Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul

24.10.2011 | Von:

Von der Fremde zur Heimat

50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen

Niemand, weder Deutsche noch Türken, ging davon aus, dass die befristet angeworbenen Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Türkei in Deutschland bleiben würden. Während sie in den Fabriken arbeiteten, waren sie in wenig komfortablen Baracken in Mehrbettzimmern untergebracht. Ihre Familien erwarteten in der Türkei ihre Rückkehr. Niemand sorgte sich darum, dass sie Deutsch lernten oder wie sie ihre Religion ausübten. Niemand machte sich Gedanken darüber, wie sie ein Teil der deutschen Gesellschaft werden könnten.

Als die Wirtschaft in der Bundesrepublik Anfang der 70er-Jahre in eine Rezession geriet, verhängte die Bundesregierung unter Willy Brandt 1973 einen Anwerbestopp. Die laufenden Arbeitsverträge der Gastarbeiter blieben bestehen, aber es wurden keine weiteren geschlossen. Das Ausländergesetz von 1965 gewährte den Arbeitern aus der Türkei eine befristete oder unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und die Möglichkeit, ihre Familien zu sich zu holen.

Es folgten Höhen und Tiefen des deutsch-türkischen Zusammenlebens. Der Fall der Berliner Mauer 1989 veränderte die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse und damit auch das deutsch-türkische Verhältnis. Anstelle eines wirtschaftlichen Aufschwungs stiegen in den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung von 1990 Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit. Zwischen 1991 und 1992 kam es in Deutschland zu einer Welle rechtsradikaler Gewalttaten gegen Ausländer. Vorausgegangen waren den Brandanschlägen und Morden in Solingen, Mölln und anderen deutschen Städten hetzerische Kampagnen populistischer Politiker und der Boulevardmedien.

Die Entscheidung, zu bleiben, beschreiben fast alle türkischen Einwanderer als einen mehrere Jahre dauernden Prozess. Häufig endete dieser damit, dass die für die geplante Rückkehr jahrelang in Kellern und Vorratskammern gelagerten Möbel und technischen Geräte aus den Originalverpackungen genommen und in der Wohnung aufgestellt wurden. Ebenso lange brauchten viele Deutsche, um anzuerkennen, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden war.

Im Deutschland des 21. Jahrhunderts gehören Türkeistämmige zu den erfolgreichsten Filmemachern, Ärzten, Unternehmern. Sie moderieren Sendungen in den öffentlich-rechtlichen deutschen Medien, spielen in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, gründen Theater, gewinnen Literaturpreise, machen wissenschaftliche Karrieren und vertreten Deutschland im Europaparlament. Pionierarbeit hierfür leisteten die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die über das von 1961 bis 1973 gültige Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen.


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