Meine Merkliste Geteilte Merkliste

Ungleichheit in der Klassengesellschaft

Ungleichheit Editorial Gleichheit als normatives Prinzip Gleichheit – ein Missverständnis Illusion der Gleichheit. Über die Perzeption sozialer Ungleichheit und ihre Folgen Ungleichheit, Demokratie und Autokratisierung Wie ungleich ist die Welt? Ergebnisse des World Inequality Report 2022 Ungleichheit in der Klassengesellschaft

Ungleichheit in der Klassengesellschaft

Christoph Butterwegge

/ 16 Minuten zu lesen

Sozioökonomische Ungleichheit lässt sich nur unter Rückgriff auf die analytische Schlüsselkategorie der Klasse verstehen. Die "Klassengesellschaft" steht insofern nicht vor ihrer Rückkehr, sondern sie war nie weg. Daran ändern auch neuere Theorien nichts.

Seit jeher umstritten ist die Frage, ob soziale Ungleichheit nur individuell erlebt beziehungsweise erlitten wird oder ob es sich dabei auch um ein systemisch bedingtes Kollektivschicksal handelt. Wäre das Erstere der Fall, könnte man das Verhalten der einzelnen Individuen für ihren sozialen Status verantwortlich machen und sie gegebenenfalls zu mehr Privatinitiative, Selbstvorsorge und Eigenverantwortung aufrufen; ist jedoch Letzteres der Fall, sind Wirtschaftsstrukturen, Eigentumsverhältnisse und Verteilungsmechanismen für den Zerfall der Gesellschaft in Großgruppen, Klassen oder Schichten ausschlaggebend.

Ob jemand einer bestimmten Klasse angehört, ist kein Zufall, sondern liegt in der ökonomischen Grundstruktur jener Gesellschaft begründet, der er angehört. Während eine (marxistische) Klassenanalyse die als Gesellschaftsklassen identifizierten Großgruppen der Bevölkerung eines Landes ihrer Stellung im ökonomischen Produktions- und Reproduktionsprozess entsprechend horizontal ordnet, konstruieren Schichtungstheorien eine Hierarchie von Sozialschichten. Wegen ihrer analog gewählten Schlüsselkategorie geht die Schichtungssoziologie wie die Geologie vor. Während diese Gesteinsformationen untersucht, deren übereinanderliegende Schichten sie freilegt, analysiert jene Sozialstrukturen, wobei eine soziale Rangordnung entsteht, die meist eine Unter-, Mittel- und Oberschicht umfasst.

Klassentheorien führen die soziale Ungleichheit auf das bestehende Wirtschafts- und/oder Gesellschaftssystem zurück, während Schichtkonzepte das Phänomen lediglich beschreiben. "Klassenkonzepte wollen das Zustandekommen sozialer Ungleichheit, kollektives Handeln und sozialen Wandel erklären, und nehmen dabei eine gesellschaftskritische Perspektive ein." Letztere geht verloren, wenn man die Analyse der Sozialstruktur einer Gesellschaft auf individuelle Leistungsmerkmale wie den Beruf, das Einkommen oder den Bildungsgrad, auf Mentalitäten und auf subjektive Momente verkürzt, welche die Mitglieder von Großgruppen teilen.

Die sozioökonomische Ungleichheit der Gegenwart lässt sich nur verstehen unter Rückgriff auf die analytische Schlüsselkategorie der Klasse. Im Folgenden werden daher die einflussreichsten Klassentheorien – jene von Karl Marx und Friedrich Engels sowie jene von Max Weber als ihrem wohl prominentesten bürgerlichen Kritiker im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert – dargestellt, um ein theoretisches Gerüst für die Analyse der heutigen Ungleichheitsverhältnisse zu schaffen. Anschließend geht es um neuere Klassentheorien, mit deren Hilfe die jüngsten Veränderungen des Kapitalismus erfasst werden sollen.

