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Die Zukunft der Kernenergie | Energiepolitik | bpb.de

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Die Zukunft der Kernenergie Klimapolitische Rolle, internationale Entwicklungen und ökonomische Kontroversen

Christian Klöppelt

/ 9 Minuten zu lesen

Kernenergie liefert CO₂-arme Energie und deckt einen wichtigen Teil der weltweiten Stromversorgung. Doch dagegen stehen hohe Kosten, geopolitische Abhängigkeiten und die offene Frage der Endlagerung.

Die Kühltürme des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld wurde im August 2024 gesprengt. Das Kernkraftwerk wurde bereits 2015 stillgelegt, 2018 startete der Rückbau. (© picture-alliance, Panama Pictures | Dwi Anoraganingrum)

Kernenergie im Kontext der Klimaneutralität

Die Umstellung auf klimaneutrale Energiesysteme verändert nicht nur die Stromerzeugung, sondern die Struktur ganzer Volkswirtschaften. Strom wird zum zentralen Energieträger für Industrie, Mobilität und Wärme. Entsprechend steigt der globale Strombedarf. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Technologien große Mengen CO2-armen Stroms zuverlässig bereitstellen können.

Kernkraftwerke verursachen im Betrieb nahezu keine direkten Treibhausgasemissionen. Über den gesamten Lebenszyklus – einschließlich Bau der Anlagen, Uranabbau, Brennstoffherstellung, Rückbau und Lagerung von radioaktiven Abfällen – liegen die Emissionen nach IPCC-Angaben bei etwa 4 bis 110 g CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde (Median 12 g). Im Vergleich: Kohlekraftwerke verursachen im Mittel etwa 820 g CO₂-Äquivalent pro Kilowattstunde. Weltweit sind rund 415 Reaktoren in Betrieb. Sie erzeugen etwa 2.600 Terawattstunden Strom pro Jahr und decken rund neun Prozent der globalen Stromnachfrage. In der Europäischen Union liegt der Anteil bei etwa 22 bis 25 Prozent, in den USA bei knapp 18 Prozent.

Gleichzeitig ist der relative Anteil der Kernenergie seit den 1990er Jahren rückläufig. Während die absolute Stromproduktion von Kernkraftwerken weitgehend stabil blieb, wuchs die weltweite Stromnachfrage deutlich schneller. Kernenergie ist damit heute weniger dominierend als noch vor drei Jahrzehnten.

Die Debatte über das Energiesystem verschiebt sich zunehmend von der Emissionsfrage zur Integrationsfrage: Kernkraftwerke liefern kontinuierlich Strom mit hohen Volllaststunden von häufig über 7.000 Stunden jährlich. Volllaststunden geben an, wie viele Stunden eine Anlage theoretisch mit maximaler Leistung laufen müsste, um ihre tatsächliche Jahresproduktion zu erreichen. Das Maximum liegt dabei bei 8.760 Stunden (365 Tage mit jeweils 24 Stunden). Sie sind eine zentrale Kennzahl zur Bewertung der Auslastung von Kraftwerken und erneuerbaren Energien. Im Vergleich liegt Offshore Windkraft in einem Bereich zwischen 3.500 und 4.500 Stunden.

In Stromsystemen mit hohem Anteil fluktuierender erneuerbarer Energien entstehen jedoch neue Anforderungen an Flexibilität, Speicher und Netzmanagement. Großreaktoren sind technisch regelbar, aber wirtschaftlich auf Dauerbetrieb ausgelegt. Ihre Fixkostenstruktur erfordert eine konstant hohe Auslastung.

Darin kann ein Vorteil für Versorgungssicherheit und Netzstabilität gesehen werden. Allerdings können hohe Fixkosten und geringe Flexibilität in zunehmend von erneuerbaren Energieträgern geprägten Systemen zu wirtschaftlichen Ineffizienzen führen. Die Bewertung hängt daher stark vom jeweiligen Energiemix und von Marktregeln ab.

