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Die Kriegsgesellschaft: Klassenspaltung und Verelendung, Militarisierung und sozialer Protest | Der Erste Weltkrieg | bpb.de

Die Kriegsgesellschaft: Klassenspaltung und Verelendung, Militarisierung und sozialer Protest

Wolfgang Kruse

/ 9 Minuten zu lesen

Der zeitgenössisch geprägte Begriff „Heimatfront“ macht in erster Linie deutlich, daß auch das zivile Leben in Wirtschaft und Gesellschaft zu einem integralen Bestandteil der nationalen Kriegsanstrengungen wurden. Sie durchliefen so nicht nur Prozesse der Militarisierung, sondern sie erlebten auch auf vielfältige Weise radikale Zuspitzungen von gesellschaftlichen Gegensätzen und Konflikten

Wartende vor einem Lebensmittelgeschäft, Berlin 1917. (© picture-alliance/dpa)

Zwar war die deutsche Gesellschaft im Ersten Weltkrieg nur in sehr geringem Maße – durch die anfängliche russische Invasion in Ostpreußen und Bombenangriffe in grenznahen Gebieten – von direkten Kampfhandlungen betroffen. Trotzdem prägte und veränderte der Krieg die Lebensbedingungen der zivilen Bevölkerung in vieler Hinsicht auf einschneidende Weise. Die Wirtschaft wurde auf Kriegswirtschaft umgestellt, Rüstungsproduktion gewann absoluten Vorrang vor der zunehmend als Mangelversorgung organisierten Lebensmittelverteilung, die inneren Gegensätze und Konflikte einer in weiten Teilen verelendenden Gesellschaft verschärften sich, der immer mehr Bereiche obrigkeitlich-repressiv organisierende militärische Interventionsstaat geriet zunehmend an die Grenzen seiner Gestaltungskraft und verlor die Loyalität der Bevölkerung. Die Menschen begannen Entbehrungen und materielle Not zu erleiden, und in der Gesellschaft bildeten sich immer deutlicher klassengesellschaftliche Gegensätze und soziale Protestpotentiale aus, die bald auch kriegsgegnerische Ausprägungen gewannen.

Hervorgegangen aus dem säkularen Modernisierungsprozess des 19. Jahrhunderts, war die deutsche Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg nicht nur von ausgeprägten ökonomisch-sozialen Klassenstrukturen geprägt, sondern sie wies auch vielfältige andere Spannungen, Widersprüche und Konflikte auf, die in der Euphorie des Kriegsbeginns, wenn überhaupt, nur kurzfristig „wie weggezaubert“ erscheinen konnten. Unter dem Druck der kriegsbedingten ökonomischen, sozialen, psychischen und politischen Belastungen traten sie nicht nur sehr schnell wieder zutage, sondern sie erfuhren auch viele neue Ausprägungen und Radikalisierungen, die schließlich zur inneren Auflösung der gesellschaftspolitischen Ordnung und, im Zusammenhang mit der militärischen Niederlage, zum revolutionären Ende des Kaiserreichs führten. Die Entwicklungen der Kriegsgesellschaft, die so angesichts er vielfältigen Umbrüche aus traditionell-konservativer Sicht als eine „verkehrte Welt“ (Martin H. Geyer) erscheinen konnte, stellten sich für die unmittelbare Not leidende städtische Arbeiterschaft zunehmend als eine nicht nur kriegsbedingte, sondern auch klassengesellschaftlich begründete Ausbeutungssituation dar, in der allen der Umsturz der bestehenden Ordnung Besserung verhieß.

Klassengesellschaft im Krieg

In klassischer sozialgeschichtlicher Perspektive hat der Historiker Jürgen Kocka die Entwicklung der deutschen „Klassengesellschaft im Krieg“ untersucht und festgestellt, dass sie sich grundsätzlich der idealtypischen marxistischen Vorstellung von einer bipolaren Klassenspaltung zwischen bürgerlichen Produktionsmittelbesitzern auf der einen, lohnabhängiger Arbeiterschaft auf der anderen Seite angenähert hat: Insbesondere die großen Rüstungskonzerne konnten enorme Kriegsgewinne erzielen und wurden im europäischen Vergleich nur spät und zögerlich mit Kriegsgewinnsteuern belegt, während die lohnarbeitende Bevölkerung eine „Knappheits-, Verelendungs- und Ausbeutungssituation“ hinnehmen musste, „wie sie seit Beginn der Industrialisierung nicht mehr existiert hatte“. Und diese klassengesellschaftlichen Gegensätze prägten sich während des Krieges ähnlich auch in den Mittelschichten deutlicher aus als zuvor, weil der selbständige Mittelstand grundsätzlich seinen Status bewahren konnte, während die Angestellten ihre Gehaltsabhängigkeit immer deutlicher wahrnahmen und sich zunehmend auch gewerkschaftlich zu organisieren begannen.

