Gastarbeiterinnen bei ihrer Abreise in Istanbul

14.10.2011 | Von:
Stefan Luft

Skandal und Konflikt: Deutsch-türkische Themen

Den Konsens, der einmal in Gang gesetzte Wanderungsprozess werde unbeherrschbar und zeitige bereits schwerwiegende Folgen, artikulierte unter anderem der Chefredakteur der Zeit Theo Sommer am 6. April 1973 in dem Aufmacher "Nigger, Kulis oder Mitbürger? Unser Sozialproblem Nr. 1: die Gastarbeiter": "Allein in der Türkei warten 1,2 Millionen Menschen auf einen westdeutschen Arbeitsvertrag. Proletarier aller Länder vereinigen sich auf dem Boden der Bundesrepublik. (...) Auf der anderen Seite ist unsere Aufnahmefähigkeit in der Tat nicht uferlos. Wir müssen den weiteren Zustrom ausländischer Arbeiter drosseln, mindestens kanalisieren, wenn wir nicht sehenden Auges das Risiko eingehen wollen, daß in immer mehr Ballungsräumen, in immer mehr Altstädten, schließlich in immer mehr Dörfern fremdländische Gettos entstehen; daß ein neues Subproletariat hoffnungslos hinter dem zurückbleibt, was wir als menschenwürdig betrachten." [26]

Die türkische Gruppe erfuhr in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre die meiste Aufmerksamkeit seitens der Printmedien, obwohl sie damals noch nicht die größte Gruppe der ausländischen Arbeitnehmer bildete. Im Juli 1973, wenige Monate vor dem Anwerbestopp, titelte der Spiegel: "'Die Türken kommen, rette sich wer kann‘" [27] Beschrieben wurde eine Welt, die gekennzeichnet sei durch orientalischen Singsang, fremde Speisen, Familienverbände und "deutsch-orientalischen Dissens in Hygienefragen" – oder wie es in einer Bildunterschrift hieß: "Türken in der Bundesrepublik: Zuspruch von der Sippe, Schafshoden vom Grill."

In den beginnenden 1970er Jahre setzte auch eine Debatte darüber ein, was geschehen solte, wenn die "Gäste" nicht gehen wollten? Im Zentrum der Debatten standen dabei bis in die 1980er Jahre hinein die Topoi von der Begrenzung, der "Rückkehrfähigkeit" und der "Integration". Die deutsche Ausländerpolitik setzte lange Jahre auf die Bewahrung der "kulturellen Identität" von Zuwanderern und ignorierte, dass sich Identitäten insbesondere in Wanderungsprozessen wandeln. Lag bei den einen eine romantisierende Vorstellung der jeweiligen Herkunftsidentitäten vor, wollten die anderen damit vor allem die Rückkehrfähigkeit der "Gastarbeiter" erhalten.

Mitgebrachte Konflikte

Auch die politische und gesellschaftliche Polarisierung in der Türkei spiegelte sich in Westdeutschland wider. [28] In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre nahmen die Konflikte zwischen türkischen Rechts- und Linksextremisten in Deutschland zu und fanden zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit. Das galt naturgemäß in erster Linie für die Verfassungsschutzberichte des Bundes, in denen stets darauf hinwiesen wurde, dass "der ganz überwiegende Teil dieser Ausländer Recht und Verfassung der Bundesrepublik Deutschland respektiert und dass sich nur eine ganz geringe Minderheit als Mitglieder oder Sympathisanten extremistischer Organisationen oder Gruppen angeschlossen haben". [29] Die Mitgliederzahl türkischer extremistischer Organisationen war von 6.400 (1974) auf 11.700 (1976), 36.800 (1978) und 58.000 (1979) gestiegen. Zu gewalttätigen Aktionen zählten Brandanschläge auf diplomatische Vertretungen der Türkei sowie gewaltsame Auseinandersetzung zwischen türkischen Rechts- und Linksextremisten.