Marx'sche Klassentheorie

Marx und Engels behandelten das Thema "Ungleichheit" nicht als individuelles, sondern als strukturelles Problem und seine Ausprägungen als kollektives Schicksal, das sich in der Klassenstruktur einer Gesellschaft niederschlägt. Für sie repräsentierten soziale Klassen wie keine andere Großgruppe die Ungleichheit in einer Gesellschaft. Klassen und Schichten verkörpern quasi die sozioökonomischen Herrschaftsstrukturen einer Gesellschaft, ohne ein festgefügtes Kollektiv zu bilden, dessen personelle Zusammensetzung sich nie ändert. Mittels dieser Basiskategorie erschließt sich das kompliziertere Schichtgefüge, also die weitere Einteilung beziehungsweise Untergliederung der Gesellschaft in mehrere Bevölkerungsschichten.

Laut dem Jenaer Soziologen Klaus Dörre umfasst die Klassentheorie von Marx und Engels vier Essentials: "Erstens beansprucht sie, Ordnung in die chaotische Vielfalt sozialer Ungleichheiten zu bringen, indem sie in der ökonomischen Struktur des Kapitalismus verankerte, empirisch fassbare Klassenlagen beschreibt. Zweitens ist der Marxsche Klassenbegriff ein relationaler. Eine Klasse lässt sich nur in ihren Beziehungen zu anderen Klassen definieren. (…) Drittens impliziert der Marxsche Klassenbegriff ein besonderes Herrschaftsverhältnis. Obwohl es formell auf Äquivalententausch beruht, bedarf das kapitalistische Ausbeutungsverhältnis zu seiner Reproduktion zusätzlich außerökonomischer, staatlich-politischer Herrschaftsmittel. Viertens schließlich dient der Marxsche Klassenbegriff in seiner ursprünglichen Verwendung der Kritik von Klassenherrschaft und gegebenenfalls einer sozialen Mobilisierung zur Aufhebung eben dieser Herrschaft." Als fünftes Element der Klassentheorie von Marx und Engels ließe sich folglich das Ziel einer klassenlosen Gesellschaft bestimmen, in der sozioökonomische Ungleichheit, Ausbeutung und Unterdrückung beseitigt wären.

Zwar berücksichtigte die Klassenanalyse von Marx und Engels nicht alle Verästelungen der Sozialstruktur, sie erhellte jedoch die historischen Entstehungszusammenhänge, ökonomischen Herrschaftsverhältnisse und politischen Machtstrukturen der bürgerlichen Gesellschaft. Klassen repräsentieren die Produktions-, Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse einer Gesellschaft, bilden aber nicht bloß deren Sozialstruktur ab, sondern bestimmen auch die Richtung und das Tempo des sozialen Wandels. Die soziale Ungleichheit beruht auf der ökonomischen Ungleichheit, welche sich in der Klassenspaltung manifestiert und die das politische Machtgefüge mit historisch kontingenten Brechungen reflektiert.

Das kapitalistische Privateigentum entsteht durch (gewaltsame) Aneignung beziehungsweise durch Enteignung der Mehrwert produzierenden Lohnarbeiter/innen. Das bestehende Wirtschaftssystem basiert auf rechtlicher Gleichheit, aber eben auch auf sozioökonomischer Ungleichheit, die es ständig reproduziert. "Soziale Ungleichheit kann zwar mehr oder weniger stark ausgeprägt sein, sie bleibt aber Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise und sie ist zugleich ihr Ergebnis."

Waren es früher Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Geselle, die sich unversöhnlich gegenüberstanden, so hatten sich die Klassengegensätze im bürgerlichen Zeitalter laut Marx und Engels weiter vereinfacht: "Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat." Zu den Proletarier(inne)n zählten Marx und Engels auch Beschäftigte höherer Gehaltsstufen, die man heutzutage vermutlich der Mittelschicht zurechnen würde, wie ein weiteres Zitat aus dem Manifest zeigt: "Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt."