Zugleich aber gab es auch gegenläufige Entwicklungen zu einer bipolaren Klassenspaltung der Kriegsgesellschaft. Anders als in der Reinform bürgerlicher Klassengesellschaft zu erwarten, agierte der Staat keineswegs allein als Sachwalter bürgerlicher Interessen. Vielmehr sah er sich zur Aufrechterhaltung der Akzeptanz für die nationalen Kriegsanstrengungen veranlasst, nicht nur ordnend in das Wirtschaftsleben einzugreifen, sondern auch die Lebensgrundlagen der unteren Bevölkerungsschichten zu sichern. Dies galt zuallererst für die Lebensmittelversorgung, die mit Beschlagnahmungen, Höchstpreisverordnungen und bald auch mit einem immer umfassenderen System der staatlichen Lebensmittelrationierung zu sichern versucht wurde. Und es galt zunehmend auch für Eingriffe in die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, insbesondere als Ende 1916 mit dem „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ zwar eine Arbeitspflicht für alle Männer von 16 bis 60 Jahren eingeführt, zugleich aber mit der Einrichtung von paritätisch besetzten Kommissionen auch die Anerkennung der Gewerkschaften durch die Arbeitgeber erzwungen wurde. Alle diese Maßnahmen unterlagen allerdings den Notwendigkeiten des zunehmend totalen, auf die Mitwirkung der ganzen Gesellschaft angewiesenen Krieges. Und ihr militaristischer Charakter wurde noch dadurch bestärkt, dass die gesamte zivile Verwaltung von der Organisation der Kriegswirtschaft über die Nahrungsmittelbewirtschaftung bis zur Pressezensur den preußisch-deutschen Militärbehörden unterstellt war.

Konfliktfelder der Kriegsgesellschaft

Schnell wurde deutlich, dass die Lebensbedingungen auch im Zeichen der die ökonomische Umstellungskrise des Kriegsbeginns ablösenden Kriegskonjunktur insbesondere für die ärmeren Bevölkerungsschichten immer prekärer wurden. Zwar wurden in der Rüstungsindustrie mit ihren wachsenden Riesenbetrieben steigende Löhne bezahlt. Aber nicht nur die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich mit der schon bei Kriegsbeginn verfügten Aufhebung wesentlicher Arbeitsschutzbestimmungen und den ‚burgfriedlich‘ agierenden Gewerkschaften, sondern die Lohnsteigerungen konnten bald nicht mehr mit der Inflationsentwicklung mithalten. Die Reallöhne fielen infolgedessen während des Krieges um durchschnittlich 35%. Vor allem aber erzwang die Lebensmittelknappheit eine stetige Reduzierung der offiziellen Lebensmittelrationen, die bei großen regionalen und sektoralen Unterschieden in der zweiten Kriegshälfte oft nur doch Bruchteile des Gewichts und der Kalorien des Vorkriegsverbrauchs, im Durchschnitt nur etwa 1/3 abdeckten. Wachsende Teile der Bevölkerung konnten ihren Bedarf so nur noch über den Schwarzmarkt abdecken, auf dem die ärmeren Bevölkerungsteile wenig zu bieten hatten, und immer mehr Menschen insbesondere in den Städten wurden von öffentlichen Armenspeisungen abhängig.

Hinzu kamen vielfältige andere Problemfelder der Kriegsgesellschaft, die teilweise quer zu klassengesellschaftlichen Strukturen lagen, diese oft aber auch verstärkten. Hier ist zuerst einmal ein sich zuspitzender Stadt-Land-Konflikt hervorzuheben. Während in den Städten die Lebensmittelversorgung immer prekärer wurde, sah die Lage auf dem Land deutlich besser aus. Stadtbewohner versuchten auf dem Land Nahrungsmittel zu bekommen und wurden hier teils zu Bitstellern, teils zu Kriminellen, während die Bauern sich Lebensmittel teuer bezahlen oder gegen Sachmittel eintauschen ließen. Der Staat reagierte mit polizeilichen Maßnahmen gegen das „Hamsterunwesen“ sowie mit rigiden Abgabequoten für die Landwirte und rief damit überall Unmut und Konflikte hervor. Obrigkeitliche Kontrolle traf zunehmen auch städtische Ladenbesitzer, deren Preisgestaltung überwacht und, bei Verstößen als Wucher bestraft und im Gegenzug als „Zwangswirtschaft“ abgelehnt wurde. Alle diese sozialen Probleme und Konflikte trafen vor allem aber die ärmeren, besitzlosen Bevölkerungsschichten und riefen schon frühzeitig im Kern klassengesellschaftliche Kriegsdeutungen hervor, wie sie in Parolen wie „gleicher Lohn und gleiches Essen, wär‘ der Krieg schon längst vergessen“ aufscheinen. Und sie traten zunehmend auch in spontanen Protesten zutage, die die Kommunen der Kriegsgesellschaft etwa mit Plünderungen von Lebensmittelgeschäften und anderen Protestformen „zu Nebenkriegsschauplätzen avancieren“ ließen (Ute Daniel).

