Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul

18.10.2011 | Von:
Jeannette Goddard

"Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

Von Kind auf Europäer: Selahattin Biner

Auf der Rückreise aus der Türkei sitzen sie zu dritt im Auto: Der Theologe, der Modellschreiner und seine junge Ehefrau Güzin. In München lernt Güzin ebenfalls fleißig die Sprache, besichtigt die Stadt. Zu den Highlights ihres ersten Jahres gehört der Besuch im Olympiastadion. Ihr Mann hatte sich einen Job als Platzanweiser verschafft – denn natürlich wollten sie bei dem sportlichen Großereignis, den Olympischen Spielen 1972, dabei sein. Für einen Stundenlohn von fünf Mark kann er Freunde und seine Familie ins Stadion lotsen! Von seiner Firma wird er für die Zeit freigestellt. Die Biners haben inzwischen eine Firmenwohnung im Münchner Norden bezogen – angesichts des desolaten Wohnungsmarktes für die inzwischen 250.000 Gastarbeiter in der Stadt ein echter Glücksfall. Und: ein guter Platz für eine Familie. Ende 1972 kommt ihre erste Tochter zur Welt. Mit vier Jahren fällt das kleine Mädchen seinen Erzieherinnen als außergewöhnlich auf: Die kleine Göknil singt, wie schon lange kein Kind in der Untermenzinger Kita mehr gesungen hat! Als eine Erzieherin den Eltern rät, das erstaunliche Talent zu fördern, fragen die begeistert: "Wie? Was können wir tun?" Wenig später erhält Göknil Gesangs- und Instrumentalunterricht; auch das erste Klavier in der Familie wird angeschafft. Als ihre Tochter eingeschult wird, treffen die Eltern eine Entscheidung:
    "An dem Tag, als Göknil in die erste Klasse kam, haben wir gesagt: Jetzt müssen wir entscheiden, was wir wollen: Nach Hause? Oder hier bleiben? Wir mochten ja die Türkei, keiner von uns hatte je daran gedacht, ein ganzes Leben hier zu verbringen. Aber plötzlich lagen die Dinge anders. Die Älteste kam zur Schule, die Jüngere war gerade geboren. Und als wir auf dem Sofa saßen und überlegten, wurden wir uns schnell einig, dass eine Rückkehr nicht mehr infrage kommt. Die schulische und pädagogische Ausbildung, die unseren Töchtern hier bevorstand, hätte ihnen die Türkei nie geboten, als Mädchen schon gar nicht. Für Kinder und besonders für Mädchen ist die Zukunft in Deutschland einfach eine bessere! Also haben wir entschieden: Wir bleiben. Noch am selben Tag sind wir in den Keller und haben aufgeräumt: All die Kartons, in die wir den Kühlschrank oder den Fernseher wieder einpacken wollten, flogen in den Müll. Alles, worin man etwas verpacken konnte, haben wir weggeschmissen. Und wir haben es nie bereut."
Als Göknil Biner eingeschult wird, ist die Presse voll von Berichten über die "hoffnungslose Zukunftssituation" der Gastarbeiterkinder. Mehr als zwei von drei Kindern der zweiten Generation erreichen bereits Mitte der 70er-Jahre nicht den Hauptschulabschluss; als wesentliche Ursache wird die mangelnde Sprachkompetenz ausgemacht. Dass mit den Gastarbeitern auch deren Kinder nach Deutschland ziehen, war bereits zehn Jahre zuvor – also lange vor dem Anwerbestopp, der zum Signal für den Familiennachzug wurde – bekannt. Bereits 1965 forderte die Caritas, die vor allem in den westdeutschen Großstädten Ausländer betreute, die Einrichtung spezieller "Förderinternate" für die Kinder ausländischer Arbeitnehmer im Land. Und ein Jahr zuvor, 1964, hatten die Kultusminister die allgemeine Schulpf licht für Gastarbeiterkinder in einem Beschluss verankert; das damit verbundene erklärte ministeriale Ziel war, auch ihnen gleiche Bildungschancen zu verschaffen.

