somit den autoritären Werten, die sich aus protektionistischen Einstellungen ergeben, Rechnung trägt. Ungleichheit und wirtschaftliche Benachteiligung sind wichtige Indikatoren für den Grad der sozialen Integration, das soziale Kapital und den sozialen Status einer Person, die wiederum die Wahrscheinlichkeit für die Unterstützung rechtsradikaler und populistischer Parteien beeinflussen. So haben Studien zum Beispiel gezeigt, dass Statusangst und soziale Marginalisierung Wählerinnen und Wähler dazu veranlassen, derartige Parteien zu unterstützen. Außerdem argumentieren einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass wirtschaftliche und kulturelle Benachteiligung zwar beides relevante Faktoren sind, dass aber erstere zumindest teilweise letztere hervorbringt. Das heißt, dass die Werte der Menschen, ihre gesellschaftliche Selbstverortung und alles, was damit zusammenhängt, in hohem Maße von ihrer wirtschaftlichen Stellung abhängen.

Allerdings ist wichtig, auf einige Vorbehalte gegenüber diesen Ergebnissen hinzuweisen. Erstens wird jede Antwort auf die Frage, wie sich Ungleichheit auf Autokratisierung auswirkt, unweigerlich dadurch beeinträchtigt, dass der Umfang der verfügbaren Vergleichsstudien, sowohl in geografischer wie zeitlicher Hinsicht, relativ klein ist. Eine klare Einschränkung besteht darin, dass die untersuchten Länder oft zu den wohlhabenderen gehören und viele von ihnen über relativ umfangreiche Sozialsysteme verfügen. Wir können nicht davon ausgehen, dass Menschen am unteren Ende des Einkommensspektrums in weniger wohlhabenden Regionen der Welt ähnlich reagieren – vor allem dann, wenn sie sich in weitaus prekäreren Situationen befinden und keinerlei staatliche Hilfe gegeben ist.

Zweitens liegen die meisten Länder, die von der aktuellen Autokratisierungswelle erfasst werden, außerhalb Europas und Nordamerikas. Obwohl viele von ihnen, zum Beispiel Brasilien, die Türkei oder Indien, von rechtspopulistischen oder rechtsradikalen Parteien angeführt werden, können wir nicht einfach davon ausgehen, dass die Triebkräfte für die Wählerunterstützung dort genau dieselben sind wie bei den rechtsgerichteten Parteien in Europa und Nordamerika.

Drittens würden die Ergebnisse an Belastbarkeit gewinnen, wenn man die Fälle gewählter Autokraten aus der Vergangenheit mit einbeziehen würde. Auch wenn diese Fälle selten sind und es offensichtliche Probleme mit den Daten gibt, könnten wir die Ergebnisse so auf die Auswirkungen von Ungleichheit angesichts heutiger Entwicklungen kontrollieren (wie etwa die jüngste Globalisierungswelle, die ebenfalls als Gefahr für die Demokratie angesehen wird).

Viertens: Nicht alle populistischen und rechtsradikalen Parteien sind antidemokratisch. Wenn es uns um die Prozesse der Autokratisierung geht, sollten wir in die Analyse auch nur die Unterstützung für solche Parteien einbeziehen, die tatsächlich autokratische Werte zum Ausdruck bringen und Autokratie zum Ziel haben.

Ein letzter Punkt: Wie die Forschung über Ungleichheit und Demokratisierung zeigt, ist es ergiebig, sich bei der Analyse auf soziologische Gruppen wie die Mittel- und Arbeiterklasse zu konzentrieren, anstatt auf wirtschaftliche Gruppen zu schauen, die nach Einkommensperzentilen unterschieden werden. Dies schließt an das Argument an, dass man sich gleichermaßen auf wirtschaftliche und auf kulturelle Benachteiligungen konzentrieren sollte. Soziologische Gruppen wie Klassen sind nicht nur durch ein ähnliches wirtschaftliches Niveau, sondern auch durch ähnliche Werte, Überzeugungen oder Sitten und Gebräuche gekennzeichnet. Die Konzentration auf solche Gruppen und darauf, wie sich Ungleichheit auf sie und ihre Zusammensetzung auswirkt, kann Aufschluss darüber geben, wie antidemokratische Werte dazu führen können, dass autokratische Führer an die Macht kommen. So entstünde beispielsweise auch ein deutlicheres Bild davon, welche Gruppen für diese antidemokratischen Kräfte so entscheidend sind, dass sie diese für sich zu gewinnen suchen. Wie genau ihnen dies gelingt und welche sozioökonomischen Kennzeichen einer Gesellschaft diese Entwicklung fördern, harrt noch weiterer Aufklärung. Ein weiterer Vorteil dieser Vorgehensweise besteht darin, dass die Fokussierung auf stärker sozial definierte Gruppen eine Brücke zur Polarisierungsforschung schlagen könnte – ein zentrales Interessensgebiet innerhalb der Autokratisierungsforschung –, indem untersucht wird, wie diese Gesellschaftsgruppen mitunter gegeneinander ausgespielt werden und inwieweit dies durch die gesellschaftliche Spaltung aufgrund hoher oder wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit ermöglicht wird.

