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Soldatische Kriegserfahrungen im industrialisierten Krieg | Der Erste Weltkrieg | bpb.de

Soldatische Kriegserfahrungen im industrialisierten Krieg

Bernd Ulrich Wolfgang Kruse

/ 11 Minuten zu lesen

Die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs machten den einzelnen Soldaten zur Randnotiz der Geschichte. Gerade die hohen Verluste der Armeen in den Anfangsmonaten des Krieges zeigen, wie die Wirkung von moderner Artillerie und Maschinengewehren unterschätzt wurde. Im Stellungskrieg prägten dann Tod, Verwundung und seelischer Zusammenbruch den Alltag.

Kämpfe bei Pilkem, Westflandern, 1917: Deutsche Soldaten verlassen nach heftigem Beschuss einen befestigten Unterstand und ergeben sich britischen Soldaten. (© picture-alliance/akg)

„Wenn es nur nicht immer das gleiche wäre“, lässt Edlef Köppen den Protagonisten seines Romans „Heeresbericht“ im inneren Monolog sagen. „Der Krieg ist zur Maschine geworden, zur automatischen Maschine. Infanterieangriff: Sperrfeuer. Artilleriekampf: Antwort. Und Antwort heißt: Verluste.“ Die gab es indessen schon in den ersten Wochen und Monaten, die für viele Soldaten und Offiziere noch ganz im Geiste eines frisch-fröhlichen Krieges begonnen hatten – jedenfalls bis zur „Feuertaufe“. Bereits diese Frühphase bestimmte, was dann mit Beginn des Stellungskrieges den Soldatenalltag der vordersten Linien beherrschte: Tod, Verwundung, seelischer Zusammenbruch – bei zunehmend schlechter Verpflegung und anhaltenden sozialen Missständen. Die Soldaten erlebten den Krieg in der Regel weder als Teil einer „Gemeinschaft des Schützengrabens“ noch als heroischen Kampf „in Stahlgewittern“, sondern als ein schreckliches, ebenso zerstörendes wie verstörendes Geschehen, an dem sie selbst beteiligt waren. In dem darauf hervorgehenden Spannungsfeld zwischen Kriegsaffirmation und Kriegsablehnung bzw. zwischen aktiver Beteiligung, Unterwerfung unter das militärische Zwangsregime und mehr oder weniger offenen Formen der Verweigerung ist die Sozial- und Kulturgeschichte der Kriegserfahrung angesiedelt.

Ein deutscher Gefangener stützt britische Verwundete auf dem Weg nach Bernafay während der Somme-Schlacht, 19. Juli 1916. (© picture-alliance, Mary Evans Picture Library)

Die Verluste der ersten Monate

Bereits in den ersten drei Monaten des Bewegungskrieges waren immense Verluste durch Tod und Verwundung unter den beteiligten Armeen zu beklagen. So starben etwa im Verlauf der ersten Grenzschlachten zwischen dem 20. und 25. August 1914 allein auf französischer Seite rund 40.000 französische Soldaten, das heißt, durchschnittlich etwa 8.000 Männer pro Tag. Während der folgenden Grenzschlachten zwischen August und November 1914 hatten insbesondere die angreifenden deutschen Divisionen Verluste, die an der Westfront im Durchschnitt selbst in den großen Materialschlachten des Jahres 1916 nicht zu verzeichnen waren. Im September 1914 beispielsweise kamen fast 17 Prozent der eingesetzten deutschen Soldaten zu Tode oder wurden verwundet, rund 260.000 Mann - eine barbarisch hohe Zahl, die noch an Bedeutung gewinnt, wenn man sich die durchschnittliche "Monatsquote im Westen" für die Jahre bis zum März/April 1918 vor Augen führt: Sie lag bei 3,5 Prozent. Erst während den letzten, zunächst erfolgreichen deutschen Offensiven ab dem 21. März 1918 und im Verlauf der Mitte Juli einsetzenden, die Niederlage besiegelnden Rückzugskämpfe im Westen schnellten die Verluste wieder massiv in die Höhen jener ersten Monate.

Die hohen Anfangsverluste aller Armeen gingen auf den bedenkenlosen, die Wirkung moderner Artillerie und Maschinengewehre unterschätzenden Einsatz der Männer zurück. Ob West- oder Ostfront: Immer wieder in diesen ersten Monaten des Krieges gingen oder liefen ganze Regimenter in dichten Schwarmlinien den feindlichen Stellungen entgegen, aus denen ihnen ein Geschosshagel aller Kaliber entgegenschlug. Oft geschah dies ohne jede artilleristische Vorbereitung oder die Mitführung von Maschinengewehren, ja, mitunter wurde gar ausdrücklich befohlen, etwa bei Nacht- oder Morgenangriffen, mit entladenen, nur mit dem Bajonett versehenen Gewehren vorzurücken, damit kein Schuss sich versehentlich lösen und den angestrebten Überraschungseffekt vereiteln konnte.

