RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Dr. Wolfgang Kraushaar

Die Mythen der RAF

Der Mythos von den Gefangenen-Morden in Stammheim (1977-1989)

Kein anderes Ereignis in der Geschichte der RAF hat unter ihren Anhängern für so viel Empörung gesorgt wie die am Morgen des 18. Oktober 1977 verbreitete Nachricht von den in ihren Stammheimer Zellen aufgefundenen Leichen Andreas Baaders, Gudrun Ensslins und Jan-Carl Raspes.
Am 27. Oktober 1977 werden die drei Terroristen Baader, Ensslin und Raspe zu Grabe getragen. Der Mythos vom staatlich angeordneten Mord machte die Runde.Am 27. Oktober 1977 werden die drei Terroristen Baader, Ensslin und Raspe zu Grabe getragen. Der Mythos vom staatlich angeordneten Mord machte die Runde. (© AP)
Die gleichzeitig verbreitete Meldung, dass mit Irmgard Möller eine weitere RAF-Angehörige nur leicht verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert worden sei, hat demgegenüber innerhalb der linken Szene in der Bewertung entweder keine oder nur eine verschwindend geringe Rolle gespielt. Dabei hätte gerade dieses Faktum ein entscheidender Grund sein müssen, alle Spekulationen über eine von Geheimdienstagenten verübte Mordaktion in Zweifel zu ziehen.

Doch gerade die überlebende Irmgard Möller war es, die zu einer Art Kronzeugin der Mordlegende wurde. Was sie am 16. Januar 1978 vor dem Untersuchungsausschuss des baden-württembergischen Landtages erklärte, dass sich keiner der Häftlinge mit dem Gedanken getragen hätte, Selbstmord zu begehen, das bekräftigte sie später noch einmal in einem Interview mit Oliver Tolmein mit einem verschwörungstheoretischen Konstrukt: "Sie wollten uns tot. [...] Ich war und bin davon überzeugt, dass es eine Geheimdienstaktion war." Sie gehe davon aus, dass die Bundesregierung involviert gewesen sei und die Unternehmung auch innerhalb der NATO "abgesprochen" gewesen wäre. Insbesondere von der CIA wüsste man ja, dass sie es verstehe, "Morde als Selbstmorde" darzustellen.

Doch sowohl gegenüber den Obduktionsergebnissen eines vierköpfigen Medizinerteams als auch dem einstimmig angenommenen Ergebnis des bereits erwähnten parlamentarischen Untersuchungsausschusses, das besagte, dass sich die drei RAF-Gefangenen "selbst getötet" hätten, zeigten sich weite Kreise der radikalen Linken resistent. Was nicht sein durfte, das konnte auch nicht sein.

Die Annahme einer Selbsttötung wäre in doppelter Hinsicht einem Eingeständnis von Schwäche gleichgekommen – zum einen, weil mit der Geiselbefreiung in Mogadischu durch ein Kommando der GSG 9 das letzte Erpressungsmittel im Krieg mit dem Staat sein Ziel verfehlt hatte und zum anderen, weil eine Selbstaufgabe der Führungsspitze diese Niederlage endgültig besiegelt hätte. Nur durch die abenteuerlich anmutende Mordannahme konnte das von Andreas Baader verkündete RAF-Durchhalte-Credo – keiner von ihnen werde vor Polizei und Justiz kapitulieren – weiter offen gehalten werden.

Die sehr viel näher liegende Alternative zu akzeptieren, hätte vermutlich bedeutet, dass der Mythos RAF wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt wäre. Und daher musste, solange es irgendwie ging, noch an den absonderlichsten Konstrukten manifester Selbsttäuschung festgehalten werden. Einer der Wahlverteidiger, der Raspe-Anwalt Karl-Heinz Weidenhammer, der sich zu Beginn der 1990er Jahre das Leben nahm, ging schließlich so weit, in einer 500 Seiten umfassenden, ausschließlich der Frage "Selbstmord oder Mord?" gewidmeten Publikation zu schreiben: "Die behauptete Selbsttötungsverabredung ist [...] widerlegt." Noch 1990 zogen mehrere hundert Demonstranten anlässlich des Jahrestages des Todes von Baader, Ensslin und Raspe durch Berlin und skandierten: "Nichts ist vergessen, nichts ist vergeben."