Ausblick: Ungleichheit und Autokratisierung

Wir möchten diesen Beitrag mit einigen kurzen theoretischen Mutmaßungen darüber beschließen, wie Ungleichheit und Autokratisierung zusammenhängen. Wir hoffen, damit einen Ausgangspunkt für weitere Überlegungen zu den Auswirkungen von Ungleichheit auf Autokratisierung zu schaffen und künftige Forschungsarbeiten anzustoßen. Konkret wollen wir zwei Thesen formulieren, wie Ungleichheit Autokratisierung beeinflusst: Erstens glauben wir, dass Ungleichheit vor allem auf lange Sicht eine Rolle spielen wird. Zweitens denken wir, dass die Entwicklung von Ungleichheit für die hier diskutierte Frage ebenso wichtig ist wie das absolute Niveau von Ungleichheit.

Anhaltend hohe oder wachsende Ungleichheit wird vor allem auf lange Sicht zu Autokratisierung führen, da über längere Zeiträume hinweg ein Gefühl der politischen und sozialen Stagnation entstehen kann. Natürlich glauben wir nicht, dass die Bürgerinnen und Bürger das Niveau der Ungleichheit jedes Jahr genauestens zur Kenntnis nehmen und ab einem bestimmten Schwellenwert die Autokratie bevorzugen. Wir glauben aber, dass die wirtschaftliche Ungleichheit ein wichtiger Faktor ist, der die Wahrnehmung der Qualität und des Charakters der Gesellschaft, in der man lebt, beeinflusst. Wenn wirtschaftliche Ungleichheit im Laufe der Zeit konstant hoch bleibt oder zunimmt, haben wir Grund zu der Annahme, dass dies zu einem Gefühl des Pessimismus und des Misstrauens gegenüber zukünftigen Verbesserungen führt. Wenn ein demokratisches politisches System unablässig sozioökonomische Ergebnisse zeitigt, die einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft an den Rand drängen, während die Politik bei jeder Wahl verspricht, die Gesellschaft für alle zu verbessern, wäre es nicht überraschend, wenn eine große Anzahl von Wählerinnen und Wählern zunehmend das politische System als Ganzes in Frage stellt – statt wie bisher nur einzelne Regierungen oder Parteien. Wir sollten unbedingt genauer empirisch untersuchen, wie sich jahrzehntelang anhaltende oder zunehmende Ungleichheit auf die Zustimmung zu antidemokratischer Politik auf der Ebene des einzelnen Wählers oder von Wählergruppen sowie auf die Autokratisierung auf Staatsebene auswirkt.

Die zweite These ähnelt der ersten, rückt aber die Dynamik der Ungleichheit in den Vordergrund, nicht ihr langfristiges Niveau. Auch hier gehen wir davon aus, dass die Entwicklung der Ungleichheit Einfluss darauf hat, wie die Leistungsfähigkeit und die Attraktivität eines politischen Systems wahrgenommen und bewertet werden. Aus verschiedenen historischen Gründen bestehen große Unterschiede zwischen Staaten hinsichtlich des Ausmaßes der Ungleichheit oder der sozioökonomischen Strukturen. Wird wirtschaftliche Ungleichheit im Laufe der Zeit verringert, kann das die Legitimität des politischen Systems erhöhen – selbst wenn der Grad der Ungleichheit generell hoch bleibt –, weil es den Bürgern, denen solche sozioökonomischen Ergebnisse wichtig sind, ein Gefühl von Optimismus und nachweislicher Verbesserung vermittelt. Wenn jedoch die Ungleichheit in einer Demokratie im Laufe der Zeit zunimmt, kann dies – selbst wenn die Ungleichheit eigentlich relativ gering ist – zu gegenteiligen Wahrnehmungen führen. Entwicklungen in die eine oder andere Richtung sind für das allgemeine Gefühl der Menschen, wohin sich eine Gesellschaft bewegt, von Bedeutung. Daher glauben wir, dass sich auch Länder mit einem relativ niedrigen Ungleichheitsgrad auf dünnes Eis begeben, wenn die Ungleichheit zuzunehmen beginnt. Bei zunehmender Ungleichheit, vor allem über einen längeren Zeitraum hinweg, ist es nicht verwunderlich, wenn Bürgerinnen und Bürger das Ergebnis dieses Prozesses früher oder später dem politischen System als Ganzem zuschreiben.

Wie und in welchem Ausmaß wirtschaftliche Ungleichheit zur Autokratisierung beiträgt, muss erst noch genauer systematisch erforscht werden. Doch wir glauben, überzeugende Beweise für einen Zusammenhang zwischen beiden Faktoren vorgelegt zu haben. Eine weitere Beschäftigung mit diesem Thema wäre nicht nur ein gewinnbringendes wissenschaftliches Unterfangen, sondern auch wichtig für die heutige und die zukünftige Politik. Wollen wir der Gefahr einer Autokratisierung entgegenwirken, müssen wir uns um ein besseres Verständnis von Autokratisierungsprozessen bemühen. Die Untersuchung des Zusammenhangs von Ungleichheit, Unzufriedenheit mit der Demokratie und daraus resultierender Unterstützung antidemokratischer Kräfte ist hierfür entscheidend.

