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Industrialisierung und moderne Gesellschaft

Wolfgang Kruse

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Im Kaiserreich erlebte Deutschland den Durchbruch zur modernen Industriegesellschaft. Die Industrialisierung ging einher mit massiven gesellschaftlichen Veränderungen. Wohnen, Bildung, Arbeit, Kultur: Vor allem Bürgertum und Arbeiterschaft lebten in sozial scharf voneinander getrennten Lebenssphären, es gab kaum Kontakt und Mobilität zwischen diesen Gruppen.

Wohn- und Schlafraum in der Manteuffelstraße 64 in Berlin, aufgenommen am 27.6.1910: Während die Mutter Knallbonbons fertigt, müssen die beiden Kinder helfen. Raummaße: 4,00m lang, 2,75m breit, 2,60m hoch. (© picture-alliance, ZB)

In der Zeit des Kaiserreichs erlebte Deutschland den Durchbruch zur modernen Industriegesellschaft. Industrie und Gewerbe, Handel und Verkehr drängten die Landwirtschaft immer stärker in den Hintergrund und wurden zur wesentlichen Triebkraft von wirtschaftlichem Wachstum und gesellschaftlichem Wandel.

...und hier eine Szene aus einem Pfandleihhaus ("Im Leihhause" - Gemälde von Christian Ludwig, 1876) (© picture-alliance/akg)

Der industrielle Kapitalismus brachte zugleich eine Klassengesellschaft hervor, die von marktabhängigen Erwerbsklassen mit ausgeprägten Gegensätzen insbesondere zwischen besitzendem Bürgertum auf der einen und lohnabhängigem Proletariat auf der anderen Seite geprägt war. Im Zuge der Hochindustrialisierung bildeten Wirtschaft, Kapital, Arbeit und Staat hochgradig organisierte Organisationsstrukturen aus, die das individuelle Gesellschaftsideal des klassischen Liberalismus zunehmend veraltet erscheinen ließen. Zugleich verschob sich der Schwerpunkt des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens immer mehr vom Lande in die expandierenden Städte, begleitet von einer dynamischen Modernisierung der Infrastruktur und der alltäglichen Lebensverhältnisse.

Wanderungsbewegungen: Ansässige, Abgewanderte, Zugewanderte und Wanderungsbilanz in abs. Zahlen, 1907

Die Industrialisierung

Nachdem sich in der Zeit zwischen 1850 und 1870 die Startphase der deutschen Industriellen Revolution vollzogen hatte, trat das Kaiserreich in die Phase der Hochindustrialisierung ein. Die Zentren der industriellen Produktion in Mittel- und Südwestdeutschland, um Berlin und vor allem im Ruhrgebiet wurden immer größer und ökonomisch dominanter. Hier fanden nicht nur die Überschüsse einer rasch wachsenden Bevölkerung Beschäftigung, die zwischen 1871 und 1910 von 41 auf 65 Millionen anstieg. Die Industrialisierung rief vielmehr auch eine enorme Mobilität hervor, denn viele Menschen zogen auf der Suche nach Arbeit – wenn sie nicht gleich nach Übersee auswanderten oder als „Flugsand“ der Industrialisierung (Rudolf Braun) nirgendwo mehr sesshaft wurden – vom Lande in die expandierenden industriellen Zentren. Ihre Beschäftigtenzahl zog Mitte der 1890er Jahre mit der Landwirtschaft gleich und begann sie im frühen 20. Jahrhundert immer deutlicher zu überflügeln.

