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Der Erste Weltkrieg als totaler Krieg

Wolfgang Kruse

/ 12 Minuten zu lesen

Der Erste Weltkrieg wird vielfach als der erste "totale Krieg" angesehen. Er entlud bereits vorhandene Spannungen und Widersprüchlichkeiten in den konfliktgeprägten Dauerzustand des 20. Jahrhunderts, das durch Krieg, Bürgerkrieg und Blockkonfrontation gekennzeichnet war. Und er war die erste Auseinandersetzung, die neue technische Möglichkeiten nutzte – und so die Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne offenbarte.

Totaler Krieg: Munitionslager der französischen und englischen Artillerie, angelegt als Nachschubbasis für die Kämpfe an der Somme. (© picture-alliance/akg)

Der Erste Weltkrieg als totaler Krieg

Als historisches Großereignis hat der Erste Weltkrieg in der deutschen und internationalen Geschichtswissenschaft von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt. Seine Thematisierung und Erforschung ist dabei cum grano salis den allgemeinen historiographischen Konjunkturen gefolgt. Lange ist er vor allem, insbesondere in Deutschland, unter primär politik- und militärgeschichtlichen Perspektiven betrachtet worden, unter denen bevorzugt die politischen wie militärischen Kriegsziele, Kriegsstrategien und Grundentscheidungen in den Blick genommen wurden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind zunehmend sozial- und gesellschaftsgeschichtliche Fragestellungen und Untersuchungskonzepte hinzugetreten und in den Mittelpunkt der Forschung gerückt, die vor allem die ökonomischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen an den „Heimatfronten“ des Krieges in den Blick genommen haben. Ergänzt wurde diese Perspektivverschiebung schließlich durch kulturgeschichtliche Ansätze, mit denen insbesondere die medialen, künstlerischen und ideologischen Verarbeitungsformen der Kriegserfahrung thematisiert wurden. Hinzugekommen ist schließlich auch einen neue Form der Militärgeschichte: Nicht mehr die Perspektive der Generäle und Kriegsstrategen rückte dabei in den Mittelpunkt, sondern die Art und Weise, in der die Soldaten mit den Herausforderungen des Krieges und ihren Kriegserfahrungen umgegangen sind.

Generell ist die Haltung der beteiligten Menschen im und zum Ersten Weltkrieg im Spannungsfeld von aktiven Prägungen durch eine alles durchdringende Kriegskultur auf der einen, ihrer Unterwerfung unter vielfältige Formen obrigkeitlicher und militärischer Zwangsregime auf der anderen Seite betrachtet und diskutiert worden. Beide Perspektiven haben zweifellos ihre Berechtigung und sollten für ein Gesamtverständnis des Ersten Weltkrieges aufeinander bezogen werden, um so im Spannungsfeld von Kriegskultur, Unterwerfung und Widerständigkeit die Vielfalt der Prägungen und autonomen Handlungsformen in den Blick nehmen zu können. Das zeigt nicht zuletzt das Kriegsende, das zuerst 1917 in Russland, 1918 dann auch in Deutschland und den mit ihm verbündeten Ländern von revolutionären Umsturzbewegungen begleitet war, in denen sich die Bevölkerungen gegen ihre für Krieg und Niederlage verantwortlichen Regierungen erhoben. Sie stürzten die gesellschaftspolitischen Verhältnisse insgesamt um und ordneten sie neu, blieben dabei aber auch selbst wiederum in vieler Hinsicht von ihren eigenen kriegsspezifischen Erfahrungen geprägt.