Eine besondere Rolle spielten dabei Frauen und Jugendliche, deren Rolle in der Kriegsgesellschaft generell an Bedeutung gewann. Frauen übernahmen vielfach die bisher von Männern ausgeübten Tätigkeiten und Aufgaben, sowohl in den Familien als auch im wirtschaftlichen Leben. In anderer Weise galt dies auch für die Jugendlichen, deren spezifische Lebensphase schon vor dem Krieg eine besondere Beachtung gefunden hatte. Als junge Arbeiter konnten sie etwa in der Kriegsindustrie vergleichsweise hohe Löhne erzielen und wesentlich zur Ernährung der Familien beitragen, aber auch zu früher Selbständigkeit gelangen. In abgeschwächtem Maße betraf dies auch junge Frauen, die zwar deutlich schlechter bezahlt wurden, denen sich aber ebenfalls neue Tätigkeitsfelder und eigenständige Möglichkeiten eröffneten, neben der Industriearbeit etwa als Krankenschwestern. Die wachsende Selbständigkeit der Jugendlichen rief schon früh Kontrollbemühungen der Obrigkeit hervor. So versuchte der Staat etwa, für die männlichen Jugendlichen eine vormilitärische Ausbildungsverpflichtung einzuführen, konnte schließlich aber nur freiwillige Formen durchsetzen. Erfolgreicher war die Obrigkeit mit der Einführung eines Sparzwangs für jugendliche Beschäftigte, deren Beiträge in die Kriegsanleihe flossen. Und auch die jüngeren Kinder waren in hohem Maße vom Krieg betroffen. In den Schulen stand der Unterricht zunehmend im Zeichen der Kriegspropaganda, Kinder wurden in Sammeltätigkeiten und andere Formen der Mobilisierung eingebunden, und nicht zuletzt waren sie in hohem Maße von Verwahrlosung und Mangelernährung betroffen, was insbesondere bei Arbeiterkindern zu einer verzögerten körperlichen, vermutlich auch psychischen Entwicklung beigetragen hat.

Eine spezifische Erscheinungsform der unter Pressezensur stehenden Kriegsgesellschaft lag in der wachsenden Verbreitung von Gerüchten und, eng damit verbunden, sich zuspitzender Verdächtigungen und Sündenbockstereotypen. Schon bei Kriegsbeginn grassierten Gerüchte über Brunnenvergiftungen und andere Tätigkeiten von Spionen. Nicht zuletzt unter dem Eindruck einer wachsenden staatlichen Informationskontrolle und Propaganda waren viele Menschen schnell bereit, allen möglichen Gerüchten Glauben zu schenken und sie auch selbst weiter zu verbreiten. Damit konnte eine tendenziell aufklärerische Gegenöffentlichkeit zu propagandistischen Scheinwelten verbunden sein, doch zugleich richteten sich die Gerüchte auch gegen schon lange ausgegrenzte soziale und politische Minderheiten, die oft auch von der staatlichen Propaganda als „innere Feinde“ dargestellt wurden und so schnell die Grenzen der im Zeichen des Burgfriedens proklamierten nationalen Volksgemeinschaft deutlich werden ließen. Zum einen zielte dies auf kriegsgegnerische Gruppen insbesondere in der Sozialdemokratie, und zum anderen rückten nationale und religiöse Minderheiten. zunehmend vor allem auch die jüdische Bevölkerung in den Fokus hasserfüllter Gerüchte, sie würden sich dem Kriegsdienst entziehen und stattdessen am Krieg verdienen, „deutsche Frauen“ verführen etc. Auch der Militärstaat griff diese Gerüchte schließlich auf und verlieh ihnen so einen offiziellen Charakter, wie insbesondere in der 1916 durchgeführten „Judenzählung“ im deutschen Heer deutlich wurde, die viele deutsche Juden zutiefst erbitterte. Das Ergebnis der Untersuchung, dass jüdische Männer sogar leicht überdurchschnittlich oft Militärdienst leisteten, wurde schließlich nicht veröffentlicht.