Über die dadurch verursachten Verluste hinaus mehrten sich in diesen ersten Wochen, wenig überraschend, die Fälle seelischer Zusammenbrüche unter den Truppen, die sowieso schon durch Gewaltmärsche und durch die in jenem Sommer besonders große Hitze erschöpft waren. Hinzu kamen zunehmend bereits sozial motivierte Klagen, die in ihrer Masse belegen, dass auch in der Armee der am 4. August verkündete "Burgfrieden" bereits zu erodieren begann, wenn er denn je im Heer je bestanden hat, das streng hierarchisch gegliedert war und auf dem entschiedenen Gegensatz von Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren basierte.

Alltag im Stellungskrieg an der Somme: Soldaten des britischen "Border Regiment" ruhen sich im Schützengraben aus, August 1916. (© picture-alliance, Mary Evans Picture Library)

In der französischen Armee führten die ersten, oft schockartig erlebten, geradezu wie Massaker verlaufenden Gefechte schon im August und September 1914 zu auffällig vielen Desertionsversuchen, Befehlsverweigerungen und sogar zur Ermordung von eigenen Offizieren – Delikte, die gnadenlos mit standrechtlichen Erschießungen geahndet wurden. Selbst für das britische Expeditionskorps, das aus mehr oder weniger erfahrenen Berufssoldaten bestand, die zumeist in Kolonialkriegen auch schon erste Gefechtserfahrungen machen konnten, wird über Panikreaktionen und ungeordnete Rückzüge berichtet. Der französische Oberbefehlshaber Joseph Joffre sah sich schnell gezwungen, allein bis zum 6. September fast 60 untere Generalsdienstränge neu zu besetzen, um die teils in Auflösung begriffene Armee in den Griff zu bekommen. Erst der Befehl zum provisorischen Eingraben der Infanterie und deren massive Unterstützung durch das französische Standard-Feldgeschütz (Kaliber 7,5 cm), dessen hohe Feuergeschwindigkeit und Treffergenauigkeit gefürchtet war, brachte zwischen dem 6. und 9. September 1914 die deutschen Truppen an der Marne zum Stehen. In den vier Tagen der Schlacht verschossen die französischen Feldgeschütze über 400.000 Granaten – in ihrer Mehrzahl Schrapnellgranaten. Sie waren ausgestattet mit Verzögerungszündern, so dass sie unmittelbar über den Sturmkolonnen der Deutschen explodierten und ihre Ladungen mit Metallkugeln verstreuten – ein Grund für die erwähnten hohen deutschen Verluste in dieser Anfangsphase des Krieges.

Der Stellungskrieg

Natürlich bedeuten die eben genannten Durchschnittsangaben der Verluste nicht, dass es während der mitunter Wochen und Monate andauernden Materialschlachten der folgenden Jahre nicht Hekatomben von Toten geben konnte und auch gab. Allein am ersten Tag der Somme-Schlacht, am 1. Juli 1916, verloren die angreifenden britischen Truppen fast 58.000 Männer innerhalb weniger Stunden: rund 20.000 Tote und knapp 36.000 Verwundete, der Rest galt als vermisst oder war gefangen genommen worden. Bis heute ist dies der blutigste Tag in der Geschichte des britischen Militärs. Aber neben diesen Phasen intensiver Materialschlachten gab es an der Westfront auch Zonen, in denen sich die gegenüberliegenden Soldaten weitgehend in Ruhe ließen, wie überhaupt die Erstarrung der Front zunächst zu einer drastischen Reduzierung der Verluste führte – jedenfalls solange beide Seiten an der Erhaltung der jeweilig besetzten Positionen interessiert waren und ein eigener oder feindlicher Angriff nicht bevorstand. Die spektakulärsten inoffiziellen Waffenstillstandsvereinbarungen und Verbrüderungen ereigneten sich unmittelbar nach dem Übergang vom Bewegungs- zum Stellungskrieg in den Weihnachtstagen des Jahres 1914 an der Ost-, besonders aber an der Westfront. Dort kam es sogar im Rahmen der „Weihnachtsverbrüderungen“ an einem Teil der Front zu Fußballspielen zwischen deutschen und englischen Soldaten im Niemandsland zwischen den Gräben. Formen der Verbrüderung und informell verabredeter Feuerpausen zwischen den oft nahe beieinander liegenden Schützengräben fanden zwar manchmal die Duldung der Frontoffiziere; von der Militärführung wurden sie dagegen rigoros verboten und unterbunden. Doch auch in den folgenden Jahren der Materialschlachten gab es immer wieder Frontabschnitte, in denen sich zeitweilig, und manchmal sogar in Phasen beiderseitiger Kampfaktivitäten, ein Alltag nach dem Prinzip des ,Leben und leben lassen‘ zu entwickeln vermochte.