Offenbar erwarteten Marx und Engels am Vorabend der französischen Februar- und der deutschen Märzrevolution 1848 eine weitere Verarmung der Proletarier, denn sie prognostizierten: "Der moderne Arbeiter (…) sinkt immer tiefer unter die Bedingungen seiner eigenen Klasse herab. Der Arbeiter wird zum Pauper, und der Pauperismus entwickelt sich noch schneller als Bevölkerung und Reichtum. Es tritt hiermit offen hervor, daß die Bourgeoisie unfähig ist, ihrem Sklaven die Existenz selbst innerhalb seiner Sklaverei zu sichern, weil sie gezwungen ist, ihn in eine Lage herabsinken zu lassen, wo sie ihn ernähren muß, statt von ihm ernährt zu werden." Zwar kam es weder zu einer allgemeinen Pauperisierung des Proletariats, wie sie Marx und Engels mit der Konstruktion einer "Verelendungstheorie" unterstellt wurde – sieht man von den total verelendeten Arbeiter(inne)n des Globalen Südens ab –, noch zu einer Proletarisierung der Mittelschicht. Nur ein vulgärmarxistischer Geschichtsdeterminismus kann die Begründer des Marxismus jedoch so missdeuten, als ob kein Raum für eine alternative Sozialstrukturentwicklung geblieben wäre.

Der dritte und letzte Band von Marxens Hauptwerk "Das Kapital", den Friedrich Engels 1894 herausgab, endet mit einem unvollendet gebliebenen 52. Kapitel, das den Titel "Die Klassen" trägt und bereits im ersten Absatz von Lohnarbeitern, Kapitalisten und Grundeigentümern als den "drei großen Klassen der modernen, auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden Gesellschaft" spricht. Allerdings wies Marx darauf hin, dass sich diese Klassengliederung selbst in England, dem damals entwickeltsten Industriestaat überhaupt, (noch) nicht voll herausgebildet habe und dass es "Mittel- und Übergangsstufen" zwischen den Hauptklassen gebe.

Es scheint so, als hätten Marx und Engels die Begriffe "Klasse" und "Schicht" als Synonyme gebraucht. Vermieter, Einzelhändler, Pfandleiher und ähnliche Berufsgruppen, die den Lohn der Proletarier vereinnahmten, zählten sie zur Bourgeoisie, deren Kern die Industriellen bildeten. Kleinunternehmer, Mittelständler, Kaufleute, Rentiers, Handwerker und Bauern sanken der Tendenz nach zur Arbeiterklasse herab, die gewissermaßen als Sammelbecken aller Deklassierten fungierte: "So rekrutiert sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung." Die herrschende Bourgeoisie wiederum zerfiel in mehrere Kapitalfraktionen, etwa das Handels-, Manufaktur-, Industrie- und Bankkapital sowie die Finanzoligarchie, wie es eine selbstständige und eine lohnabhängige Mittelschicht und neben der Arbeiterklasse das Sub- beziehungsweise "Lumpenproletariat" der Obdachlosen, Bettler/innen und Vagabund(inn)en gab.

In der bürgerlichen Gesellschaft sah Marx eine soziale Polarisierung strukturell angelegt, bemerkte er doch, dass die Akkumulation von Kapital mit einer Akkumulation von Not und Elend verbunden war. Im ersten, 1867 erschienenen Band des "Kapitals" heißt es dazu: "Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf seiten der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert." Zwar sind die katastrophalen Arbeitsbedingungen und sozialen Verwerfungen, unter denen die Proletarier/innen des frühen Industriezeitalters litten, nicht zuletzt aufgrund harter Kämpfe der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung heute zumindest hierzulande in den meisten Branchen und Betrieben überwunden, Ausbeutung und Unterdrückung von Lohnarbeiter(inne)n gibt es auf der Welt jedoch nach wie vor zuhauf.

Max Webers Klassenbegriff: Märkte als Quelle der Ungleichheit?

"Klasse" nannte der Heidelberger Jurist, Historiker, Nationalökonom und Soziologe Max Weber in seinem 1922 posthum erschienenen Hauptwerk "Wirtschaft und Gesellschaft" eine Personengruppe, deren Mitglieder sich in einer gemeinsamen Klassenlage befinden. Darunter verstand er die typische Chance der Güterversorgung, der äußeren Lebensstellung beziehungsweise des inneren Lebensschicksals, welche aus Maß und Art der Verfügungsgewalt (oder des Fehlens einer solchen) über Güter oder Leistungsqualifikationen und aus der gegebenen Art ihrer Verwertbarkeit für die Erzielung von Einkommen oder Einkünften innerhalb einer gegebenen Wirtschaftsordnung folgt. "Wir wollen da von einer ‚Klasse‘ reden", schrieb Weber erläuternd, "wo 1. einer Mehrzahl von Menschen eine spezifische ursächliche Komponente ihrer Lebenschancen gemeinsam ist, soweit 2. diese Komponente lediglich durch ökonomische Güterbesitz- und Erwerbsinteressen und zwar 3. unter den Bedingungen des (Güter- oder Arbeits-)Markts dargestellt wird (‚Klassenlage‘)."

