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Die Szene in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure

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Die Szene in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure

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Salafismus-Tagung im Bonner Collegium Leoninum: Claudia Dantschke referiert über die Szene in Deutschland. (© Tobias Vollmer/bpb)

Sie verteilen Korane in deutschen Fußgängerzonen, tragen T-Shirts mit Muslim-Superman-Emblem und posten im Internet Bilder, auf denen bärtige Männer mit Käppchen, erkennbar als Salafisten, Weihnachtsmänner per Fausthieb niederstrecken – die deutsche Salafistenszene wandelt sich. Sie ist längst zu einer Jugendbewegung geworden, die viele Parallelen zu anderen Bewegungen der westlichen Popkultur aufweist. Kaum jemand kennt die Szene und deren Wandel so gut wie Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur gGmbH in Berlin. Sie erklärte dem Publikum in ihrem Vortrag "Die Szene in Deutschland – Anziehungskraft, Rekrutierung, Akteure" anschaulich, warum Salafisten eine solche Attraktivität besitzen – und warum es für die Akteure der demokratischen Gesellschaft so schwierig ist, den "geistigen Brandstiftern" etwas entgegenzusetzen.

Denn die salafistische Szene ist mittlerweile eine sehr heterogene Bewegung, wie Dantschke zu Beginn ihres Vortrags darstellte: Da gibt es zum einen die puristischen Salafisten, die als unpolitisch gelten und die demokratische Staatsordnung nicht infrage stellen. Die Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden gilt denn auch drei anderen Gruppen im Salafismus: der politisch-missionarischen Strömung, die aber ebenfalls Gewalt ablehnt und die Mehrheit der Salafisten darstellt. Und dann die politisch-missionarische Gruppe, die den bewaffneten "heiligen Krieg" - den Jihad - legitimiert, sowie die jihadistischen Salafisten, die zu Gewalt aufrufen und/oder selbst gewaltbereit sind. "850 Personen gehören in Deutschland zu diesem militanten Spektrum", sagte Dantschke. Die Zahl der Salafisten, die der Verfassungsschutz beobachtet, liege bei 6.000 Personen.

Besondere Sorgen machen den Sicherheitsbehörden rund 500 der gewaltbereiten Salafisten, die nach Syrien gereist sind. "20 bis 24 von ihnen sind dort gestorben, 100 sind zurückgekehrt, davon haben aber nur etwa 15 Kampferfahrung", so Dantschke. "Viele kehren traumatisiert zurück", seien aber nicht nur ein Fall für die Sicherheitsbehörden. "Bei ihnen ist die Zivilgesellschaft gefordert."

Zu den bekanntesten Gruppen aus dem politisch-missionarischen Milieu, die den Jihad rechtfertigen, gehört die Gruppierung "Die wahre Religion" (DWR) aus dem Köln-Bonner Raum. Der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden sind sie durch ihre Koranverteil-Aktionen in deutschen Fußgängerzonen. Einer ihrer Protagonisten, Abu Abdullah, bezeichnet in einem Internetvideo "Demokratie als den Weg des Teufels". Anhand der "Likes" bei Facebook schätzt Dantschke die Zahl ihrer Sympathisantinnen und Sympathisanten auf rund 25.000. Die allermeisten von ihnen werden jedoch nicht aktiv beziehungsweise radikalisieren sich nicht. Dennoch entstammt dem DWR-Umfeld eine militante Jugendbewegung, aus der sich unter anderem die Gruppierung "Millatu Ibrahim" entwickelte. Sie wurde Ende Mai 2012 vom Innenministerium verboten. Dantschke verglich DWR mit der NPD, "Millatu Ibrahim ist dementsprechend wie eine rechtsradikale Kameradschaft". 

Die Salafismusexpertin beobachtet bei DWR wie bei vielen politisch-missionarischen Predigern eine Form der Angstpädagogik, "die nur die Gegensätze Himmel und Hölle" kennt - nach dem Motto "Hältst du dich an die Gesetze des Korans, kommst du in den Himmel, ansonsten bist du verdammt". Diese radikal vereinfachte Sicht sei aber auch Teil des Erfolgsrezepts, weshalb Salafisten einen solchen Zulauf hätten: Ihr Wissen ist vermeintlich religiös fundiert (mit permanenten Verweisen auf den Koran), sie beanspruchen für sich die Wahrheit, beurteilen demnach, was gut und böse, richtig und falsch ist. Sie locken mit Gemeinschaft und Identität - "alles das, wonach viele Jugendliche suchen". In der Regel kommen Jugendliche zum Salafismus, die Dantschke zufolge "religiöse Analphabeten" sind.

Doch es gibt seit 2010 auch ein neues, in Westeuropa zu beobachtendes Phänomen: das des Pop-Jihadismus. Die Anhänger tragen Bärte mit rasierter Oberlippe und T-Shirts, die allein dadurch provozieren sollen, dass sie das islamische Glaubensbekenntnis in arabischen Schriftzeichen zeigen, kombiniert mit Militärhosen und -jacken. Diese jungen Leute lösen sich immer häufiger von der zweiten Generation radikaler Prediger, stellen ihre (häufig von Diskriminierung geprägte) Alltagssituation in den Vordergrund und sind stark politisiert. Religion dient ihnen oft nur als Begründungsrahmen für eine Haltung, die anti-westlich und pro-jihadistisch ist. Dennoch nutzen sie die sozialen Netzwerke wie westliche Jugendliche auch.

An Fragen zum Thema mangelt es nicht: Zuhörer während Claudia Dantschkes Vortrag. (© Tobias Vollmer/bpb)

"Für mich sind diese Pop-Jihadisten eine Straßengang mit Bart", sagte Dantschke. Ein neuer Star dieser Szene ist ein junger, in Bonn lebender Prediger namens Izzuddin Jakupovic. Er gehört zur Gruppe "Dawa Bonn", die vor der Kommunalwahl im Mai versuchte, Flyer in Bonner Moscheen zu verteilen, auf denen sie Demokratie und Wahlen als Teufelszeug brandmarkte. "Es ist eine Pflicht, die Ungläubigen zu hassen", tönt Izzuddin dementsprechend in einem Internetvideo.

Und so zeigt die Szene nicht zum ersten Mal Anzeichen von Spannungen und Separatismus. Während Pop-Jihadisten wie die trotz Verbots immer noch agierende Gruppe "Millatu Ibrahim" unverhohlen Sympathien für die Jihadisten-Gruppe "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) zeigen, distanzierte sich ausgerechnet einer der Vorbilder der deutschen Salafisten, Muhammed al-Makdisi, von ISIS. Der Verwirrung in der deutschen Szene versuchen Leute wie Izzuddin in Internetansprachen entgegenzuwirken: "Niemand darf den anderen Bruder auffordern, das Gleiche zu denken wie er selbst", versucht Izzuddin "eher hilflos", so Dantschke, die Szene zu beruhigen.

Doch es gibt nicht nur die Scharfmacher. Seit einiger Zeit gibt es auch eine Gegenbewegung, die via Internet versucht, jungen Glaubensbrüdern die Augen zu öffnen und ihnen die Absurditäten des radikalen Salafismus darzustellen: "Der Jihad ist zur Mode geworden. Und es gibt tatsächlich schon Videos, da werden Katzen mit einer Bazooka gezeigt", macht sich der Konvertit Dominik Musa Almani lustig und tippt sich kopfschüttelnd an die Stirn.

Fussnoten