Deutschlands Ausstieg im europäischen Kontext

Deutschland hat am 15. April 2023 die letzten drei Kernkraftwerke (Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland) endgültig abgeschaltet. Der politische Prozess begann im Jahr 2000, mit dem Atomausstiegsgesetz. 2010 wurde die Laufzeit unter der schwarz-gelben Koalition verlängert und nInterner Link: ach der Fukushima-Katastrophe 2011 erneut beschleunigt. Aufgrund der Energiekrise im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, endete diese schließlich 2023. 2011 betrug der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung 17,7 Prozent, 2022 weniger als sechs Prozent. Parallel dazu stieg der Anteil erneuerbarer Energien von etwa 20 Prozent (2011) auf über 50 Prozent im Jahr 2023.

Europa zeigt insgesamt ein differenziertes und dynamisches Bild hinsichtlich der Nutzung der Kernenergie. Zwölf von 27 EU-Staaten betreiben Kernkraftwerke. Frankreich nimmt dabei eine zentrale Rolle ein und deckt mit rund zwei Dritteln den Großteil seiner Stromerzeugung durch Kernenergie. Belgien hat zwei Reaktoren um zehn Jahre verlängert, Schweden hat seinen früheren Ausstiegsbeschluss aufgegeben und Polen plant den Einstieg ab den 2030er Jahren. Gleichzeitig verfolgt Spanien einen Ausstiegspfad bis 2035 und die Schweiz einen langfristigen Ausstieg ohne festen Termin. Länder wie Österreich, Dänemark, Irland und Luxemburg nutzen keine Kernenergie.

Interner Link: Deutschland repräsentiert somit einen spezifischen Transformationspfad innerhalb eines energiepolitisch diversen Europas.

Globale Entwicklung

Stabilisierung statt Renaissance

Global betrachtet zeigt sich kein eindeutiger Aufschwung, sondern eine regionale Verschiebung in der Nutzung der Kernenergie. Seit dem Jahr 2000 wurden weltweit über 100 Reaktoren dauerhaft stillgelegt – insbesondere in Europa, Japan und den USA. Gleichzeitig gingen rund 120 neue Reaktoren ans Netz. Die Zahl der in Betrieb befindlichen Anlagen blieb damit relativ konstant.

Der Schwerpunkt des Neubaus liegt klar in Asien. China betreibt über fünfzig Reaktoren und hat mehr als zwanzig weitere im Bau. Indien, Südkorea und Russland verfolgen ebenfalls Ausbauprogramme. In westlichen Industrienationen hingegen wurden nur wenige Neubauten realisiert, meist mit erheblichen Verzögerungen.

Weltweit befinden sich derzeit rund sechzig Reaktoren im Bau. Über zwei Drittel davon entstehen neben China in Indien, Russland und der Türkei. In Nordamerika und Westeuropa ist der Neubau die Ausnahme. Gleichzeitig altert ein großer Teil des bestehenden Kraftwerksparks. In den USA liegt das durchschnittliche Anlagenalter bei über vierzig Jahren. Viele Staaten setzen daher auf Laufzeitverlängerungen um zehn, zwanzig oder sogar vierzig Jahre. Diese „versteckte“ Form des Ausbaus ist kostengünstiger als der Neubau, erfordert jedoch Investitionen in Sicherheit und Modernisierung. Die globale Entwicklung lässt sich daher als Stabilisierung mit regionaler Verschiebung beschreiben – nicht als umfassende Renaissance.

Ökonomische Analyse

Investitionsstruktur und staatliche Rolle

Die Wirtschaftlichkeit der Kernenergie hängt maßgeblich von Investitionskosten und Finanzierungskonditionen ab. Ein einzelnes Kernkraftwerk kann im Bau einen kleineren zweistelligen Milliardenbetrag kosten. Bauzeiten von zehn Jahren oder mehr erhöhen die Kapitalbindung erheblich. Die Stromgestehungskosten (LCOE) neuer Kernkraftwerke liegen häufig zwischen ca. 100 und 180 US-Dollar pro Megawattstunde. Onshore-Wind (ca. 30-80 USD/MWh) und Photovoltaik liegen in vielen Märkten deutlich darunter (ca. 25-35 USD/MWh). Dabei sind vor allem die Kosten für Erneuerbare in den letzten Jahren gefallen, etwa durch intensive Forschung und Lerneffekt in der Serienfertigung inklusive hoher Stückzahlen. Dagegen sind die Kosten für Kernenergie sogar gestiegen, durch höhere Einzelfertigung jedes Kraftwerks und höhere Sicherheitsanforderungen.