Weber differenzierte zwischen "Erwerbsklassen", bei denen die Klassenlage in erster Linie durch die Chancen der Marktverwertung von Gütern oder Leistungen bestimmt wird, und "Besitzklassen", bei denen hauptsächlich Besitzunterschiede die Klassenlage bestimmen. Letztere unterteilte er noch einmal in "positiv privilegierte Besitzklassen", zum Beispiel Rentiers im weitesten Sinne (Sklaven-, Boden- und Bergwerksbesitzer, Aktionäre und Gläubiger), sowie in "negativ privilegierte Besitzklassen", etwa Leibeigene, Deklassierte, Verschuldete und Arme.

Damit unterstellte Weber in Abgrenzung von Marx, dass Ungleichheit nicht durch die Ausbeutung von Lohnarbeiter(inne)n im Produktionsprozess, sondern erst durch die nachgelagerten Tauschvorgänge auf den Märkten entsteht. Webers theoretischer Ansatz versagt im Hinblick auf strukturell bedingte Abhängigkeitsverhältnisse: "Wenn individuelle Qualifikationen und persönliche Anstrengungen im freien Markt über die Klassenlage entscheiden, kann von Ausbeutung nicht mehr die Rede sein." Dementsprechend gibt es Weber zufolge auch keine gemeinsamen ökonomischen Interessen einer (arbeitenden) Klasse.

Natürlich ist Besitz nicht gleich Besitz, Qualität und Quantität des Vermögens sind vielmehr von ausschlaggebender Bedeutung. Weber äußerte sich jedoch weder zur Art noch zur Höhe des Besitzes, der die Klassenlage bestimmt. Selbst wenn man von der Größe des Besitzes als einem wichtigen Kriterium absieht, ist es nicht gleichgültig, ob es sich um Geldvermögen (zum Beispiel Staatsanleihen und Kommunalobligationen), um Grundvermögen (etwa Ackerland) oder um Kapitalvermögen (Unternehmen beziehungsweise Unternehmensanteile) handelt. Kapitaleigentümer entscheiden nämlich über das Wohl und Wehe der Beschäftigten wie ihrer Familien, aber letzten Endes auch über die Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft – selbst dann, wenn sie auf deren Geschicke nicht aktiv politisch Einfluss zu nehmen suchen. Auch dürfte die Abgrenzung zwischen "Besitz-" und "Erwerbsklassen" heute schwerer fallen als zu Webers Lebzeiten, weil hohe Erwerbseinkommen in Teilen der Mittelschicht häufiger mit Kapitaleigentum in gewissem Umfang einhergehen. Unterbelichtet blieb bei Weber die Binnengliederung der einzelnen Klassen, ebenso wie deren Stellung zueinander.

Als grundlegend für die Sozialstruktur erachtete Weber die Verteilung der Verfügungsgewalt über sächlichen Besitz innerhalb einer sich auf dem Finanz-, Güter- oder Arbeitsmarkt zum Zweck des Tausches begegnenden und miteinander konkurrierenden Menschengruppe. "Besitz" und "Besitzlosigkeit" bildeten für ihn die Extrempositionen sämtlicher Klassenlagen, sei es, dass diese im Preis- oder sei es, dass sie im Konkurrenzkampf wirksam würden. Da die Art der Chance auf dem Markt das Schicksal der Angehörigen einer Klasse determiniere, sei die Klassenlage letztlich identisch mit der Marktlage, so Weber.