Traumatischer Alltag

Gefallene Soldaten bei Postawy, Polen, im März 1916. (© picture-alliance/akg)

Während der Übergang vom zivilen Leben in die Welt des Krieges anfangs noch von karnevalesken Erscheinungen begleitet war, stellte sich das Leben an der Front für die Soldaten schnell als eine ganz neuartige, von Gewalt und Zerstörung geprägte Lebensform dar, in der der gewaltsame Tod zur alltäglichen Normalität wurde. In dieser Welt der immer wieder neu ersonnenen Mittel, Durchbrüche zu erzielen und möglichst viele Menschen zu töten; in diesem „Laboratorium der Gewalt“ (Benjamin Ziemann) versuchte die Mehrzahl der Soldaten vor allem zu überleben. Dabei spielte es auch eine wichtige Rolle, an welchem Frontabschnitt die Soldaten zum Einsatz kamen – einmal abgesehen von den rückwärtigen Linien oder gar der Etappe – oder ob sie zu Nachschubeinheiten, Armierungs- oder „Schipper“-Trupps gehörten, die vornehmlich Auffanggräben oder Befestigungsanlagen zu errichten hatten. Bessere Lebens- und Überlebensbedingungen bot auch der Einsatz in den eroberten Territorien insbesondere in Mittel- und Osteuropa, der von langen Phasen der Besatzungsherrschaft ohne unmittelbare Kampfhandlungen geprägt war. Zugleich entstanden hier auch Vorstellungen von einer dauerhaften deutschen Kolonialherrschaft über die als unterentwickelt wahrgenommenen Völker.

Um überleben zu können, spielte nicht zuletzt die Anpassung an die Bedingungen des Krieges eine zentrale Rolle. Die erlittene und selbst praktizierte Gewalt musste dafür ebenso akzeptiert werden wie die Rollen, Rhythmen und Routinen der soldatischen Existenz. Von besonderer Bedeutung für die Soldaten war der Kontakt zu Familie und Freunden in der Heimat. Davon zeugt vor allem die Feldpost, von der allein n Deutschland während des Krieges fast 30 Milliarden Sendungen zwischen Front und Heimat in beide Richtungen transportiert wurden. Sie ermöglichte es, Informationen und Gefühle auszutauschen und so zumindest auf indirekte, allerdings auch durch die militärische Briefzensur eingeschränkte Weise am Leben der Familienmitglieder und Freunde teilzunehmen. Trotzdem war es kaum zu verhindern, dass die Erfahrungswelten zwischen Front und Heimat immer deutlicher auseinanderdrifteten, die seltenen und kurzen Phasen des Heimaturlaubs oft als Entfremdung erfahren wurden und es vielen Soldaten nach Kriegsende schwerfiel, sich wieder im zivilen Leben zurechtzufinden. Das spezifische Ausmaß und die Intensität des Materialkrieges an der Westfront zeigte sich nicht nur in Gestalt der Toten und Verwundeten, sondern besonders auch der traumatisierten Soldaten. Schon im Anschluss“ an die großen, in außerordentlicher Hitze zurückgelegten Märsche in Belgien war es unter den Truppen zu „Krampfleiden, traumatischen Psychosen im Gefolge seelischer Erschütterung” in großer Zahl gekommen. Die stetige Zunahme der Erkrankungen aufgrund der Materialschlachten – „die Nervenlazarette unseres Landes (sind) wohl die einzigen, die immer voll belegt sind”, hieß es 1917 in einem Bericht – erforderte von den Militärärzten ein organisiertes Vorgehen. Es zielte im Wesentlichen auf die schnelle Wiederverwendungsfähigkeit der Soldaten für den Front- oder Garnisonsdienst ab.

