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Redaktion am 18.11.2014

Interview: Lässt sich das Internet der Dinge regulieren?

Schon mit der Regulierung des "alten" Internets haben wir unsere Probleme. In ein paar Jahren sollen mehr als 50 Milliarden Geräte miteinander vernetzt sein und sogar selbstständig miteinander kommunizieren. Ist Regulierung im Internet der Dinge überhaupt noch möglich? Ein Interview mit Sandra Hoferichter vom EuroDIG.

"Daten sind die Währung des 21. Jahrhunderts" sagt Sandra Hoferichter im Interview. In der Tat handeln eher die Apps, die wir benutzen, mit den Daten, als wir selber."Daten sind die Währung des 21. Jahrhunderts" sagt Sandra Hoferichter im Interview. In der Tat handeln eher die Apps, die wir benutzen, mit den Daten, als wir selber. Lizenz: cc by-sa/2.0/de (icannphotos)

Was unterscheidet das Internet der Dinge vom ‚normalen’ Internet, so wie wir es heute kennen?

Der Begriff "Internet der Dinge" ist eigentlich irreführend. Er erweckt den Eindruck es handle sich hierbei um ein anderes Internet, welches losgelöst vom Internet wie wir es kennen, reguliert werden kann oder muss.

Das Internet der Dinge steht vielmehr für die Vernetzung von Gegenständen (Dingen) mit dem Internet. Bisher kommunizieren in erster Linie Maschinen (Computer, Drucker) über das Internet, in Zukunft werden auch alltägliche, uns umgebenden Objekte, vernetzt sein.

Ist das noch Zukunftsmusik?

Nein, die ersten vernetzten Objekte haben schon Einzug in unser Leben gehalten: Auto, Fernseher, Kühlschrank – das gibt es alles schon in der smarten Variante. Die Nutzung und Funktionalität sind jedoch noch nicht ausgeschöpft, da gibt es Entwicklungen die (noch) keiner will - der selbst-bestellende Kühlschrank zum Beispiel.

Auch im Bereich smarter Gebäude, Wohnungen und Städte ist der Anfang gemacht. Hier werden wir in den nächsten Jahren viele neue Funktionalitäten erleben, z.B. durch die Installation von Messgeräten und Steuerungsanlagen der neuen Generation. Diese sollen durch die Analyse des Nutzungsverhaltens reaktiv helfen Energie zu sparen und zu speichern. Sie haben aber auch das Potenzial Daten zu sammeln, die man eigentlich nicht weitergeben möchte.

Wenn ein Stromzähler zum Beispiel die Abwesenheit seiner Bewohner über einen längeren Zeitraum erkennt und diese Daten in unbefugte Hände gelangen, kann es ein böses Erwachen nach dem Urlaub geben. Digitale Systeme sind nicht hundertprozentig gegen Hackerangriffe oder Schadsoftware geschützt, wahrscheinlich wird das auch nie der Fall sein. (Mehr zu digitalen intelligenten Stromzählern, sogenannten Smart Metern, bald hier auf netzdebatte)
Sandra HoferichterSandra Hoferichter Lizenz: cc by-sa/2.0/de (CC, ICANN)


Viele halten Internet Governance heute schon für eine Sisyphosaufgabe. Stirbt mit dem Internet der Dinge die Hoffnung, das Netz noch irgendwie unter Kontrolle zu haben?

Was die Regulierung des Internets so schwierig erscheinen lässt, ist der gesellschaftlich neue Ansatz der dieser Regulierung zugrunde liegt. Viele Beteiligte müssen sich über die Entwicklung einer globalen Ressource abstimmen. Dazu gehören Regierungen, Techniker, die Wirtschaft, Akademiker aber auch die Nutzer/-innen. Solche Multistakeholder-Prozesse erfordern viel Kommunikation, Zeit und auch Geduld. Dafür sind sie aber nachhaltiger und bauen, wenn sie gelingen, auf einem breiten Konsens auf. Es gibt derzeit noch keinen vergleichbaren Mechanismus, bei dem alle Beteiligten gleichberechtigt miteinander reden und entscheiden. Wir befinden uns hier ganz am Anfang eines gesellschaftlichen Umdenkprozesses, der in Zukunft auch andere Bereiche als das Internet beeinflussen kann.