Die Einwohnerschaft Berlins nach der Gebürtigkeit 1907

Vor allem aber übertraf die industrielle Wertschöpfung die des primären Wirtschaftssektors bald immer deutlicher. Auch wenn die Zeitgenossen noch engagiert darüber diskutierten, ob Deutschland von einem Agrar- zu einem Industriestaat werden sollte: Ökonomisch war die Entscheidung Ende des 19. Jahrhunderts längst gefallen. Auf Textil-, Eisen- und Stahlproduktion als Leitsektoren der industriellen Entwicklung folgten nun die Chemie- und Elektroindustrie, mit der Deutschland endgültig vom Nachzügler zum Vorreiter der Industrialisierung in Europa wurde. Die Landwirtschaft dagegen, die mit dem forcierten Einsatz moderner Maschinen und Düngemittel selbst einen Prozess der Industrialisierung durchlief, aber trotzdem auf dem Weltmarkt gegenüber den amerikanischen und russischen Agrarpreisen ihre Konkurrenzfähigkeit verlor, litt nicht nur unter der Massenabwanderung ihrer Arbeitskräfte, sondern auch unter einer strukturellen Agrarkrise und forderte immer vehementer staatliche Schutzzölle.

Wanderungsbilanz in Berlin und Brandenburg 1861-1910

Bevölkerungs- und Stadtentwicklung in Preußen/Deutschland 1816-1910
Jahr Gesamteinwohnerzahl absolut (in 1000) davon Stadtbevölkerung davon lebten in Gemeinden mit ...-tausend Einwohnern (in %)
unter 2 2 bis 5 5 bis 20 20 bis 100 über 100
Preußen 1816 10320 27,9 - - 4,2 4,1 1,8
1849 16331 28,1 - - 8,5 4,8 3,3
1871 24640 37,2 62,8 12,3 11,9 7,8 5,4
1910 40167 61,5 38,4 10,2 14,1 14,7 22,4
Deutsches Reich 1871 41010 36,1 63,9 12,4 1,2 7,7 4,8
1910 64926 60,0 40,0 11,2 14,1 13,4 21,3
nach: Jürgen Reulecke, Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt/M. (Suhrkamp) 1985, S. 202.

Auch die industrielle Dynamik stellte sich allerdings keineswegs als eine kontinuierliche, gar harmonische Aufstiegsentwicklung dar. Sie war vielmehr selbst von gravierenden Krisen und Konflikten begleitet. Auf den ökonomischen Boom der Reichsgründungszeit folgte 1873 die sog. Gründerkrise. Dabei handelte es sich um eine schwere, in Deutschland besonders einschneidend erfahrene Weltwirtschaftskrise, die bis Ende der 1870er Jahre anhielt und der in den 80er und 90er Jahren weitere schwere konjunkturelle Einbrüche folgten. Wenn viele Historiker sogar von einer Großen Depression der Weltwirtschaft zwischen 1873 bis 1895 sprechen, so ist darunter allerdings keineswegs ein allgemeiner Produktionsrückgang zu verstehen. Die Wachstumsraten verlangsamten sich vielmehr zeitweise durch rasch aufeinander folgende, krisenhafte Konjunktureinbrüche in einer insgesamt weiterhin wachsenden Wirtschaft. Mitte der 1890er setzte dann auch in Deutschland wieder eine lange anhaltende Aufschwungsphase ein, die nur zwischen 1906 und 1908 von einem kurzen Produktionsrückgang unterbrochen wurde.

Die Wertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen

Diese Phase der Hochindustrialisierung brachte zugleich einen weiteren einschneidenden Strukturwandel mit sich. Angesichts der notwendigen Investitionen in die Entwicklung moderner Großunternehmen gewann das Finanzkapital eine wachsende Bedeutung. Die traditionellen Familienbetriebe wurden zunehmend von Aktiengesellschaften abgelöst und immer mehr von Managern als von Besitzern geleitet. Fabriken und Betriebe wuchsen rasant, zugleich entstanden Konzerne, die mit der Bildung von Syndikaten und Kartellen weitreichende Konzentrationsprozesse einleiteten und monopolartige Stellungen entwickeln konnten. Diese Entwicklung zum „Organisierten Kapitalismus“ (Rudolf Hilferding) wurde begleitet von einer immer ausgeprägteren staatlichen Interventionspolitik, die in der Schutzzollpolitik nur ihren deutlichsten Ausdruck fand. Die Zentralisierungsprozesse des industriellen Kapitalismus prägten aber auch die Entwicklung der Gewerkschaften als Vertretung der Arbeiterschaft, die sich nach dem Auslaufen der Sozialistengesetze 1890 nicht nur in der Generalkommission der Freien Gewerkschaften zusammenschlossen. Auch die Einzelgewerkschaften entwickelten sich von anfangs oft lokal organisierten Berufsverbänden über Branchengewerkschaften zu umfassenden, national agierenden Industrieverbänden. Diese Industrieverbände organisierten alle Arbeiter von großen Industriesparten wie etwa der Metallindustrie oder der Textilindustrie.