Konzeptionell wird der Erste Weltkrieg heute vor allem als der erste totale Krieg des 20. Jahrhunderts betrachtet; nicht nur weil in ihm mehr als 60 Millionen Soldaten mobilisiert, etwa 10 Millionen von ihnen getötet, viele weitere verletzt, oft auch verkrüppelt wurden und nicht zuletzt eine beträchtliche Zahl von Zivilisten ihr Leben verloren haben. Die Totalisierungstendenz des Ersten Weltkriegs lässt sich vielmehr auch auf drei weiteren strukturellen Ebenen feststellen: Zum ersten hat sich der primär aus den Widersprüchen der europäischen Moderne erwachsene Krieg schnell zu eine globalen Auseinandersetzung entwickelt, die schließlich fast die ganze Welt erfasst und für mehr als 4 Jahre geprägt hat. Zum zweiten war mit dem industriellen Charakter der modernen Welt die Entwicklung und der Einsatz moderner Waffentechnologien mit einer ungeheuren Zerstörungskraft verbunden, in denen die totalen Vernichtungspotentiale der industriellen Moderne auf vielfältige und immer radikalere Weise hervorgetreten sind. Zum dritten schließlich ist der totale Charakter des Ersten Weltkrieges darin zu sehen, dass zur militärischen Kriegsfront die „Heimatfront“ hinzutrat, deren Beitrag zur Produktion von Waffen und Munition kriegsentscheidend wurde und die deshalb vielfältigen Formen der Formierung und Mobilisierung unterworfen wurde.

In Frankreich und England wird der Erste Weltkrieg, anders als in Deutschland, deshalb noch heute als der „Große Krieg“ erinnert. Dies verweist nicht zuletzt auch auf seine exzeptionelle Bedeutung für die moderne europäische, aber auch globale Geschichte insgesamt. Aus der rückblickenden Perspektive der Geschichtswissenschaft ist der Erste Weltkrieg deshalb als die große „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts (George F. Kennan) bezeichnet worden, die eine generell von Krieg und Bürgerkrieg geprägte Phase der Weltgeschichte eingeleitet hat und ohne die kaum eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts hinreichend erklärt werden kann.

Vom europäischen zum globalen Krieg

In seinem Kern war der Erste Weltkrieg ein europäischer Krieg. Er entstand auf dem Balkan, ihm lagen die imperialistischen Bestrebungen und Konflikte der europäischen Großmächte zugrunde, und ausgetragen wurde er im Wesentlichen zwischen zwei europäischen Machtblöcken und auf dem europäischen Kontinent: Der Entente mit England, Frankreich und Russland, 1915/16 erweitert durch Italien und Rumänien, standen die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn gegenüber, denen sich 1914/1915 das schon lange in das europäische Mächtesystem integrierte Osmanische Reich und Bulgarien anschlossen. Und auch in allgemeinerer, gesellschaftsgeschichtlicher Weise gründete dieser Krieg in einer umfassenden Krise der europäischen Moderne, deren Entwicklung im Laufe des ‚langen’ 19. Jahrhunderts vielfältige Widersprüche, Gegensätze und Konflikte hervorgebracht hatte: Aus der Idee eines nationalen Völkerfrühlings hatten sich aggressive, in scharfen Feindbildern gegeneinander profilierte Nationalismen gebildet. Der ökonomische Fortschritt hatte nicht nur materiellen Wohlstand, sondern auch nationale Sinnkrisen, klassengesellschaftliche Interessengegensätze, imperialistische Bestrebungen und hochgerüstete Militärapparate hervorgebracht. Auf politischer Ebene schließlich waren überall die Demokratisierungstendenzen in der Gesellschaft einerseits und die Herrschaftsansprüche traditioneller Eliten andererseits in ein höchst virulentes und instabiles Spannungsverhältnis geraten. So war es kaum verwunderlich, dass der Krieg nicht nur die europäische Landkarte umstürzte, sondern auch die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Europa.