Märkte erzeugen die Ungleichheit jedoch nicht, sondern machen sie nur deutlicher erkennbar. Auf ihnen agieren Wirtschaftssubjekte, deren Stellung im kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsprozess letztlich für ihre Handlungsspielräume ausschlaggebend ist, mit unterschiedlicher Kaufkraft und unterschiedlichem Machtpotenzial als Nachfrager/innen und Anbieter/innen. Nicht erst der Arbeitsmarkt verurteilt den Paketzusteller, seinen Lebensunterhalt mit einem prekären Beschäftigungsverhältnis und einem skandalös niedrigen Lohn bestreiten zu müssen, sondern der Ausschluss von den Produktionsmitteln durch das kapitalistische Privateigentum bildet die eigentliche Quelle seiner Unterprivilegierung und Ausbeutung. Würde ihm der Lieferdienst gehören, für den er arbeitet, wäre auch seine geringe Qualifikation kein entscheidendes Handicap im Kampf um einen hohen sozialen Status. Dasselbe gilt für den Wohnungsmarkt, auf dem Mietwohnungen im Zeitalter des Finanzmarktkapitalismus von Spekulanten wie jede andere Ware be- und gehandelt werden.

Rückkehr der Klassen im Finanzmarktkapitalismus?

Eine kritische Gesellschaftstheorie, die auf der Höhe ihrer Zeit sein will, kommt nicht ohne den Klassen- und den Schichtbegriff aus. Der Münsteraner Soziologe Hans-Günter Thien hat 2014 die wichtigsten Veröffentlichungen zur Klassentheorie aus den vergangenen 50 Jahren gesichtet, ohne dabei allerdings auf einen Ansatz gestoßen zu sein, der die "Neuzusammensetzung" der arbeitenden Klasse – er nennt sie die Klasse der Lohnarbeiter/innen – und die Kräfteverschiebungen innerhalb der herrschenden Klasse überzeugend erfasst. Thien stellen sich deshalb nach seiner umfangreichen Literaturrecherche mehr Fragen zur Sozialstrukturanalyse, als er zu beantworten vermag. Auch der Heidelberger Soziologe Thomas Schwinn konstatiert Mitte der 2000er Jahre in seinem Einführungsband zu diesem Themenkreis, die Theorie sozialer Ungleichheit habe "seit den Klassikern der Soziologie keine großen Fortschritte zu verzeichnen".

In der Fachdiskussion nach dem Zweiten Weltkrieg spielte die Klassenstruktur praktisch keine Rolle mehr. "Allgemein gab es in der deutschen Soziologie, ganz anders als in der angelsächsischen, im 20. Jahrhundert einen ausgeprägten Hang, soziologische Totenreden auf die Klassengesellschaft zu halten – als ob Klassen verschwinden würden, wenn man sich von diesem Begriff verabschiedete." Weder die überwiegend systemkonforme – um nicht zu sagen: konformistische – Soziologie noch die auf den Markt als vermeintlich idealen gesellschaftlichen Regulierungsmechanismus fixierte Ökonomie in (West-)Deutschland waren für das Problem der wachsenden Ungleichheit besonders sensibel.

Mit dem Untergang des "real existierenden" Sozialismus hat der Marxismus weiter an Bedeutung eingebüßt. Nachdem die Berliner Mauer im November 1989 gefallen, der Warschauer Pakt im Frühsommer 1991 aufgelöst und die Sowjetunion im Dezember 1991 untergegangen war, galt die Klassenanalyse zumindest in den hoch entwickelten Staaten Westeuropas, Nordamerikas und Südostasiens als nicht mehr zeitgemäß. Dabei trugen diese Ereignisse von historischer Bedeutung wesentlich dazu bei, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich in den entwickeltsten Gesellschaften des Globalen Nordens weiter vertiefte.

Erst im Gefolge der globalen Finanzkrise ab 2007/08 wurden Stimmen laut, die dafür plädierten, zumindest Marxens Krisentheorie und Klassenanalyse von dem totalen Ideologieverdikt auszunehmen, das linkes Denken getroffen hatte. Was vielen Beobachter(inne)n als Wiederkehr vermeintlich längst überholter Gesellschaftsstrukturen erschien, ließ allerdings nur deutlicher hervortreten, dass sich diese nie grundlegend gewandelt hatten. Der Bremer Soziologe Olaf Groh-Samberg stellte daher zu Recht fest: "Nach wie vor ist die soziale Klassenzugehörigkeit eine der prägendsten Determinanten der sozialen Ungleichheit von Lebenschancen."