Aus dem Englischen von Birthe Mühlhoff.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Vanessa A. Boese et al., State of the World 2021: Autocratization Changing its Nature?, in: Democratization 6/2022, S. 983–1013.

  2. Vgl. Anna Lührmann/Staffan I. Lindberg, A Third Wave of Autocratization Is Here: What Is New About It?, in: Democratization 7/2019, S. 1095–1113.

  3. Vgl. Lucas Chancel et al., World Inequality Report 2022, World Inequality Lab, Externer Link: https://wir2022.wid.world.

  4. Vgl. Allan H. Meltzer/Scott F. Richard, A Rational Theory of the Size of Government, in: Journal of Political Economy 5/1981, S. 914–927.

  5. Vgl. Daron Acemoglu et al., Democracy Does Cause Growth, in: Journal of Political Economy 1/2019, S. 47–100.

  6. Vgl. Thomas J. Bollyky et al., The Relationships Between Democratic Experience, Adult Health, and Cause-Specific Mortality in 170 Countries Between 1980 and 2016: An Observational Analysis, in: The Lancet, 20.4.2019, S. 1628–1640.

  7. Vgl. David Altman/Federico Rojas-de-Galarreta/Francisco Urdinez, An Interactive Model of Democratic Peace, in: Journal of Peace Research 3/2021, S. 384–398.

  8. Vgl. Jeffrey F. Timmons, Does Democracy Reduce Economic Inequality?, in: British Journal of Political Science 4/2010, S. 741–757.

  9. Vgl. Daron Acemoglu et al., Democracy, Redistribution, and Inequality, in: Handbook of Income Distribution, Vol. 2., Amsterdam 2015, S. 1885–1966.

  10. Vgl. Kenneth Scheve/David Stasavage, Wealth Inequality and Democracy, in: Annual Review of Political Science 1/2017, S. 451–468.

  11. Vgl. Carles Boix, Democracy and Redistribution, Cambridge 2003.

  12. Vgl. Daron Acemoglu/James A. Robinson, Economic Origins of Dictatorship and Democracy, Cambridge 2006.

  13. Vgl. Douglass C. North/Barry R. Weingast, Constitutions and Commitment: The Evolution of Institutions Governing Public Choice in Seventeenth-Century England, in: The Journal of Economic History 4/1989, S. 803–832.

  14. Vgl. Ben W. Ansell/David J. Samuels, Inequality and Democratization, Cambridge 2014.

  15. Vgl. Henry E. Brady/Sidney Verba/Kay Lehman Schlozman, Beyond SES: A Resource Model of Political Participation, in: American Political Science Review 2/1995, S. 271–294.

  16. Vgl. Frederick Solt, Economic Inequality and Democratic Political Engagement, in: American Journal of Political Science 1/2008, S. 48–60.

  17. Vgl. Roberto Stefan Foa/Yascha Mounk, The Danger of Deconsolidation: The Democratic Disconnect, in: Journal of Democracy 3/2016, S. 5–17.

  18. Vgl. Christopher Claassen, Does Public Support Help Democracy Survive?, in: American Journal of Political Science 1/2020, S. 118–134.

  19. Vgl. Ariel Malka et al., Who Is Open to Authoritarian Governance within Western Democracies?, in: Perspectives on Politics 2020, Externer Link: https://doi.org/10.1017/S1537592720002091.

  20. Vgl. Brian Burgoon et al., Positional Deprivation and Support for Radical Right and Radical Left Parties, in: Economic Policy 97/2019, S. 49–93.

  21. Vgl. Noam Gidron/Peter A. Hall, The Politics of Social Status: Economic and Cultural Roots of the Populist Right, in: The British Journal of Sociology S1/2017, S. 57–84.

  22. Vgl. dies., Populism as a Problem of Social Integration, in: Comparative Political Studies 7/2020, S. 1027–1059.

  23. Vgl. Cameron Ballard-Rosa et al., The Economic Origins of Authoritarian Values: Evidence from Local Trade Shocks in the United Kingdom, in: Comparative Political Studies 13/2021, S. 2321–2353.

  24. Vgl. Dani Rodrik, The Globalization Paradox: Democracy and the Future of the World Economy, New York–London 2011.

  25. Vgl. insbesondere die Arbeiten von Ansell/Samuels (Anm. 14).

Lizenz

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ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göteborg und Direktor des V-Dem Instituts.
E-Mail Link: staffan.i.lindberg@pol.gu.se

ist Forschungsassistent am V-Dem Institut der Universität Göteborg.
E-Mail Link: martin.lundstedt@v-dem.net