Die politischen Systeme in Europa am 30. Juni 1914 (© Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr)

Trotzdem war dieser Krieg von Anfang an auch ein globaler Krieg mit weit über Europa hinausreichenden Wirkungen. Das galt nicht nur für die Kriegspropaganda beider Seiten, die nicht allein auf die eigene Bevölkerung zielte, sondern auch die globale öffentliche Meinung insbesondere in den USA zu beeinflussen und auf die eigene Seite zu ziehen versuchte. Der Krieg zwischen den europäischen Kolonialmächten wurde vielmehr auch in den Kolonien ausgetragen, insbesondere in Afrika, wo die die deutschen Kolonialtruppen schnell auf verlorenem Posten standen. Die Guerillakriegsführung der Schutztruppe von General Lettow-Vorbeck fügte den Briten allerdings bis Kriegsende immer wieder empfindliche Schläge zu. Auch die Auswirkungen auf die indigene Bevölkerung waren erheblich, denn vor allem durch die Rekrutierung von Hilfstruppen wurde sie direkt in den Krieg involviert. Und die hier praktizierte Kriegsführung der verbrannten Erde führte zu ökonomischen und sozialen Verheerungen, die große Opfer unter der Zivilbevölkerung forderten. Ferner war mit dem Kriegseintritt Großbritanniens die Beteiligung des gesamten Empires verbunden, so dass neben französischen Kolonialtruppen auch Australier und Neuseeländer, Kanadier, Südafrikaner und Inder auf dem europäischen Kriegsschauplatz zum Einsatz kamen.

Mit deutscher Hilfe errichtete Waffen-, Geschütz- und Munitionsfabrik in der Türkei (vermutlich in Sirkedij). (© picture-alliance/akg)

Hinzu kam die direkte Kriegsbeteiligung außereuropäischer Mächte. Von vergleichsweise geringer Bedeutung war der frühe Kriegseintritt Japans auf Seiten der Entente. Denn abgesehen von der Besetzung der kleinen deutschen Kolonie Kiautschou, blieb das ostasiatische Inselreich weitgehend inaktiv. Weit wichtiger stellte sich der im November 1914 verkündete Kriegseintritt des Osmanischen Reiches auf Seiten der Mittelmächte dar. Mit dem Schicksal dieses Vielvölkerreiches stand nicht nur seine zukünftige Rolle im Kreis der europäischen Mächte zur Disposition, sondern auch die Entwicklung der bislang von den Osmanen beherrschten arabischen Völker in Nordafrika, Klein- und Vorderasien. Während der Sultan in Istanbul am 14. November 1914 zum „Heiligen Krieg“ der Muslime aufrief und von Deutschland Versuche ausgingen, die arabischen Völker zum Kampf gegen die englische Herrschaft in Ägypten aufzustacheln, waren die entgegengesetzten Initiativen des englischen Obersten und Abenteurers Lawrence (von Arabien) weit erfolgreicher. Ihm gelang es, die Araber zum gemeinsamen Kampf gegen die Osmanische Herrschaft zu stimulieren. Die versprochene Selbständigkeit wurde ihnen nach Kriegsende dafür allerdings nicht zugestanden, denn bereits 1916 hatten Engländer und Franzosen im Sykes-Picot-Abkommen ihre Interessensphären im arabischen Raum untereinander aufgeteilt. Auch die 1917 vom englischen Außenminister Arthur Balfour zugesagte Schaffung einer selbständigen Heimstatt für die auswanderungswilligen europäischen Juden in Palästina wurde schließlich erst einmal nicht verwirklicht.

Generell aber wurden die Selbständigkeitsbestrebungen der in europäischer Abhängigkeit stehenden Völker durch den Ersten Weltkrieg nachhaltig gestärkt, so dass der Erste Weltkrieg trotzdem wichtige Anstöße zum Prozess der Dekolonialisierung gegeben hat, Ihnen wurde nicht nur ihre eigene Bedeutung bewusst, sondern sie erlebten auch, wie die vermeintlich so kulturell hochstehenden weißen Kolonialherren sich gegenseitig abschlachteten. Nachhaltige Bestärkung bekamen ihre Forderungen nach Entkolonialisierung und Selbständigkeit durch die vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, aber auch von den revolutionären Bolschewiki in Russland vertretene Parole des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Umso enttäuschter waren ihre Repräsentanten, als sie mit ihren Ansprüchen nach Kriegsende bei den Pariser Friedensverhandlungen kaum Beachtung fanden und auch die ehemaligen Kolonien der Verlierermächte nur den Besitzer wechselten bzw. in das Mandatssystem des Völkerbunds integriert wurden.