Großprojekte zeigen strukturelle Risiken:

  • Olkiluoto-3 (Finnland): 18 Jahre Bauzeit, Kostenanstieg von drei auf über elf Milliarden Euro.

  • Hinkley Point (Großbritannien): Baustart 2016, geplante Fertigstellung 2031. Aktuell geschätzte Kosten: 50 Milliarden Euro.

  • Flamanville-3 (Frankreich): Von geplanten Kosten von 3,3 auf über 23 Milliarden Euro, mehr als zehn Jahre Verzögerung.

Solche Verzögerungen führen zu steigenden Zinskosten. Verzögerungen im Bau sind keine Seltenheit. Eine Analyse von Großbauprojekten zeigt, dass die Kosten im Bereich Kernenergie meist um 102,5 Prozent über den geplanten Kosten liegen, danach folgt Wasserkraft mit 36,7 Prozent und Photovoltaik Projekte, welche mit -2,2 Prozent in der Analyse sogar ihre Plankosten unterschritten haben. Dabei zeigt sich, dass Kernenergie besonders zinssensitiv ist: Schon ein Anstieg des Finanzierungssatzes um wenige Prozentpunkte kann die Gesamtkosten erheblich erhöhen. In nahezu allen westlichen Neubauprojekten übernimmt der Staat wesentliche Risiken: durch garantierte Strompreise, staatliche Beteiligungen oder Kreditabsicherungen. Kernenergie ist damit in hohem Maße politisch finanziert.

China als Treiber der Kernenergie weltweit

China unterscheidet sich in mehreren Punkten. Das Land betreibt fast 60 Reaktoren und hat mehr als 30 weitere im Bau – mehr als jede andere Nation. Neubauten erfolgen überwiegend mit standardisierten Reaktortypen und unter starker staatlicher Koordination.

Die Bauzeiten liegen häufig bei fünf bis sieben Jahren. Staatlich kontrollierte Energieunternehmen erhalten Finanzierung über öffentliche Banken zu vergleichsweise günstigen Konditionen. Dadurch fallen Kapitalkosten geringer ins Gewicht als in liberalisierten Strommärkten. Schätzungen verorten die spezifischen Baukosten neuer chinesischer Reaktoren im Bereich von etwa 2.000 bis 3.000 US-Dollar pro installierte Kilowatt Leistung. Diese liegen damit unter vielen Projekten in westlichen Staaten.

Interner Link: Gleichzeitig ist Kernenergie in China Teil einer breiteren Strategie: Das Land baut jährlich deutlich mehr Wind- und Solarkapazitäten als nukleare Anlagen. Kernenergie dient als ergänzende, planbare Stromquelle innerhalb eines diversifizierten Systems. Der Vergleich zeigt, dass die ökonomische Bewertung der Kernenergie stark von institutionellen Rahmenbedingungen abhängt. Während sie in marktbasierten Systemen hohe Finanzierungsrisiken aufweist, kann sie in staatlich koordinierten Strukturen unter anderen Kostenbedingungen realisiert werden.

Endlagerung und Brennstoffkreislauf

Die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle bleibt eine zentrale, langfristige Frage. Weltweit existiert bislang nur ein betriebsbereites tiefengeologisches Endlager: das finnische Projekt „Onkalo“. Andere Staaten befinden sich in langwierigen Such- oder Genehmigungsverfahren. Auch Rückbaukosten erfordern hohe Rückstellungen (ein bis zwei Milliarden Euro pro Reaktor). Ihre tatsächliche Höhe ist mit Unsicherheiten verbunden. Zudem ist der Brennstoffkreislauf geopolitisch konzentriert. Kasachstan stellt rund 40 Prozent der weltweiten Uranförderung. Kanada und Australien folgen mit deutlich geringeren Anteilen. Die Urananreicherung konzentriert sich auf wenige Staaten, darunter Russland, die USA, Frankreich und Großbritannien. Diese Struktur schafft potenzielle Abhängigkeiten – insbesondere in geopolitisch angespannten Zeiten.