Mit dem Internet der Dinge rückt der Verbraucher in den Fokus, denn es gilt mehr denn je die Fragen der Privatsphäre und des Datenschutzes zu beantworten. Lösungen kann jedoch keine Regierung mittels Gesetzgebung, auf nationalstaatlicher Ebene schaffen, sondern Lösungen müssen, je nach Sachlage, entweder auf globaler Ebene oder unter Einbeziehung anderer Beteiligter gefunden werden.

Forscher nehmen an, dass im Jahr 2020 ca. 50 Milliarden Geräte Teil des Internets der Dinge sind. Können Behörden, wie z.B. die ICANN, da überhaupt Schritt halten?

Die ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) ist für einen ganz begrenzten Teil der Internetregulierung zuständig, nämlich für die Zuweisung der Domains (Namen) und die Verwaltung der IP-Adressen (Nummern). ICANN steht aber wie keine andere Organisation beispielhaft für den Multistakeholder-Ansatz, weil hier neben Regierungen, Wirtschaft, Technikern auch die Nutzer/-innen am Entscheidungsprozess beteiligt ist.

Regulierung kann aber nicht von nur einer Organisation oder Stakeholder-Gruppe allein gewährleistet werden. Es muss immer ein Zusammenspiel aus verschiedenen Gruppen geben.

Es gibt ja auch jetzt schon regionale Organisationen z.B. für die Vergabe der IP Adressen. Diese regionalen Debatten sind wichtig, denn einige Fragen können besser auf diesen Ebenen beantwortet werden. Aber man darf sich nicht dem Irrglauben hingeben mit nationaler Gesetzgebung das Internet regulieren zu können.

Schon heute kann ich eine DVD aus Japan nicht zu Hause auf meinem DVD-Spieler schauen. Ein Apple-Gerät lässt sich teils nicht so einfach mit einem Windows-PC synchronisieren. Welche Bedeutung wird der Kampf um Standards im Internet der Dinge haben – vor allem für die Nutzer/-innen?

Das sind in der Tat Herausforderungen, die es erst zu lösen gilt, bevor die Vernetzung die erhofften positiven Effekte bringt. Derzeit befinden wir uns auf einem Level, welches es nur technisch versierten Personen ermöglicht die Digitalisierung der Umgebung selbst zu gestalten. Mit anderen Worten: Es benötigt einen System-Administrator, wenn das Haus vernetzt ist. Das ist momentan nicht sehr verbraucherfreundlich, war aber auch nicht anders für die ersten Automobilbesitzer vor circa 100 Jahren. Einheitliche Standards müssen geschaffen werden, die allen Regionen der Welt gleichberechtigt zugänglich sind. Ich hoffe dass in dieser Zeit die ethische Debatte weiter voran schreitet, denn hier sehe ich noch großen Aufklärungsbedarf und erhoffe mir mehr Sensibilität im Zuge der Digitalisierung.

Wenn in Zukunft in jedem "Ding" ein Sensor steckt, kann man sich dann überhaupt dem Internet der Dinge noch entziehen?

Das ist ein wenig wie der Blick in die Glaskugel. Ich denke es ist wichtig in Zukunft eine Opt-Out-Möglichkeit zu haben, um selbst entscheiden zu können, an welcher Stelle ich vernetzt sein möchte und wann nicht. Das wird schwierig, denn ich befürchte irgendwann wird es keine Stromzähler oder Kühlschränke geben, die nicht mit dieser Technologie ausgestattet sind - umso wichtiger ist, dass es eine Möglichkeit zum "Abschalten" gibt.

Der Nutzer muss sich darüber bewusst sein, dass mit jedem weiteren vernetzten Objekt ein Stück mehr Selbstkontrolle an Maschinen abgeben wird. Jeder muss sich selbst die Frage stellen, inwieweit er beispielsweise Temperaturregulierung, Schlafrhythmus oder Gesundheitsvorsorge Sensoren überlässt und damit aber ein wenig mehr an Privatsphäre abgibt.

Das kann in einigen Fällen sinnvoll sein, weil es mit Komfort oder Ersparnis einhergeht. Es muss jedoch abgewogen werden, ob der Preis, der gezählt wird, dazu im Verhältnis steht. Denn bezahlt wird immer mit der Währung des 21. Jahrhunderts, mit Daten.


Das Interview führte Merlin Münch.

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