Lag der Schwerpunkt der Aktivitäten zunächst im Linksextremismus, nahmen seit Ende der 1970er Jahre rechtsextremistische und extrem nationalistische Aktivitäten zu, wobei islamistische Orientierungen (wie die Nationale Heilspartei, MSP) dazu gerechnet und noch nicht eigenständig als "Islamismus" wahrgenommen wurden. [30] Die Konflikte eskalierten, so dass 1979 und 1980 vier Todesopfer verzeichnet wurden sowie 14 gewalttätige Ausschreitungen türkischer Extremisten, bei denen mindestens 20 Personen zum Teil schwer verletzt wurden. [31]

In der ersten Hälfte der 1980er Jahre ging die Zahl türkischer Linksextremisten in Deutschland zurück, die Zahl der Rechtsextremisten stagnierte. 1983 verbot der Bundesinnenminister die Organisation Devrimci Sol (DEV SOL), "Revolutionäre Linke", die als besonders militant galt. [32] Den darauf folgenden Protesten schlossen sich auch westdeutsche "Neue Linke" an. Im Verfassungsschutzbericht 1984 wurde erstmals in einer eigenen Rubrik über "Islamische Extremisten" unter der türkischen Gruppe berichtet, darunter von der "Islamischen Union Europa", die der inzwischen verbotenen MSP zugerechnet wurde. [33]

Mitte der 1980er Jahre trat die "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK) zunehmend ins öffentliche Bewusstsein, 1984 wurden im Verfassungsschutzbericht in der Rubrik "Türkische Kurden" erstmals Berichtedazu veröffentlicht. [34] Die Veranstaltungen der PKK (vor allem zum kurdischen Neujahrsfest Newroz) fanden immer stärkeren Zulauf. 1987 leitete der Generalbundesanwalt ein Verfahren wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung ein, 1988 erhob er Anklage gegen Mitglieder der PKK wegen Mitgliedschaft oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Im November 1993 verfügte das Bundesinnenministerium ein Betätigungsverbot gegen die PKK sowie ihre Teilorganisation "Nationale Befreiungsfront Kurdistans" (ERNK).

Eine Demonstration kurdischer PKK-Anhänger in Hamburg, 19. Februar 1999Eine Demonstration kurdischer PKK-Anhänger in Hamburg, 19. Februar 1999 (© AP)
Repressionen gegen Abweichler (bis hin zum Mord), [35] Zwangsrekrutierungen für den militärischen Kampf, Spendengeld-
erpressungen, [36] Anschläge auf türkische Einrichtungen, Autobahnblockaden, schwerverletzte Polizeibeamte und die Verbindungen zum Drogenhandel [37] machten das Thema PKK Mitte der 1990er Jahre zu einem Top-Thema auch der deutschen Medien. Bei der "Terrorpartei", so der Spiegel 1996, spielten sich "Szenen archaischer Brutalität" ab, wenn es um Dissidenten oder zahlungsunwillige Landsleute gehe. [38] So solidarisierte sich Günter Wallraff öffentlich mit Selim Çürükkaya, einem ehemaligen Führungskader der PKK, der sich mit dem PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan überworfen hatte, von ihm inhaftiert und zum Tode verurteilt worden war. [39]

Die Haltung zur PKK spaltete auch die deutsche Linke. Das brutale Vorgehen des türkischen Militärs gegen Kurden in der Türkei, die diskriminierende Politik der türkischen Regierung ließen Teile der Linken auf den Zug der Kurdistan-Solidarität aufspringen und die PKK aktiv unterstützen. [40]

Vom Gastarbeiter zum Moslem

Waren es bis in die 1980er Jahre vorwiegend linke und rechte türkische Gruppen, die sich durch Demonstrationen und Infostände, Plakate und Parolen an Häuserwänden bemerkbar machten, so prägten seitdem religiöse Gruppen mit ihren Ausdrucksformen und Symbolen einzelne Stadtviertel. "Über die religiösen Gruppen (...) tauchen dauerhaft präsente Minarette, Moscheen, Kopftücher und der Gebetsruf auf, die den sozialen Raum symbolisch verändern und besonders von den deutschen Alteingesessenen in ihren vertrauten Orten als Herausforderung interpretiert werden."[41]

Innenansicht der Moschee in Köln-Ehrenfeld, fotografiert am Freitag, 8. Juni 2007. Foto: APInnenansicht der Moschee in Köln-Ehrenfeld, fotografiert am Freitag, 8. Juni 2007 (© AP)
Die Begegnung mit den Zuwanderern nahm eine andere Qualität an – Distanz und Fremdheit wurden auch durch diesen Strukturwandel innerhalb der türkischen Gemeinschaft verstärkt, obwohl er unübersehbar eine deutliche Hinwendung zur deutschen Gesellschaft signalisierte.