Rückbau Kernkraftwerk Gundremmingen (© picture-alliance, SZ Photo | Florian Peljak)

SMR und Kernfusion

Innovation oder Verschiebung der Probleme?

Angesichts der hohen Investitionskosten konventioneller Großreaktoren rücken sogenannte Small Modular Reactors (SMR) zunehmend in den Fokus. Dabei handelt es sich um kompakte Reaktoren mit einer Leistung von etwa 50 bis 300 Megawatt, die industriell vorgefertigt werden sollen. Ihr modulares Konzept ermöglicht eine flexible Erweiterung sowie einen dezentralen Einsatz.

Allerdings stehen diesen Erwartungen strukturelle Herausforderungen gegenüber. Kleinere Reaktoren verlieren Größenvorteile: Sicherheitssysteme, Personal und Infrastruktur lassen sich nicht proportional verkleinern. Erste westliche SMR-Projekte wurden in den letzten Jahren eingestellt oder verschoben, weil Kostenschätzungen deutlich stiegen und Abnehmer und Investoren absprangen.

Befürworterinnen und Befürworter argumentieren, dass Lernkurveneffekte – ähnlich wie bei Wind- und Solarenergie – erst bei Serienproduktion greifen. Dagegen steht, dass Kerntechnik historisch kaum Kostensenkung durch Skalierung gezeigt hat.

Noch weiter in der Zukunft liegt die Kernfusion. Projekte wie ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) in Südfrankreich verfolgen das Ziel, Energie durch die Verschmelzung leichter Atomkerne zu erzeugen. Die theoretischen Vorteile wären erheblich: kein Risiko einer unkontrollierten Kettenreaktion, geringere langlebige Abfälle, große Brennstoffverfügbarkeit. Gleichzeitig ist die Fusion technologisch hochkomplex. ITER soll frühestens in den 2030er Jahren experimentelle Ergebnisse liefern. Private Unternehmen, streben hier kürzere Zeitpläne an. Für die Interner Link: Klimaneutralität bis 2045 (Deutschland) oder 2050 (EU) spielt die Fusion daher nach heutigem Stand keine operative Rolle, sondern bleibt eine langfristige Innovationsstrategie für die Energieerzeugung.

Weltweit existieren mehr als 70 SMR-Designs in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Die Hoffnung liegt in Serienfertigung, kürzeren Bauzeiten (drei bis fünf Jahren) und geringeren Einzelinvestitionen pro Projekt. Dadurch sollen Finanzierungskosten sinken.

Fazit

Abwägung zwischen Klimaschutz, Kosten und Langfristrisiken

Kernenergie nimmt im globalen Energiesystem eine ambivalente Position ein. Sie liefert rund zehn Prozent der weltweiten Stromerzeugung, verursacht im Betrieb kaum CO₂-Emissionen und stellt große, kontinuierliche Strommengen bereit. Zugleich ist sie kapitalintensiv, technologisch komplex und mit langfristigen Entsorgungs- und Sicherheitsfragen verbunden.

Die zentrale Stärke der Kernenergie liegt in ihrer hohen Energiedichte – es steckt also in sehr wenig Brennstoff (z.B. Uran) viel Energie – und in ihrer planbaren Erzeugung. Kernkraftwerke erreichen hohe Volllaststunden und sind nicht wetterabhängig. In Ländern mit begrenzten erneuerbaren Potenzialen oder hohem Strombedarf kann dies ein Argument für ihre Nutzung sein. Zudem tragen bestehende Anlagen kurzfristig zur Emissionsminderung bei, da sie fossile Kraftwerke ersetzen können. Laufzeitverlängerungen sind häufig kostengünstiger als Neubauten und werden daher von vielen Staaten als pragmatische Option betrachtet.

