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Salafismus in Frankreich - Relevanz und gesellschaftliche Reaktionen

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Salafismus in Frankreich - Relevanz und gesellschaftliche Reaktionen

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Dr. Asiem El Difraoui berichtet im Workshop über gesellschaftliche Reaktionen auf Salafismus in Frankreich. (© Tobias Vollmer/bpb)

Dr. Asim El Difraoui kennt das Phänomen des Salafismus nicht nur vom Computer aus. Er hat viele Reisen unternommen und Feldforschung betrieben. Dadurch sind seine Ausführungen sowohl theoretisch fundiert als auch authentisch.

Was die Attentate von Khaled Kelkal in unterschiedlichen Orten Frankreichs, das Attentat in Toulouse 2012 und in Brüssel 2014 miteinander gemeinsam haben, lässt sich aus der Historie des Salafismus in Frankreich beschreiben. Alle drei Attentäter wurden in französischen Gefängnissen radikalisiert. Doch wie kam der Salafismus überhaupt nach Frankreich? Viele Muslime stammen ursprünglich aus Nordafrika und sprechen arabisch – ganz anders als die deutschen Muslime. Die genaue Zahl der in Frankreich lebenden Muslime lässt sich nicht beziffern, da Frankreich als laizistischer Staat keine Erhebungen über die Religionszugehörigkeit der Bürgerinnen und Bürger macht.

Islamisierung von unten

In Frankreich hat laut El Difraoui eine Islamisierung von unten stattgefunden. Die Kinder haben mit dem traditionellen Islam der Eltern gebrochen. Sie haben oftmals einen höheren Bildungsstand und können – im Gegensatz zu den Eltern - den Koran auf französisch, manchmal sogar auf arabisch lesen. In Frankreich, das mit der Forschung zum Salafismus laut Difraoui Deutschland ca. zehn Jahre voraus ist, sind drei Strömungen im Salafismus identifiziert worden.

Die erste Gruppe umfasst den apolitischen Salafismus, der sich durch den engen Freundeskreis rekrutiert. Oftmals leben diese Salafisten in französischen Vorstädten oder Ghettos und entwickeln eine aktive Parallelwelt, in der eine separate Wirtschaftsstruktur mit Geschäften und Dienstleistungen wächst. Obwohl der Wille oftmals da ist, haben sie Schwierigkeiten, Jobs außerhalb dieser Ghettos zu finden. Ein Feld, in dem bis vor einigen Jahren noch viele Salafisten beschäftigt wurden, war der Flughafen: Dort arbeiteten viele Salafisten als Gepäckträger – nach dem 11. September jedoch kam es hier zu einer Entlassungswelle.

Die zweite Gruppe sind die politisch aktiveren Salafisten, sie bilden eine Art Zwischenstufe zwischen der ersten und dritten Gruppe. Der Leitspruch "Folgt dem einzig wahren Glauben" ist als Aufruf zur Konversion zu verstehen. Vor allem diese Gruppe stieß mit der Polizei zusammen, nachdem das Niqab-Verbot durchgesetzt wurde. Durch solche restriktiven Verbote werden laut Difraoui Salafisten mobilisiert.

Der dritten Gruppe sind die dschihadisten Salafisten zuzuordnen, die stark politisiert sind. Aus ihren Reihen geht eine Gruppe von Salafisten vor, die für Attentate verantwortlich gemacht werden. Sie sind v.a. nach den politischen Umbrüchen in Algerien Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre nach Frankreich gekommen.

Frankreichs Maßnahmen gegen die sich ausbreitenden Salafisten der zweiten und vor allem der dritten Gruppe sind vorrangig repressiv. Das beginnt bei der Ausweisung von Imamen bis zu der Unterwanderung des Milieus durch staatliche Institutionen. Als Erfolg wird verzeichnet, dass es in den letzten 10-15 Jahren keine Anschlagsreihen mehr gab. Passierte doch mal etwas, wurde von "einsamen Wölfen" gesprochen.

Prävention als Mittel gegen Radikalisierung

Präventionsmaßnahmen oder Maßnahmen zur Deradikalisierung wurden in der französischen Politik vernachlässigt. Deutschland kann, im Gegensatz zu Frankreich, auf eine fundierte Zivilgesellschaft mit vielen Verbänden etc. zurückgreifen. Von einer Institution wie einem "Islamrat" verspricht sich El Difraoui in Frankreich aber keinen Erfolg, denn diese Institutionen bergen immer wieder die Gefahr, instrumentalisiert zu werden.

Positiv stechen Initiativen wie der "Islamische Kirchentag" hervor, bei dem sich einmal jährlich alle Strömungen treffen. Außerdem entwickelt sich eine Generation junger, intellektueller und selbstbewusster Muslime, die durch Formate wie "The Muslim Show", einem Comic zu den Lebensgewohnheiten von Muslimen, mit Fragen des Islams spielerisch, aber mit Tiefsinn, umgehen.

Auf Nachfrage, wie El Difraoui die Rolle des Schulsystems einschätze, beschrieb er die Situation zuversichtlich. Zwar sind die Diskurse noch nicht auf Augenhöhe und neue pädagogische Konzepte, wie sie immer mehr in deutschen Schulen verankert werden, in Frankreich noch nicht die Regel. Dem Bild der "abgezäunten" Schule, die sich seit Jahrzehnten nicht wandele, widersprach er aber.

Wie groß die Rolle des Internets bei der Radikalisierung ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Das reine Verbot von Internetseiten ist jedenfalls, wie in Deutschland schon vor einigen Jahren besprochen, keine Lösung.

Offen ist am Ende die Frage danach, was der Grund für das Auftreten des Salafismus in verschiedenen Ländern wie Großbritannien, Deutschland und Frankreich ist, obwohl alle drei Länder in den neunziger Jahren unterschiedliche Integrationsstrategien verfolgt haben. Großbritannien, das eine Parallelgesellschaft zulässt, Deutschland als Mischform und mit der Idee der multikulturellen Gesellschaft sowie Frankreich, das auf totale Integration setzte.

In diesem Feld besteht noch viel Forschungsbedarf – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis.

Fussnoten