Die Therapiemethoden konnten von ausgesuchter Brutalität sein: Elektroschocks, Kehlkopfsonden, die bei stumm gewordenen Kriegsneurotikern Erstickungsanfälle hervorrufen und dadurch die Stimme wiedererwecken sollten, „Hungerkuren” und die völlige Isolierung der Kranken, nur unterbrochen vom „Zwangs- oder Gewaltexerzieren”, gehörten wie selbstverständlich zur Behandlung durch die Militärärzte. Überdies wurden etwa der Schock oder die Erschütterung nach Granatenexplosionen oder nach Verschüttungen als Ursachen für die Neurose verworfen oder nur noch eingeschränkt anerkannt; man sprach stattdessen von einer „neurotischen Fixierung”. Zwar gab es in Deutschland auch viele Beispiele eines humanen Umgangs mit Kriegsneurotikern, die sich nicht zuletzt im internationalen Vergleich umso positiver von den üblichen Therapien abhoben. Tendenziell aber, über den Krieg hinaus und immer mehr durchsetzt mit sozial- und auch rassehygienischen Vorstellungen, gewannen jene Behandlungsmethoden die Oberhand, in denen der „innere Kampf des Ichs um seine Selbsterhaltung” als Kernkonflikt der Kriegsneurose dem höher gewerteten „Kampf um das nationale Überleben” gegenübergestellt wurde.

Die sog. „Stacheldrahtneurose“ weist als spezifische psychische Erkrankung auf eine ebenso massenhafte wie einschneidende Kriegserfahrung vieler Soldaten des Ersten Weltkrieges hin, die lange wenig Aufmerksamkeit erfahren hat: Die Kriegsgefangenschaft. Insgesamt gerieten ca. 6,6 bis 8 Millionen, d. h. etwa 10% aller Soldaten, während des Ersten Weltkriegs in Gefangenschaft. Allein im Deutschen Reich befanden sich bei Kriegsende 2,4 Millionen Kriegsgefangene. Zu Anfang, als die unerwartete Masse der Kriegsgefangen kaum bewältigt werden konnten, mussten diese – von den überall getrennt inhaftierten und besser behandelten Offizieren abgesehen – oft in Zelten oder Erdhöhlen schlafen und ‚ihre‘ Barackenlager selbst erst errichten. Nicht selten kam es in dieser Zeit aufgrund der Versorgungsprobleme und schlechten hygienischen Verhältnisse zu Epidemien mit vielen Toten. Auch wenn die Militärbehörden auf allen Seiten um eine verhältnismäßig hinreichende, sich in der zweiten Kriegshälfte angesichts der allgemeinen Mangelsituation aber wieder verschlechternde Versorgung der Lager bemüht waren, blieben die Lebensmöglichkeiten doch in hohem Maße von zusätzlichen Sendungen aus den Heimatländern und Initiativen des Internationalen Roten Kreuzes abhängig. Oft war das Lagerleben darüber hinaus von Monotonie und Langeweile geprägt, die in Melancholie und „Stacheldrahtneurose“ ihren Ausdruck fanden Abwechslung konnte der Arbeitseinsatz in Industrie oder Landwirtschaft bieten, wobei die Bedingungen oft sehr unterschiedlich waren, teilweise zu gewissen Freiheiten und Versorgungsmöglichkeiten, oft aber auch zu verschärften Formen der Zwangsarbeit führten. Schließlich wurden Kriegsgefangene auch in völkerrechtswidriger Weise zu Arbeiten nicht nur in der Kriegsindustrie, sondern auch zu Schanzarbeiten in frontnahen Bereichen eingesetzt. Nach Kriegsende konnten die Kriegsgefangenen allerdings in der Regel schnell in ihre Heimatländer zurückkehren. Den Anfang machten hier die Revolution in Russland, in Folge derer schon 1917 alle Kriegsgefangenen freigelassen wurden.

Die Armeen des Ersten Weltkrieges waren in ihren inneren Verhältnissen hochgradig hierarchisch organisierte Institutionen, die vielfache Gegensätze und Konflikte hervorbrachten. So schrieb der deutsche Jurist und Unteroffizier Hermann Katorowicz bereits 1916 eine – allerdings erst nach Kriegsende veröffentlichte – Denkschrift über den „Offiziershass im deutschen Herr und seine politischen Auswirkungen“, in der er vor einer Revolutionierung der deutschen Soldaten gegen den im Offizierskorps verkörperten elitären Militarismus warnte. Und der Historiker Martin Hobohm urteilte als Gutachter zur Frage der sozialen Heeresmissstände für den Untersuchungsausschuss des Weimarer Reichstages über die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs, die deutsche Armee sei ein „Zerrbild des Klassenstaates“ gewesen und habe insbesondere den „Proletarier im Heer“ zur Revolution getrieben. Tatsächlich zogen sich durch den ganzen Krieg hindurch nie abreißende Klagen über die in der deutschen Armee eisern eingehaltene scharfe Abgrenzung der Offiziere von Unteroffizieren und Mannschaften. Schikanen und Misshandlungen durch Vorgesetzte, sinnlose Befehle und demütigende Strafen blieben an der Tagesordnung. So war es in der deutschen Armee noch bis März 1917 im Felde erlaubt, in Ermangelung einer Arrestzelle verurteilte Soldaten an Bäume oder Wagenräder zu fesseln, was als schwere Erniedrigung wahrgenommen wurde. Anonyme Briefe oder wütende „Kritzeleien“ auf Aborten oder in Unterständen, wie etwa „Gleicher Lohn und gleiches Essen, wär‘ der Krieg schon längst vergessen“ boten oft das einzige Ventil.