Die Bundesrepublik – eine "Abstiegsgesellschaft"?

In der jüngsten Vergangenheit erregte das Thema der wachsenden Ungleichheit in Deutschland durch Oliver Nachtweys Buch "Die Abstiegsgesellschaft" wieder ein höheres Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit. Seine umstrittene Kernthese besagt, dass die Bundesrepublik in der "regressiven Moderne" von einer "Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration" zu einer "Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der Prekarität und Polarisierung" geworden sei. Den gesellschaftlichen Niedergang belegte Nachtwey allerdings nur partiell, etwa durch den Hinweis auf einen mit dem Dienstleistungsbereich wachsenden Niedriglohnsektor. Die Erklärung der Bundesrepublik zur "Abstiegsgesellschaft" führt jedoch schon deshalb in die Irre, weil Deutschland nach dem Krisenjahr 2009, das mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 5,7 Prozent endete, zehn Jahre lang wirtschaftlich florierte und selbst in der durch die Covid-19-Pandemie ausgelösten Rezession nur einzelne Bevölkerungsgruppen vom sozialen Abstieg betroffen oder bedroht waren.

Das für die junge Bundesrepublik konstitutive Versprechen, dass mit einem sozialen Aufstieg und materiellem Wohlstand bis an sein Lebensende belohnt wird, wer sich anstrengt, fleißig ist und etwas leistet, gilt zwar längst nicht mehr, wenn man sich darauf überhaupt je berufen konnte. Obwohl der soziale Abstieg häufiger und der Aufstieg von ganz unten schwerer geworden ist, fällt Letzterer aber häufig steiler aus als früher, wenn man etwa an erfolgreiche Start-up-Unternehmer in der digitalen Plattformökonomie denkt. "Abstiegsgesellschaften" sind höchstens Burkina Faso, Bangladesch und Burundi, nicht aber die Bundesrepublik Deutschland. Denn diese fallen als ganze Volkswirtschaften immer weiter hinter entwickelte Staaten des Globalen Nordens zurück.

Hans-Günter Thien kritisiert, dass Nachtwey eine Bestimmung der Klassenstruktur des Gegenwartskapitalismus schuldig bleibe, die "eigentümliche Melange" von Klassen und Schichten, die er den Leser(inne)n zumute, sowie das "arge Durcheinander zwischen den Begriffen Klasse und Schicht" im Hinblick auf die gesellschaftliche Mitte: "Letztendlich bleibt völlig unklar, um wen es sich denn bei dieser ‚Mitte‘ handelt; noch unklarer bleibt, ob die gleichfalls immer wieder für die offensichtlichen Veränderungen der Wirtschaft angesprochenen Transnationalisierungs- und Digitalisierungsprozesse Auswirkungen auf jene Mitte haben."

Oliver Nachtwey hat das von seinem verstorbenen Münchner Fachkollegen Ulrich Beck eingeführte Bild des Fahrstuhls aufgegriffen, in dem Klassen und Schichten gemeinsam nach oben oder unten fahren. Bis in die 1980er Jahre hinein seien Ungleichheiten zwar bestehen geblieben, Arm und Reich jedoch gemeinsam nach oben gefahren, meint Nachtwey, weshalb die sozialen Unterschiede an Bedeutung verloren hätten. So wenig alle Gesellschaftsmitglieder, unabhängig von ihrer Klassen- und Schichtzugehörigkeit, "im selben Boot" sitzen, so wenig benutzen sie jedoch gemeinsam einen Aufzug. Denn ihre materiellen Interessen stimmen grundsätzlich nicht überein, sind vielmehr unterschiedlich, zum Teil sogar gegensätzlich. Während der Fahrt verharren alle Insassen eines Aufzuges unabhängig davon, ob sich dieser nach oben oder nach unten bewegt, auf derselben Ebene. Hingegen bleibt der soziale Abstand zwischen Kapitaleigentümern und lohnabhängig Beschäftigen nie konstant, sondern ändert sich ständig.