Die Ursachen für das Sichtbarwerden des Islams in Deutschland beschreibt Nina Clara Tiesler mit den Stichworten "Krisen, Kinder, Krieg der Verse". [42] Wirtschaftliche Krisen (wie die Erdöl-Krise 1973) ließen westeuropäische Regierungen die Anwerbungen stoppen. Jene Ausländer, denen nach einer Ausreise keine Rückkehrmöglichkeit mehr offenstand und die in ihren Heimatländern keine positiven Perspektiven sahen (wie aus der Türkei oder dem ehemaligen Jugoslawien), sahen sich – gleichsam als unbeabsichtigte Nebenwirkung des Anwerbestopps – veranlasst, ihre Familien nachzuholen.

Hinzu kamen außenpolitische Ereignisse wie die islamische Revolution im Iran 1979 oder die Rushdie-Affäre 1989 in Großbritannien, die eine Rückkehr in die Heimatländer unmöglich machten.

Verständnis von Integrationsprozessen

Mitglieder der türkischen Gemeinde demonstrieren für mehr Rechte vor dem Bundesinnenministerium in Berlin am Mittwoch, 31. Januar 2007. Foto: APMitglieder der türkischen Gemeinde demonstrieren für mehr Rechte vor dem Bundesinnenministerium in Berlin am Mittwoch, 31. Januar 2007. (© AP)
Gegenüber den türkischen "Gastarbeitern" wurde schon früh eine "kulturelle Distanz" behauptet und in den Vordergrund gestellt. Die öffentliche Debatte zu Fragen der Integration krankt bis heute daran, dass es an Verständnis für grundlegende Mechanismen und Abläufe von Integrationsprozessen mangelt – etwa der Rolle der Gruppengröße, der Bedeutung des Wohnungsmarktes, des negativen Zusammenhangs von ethnisch-sozialen Konzentrationen im Wohn- und Schulumfeld und des Erwerbs der Sprache des Aufnahmelandes.

Der Sozialwissenschaftler Hartmut Esser hatte bereits 1983 darauf hingewiesen, dass es keines Rückgriffs auf spezifische kulturelle Eigenschaften bedürfe, um etwa das Integrationsverhalten der türkischen Gruppe zu erklären. [43] Doch von zahlreichen Medien (und Politikern) wurde (und wird nach wie vor) eher auf Skandalisierung als auf sachliche Analyse gesetzt. Probleme ansprechen, Fortschritte und Chancen wahrnehmen: Integrationspolitischer Realismus ist nötiger denn je.

Fußnoten

26.
www.zeit.de/1973/15/nigger-kulis-oder-mitbuerger (6.10.2011).
27.
Spiegel vom 30.7.1973. Die Überschrift war als Zitat gekennzeichnet, das allerdings aus dem Text nicht zu entnehmen war.
28.
Vgl. Ertekin Özcan, Türkische Immigrantenorganisationen in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1989; Levent Tezcan, Kulturelle Identität und Konflikt, in: Wilhelm Heitmeyer/Reimund Anhut (Hrsg.), Bedrohte Stadtgesellschaft, Weinheim–München 2000, S. 401-448; Gökçe Yurdakul, From Guest Workers into Muslims, Newcastle upon Tyne 2009.
29.
Bundesministerium des Innern (BMI) (Hrsg.), Verfassungsschutz 1976, Bonn 1977, S. 142.
30.
Vgl. ders., Verfassungsschutz 1979, Bonn 1980, S. 131.
31.
Vgl. ebd., S. 133 ff.
32.
Vgl. ders., Verfassungsschutzbericht 1983, Bonn 1984, S. 175.
33.
Vgl. ders., Verfassungsschutzbericht 1984, Bonn 1985, S. 194 f.
34.
Vgl. ebd., S. 195 ff.
35.
Vgl. Spiegel vom 25.3.1996.
36.
Vgl. Stefan Luft, Ausländerpolitik in Deutschland, Gräfelfing 2003², S. 235 ff.
37.
Vgl. BMI (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 1995, Bonn 1996, S. 211 ff.
38.
Spiegel (Anm. 37).
39.
Vgl. Selim Çürükkaya, PKK. Die Diktatur des Abdullah Öcalan, Frankfurt/M. 1997.
40.
Die Welt vom 22.3.1996. Vgl. zur Kritik daran: Bernhard Seidel-Pielen, Mit Öcalan auf dem Weg nach rechts, in: die tageszeitung vom 21.3.1996.
41.
L. Tezcan (Anm. 28), S. 411.
42.
Nina Clara Tiesler, Muslime in Europa, Berlin 2006, S. 82.
43.
H. Esser (Anm. 12), S. 178 f.

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