Die Mitgliederentwicklung der gewerkschaftlichen Spitzenverbände: Freie, Christliche und Hirsch-Dunckersche Gewerkschaften 1868-1919

Die industrielle Klassengesellschaft

Die Industrialisierung führte zur Ausbildung einer modernen Klassengesellschaft mit nicht nur in ökonomischer Hinsicht deutlich unterschiedenen Erwerbsklassen. Vor allem Bürgertum und Arbeiterschaft lebten auch in sozial scharf voneinander getrennten Lebenssphären mit höchst unterschiedlichen Wohnverhältnissen, Bildungsinstitutionen und kulturellen Lebensformen, zwischen denen im Kaiserreich vergleichsweise wenig Kontakt und Mobilität bestand. Stattdessen rückte der Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit mit der fortschreitenden Industrialisierung immer stärker ins Zentrum des gesellschaftlichen und politischen Lebens, bestärkt noch durch einen als parteiisch wahrgenommenen „Klassenstaat“. In der Arbeiterschaft bildete sich ein wachsendes Klassenbewusstsein aus, das nicht zuletzt von der Erfahrung getragen war, dass angesichts geringer Aufstiegschancen die Zugehörigkeit zu dieser Klasse über Generationen ‚vererbt’ wurde. Das „geborene Proletariat“ (Hartmut Zwahr) erkannte immer deutlicher seine gemeinsamen sozialen und politischen Interessen, organisierte sich in Gewerkschaften, eigenen Konsum- und Bildungsvereinen sowie in der sozialdemokratischen Partei, die gemeinsam eine starke sozialdemokratische Gegenkultur ausbildeten. Gewerkschaften bildeten sich zwar mit unterschiedlichen weltanschaulichen Ausrichtungen. Doch wie stark betont klassenkämpferische, streikorientierte Ausrichtungen in der Arbeiterschaft verbreitet waren, zeigt die unterschiedliche Mitgliederentwicklung an: Während die sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften am Vorabend des Ersten Weltkrieges 2,5 Millionen Mitglieder organisierten, kamen die wirtschaftsfriedlich orientierten christlichen und liberalen Gewerkvereine zusammen nicht einmal auf eine halbe Million.

Den Gewerkschaften standen Unternehmer und ihre Verbände gegenüber, die sie lange nicht als gleichberechtigte Kontrahenten akzeptieren wollten. Insbesondere in den schwerindustriellen Großbetrieben herrschte ein Herr-im-Haus Standpunkt vor, der jede gewerkschaftliche Betätigung ablehnte und aktiv zu verhindern suchte. Unternehmen wie Krupp etwa organisierten eigene „gelbe“ Betriebsgewerkschaften, die auf das Unternehmensinteresse verpflichtet waren. Und sie verfolgten sozialdemokratisch orientierte Arbeiter mit schwarzen Listen, auf denen alle diejenigen verzeichnet waren, die keine Beschäftigung mehr finden sollten. Trotz einer Vielzahl von Arbeitskämpfen mit Streiks und Aussperrungen, die teilweise zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führen konnten, kam so der von den Gewerkschaften angestrebte Abschluss von verbindlichen Tarifverträgen nur langsam voran: Am Vorabend des Ersten Weltkrieges waren erst 1.4 Millionen Beschäftigungsverhältnisse tarifvertraglich geregelt, überwiegend in kleinen und mittelständischen Betrieben.

