Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul

18.10.2011 | Von:
Jeannette Goddard

"Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

Von Kind auf Europäer: Selahattin Biner

Nur kurze Zeit nach dem Wechsel in das Wohnwagen-Geschäft bekommt die Freude über das neue Leben einen gewaltigen Dämpfer. Der junge Gastarbeiter wünscht sich nichts sehnlicher, als in Deutschland zu bleiben, die Sprache besser zu lernen und eine Technische Universität zu besuchen. Erst bezahlt er aus eigener Tasche seine ersten Sprachkurse, dann nimmt er Kontakt zur Carl-Duisberg-Gesellschaft auf. Die, 1949 von Bund und Ländern zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses gegründet, unterstützt nicht nur Deutsche bei ihren Auslandsaufenthalten. Sie hilft auch Ausländern in Deutschland. Auch den ehrgeizigen Türken nimmt sie in ihr Programm auf, bietet ihm Schulungen und eine Studienreise nach Berlin an. Die Hoffnung auf das deutsche Studentendasein macht ihm das türkische Generalkonsulat in Köln allerdings gründlich zunichte: Es verlängert seinen Pass nicht, und ohne gültigen Pass kann er nicht bleiben. Schweren Herzens packt er seine Sachen und fährt zurück in die Heimat, und das von ebenjenem Gleis 11 im Münchner Hauptbahnhof, von dem er damals in sein Leben im Ruhrgebiet fuhr. Das Ende eines Abenteuers. Als er in den Zug nach Istanbul einsteigt, laufen ihm die Tränen übers Gesicht.

Wenige Tage später folgt er dem Ruf der türkischen Armee: Erst in Izmir, dann in der Region um den Berg Ararat im äußersten Nordosten des Landes absolviert er seinen Militärdienst. Selbst dort, erzählt er stolz, habe man seine Deutschkenntnisse zu schätzen gewusst – und ihn in einem warmen Büro statt draußen im kalten Freien beschäftigt. Damit er in Deutschland nicht vergessen wird, schreibt er immer wieder Briefe an seinen Arbeitgeber: "Wenn ich hier fertig bin, komme ich gerne wieder!" Als das Militär ihn nach zwei langen Jahren 1967 in die Freiheit entlässt, erhält er aus Duisburg ein entmutigendes Schreiben: "Herr Biner, wir werden Sie gerne holen, sobald wir können." Er möge sich noch ein wenig gedulden, momentan habe man ihn in Deutschland mit einer Rezession zu kämpfen. Und während tausende Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter zurück in die Heimat geschickt werden und dort arbeitslos sind, findet der Modellschreiner auch in der Türkei wieder Arbeit. Er fängt als Kassierer bei einer Bank an. Der Traum von Deutschland ist damit aber keineswegs ausgeträumt – er versucht es über einen anderen Weg: Sein Bruder lebt inzwischen in München – ob der nicht etwas organisieren könne? Als der bei seinem Arbeitgeber Krauss-Maffei anfragt, ob ein Modellschreiner gebraucht wird, erwidert man ihm: "Spricht er so gut Deutsch wie Sie? Schicken Sie ihn her!" Mitte 1968 kommt der inzwischen 24-jährige Selahattin zum zweiten Mal in München an, dieses Mal nicht auf der Durchreise ins Ruhrgebiet. Und schon bald will er nie wieder weg.
    "In München kam ich wieder in ein Firmenwohnheim. Und wieder dachte ich sofort: Du musst die Gegend erkunden, neue Freunde finden! Also habe ich mir ein Rennrad besorgt und bin los, zusammen mit Hans, einem Arbeitskollegen. Eine unserer ersten Touren werde ich nie vergessen: Plötzlich stand ich am Tegernsee und schaute auf die Berge! Ich habe mich sofort verliebt in die Gegend! Und als mein alter Chef aus Duisburg schrieb 'Herr Biner, es ist Zeit, bitte kommen Sie!', musste ich den netten Kollegen leider erwidern: 'Es tut mir leid – aber ich möchte Bayern nicht mehr verlassen!' Die Alpen zu sehen, das hat mich begeistert wie kaum zuvor etwas in meinem Leben. Inzwischen gehe ich seit Jahrzehnten in die Berge. Immer noch, wenn ich auf einem Gipfel stehe, kann ich mein Glück kaum fassen. Immer wieder spreche ich Leute an und frage sie: 'Sind Sie auch so begeistert?' Und die sind oft ganz überrascht: Türken findet man nicht viele dort droben.

    Noch etwas trieb mich um: Ich war 24 und reifer geworden. Und ich dachte: Du willst eine Familie gründen! Eine deutsche Frau zu heiraten hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Außerdem gab es in der Türkei jemanden, der mir über die Jahre nicht aus dem Kopf gegangen war: die Tochter meines Schuldirektors. Immer wieder hatte ich sie auf den Sommerfesten in der Schule gesehen, und immer wieder dachte ich: Die ist aber nett. Und was ich zumindest wusste, war, dass ihr Vater mich leidenschaftlich gern mochte, er war ein sehr europäisch orientierter Mensch. Als ich von einem Freund hörte, dass die Tochter noch nicht vergeben war, habe ich mich hingesetzt und geschrieben – erst einen Brief an ihre Mutter, dann eine Postkarte an sie selbst, ich wusste ja, was sich gehört! Die Postkarte hatte ich mit viel Sorgfalt ausgewählt: Das Schloss Neuschwanstein war darauf abgebildet, ich dachte, das Motiv gefällt ihr hoffentlich so gut, dass sie sich vorstellen kann, in Deutschland zu leben! Über Monate haben wir uns dann geschrieben, viele, viele Briefe. Dass wir zusammenpassen, wurde immer deutlicher – und eigentlich hatte ich es mir auch zuvor schon gedacht: Unsere Familien kannten sich, unsere Brüder waren Freunde. In meinem nächsten Urlaub sind wir dann zusammen ausgegangen und haben uns über unsere Vorstellungen von einem gemeinsamen Leben unterhalten. Dann haben wir sehr schnell entschieden: Wir heiraten!

    Die Hochzeit fand in der Türkei statt. Und ich war in deutscher Begleitung. In München hatte ich einen deutschen Theologen getroffen. Er hatte uns, ohne etwas dafür zu nehmen, Deutsch beigebracht. Jeden Aussprachefehler hat er verbessert! Und er hat alles daran gesetzt, zwischen dem islamischen und dem katholischen Glauben zu vermitteln und auch zwischen den Menschen aus der Türkei und denen aus Deutschland. Mehrmals war ich mit ihm in die Türkei gereist und habe ihm bei archäologischen Reisen assistiert. Wir sind richtige Freunde geworden. Ich hoffe, ich darf das so sagen – der Oberstudienrat ist leider, leider schon verstorben! Als ich ihm erzählte, dass ich heiraten würde, sagte er jedenfalls sofort: Ich komme mit, ich bringe dich hin! Bis in die Türkei hat er mich mit seinem Wagen gefahren, die ganze Strecke, über Österreich und Rumänien. Ich bin ihm so dankbar, dem Oberstudienrat! Auch dafür übrigens, dass ich von ihm gelernt habe, wie viele Gemeinsamkeiten es zwischen dem Christentum und dem Islam gibt, und dass es gar nicht so schwer ist, ohne Streit zusammenzuleben!"


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