Den letzten und in mancher Hinsicht kriegsentscheidenden Globalisierungsschub erfuhr der Krieg im April 1917 mit dem Kriegseintritt der USA, die zuvor bereits die Kriegsanstrengungen der Entente durch Kredite finanziert hatten und in deren Gefolge auch die Länder Südamerikas sowie China den Mittelmächten den Krieg erklärten. Langfristig wurde damit nicht nur das ökonomische und militärische Kräfteverhältnis nachhaltig zugunsten der Entente verschoben. Auch die Koordinaten der Weltpolitik gerieten in Bewegung: Die USA begannen nun immer deutlicher Großbritannien als weltpolitische Vormacht abzulösen, und mit der russischen Revolution und dem beginnenden Aufbau des Sowjetstaates zeichnete sich zugleich bereits der weltpolitische Konflikt der Zukunft ab. Kurzfristig allerdings wirkte sich das gewachsene Potential noch kaum zugunsten der Entente aus, denn die USA mussten erst einmal Wirtschaft und Gesellschaft auf den Krieg umstellen sowie eine Streitmacht für den Krieg in Europa mobilisieren. Im Laufe des Jahres 1918 jedoch begann sich die strukturelle Überlegenheit der Entente nun auch immer deutlicher auszuwirken. Und spätestens im Herbst 1918 war der amerikanische Präsident Woodrow Wilson zur entscheidenden Politikerpersönlichkeit der Weltpolitik aufgestiegen, der die Bedingungen der Kriegsbeendigung weitgehend diktierte.

Die globalen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges wurden schließlich auch in der Grippepandemie deutlich, die in der Endphase des Krieges in Europa ausbrach und in der Folgezeit große Teile der Welt erfasste. Anfangs sprach man von der „Spanischen Grippe“, weil im nicht am Krieg beteiligten Spanien relativ offen über die Krankheit berichtet werden konnte. Heute wird dagegen als wahrscheinlich angenommen, dass sie in den USA ihren Ausgang genommen hat, denn erstmals wurde die neuartige Grippe im Ausbildungslager Fort Riley festgestellt. Ziemlich sicher aber waren es vor allem die Truppentransporte in der Endphase und nach dem Ende des Krieges, die entscheidend zur weltweiten Verbreitung des Virus beitrugen. Die Auswirkungen waren katastrophal: Der Pandemie fielen vermutlich weit mehr Menschen zum Opfer als den Kampfhandlungen während des Krieges, seriöse Schätzungen gehen von bis zu 50 Millionen Toten mit Schwerpunkt vor allem in Asien aus.

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Der Erste Weltkrieg als totaler Krieg

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Menschenschlachthaus - Der Erste Weltkrieg als totaler Krieg