Ein vergessener Aufstand

Der Januarstreik 1918

Ein vergessener Aufstand

Ein vergessener Aufstand - der Januarstreik 1918. Deutschlandfunk, Hintergrund Kultur, Sendung vom 18.01.2008. Autoren/Urheber: Wolfgang Kruse/Bernd Ulrich.

Radikalisierungsprozesse

Alle diese Konfliktfelder erlebten noch einmal eine deutliche Zuspitzung, als die im Herbst 1916 neu ernannte 3. Oberste Heeresleitung unter den Generälen Paul v. Hindenburg und Erich Ludendorff mit ihrem „Hindenburgprogramm für die Erzeugung von Heeresbedarf“ den Versuch unternahm, die deutsche Gesellschaft für noch einmal dramatische ausgeweihte Kriegsanstrengungen zu mobilisieren. Gigantische Investitionen und Aufträge für die Rüstungsunternehmen wurden begleitet von der Einführung einer Arbeitspflicht für alle nicht im Militärdienst stehenden Männer, weitere Bemühungen um eine kriegswirtschaftliche Mobilisierung der Frauen und das propagandistische Programm eines „Vaterländischen Unterrichts“ zur kriegspolitischen Mobilisierung der ganzen Bevölkerung. Doch sowohl die überlastete Infrastruktur als auch die erschöpften, zunehmend an Hunger und Mangelkrankheiten leidenden Menschen waren immer weniger in der Lage und oft auch kaum noch willens, diese Initiativen umzusetzen.

Im Ergebnis führten die Dynamik der Kriegsgesellschaft und die Eingriffe des Militärstaates, die von Nationalökonomen und Kriegsideologen als „Kriegssozialismus“ oder als „deutsche Gemeinwirtschaft“ verklärt wurden, letztlich zu einer schärferen Ausprägung klassengesellschaftlicher Gegensätze und zu einem immer weiter um sich greifenden, auch klassenübergreifenden Vertrauensverlust in die Möglichkeiten des überforderten Interventionsstaates. In den wachsenden Riesenbetrieben der Rüstungswirtschaft ballte sich zugleich eine neuartige, in hohem Maße von Jugendlichen und Frauen, aber auch Zivil- und Kriegsgefangenen geprägte Arbeiterschaft zusammen, deren Bindung an die zunehmend in die Kriegsanstrengungen des Militärstaates eingebundenen Gewerkschaften nachließ. So war es kaum verwunderlich, dass im Laufe des Krieges soziale Proteste immer weiter um sich griffen und in Verbindung mit der sozialdemokratischen Antikriegsbewegung bald eine kriegsgegnerische, schließlich auch revolutionäre Tendenz gewannen.

Nach der Verhaftung von Karl Liebknecht, der auf einer Demonstration zum 1. Mai gegen den Krieg protestiert hatte, entwickelte sich 1916 in Berlin ein erster explizit politischer Streik gegen die deutsche Kriegspolitik, an dem sich immerhin etwa 60.000 Arbeiter beteiligten. In der zweiten Kriegshälfte begannen sich die nicht mehr abreißenden sozialen Proteste immer deutlicher zu politisieren und auf die betriebliche Ebene überzugreifen. Vor allem in den kriegsindustriellen Großbetrieben kam es im April 1917 und im Januar 1918 zu großen, autochthonen Streikbewegungen der Arbeiterschaft gegen die soziale Verelendung, den Krieg und die Militärmonarchie, an denen sich zuerst Hunderttausende, 1918 reichsweit sogar mehr als eine Million Arbeiter beteiligten. Eine führende Rolle spielte dabei die Gruppe der „Revolutionären Obleute“, die sich vor allem aus gewerkschaftlichen Vertrauensmännern in der Berliner Metallindustrie rekrutierte und den Massenbewegungen zunehmend eine kriegsgegnerisch-revolutionäre Qualität verleihen konnten. Auch wenn die Streiks durch die Militarisierung der Betriebe erst einmal abgebrochen werden mussten und ihre Führer teils ins Gefängnis geworfen, teils an die Front geschickt wurden, hatten insbesondere die fast alle Industriereviere in Deutschland erfassenden Januarstreiks 1918 gezeigt, wie sehr sich die Unzufriedenheit großer Teile der Arbeiterschaft in revolutionärer Weise aufgeladen hatte. Im Rückblick erwiesen sie sich als „Generalprobe für die Novemberrevolution“ (Arthur Rosenberg), in der sich nicht zuletzt die die Revolution tragende Rätebewegung konstituiert hat.

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