Treffender ließe sich von einem sozialen Paternostereffekt sprechen: Armut und Reichtum sind im bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem strukturell miteinander verzahnt, weshalb zur selben Zeit, in der bestimmte Personen(gruppen) nach oben fahren, andere nach unten gelangen. Bei genauerem Hinsehen hinkt jedoch auch dieser Vergleich, weil eine Kabine nach dem Wendemanöver im Keller die Richtung ändert und ihre Passagiere automatisch wieder nach oben befördert, während Armen der Wiederaufstieg nur selten gelingt, und weil die Fahrt nach oben die Benutzer/innen des Paternosters keine Mühe kostet, was für Arme ebenfalls nicht gilt.

"Gesellschaft der Singularitäten"?

Der in Berlin lehrende Soziologe Andreas Reckwitz hält die "Kulturalisierung und Singularisierung des Sozialen in der Spätmoderne" für den Beginn einer "neuen Klassengesellschaft", die sich jedoch anders zusammensetze als die vergangene, die mit der industriellen Moderne verschwunden sei. Zwar sei die globale Ökonomie der Spätmoderne, wie Reckwitz sie nennt, eine im Kern weiterhin kapitalistische. Es handle sich heute aber um einen "postindustriellen" und "kognitiv-kulturellen" Kapitalismus, auf dessen Märkten nur erfolgreich sei, was über seine Funktion hinaus einen symbolischen Wert habe. Kognitiv sei diese Ökonomie, weil immaterielles Kapital, das heißt Urheberrechte, Patente, Netzwerke, Datenbestände und anderes mehr, durch Wissensarbeit komplettiert werde. "Kulturell ist dieser Kapitalismus, weil unter den kognitiven Gütern jenen ein besonderer Stellenwert zukommt, die weniger funktionale Nützlichkeitsgüter sind, sondern von denen die Konsumenten einen kulturellen Wert und kulturelle Einzigartigkeit (Singularität) erwarten: von der Erlebnisreise über die Netflix-Serie und die Markenkleidung bis hin zur Bioernährung und zur Wohnung in ausgesuchter Lage."

Reckwitz spricht von einer "Gesellschaft der Singularitäten", manche der von ihm als neu benannten Entwicklungstendenzen sind allerdings uralt. Das gilt beispielsweise für den Umstand, dass Immobilien in einer außergewöhnlich attraktiven Lage sehr begehrt sind und exorbitant hohe Preise erzielen genauso wie für die von ihm als weiterer Beleg angeführte Tatsache, dass mit Nike-Sportschuhen überteuerte Prestigeprodukte gekauft werden. Um ihren Sonderstatus zu demonstrieren, haben Menschen, die es sich leisten konnten, immer schon auf ostentativen Konsum gesetzt. Rolex (Luxusuhren) und Rolls-Royce (Nobelautomobile) gibt es seit dem Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, und auch die beiden Modemarken Chanel und Gucci sind nicht viel jünger. Schon erheblich länger träumen Philatelist(inn)en aus aller Welt von der Blauen Mauritius – nicht etwa, weil diese Briefmarke einer britischen Kolonie besonders schön wäre, sondern ausschließlich deshalb, weil sie eine Rarität und berühmt ist wie keine zweite, ohne dass in diesem Zusammenhang bisher jemand vom "Singularitätskapital" gesprochen hätte, wie es Reckwitz tut.

Von der marxistischen Klassentheorie distanziert sich Reckwitz ebenso wie von "Einseitigkeiten" der Lebensstil- und Milieuforschung, indem er die Relevanz spezifischer kultureller Lebensformen für die Konstitution von sozialen Klassen stärker akzentuiert, ohne die Bedeutung der ungleichen Ressourcenverteilung völlig zu leugnen: "Klassen sind mehr als sozialstatistische Einkommensschichten und auch mehr als alltägliche Lebensstile. Klassen sind kulturelle, ökonomische und politische Gebilde zugleich. Als Klasse teilt eine Gruppe von Individuen eine gemeinsame Lebensführung samt den entsprechenden Lebensmaximen, Alltagsvorstellungen und Praktiken."