Die Totalisierung des Krieges

Die neuartige Qualität des Krieges trat aber nicht nur in den globalen Dimensionen und in einer auf Sieg oder Kapitulation abzielenden Kriegspolitik zutage. Auch die Kriegsführung an der Front selbst und die Ausrichtung der Gesellschaft auf den Krieg an der sogenannten Heimatfront gewannen im Ersten Weltkrieg einen immer intensiveren, schon zeitgenössisch als „totaler Krieg“ gekennzeichneten Charakter, der später vor allem von den Nationalsozialisten zum Programm erhoben wurde. Dieser Begriff ist in der modernen Geschichtswissenschaft zu einem Konzept ausgearbeitet worden, das vor allem die Industrialisierung des Krieges zu fassen versucht, die militärisch in der wachsenden Bedeutung von Kriegsmaschinen, zivil in der Ausrichtung von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur auf die Bedürfnisse der Kriegsführung, und somit auch in der kriegspolitischen Auflösung der Trennung zwischen Militär und Zivilgesellschaft zum Ausdruck kam. Kanonen und Granaten, Maschinengewehre und Patronengurte, Flugzeuge und Bomben, Unterseebote und Torpedos, Giftgasgranaten und bald auch Panzerwagen prägten dem Kriegsgeschehen einen neuartigen Stempel auf. Und alle diese Waffen mussten von den Industrien der kriegführenden Länder produziert und transportiert werden, in immer größeren Mengen, um die in rascher Folge verbrauchten und zerstörten Geräte zu ersetzen und die industriell geschaffenen Vernichtungskapazitäten immer weiter auszubauen. Dafür war es nicht nur nötig, Produktionsstätten auf- und auszubauen und riesige Finanzmittel aufzubringen; auch die Arbeits- und Lebensstrukturen der Zivilisten mussten auf die neuen Erfordernisse der Kriegsproduktion eingestellt, sie zur Arbeit motiviert oder verpflichtet, zum Verzicht auf Freizeit und Vergnügen angehalten oder genötigt werden.

In Deutschland trat dies besonders im „Hindenburgprogramm zur Erzeugung von Heeresbedarf“ hervor, mit dem die dritte Oberste Heeresleitung unter den Generälen Paul v. Hindenburg und Erich Ludendorff in der zweiten Kriegshälfte eine umfassende Mobilisierung der ganzen deutschen Gesellschaft für den Krieg auf den Weg brachte. Die eigentlich zivile Gesellschaft in der Heimat wurde so zu einer zweiten Front, der sog. Heimatfront, an der der Krieg tatsächlich entschieden werden konnte. Den Krieg gewinnen konnten am Ende tatsächlich aber mit England und Frankreich die europäischen Mächte, denen es besser als den Mittelmächten gelang, nicht nur Waffen und Munition zu produzieren, sondern gleichzeitig auch die Grundversorgung der Bevölkerung sicherzustellen und sie zum "Durchhalten" zu motivieren.

Kriegsgefangene im Lager Stallupönen, Ostpreußen, vor dem Lagereingang 1916. Gegen alles Völkerrecht wurden Kriegsgefangene auch in der Kriegswirtschaft und für zwangsweise Arbeiten im frontnahen Bereich eingesetzt. (© picture-alliance/akg)

Die Totalisierung des Krieges kam zugleich auch in der Tendenz zur Außerkraftsetzung von rechtlichen und humanitären Restriktionen zum Ausdruck, die die Kriegsführung an den Fronten zu einem „Laboratorium der Gewalt“ (Benjamin Ziemann) werden ließen. Aber nicht nur die Soldaten waren mit einer entgrenzten Kriegsgewalt konfrontiert, sondern auch die Zivilbevölkerung an den „Heimatfronten“ des Weltkrieges. So zielte die englische Seeblockade gegen Deutschland nicht zuletzt auf die Aushungerung der Bevölkerung, während der deutsche Unterseebootkrieg im Gegenzug nicht mehr zwischen Kriegs- und Handelsschiffen unterschied. Kriegsgefangene wurden oft nicht nur schlecht versorgt und misshandelt, sondern auch gegen alles Völkerrecht in der Kriegswirtschaft und für zwangsweise Arbeiten im frontnahen Bereich eingesetzt. Vielfach missachtet wurden auch die Rechte der Zivilisten in den von feindlichen Truppen besetzten Territorien. Und auch im Innern der kriegführenden Staaten kam es überall zu gesellschaftlichen und politischen Formierungsprozessen, die mit kriegsrechtlichen Ausgrenzungs- und Verfolgungstendenzen einhergingen. Einen Höhepunkt erlebte die Gewalt gegen Zivilisten im Ersten Weltkrieg schließlich auch im ersten großen Völkermord des 20. Jahrhunderts, in den Vernichtungsaktionen der mit dem Deutschen Reich verbündeten jungtürkischen Regierung gegen das armenische Volk, denen nach seriösen Schätzungen mehr als eine Million Menschen zum Opfer fielen.