Streiks, Aussperrungen und "kampflose Bewegungen" 1890 - 1913

Allerdings darf man sich trotz dieser Klassentrennung weder das Bürgertum noch die Arbeiterschaft als homogene, gar die ganze Gesellschaft beherrschende soziale Formationen vorstellen. In der Arbeiterschaft gab es eine ausgeprägte Hierarchie zwischen relativ gut verdienenden Facharbeitern auf der einen und wesentlich schlechter gestellten an- oder ungelernten Arbeitern auf der anderen Seite; hinzu kam ein beträchtlicher Anteil von schlechter gestellten und entlohnten Arbeiterinnen. Eine besondere Rolle spielten ferner die Hausangestellten und die Landarbeiter, die eigene Lebenszusammenhänge aufwiesen und sich zumeist nicht dem industriellen Proletariat zugehörig fühlten. Schließlich gab es auch eine ausgeprägte Migration insbesondere der unteren Bevölkerungsschichten, die auf Suche nach Arbeit und Lebensmöglichkeiten nicht nur in großer Zahl nach Übersee auswanderten, sondern auch aus den ländlichen Gebieten des Reiches in die industriellen Ballungsräume abwanderten.

Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren und Stellung im Beruf (in Prozent)

Die Kerngruppen des Bürgertums waren ebenfalls in ihrer sozialen Lage keineswegs einheitlich gestellt. Hier handelte es sich zum einen um akademisch gebildete Bürger im gehobenen Staatsdienst, in der Wissenschaft und den freien Berufen, das sog. Bildungsbürgertum, und zum anderen um das sozial und auch politisch immer stärker in den Vordergrund tretende wirtschaftliche Großbürgertum, von dem die neuen industriellen Großunternehmen geleitet wurden. Sie machten zusammen allerdings nur wenige Prozent der Bevölkerung aus, und sie mussten ihren gesellschaftlichen Führungsanspruch mit einem Adel teilen, der noch immer einen privilegierten Zugang zu den Schalthebeln der staatlichen Macht besaß. Zum Bürgertum zählten sich ferner die selbständigen mittelständischen Gewerbetreibenden, der kleinbürgerliche, sog. alte Mittelstand, der allerdings an Prestige, Einfluss und Einkommen mit dem Großbürgertum nicht Schritt halten konnte. Hinzu kamen viele weitere Zwischengruppen mit gehobener, aber nicht universitärer Bildung und bald auch der sog. neue Mittelstand, die schnell expandierende Gruppe der Angestellten, die vor allem die Technisierung der Bürotätigkeiten und Kommunikationsformen trugen, aber auch als leitende Angestellte in die Leitung von Wirtschaftsunternehmen aufsteigen konnten.

Die durchschnittlichen Jahresverdienste von Arbeitnehmern in Industrie, Handel und Verkehr