Die insbesondere von jüngeren französischen Historikern seit einiger Zeit wieder aufgeworfene Frage, ob eher eine allgemein akzeptierte Kriegskultur oder doch vor allem das militärische Zwangssystem die Soldaten zum Durchhalten veranlasst habe, ist in dieser zugespitzten Form kaum zu beantworten. Zweifellos haben sich auch die Soldaten den Bedingungen des Krieges angepasst und entsprechend gehandelt, ebenso unzweifelhaft aber haben sie in ihrer großen Mehrheit auch auf ein baldiges Kriegsende gehofft, wobei lange und immer wieder die Hoffnung auf Frieden durch Sieg dominierte, zunehmend aber auch defaitistische, allein auf ein Ende des Mordens setzende Orientierungen hervortraten. Hinzu kamen vielfältige Formen, sich dem Krieg zu entziehen. Gehorsams- und Befehlsverweigerungen, unerlaubte Entfernungen von der Truppe, aber auch Desertionen oder das Überlaufen zum Feind häuften sich mit zunehmender Dauer der Materialschlachten. Gegen das offensichtliche oder auch durch eine mitunter selbst beigebrachte Wunde verdeckte, einfache Zurückbleiben im Graben nach dem Angriffsbefehl wurde bereits Mitte 1916 eine Art „Schlachtpolizei“ – wie sie in der englischen Armee genannt wurde – eingesetzt. Offiziere oder Angehörige der Feldpolizei suchten die Gräben nach Zurückgebliebenen ab; in der deutschen Armee wurden mitunter die Reservestellungen unmittelbar hinter der vordersten Front generell zur „Polizeilinie“ bestimmt.

In der französischen Armee, in der Gehorsamsverweigerungen seit den schockartigen Anfangstagen des Krieges ein Thema waren, kam es – beginnend im April – vor allem zwischen Mai und Juni 1917 sogar zu großen Meutereien, an denen etwa die Hälfte der Armeeeinheiten beteiligt waren. Im Anschluss an die Offensive am Chemin des Dames (Nivelle-Offensive) – sie erbrachte trotz großer Ankündigungen kaum Geländegewinne und führte in zwei Wochen zu fast 150.000 Toten und Verwundeten – verweigerten nicht mehr nur einzelne oder kleinere Gruppen von Soldaten den Gehorsam, sondern ganze Regimenter und Divisionen. Insbesondere in Ruhestellungen liegende Einheiten verweigerten die Rückkehr in die erste Linie. Dabei nahmen die dadurch entstehenden Unruhen teils revolutionäre Züge an, es wurden rote Fahnen aufgezogen, Offiziere bedroht und verprügelt und in einem Regiment sogar der Marsch auf Paris erwogen. Schließlich wurden durch loyale Truppen von den über 30.000 Meuterern 3.427 festgenommen und vor Gericht gestellt. Von den 554 zum Tode Verurteilten wurden 49 hingerichtet, von den restlichen Festgenommenen mehr als 1.300 zur Zwangsarbeit verurteilt – die meisten von ihnen kamen erst Jahre nach dem Krieg wieder in Freiheit. Auch in der deutschen Armee kam es nach den letztlichen Misserfolgen der Michael-Offensive und den ihr noch folgenden Offensiven ab Spätsommer 1918 zu einer rapide um sich greifenden Aufgabe des Kampfes durch die Fronttruppen, die zur militärischen Vorgeschichte der Novemberrevolution gezählt werden kann. Sie wird in der Forschung als „verdeckter Militärstreik“ (Wilhelm Deist) charakterisiert. Zwar liefen nur wenige direkt zum Feind über – ein auch und gerade noch in diesen letzten Monaten nicht ungefährliches Vorhaben. Aber ca. eine Million Soldaten „verdünnisierte“ sich nun über die Etappe in Richtung Heimat oder ließ sich einfach überrollen und gefangen nehmen.

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