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Im Einsatz für den islamischen Staat

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Im Einsatz für den islamischen Staat Die Ausreise Jugendlicher und junger Erwachsener aus Deutschland nach Syrien und in den Irak

Anne K. Strickstrock

/ 3 Minuten zu lesen

Salafistische Radikalisierung führte in bislang mehreren hundert Fällen bis zur Beteiligung am Kriegsgeschehen im Nahen Osten. Dort drohen weitere Ideologisierung, Verrohung und mitunter schwere Traumatisierungen. Ahmet Senyurt hat intensive Recherchen im Umfeld ausgereister Jugendlicher durchgeführt und war im Rahmen seiner Arbeit mehrfach in Syrien. Er stellte Fallbeispiele vor und erläuterte die Herausforderungen, vor denen Deutschland und Europa stehen.

Ahmet Senyurt referiert, wie und warum sich junge Menschen dem islamischen Staat anschließen. (© bpb)

Eine Dokumentation.

Was macht den gewaltbereiten Salafismus so interessant? Wie geraten Jugendliche in die Fänge und Strukturen des Dschihad? Solchen Fragen ging der WDR-Fernsehreporter Ahmet Senyurt nach und machte sich auf den Weg nach Dinslaken-Lohberg, von wo bereits 25 Jugendliche nach Syrien aufbrachen, fünf von ihnen sind inzwischen tot.

"Das ist mehr als Krieg spielen, es ist eine gewaltorientierte Ideologie von einer besseren Welt, die die Religion nutzt", warnt Senyurt – und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Kommune, in der offenbar viele Anzeichen einer Radikalisierung unterschätzt wurden.

Nicht nur so genannte Globalisierungsgegner, sondern auch Jugendliche mit Zukunftsoptionen, die zum Beispiel das Unternehmen der Eltern übernehmen könnten, haben sich anwerben lassen. Als Beispiel gilt ein Junge, der jahrelang Versicherungsbetrug beging, Unfälle vortäuschte und Autos als gestohlen meldete. "So brachte er schließlich zwei nagelneue BMW in die Türkei und leistete damit seinen finanziellen Anteil am Dschihad", recherchierte Senyurt, der versucht, sich in die Köpfe der Jugendlichen hineinzuversetzen: "Für sie ist das alles nicht weit weg. Für sie war Bosnien der erste Dschihad, also der erste Befreiungskrieg in Europa."

Längst nicht alle Kampfwilligen seien von der Herkunft oder vom Elternhaus her muslimisch geprägt, auch "Bio-Deutsche" suchen Anschluss, so Senyurt: "Doch der organisierte Islam hat diesen Jugendlichen hier nichts anzubieten. Sie verstehen die Predigten in der Moschee nicht und gehen ins Internet. Sobald sie aber da das Wort Islam eingeben, landen sie auf salafistischen Seiten."

Unterdessen gebe es in Lohberg einen Sozialarbeiter, der seine Schützlinge in militärisch-uniformierter Kleidung posieren ließ, mit ihnen Paintball-Spiele machte, sie gar unterstützte, als sie das so genannte "Dinslakener Institut für Bildung" gründeten – allein fünf der sieben Gründungsmitglieder seien später nach Syrien ausgereist. Denn die Jugendlichen wollen nicht nur spielen, sie sind keineswegs unpolitisch, so Senyurt: "Sie beteiligten sich im Integrationsrat der Gemeinde, waren im Jugendschulausschuss, einer von ihnen war der Fußball-Torwart der DITIB-Mannschaft."

Wie aber führt ihr Weg in den Krieg? Ahmet Senyurt fuhr zunächst nach Fatih, einem Stadtteil in Istanbul, von dem aus die Jugendlichen weiter geschleust werden. Er folgte ihnen mit seiner Kamera in das Örtchen Hatay in der südtürkischen Provinz. Hier, nahe der syrischen Grenze, werden sie mit Ausrüstung versorgt, in die Wirtschaftsstrukturen eingeführt und erhalten ihre persönlichen Aufgaben. Dazu gehöre auch, Gefängnisse zu überwachen oder gegen Drogenhändler vorzugehen, erfuhr der Journalist: "Sie treffen vor Ort auf schlaue, akademisch ausgebildete Leute. Und man macht ihnen durchaus attraktive Angebote. So bekommt ein Offfizier des Islamischen Staates (IS) etwa 2500 Dollar Lohn, eine Wohnung, zudem Prämien für eine Ehe und Kinder."

Was also ist zu tun? Wie lässt sich besser aufklären, das Anwerben stoppen? Die Schule sei grundsätzlich ein "falscher Kampfplatz", meint der Reporter, der nicht gutheißt, wenn "Lehrer als Spione" eingesetzt werden. Einerseits sei es sicher nicht nur in Dinslaken-Lohberg schwierig, in der Schule einen kritischen Blick etwa auf Israel zu gewähren und politische Diskussionen zu führen. Andererseits könne ein Lehrer unmöglich eine Anzeige gegen radikale Jugendliche stellen: "Das ist doch gefährlich für einen Lehrer."

Bewusst polemisch schlägt Senyurt vor, Kurse an der Volkshochschule anzubieten, um den Jugendlichen die Gefahren zu verdeutlichen und aufzuzeigen, unter welchen Umständen sie beim IS landen, bei der al-Nusra-Front oder im Knast. Zudem müsse ganz ernsthaft eine stärkere Einbindung der Familien erfolgen: "Wir müssen die Eltern und dabei insbesondere die Mütter der Ausreisenden ansprechen und sie aus dem Schatten holen." Darüber hinaus sollte ein Community-Coaching für Arbeitskreise in den Gemeinden angeboten werden, fordert der Journalist.

Nicht zuletzt könne auch die deutsche Justiz ihren Anteil leisten – und schlichtweg schneller reagieren: "Als einer der Jugendlichen nach einem Jahr eine Vorladung bekam, war der längst in Syrien."

Fussnoten

Anne K. Strickstrock (*1969) ist Journalistin der Bergedorfer Zeitung aus Hamburg. Sie befasst sich mit lokalen Themen, vorwiegend aus den Bereichen Soziales, Jugend und Bildung.