Technisierung, sozialer Wandel und gesellschaftliche Modernisierung

Die moderne Wirtschaft spielte sich immer weniger nur im Produktionsbereich ab und war zunehmend auf Bürotätigkeiten in Verwaltung, Kommunikation und Dienstleistung angewiesen. Während es 1882 im Kaiserreich insgesamt nur 307.000 Angestellte gab, wuchs ihre Zahl in den folgenden 25 Jahren auf mehr als das Vierfache, auf etwa1,3 Millionen Beschäftigte an, wozu auch ein starker Anstieg von jungen Frauen beitrug, die in Büros und Telegrafenämtern als zumeist schlechter bezahlte weibliche Angestellte tätig wurden. Obwohl abhängig beschäftigt, unterschieden sich die Angestellten in ihrem sozialen Status deutlich von der Arbeiterschaft: Sie arbeiteten in Büros und erhielten ein festes Monatsgehalt anstelle des leistungsabhängigen Wochenlohns der Arbeiter, die Arbeitszeiten waren kürzer, die Arbeitsgestaltung selbständiger, die Verantwortung und auch die Aufstiegschancen größer. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Angestellten vielfach ihren Unterschied zur industriellen Arbeiterschaft betonten und sich sozial am Bürgertum orientierten, dessen Lebensstil sie zu imitieren versuchten. Dabei wurden sie auch vom Staat unterstützt, der 1911 eine eigene Angestelltenversicherung mit besseren Bedingungen als in den Sozialversicherungen der Arbeiter einrichtete. In sozialer und kultureller Hinsicht wurden die Angestellten zu Trägern einer Reihe von Modernisierungsprozessen. Sie orientierten ihre Familienplanung zunehmend an der Kleinfamilie mit zwei Kindern, sie bemühten sich um Bildung und sozialen Aufstieg, und sie wurden zugleich zur wichtigen Trägergruppe für eine wachsende Freizeitkultur.

Die preußische Bevölkerung nach Einkommensstufen 1896 und 1912

Um die Jahrhundertwende bildeten sich vor allem in den Industriegebieten und Städten generell neuartige, immer stärker von der Technisierung aller Lebensbereiche geprägte Verhältnisse aus. Sie brachten einerseits vielfältige Umweltprobleme wie die Verschmutzung von Wasser, Luft und Boden mit sich, die erst einmal vor allem auf der Ebene eigentumsrechtlicher Konflikte ausgetragen wurden. Aber auch vielfältige zukunftsweisende technische Neuerungen prägten zunehmend das öffentliche Leben. Kommunale Wasser-, Gas- und Elektrizitätswerke sorgten nicht nur im öffentlichen Leben, sondern zunehmend auch im privaten Bereich für künstliches Licht und fließendes Wasser. Die Eisenbahnen, deren Bau die Schwerindustrie zum industriellen Leitsektor hatten werden lassen, ermöglichten eine bisher ungekannte regionale Mobilität. Elektrische Straßenbahnen beschleunigten den öffentlichen Nahverkehr, und in den Großstädten kamen Untergrundbahnen hinzu. Ihre aufeinander abgestimmten Fahrpläne bestimmten auch in wachsendem Maße die Taktung des öffentlichen Lebens, deren grenzüberschreitende Formen schon 1884 zur weltweiten Einführung standardisierter Zeitzonen führte. Auch die ersten Automobile begannen die Straßen zu beleben, und in der Kommunikation setzten Telegraf und Telefon zu ihrem Siegeszug an.

Die moderne, technisierte Großstadtkultur wurde zur Grundlage für vielfältige fortschrittsoptimistische Visionen, die „in unserer alles überholenden Zeit“, wie der Journalist Arthur Brauner 1910 formulierte, ein Bild „so großer Verheißungen voll“ entwarfen. Aber sie verband sich für viele auch mit kulturpessimistisch gedeuteten Verlusterfahrungen natürlicher Lebenszusammenhänge, die sich in einer verbreiteten Großstadtfeindschaft und Agrarromantik bündelten. Und das zeitgenössische Bild der Großstadt war auch mit einer Modernisierung der Kriminalität wie ihrer Bekämpfung verbunden. In Berlin etwa entstanden die sog. Ringvereine, die in modern organisierter Form Diebstahl, Hehlerei und Prostitution zu ihrem Geschäft machten, während die Polizei ihrerseits moderne Methoden der Überwachung zu entwickeln versuchte. Zugleich entstanden neue, moderne Krankheitsbilder. Das Nervenkostüm vieler Menschen schien der wachsenden Geschwindigkeit, dem Lärm und der Hektik der industrialisierten Gesellschaft oft nicht mehr gewachsen zu sein, die Nervenkrankheit „Neurasthenie“ griff um sich und wurde zum Kennzeichen eines „Zeitalters der Nervosität“ (Joachim Radcakau).

(© mr-kartographie, Gotha)

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