Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul

18.10.2011 | Von:
Jeannette Goddard

"Das ist meine Welt! Da muss ich hin!"

Von Kind auf Europäer: Selahattin Biner

Beide Töchter meistern die Schule mit Bravour. Beide machen Abitur, beide starten eine musikalische Laufbahn: Göknil absolviert am Münchner Konservatorium eine Ausbildung zur Sopranistin, die sechs Jahre jüngere Gülbin studiert Musik- und Erziehungswissenschaften an der Ludwig- Maximilians-Universität. Göknil, die Ältere, steht schon bald nach Beginn ihrer Ausbildung nicht nur als Papagena in Mozarts "Zauberflöte" auf der Bühne – in Münchens berühmtestem Gotteshaus, der Frauenkirche, singt sie, in Anwesenheit des Kardinals, das Weihnachtsoratorium. Dass ihre Tochter christlichen Festen huldigt, ist für die liberalen Eltern, die sich durchaus immer noch als Muslime verstehen, kein Thema. Ist es für den Kardinal eins? Als der die hübsche junge Frau mit der schönen Stimme kennenlernt, kann er ihren Namen so wenig glauben, dass er ihre Hand loslässt. 'Vielleicht', sagen ihre Eltern damals, 'ist er einfach nur erstaunt, dass ein muslimisches Mädchen zu Weihnachten auftritt.'

Die junge Nachwuchs-Sopranistin macht weiter ihren Weg. Auf dem Konservatorium lernt Göknil einen Pianisten aus Neuseeland kennen; gemeinsam präsentieren sie dem bayerischen Publikum wenig später eine musikalische Reise um den Globus: "In 40 Minuten um die Welt" heißt das Programm. Es dauert nicht lange, da nimmt der junge Neuseeländer seine Freundin mit in seine Heimat. Nach ihrer Rückkehr eröffnet Göknil ihren Eltern: "Papa, ich habe mich in Tom verliebt. Und in das Land. Wir möchten heiraten und auswandern." Den Eltern, die selbst Jahrzehnte zuvor ebenfalls ihre Heimat verlassen hatten, um in dem Land ihrer Träume zu leben, fällt es nicht schwer, die Tochter ziehen zu lassen: "Mach, was Du für richtig hältst", erwidern sie und besuchen sie, wann immer sie können.

Reisen in die Türkei stehen bei den Biners dagegen nur noch selten auf dem Programm. Aber das schon, seit Anfang der 90er-Jahre ihre Eltern dort verstorben sind. Dass sie sich, wie manche in ihrem Umfeld finden, von Heimat und Herkunft entfremdet hätten, wollen Selahattin und Güzin Biner aber nun keineswegs gelten lassen.
    » Die eigene Identität vergisst man nie, glauben Sie mir! Wenn Sie unsere Älteste in Neuseeland sähen, würden Sie feststellen: Sogar sie ist noch ganz stark türkisch geprägt. Sie spricht mit ihren Kindern türkisch, sie veranstaltet Feste mit der türkischen Community dort. Und wenn meine Frau und ich deutsch sprechen, weil uns das in Neuseeland mit den drei Sprachen zu kompliziert wird, sagt sie: 'Papi, jetzt lass uns aber wieder türkisch reden!' Verrückt ist das. Und trotzdem ist sie auch Neuseeländerin: Voll integriert, in einem Land, in dem jeder jeden akzeptiert.

    Und wir, meine Frau und ich, wir sind auch noch Türken. Was uns aber immer von vielen anderen Türken unterschieden hat, ist unsere Haltung. Wir haben nie gesagt: 'Das ist eine andere Kultur. Die lehnen wir ab. So wie die Menschen hier wollen wir nicht werden.' Ich finde das auch unnatürlich, die Umgebung prägt einen doch. Wenn du in Rom lebst, benimmst du dich eben auch, wie die Römer sich benehmen, und dann wirst du auch ein bisschen Römer, das geht doch gar nicht anders! Wir sind eben ein bisschen wie die Deutschen geworden, das ging ganz von selbst. Wir haben gesehen, dass sie ihre Wäsche am Sonntag nicht nach draußen hängen; also haben wir uns auch angewöhnt, freitags zu waschen. Wir haben gesehen, dass deutsche Kinder nicht bis abends um elf auf der Straße rumlaufen, also haben wir unsere auch zur Tagesschau ins Bett geschickt. Und wenn ich heute in der Türkei bin, irritiert mich eine Wäscheleine am Sonntag ebenso wie Kinder, die nachts herumtoben.

    Ich möchte auch Menschen, die sich anders entschieden haben und um jeden Preis an ihrem Türkentum festhalten, nicht verurteilen. Es kann ja jeder leben, wie er möchte, zum Glück. Aber zwei Dinge möchte ich einigen Menschen doch manchmal gern sagen. Erstens: Die Freiheit, die ihr hier habt, gerade die religiöse, die hättet ihr, wenn ihr zum Beispiel Katholiken wärt, in der Türkei nicht! Und zweitens: Bitte, meine Herrschaften, wenn ihr hier nicht weggehen wollt oder könnt: Steht dazu – und gebt euren Kindern die Möglichkeit, so zu leben und sich so zu bilden, wie es Deutsche tun. Denn die Möglichkeiten, die Deutschland bietet, die können einen begeistern! Und wer sie nutzt, verliert deswegen auch überhaupt nicht seine Identität!"


Dieser Text ist ein Ausschnitt aus der bpb-Publikation Auf Zeit. Für immer., Oktober 2011.



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