Etwas anderes haben weder Marx noch Engels behauptet. Zwischen ihnen und Reckwitz ist jedoch die Reihen- beziehungsweise Rangfolge zwischen der sozioökonomischen, der politischen und der kulturellen Dimension des Klassenbegriffs strittig. Und an dieser zentralen Stelle irrt Reckwitz gründlich. Einen berühmten Satz aus der "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht abwandelnd, kann man nämlich formulieren: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Kultur. Das gilt für die Menschheitsgeschichte ebenso wie für die Biografie jedes einzelnen Individuums. Sobald die materiellen Existenzgrundlagen der Menschen gesichert und damit die Voraussetzungen für eine halbwegs angstfreie Betätigung auf geistigem Gebiet entstanden sind, gewinnt die Kultur zwar enorm an Bedeutung für ihr Leben, sie bleibt aber weiterhin von diesen Grundlagen abhängig. Das mussten Kreative, Künstler/innen und Kulturschaffende zuletzt während der Coronakrise leidvoll erfahren: Als viele ihrer Aufträge oder Auftritte storniert wurden, stand die Sicherung der nackten Existenz für alle Betroffenen im Vordergrund ihres Tuns.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Martin Groß, Klassen, Schichten, Mobilität. Eine Einführung, Wiesbaden 20152, S. 42.

  2. Klaus Dörre, Landnahme und soziale Klassen. Zur Relevanz sekundärer Ausbeutung, in: Hans-Günter Thien (Hrsg.), Klassen im Postfordismus, Münster 20112, S. 116 (Hervorh. im Original).

  3. Vgl. hierzu Christoph Butterwegge, Ungleichheit in der Klassengesellschaft, Köln 20212, S. 10ff.

  4. Sabine Nuss, Keine Enteignung ist auch keine Lösung. Die große Wiederaneignung und das vergiftete Versprechen des Privateigentums, Berlin 2019, S. 70.

  5. Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, in: dies., Werke (MEW), Bd. 4, Berlin (Ost) 1959, S. 463.

  6. Ebd., S. 465.

  7. Ebd., S. 473.

  8. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 3, in: MEW, Bd. 25, Berlin (Ost) 1964, S. 892.

  9. Marx/Engels (Anm. 5), S. 469.

  10. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Bd. 1, in: MEW, Bd. 23, Berlin (Ost) 196211, S. 675.

  11. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft (Grundriß der Sozialökonomik, III. Abteilung), Tübingen 1922, S. 632.

  12. Vgl. ebd., S. 177f.

  13. Groß (Anm. 1), S. 32.

  14. Vgl. Hans-Günter Thien, Klassentheorien – die letzten 50 Jahre, in: Prokla 175/2014, S. 163–190.

  15. Thomas Schwinn, Soziale Ungleichheit, Bielefeld 2007, S. 5.

  16. Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016, S. 33.

  17. Vgl. hierzu Christoph Butterwegge, Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland, Weinheim–Basel 20202, S. 63ff.

  18. Olaf Groh-Samberg, Armut, soziale Ausgrenzung und Klassenstruktur. Zur Integration multidimensionaler und längsschnittlicher Perspektiven, Wiesbaden 2009, S. 203.

  19. Nachtwey (Anm. 16), S. 8.

  20. Hans-Günter Thien, Nachwort 2018: Notizen zur neueren Diskussion, in: ders., Die verlorene Klasse – ArbeiterInnen in Deutschland, Münster 20182, S. 209–230, hier S. 213.

  21. Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986, S. 122ff.

  22. Vgl. Nachtwey (Anm. 16), S. 126.

  23. Vgl. Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017, S. 175.

  24. Ders., Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 20204, S. 141.

  25. Ebd., S. 67f. (Hervorh. im Original).

  26. Vgl. hierzu Christoph Butterwegge, Die polarisierende Pandemie. Deutschland nach Corona, Weinheim–Basel 2022, S. 119ff.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christoph Butterwegge für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

ist Sozialwissenschaftler und Ungleichheitsforscher. Bis 2016 war er Professor für Politikwissenschaft am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften der Universität zu Köln.
Externer Link: http://www.christophbutterwegge.de