Wie es aber gelingen sollte, diese zu verwirklichen, dafür fehlte von Beginn an und von Jahr zu Jahr mit immer dramatischeren Auswirkungen ein schlüssiges Konzept. In einem waren sich Bund und Länder in Deutschland mit der Mehrheit der Regierungen der Anwerbestaaten lange einig: Nationale Sonderschulen – wie sie etwa die Griechen in den Folgejahren einrichteten und bis heute gründen – sollte es nicht geben, die Bindung an die Heimat allerdings wegen der geplanten und politisch gewollten Rückkehr dennoch gewahrt bleiben. Das Resultat ist ein Zwittersystem aus deutschen und ausländischen Bildungsinstitutionen. In ganz Deutschland organisieren die türkischen Konsulate muttersprachlichen Ergänzungsunterricht. Dass türkische Lehrer in Deutschland nach türkischen Lehrplänen unterrichten, wird von deutschen Bildungspolitikern und Gewerkschaften über Jahre massiv kritisiert. Viele türkische Familien sehen den Zusatzunterricht allerdings häufig als einzige Chance, den Kindern die Heimat auch in Büchern nahezubringen. Nicht alle allerdings – die Biners lehnen das Modell rundweg ab.
    "Während der gesamten Schulzeit unserer Kinder war ich im Elternbeirat, erst in der Schule, später auch im Gemeinsamen Elternbeirat der Stadt München. Und dazu muss ich wirklich sagen: Was man damals mit den Kindern veranstaltet hat – von deutscher wie von türkischer Seite – habe ich überhaupt nicht verstanden. Eine Zeit lang hat man in München türkische Klassen gebildet – da wurden nur türkische Kinder unterrichtet. Einen großen Teil der Zeit haben sie von türkischen Lehrern Türkischunterricht bekommen – anstatt, wie es in Deutschland geboten wäre, vernünftig Deutsch zu lernen. Meiner Beobachtung nach haben sich diese zweisprachigen Klassen, fernab von den Kindern der deutschen Regelklassen, überhaupt nicht bewährt. Sowohl als Vater wie auch als Mitglied des Berufsbildungsausschusses bei Krauss-Maffei – dem ich als Betriebsrat angehörte – habe ich immer wieder festgestellt: Die Schüler aus diesen Klassen konnten am Ende weder richtig Türkisch noch Deutsch! Und obwohl ich mich immer wieder dafür eingesetzt habe, mehr ausländische Jugendliche einzustellen, habe ich auch gesehen: Sie hatten eben nicht die gleichen Sprachkenntnisse; im Vergleich zu deutschen Kandidaten waren sie schlichtweg schlechter. Sie waren immer im Nachteil. Besonders geärgert hat mich, dass die Türkei diesen Unsinn jahrzehntelang forciert hat. Anstatt die Kinder ihrer im Ausland lebenden Bürger dabei zu unterstützen, möglichst gut in der neuen Heimat anzukommen, hat sie immer wieder den Daumen drauf gehalten, nach dem Motto: Ihr gehört zu uns! Entfremdet euch nicht. Bewahrt bloß euer Türkentum! Mir hat die Haltung dahinter nie gefallen. Und als ich mich dafür eingesetzt habe, dass unsere Kinder vom deutschen Staat unterrichtet werden und sonst von niemandem, musste ich mich von dem Münchner Konsulat dafür schief anschauen lassen. Dabei waren die türkischen Lehrer im Vergleich zu den deutschen auch noch viel schlechter ausgebildet. Sie konnten auch kein Deutsch; sie haben sich auch gar nicht bemüht, es zu lernen. Für uns kam nie infrage, unsere Töchter in eine solche Klasse zu geben. 'Nicht mit uns', haben wir gesagt – 'was diese Lehrer können, können wir schon lange. Türkisch lehren wir zu Hause und sonst nirgends.'"


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