Die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts

Die in vieler Hinsicht ebenso neuartige wie langfristig prägende Bedeutung des Ersten Weltkrieges spiegelt sich schließlich auch in der historischen Periodisierung wider, die diesem Krieg in den Regel den Status einer einschneidenden Zäsur zuspricht. Es hat sich seit langem eingebürgert, zwischen einem ,langen’ 19. Jahrhundert und einem ‚kurzen‘ 20. Jahrhundert der Weltgeschichte zu unterscheiden. Das lange 19. Jahrhundert begann demnach mit der Französischen Revolution. Es war vor allem geprägt von Fortschritt, Industrialisierung, Demokratisierung und europäischer Weltherrschaft. Es endete mit dem Ersten Weltkrieg, der zugleich als Auftakt zu einem kurzen 20. Jahrhundert gesehen wird, das mit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989/90 sein Ende fand und trotz anhaltender industrieller Fortschrittsdynamik vor allem durch Krieg, Bürgerkrieg und Blockkonfrontation gekennzeichnet war. Die Scharnierfunktion zwischen diesen beiden Hauptphasen der modernen Geschichte wird in der Regel dem Ersten Weltkrieg zugesprochen. Er zerstörte alle naiven Fortschrittshoffnungen unwiderruflich, offenbarte die Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne, brachte aber auch neue, zukunftsweisende Gestaltungsmöglichkeiten hervor und prägte generell der weiteren historischen Entwicklung seinen gewaltsamen Stempel auf.

Der Erste Weltkrieg wird deshalb mit den Worten des amerikanischen Diplomaten und Historikers George F. Kennan gemeinhein als die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts („great seminal catastrophe of this century“, 1979) begriffen. In der Tat kann die Entwicklung des 20. Jahrhunderts ohne den Ersten Weltkrieg gar nicht verstanden werden. Alle Bereiche von Gesellschaft, Staat und Kultur wurden von ihm erfasst, und von seinen Auswirkungen wurde der weitere Verlauf der neueren Geschichte tief gehend geprägt. Das gilt für die seit 1917 mit dem amerikanischen Kriegseintritt und der russische Revolution heraufziehende Systemkonkurrenz zwischen den liberal-kapitalistischen USA auf der einen und dem bolschewistischen Russland auf der anderen Seite, von der die Blockkonfrontation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich vorgeprägt wurde. Zuerst einmal gilt es aber für das ebenfalls mit guten Gründen als einheitliche historische Phase begreifbare Zeitalter der beiden Weltkriege von 1914 bis 1945, das in der neueren Forschung auch als „neuer 30-jähriger Krieg“ oder als „Weltbürgerkrieg“ gefasst wird.

Im Zentrum dieser Entwicklungen stand, das bleibt bei allen europäischen und globalen Betrachtungsperspektiven festzuhalten, das Deutsche Reich. Nicht nur, weil es die Auslösung des Ersten Weltkriegs wesentlich mit zu verantworten und den Zweiten Weltkrieg gezielt herbeigeführt hatte, sondern weil diese Konflikte auch von dem deutschen Versuch geprägt waren, durch kriegerische Mittel die Vorherrschaft auf dem europäischen Kontinent zu erringen. „Totaler Staat“ (Ernst Forsthoff), „totale Mobilmachung“ (Ernst Jünger) und „totaler Krieg“ (Erich Ludendorff) lauteten die Konzeptbegriffe, die hier, ausgehend von den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, in den 1920er Jahren zunehmend in das Zentrum der politischen Diskurse rückten und mit dem Nationalsozialsozialismus erneut geschichtsmächtig wurden. Erst nach dem totalen Zusammenbruch des nationalsozialistischen Großdeutschen Reiches 1945 konnte, zuerst einmal durch die Teilung Deutschlands und Europas, die „deutsche Frage“ befriedet und in Europa eine relativ stabile Friedensordnung etabliert werden.

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