Demgegenüber stehen strukturelle Nachteile. Neubauten sind mit hohen Investitionskosten, langen Bauzeiten und erheblichen Finanzierungsrisiken verbunden. Internationale Beispiele zeigen wiederholt Kostensteigerungen und Verzögerungen. Kernenergie ist stark zinssensitiv und in vielen Fällen nur mit staatlichen Garantien wirtschaftlich realisierbar. Damit stellt sich die Frage der Risiko- und Kostenverteilung zwischen Staat und privaten Investoren.

Hinzu kommen langfristige Verpflichtungen: Der sichere Rückbau von Anlagen, die Zwischen- und Endlagerung hochradioaktiver Abfälle sowie die Überwachung über Jahrhunderte hinweg. Dass bislang nur Finnland ein betriebsbereites tiefengeologisches Endlager besitzt, verdeutlicht die institutionelle und gesellschaftliche Komplexität dieser Aufgabe.

Interner Link: Auch geopolitische Aspekte spielen eine Rolle. Die Uranförderung und -anreicherung sind international konzentriert. Politische Spannungen können Lieferketten beeinflussen und neue Abhängigkeiten schaffen. In kriegerischen Auseinandersetzungen stellen Kernkraftwerke ein besonderes Risiko dar. Sie können gezielt als strategische Druckmittel genutzt oder indirekt durch Kampfhandlungen gefährdet werden, wie etwa Interner Link: im Konflikt zwischen Russland und Ukraine am Saporischschja-Kernkraftwerk. Dabei geht die Gefahr weniger von einer absichtlichen nuklearen Explosion aus, sondern vielmehr von Schäden an Kühlsystemen oder der Stromversorgung, die im Extremfall zu einer Kernschmelze führen können. Zudem erhöht die militärische Nutzung oder Gefährdung solcher Anlagen das Risiko von Eskalationen und Fehlinterpretationen. Insgesamt wird Kernenergie dadurch im Kriegskontext zu einer besonders verwundbaren und zugleich politisch brisanten Infrastruktur. In der Gesamtabwägung lassen sich zentrale Argumente wie folgt zusammenfassen:

Argumente für die Nutzung der Kernenergie:

  • Geringe CO₂-Emissionen im Betrieb

  • Hohe Energiedichte und kontinuierliche Stromerzeugung

  • Beitrag zur Versorgungssicherheit

  • Laufzeitverlängerungen als kurzfristige Klimaschutzoption

  • Industriepolitische und technologische Kompetenzen

Argumente gegen die Nutzung der Kernenergie:

  • Hohe Investitionskosten und lange Bauzeiten

  • Wiederholte Kostenüberschreitungen bei Neubauten

  • Langfristige Entsorgungs- und Rückbauverpflichtungen

  • Sicherheits- und Restrisikodebatten

  • Geopolitische Abhängigkeiten im Brennstoffkreislauf

Die Rolle der Kernenergie in klimaneutralen Energiesystemen hängt weniger von ihrer reinen Wirtschaftlichkeit als von politischen Prioritäten ab. Klimaschutz, Kostenstabilität, Versorgungssicherheit, industrielle Strategien und gesellschaftliche Akzeptanz werden je nach Land unterschiedlich gewichtet. Wie am Ziel der Versorgungssicherheit deutlich wird, kann Kernenergie sogar gleichzeitig zu dessen Realisierung beitragen (kontinuierliche Stromerzeugung) und diese gefährden (Abhängigkeit von Uranimporten). Die Entscheidung für oder gegen Kernenergie ist daher keine rein technische oder ökonomische Frage, sondern Ausdruck energiepolitischer Grundsatzentscheidungen unter Unsicherheit.

Christian Klöppelt ist Industriekaufmann und Betriebswirt (M. Sc.). Seit 2019 ist er am Center for Economics and Management of Technologies (CEM) tätig. Er arbeitet insbesondere in der Bewertung ökologischer, ökonomischer und sozialer Auswirkungen von Technologien, insbesondere im Bereich Energie und Recycling.