Über das, was von Brigitte Mohnhaupt RAF-intern bereits seit 1977 als "suicide action" bezeichnet wurde, hat schließlich das ehemalige RAF-Mitglied Karl-Heinz Dellwo 1998 in einem Interview mit der tageszeitung nüchtern erklärt: "Wir haben der Entstehung des Mythos zugeschaut und teilweise nachgeholfen."

Warum der Streit über die Frage, ob in der Nacht vom 17. zum 18. Oktober 1977 Mord oder Selbstmord begangen wurde, Jahrzehnte hat überdauern können, ist vermutlich einem bestimmten Umstand zu verdanken. Angesichts der in Stammheim geübten Abhörpraxis darf gemutmaßt werden, dass sich der Staat nur deshalb so schwer getan hat und noch immer tut, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu entkräften, weil er damit möglicherweise ein doppeltes Vergehen einräumen müsste – zum einen die Zellen der im 7. Stock untergebrachten RAF-Gefangenen abgehört zu haben und zum anderen nicht eingeschritten zu sein, um das, was als "suicide action" längst angekündigt war, noch in letzter Minute zu verhindern.

Fazit

Die drei hier nachgezeichneten zentralen RAF-Mythen verraten, dass es um eine Metamorphose gegangen ist, den Verwandlungsprozess eines mythischen Essentials, das in seiner Grundfigur bereits während der sogenannten ersten Generation ausgebreitet vorlag und dessen Transformation sich schon in den Jahren 1970 bis 1977 vollzogen hat. Im Mittelpunkt stand eine emotional aufgeladene Dramatisierung und eine bis ins Extrem gesteigerte existentielle Selbstüberhöhung: zunächst im bewaffneten Kampf gegen das verhasste System und seine Exponenten, dann im Kampf gegen die "Vernichtungshaft", der die RAF-Gefangenen angeblich ausgesetzt waren, und schließlich – beide Momente vereinend – im finalen Todeskampf im siebten Stock des Hochsicherheitstraktes in Stuttgart-Stammheim.

Immer sollte es um Leben oder Tod gehen, um sonst gar nichts, kein Zwischenton, keine Vermittlungsstufe, nur entweder – oder, nur schwarz und weiß. Der Grundton war dabei der der Hysterie. Diese Dauerhysterisierung, eine latente Empörung, die jede sich bietende Gelegenheit nutzte, um sich als Anti-Haltung zu produzieren, war wie nichts anderes das Markenzeichen der RAF. Diese schrille Tonlage übertönte alles andere. Niemand anderes hat diese Empörung so intoniert wie Ulrike Meinhof. Sie ging in ihrer Identifikation mit bestimmten Opfern völlig auf, setzte sich zuweilen an ihre Stelle und vollzog mit und in der RAF, wie das im Nachhinein einer ihrer in gleich mehrfacher Hinsicht ausgescherten Mitbegründer beschrieben hat, nichts anderes als einen "moralischen Amoklauf". Das Empörungstremolo, das ihre Stimmlage verriet, ist bereits aus den Interviews zu vernehmen, die von ihr aus den Jahren 1967/68 überliefert sind und in denen sie ihre Rage – etwa über den Schah-Besuch oder den Vietnamkrieg – offenbar nur mühsam unterdrücken konnte.

Bei den Zentralmythen der RAF geht es um die schubweise Transsubstantion eines imaginären mythischen Helden: Zuerst verwandelt sich die Figur eines heroischen Guerillero, die in dem in Bolivien ermordeten Che Guevara ihr Ebenbild hat, in die eines tragischen KZ-Häftlings, dem der Leichnam des im Hungerstreik zu Tode gekommenen Holger Meins so zu gleichen scheint, und diese wird schließlich zum Opfer eines angeblich vom Staat verübten Mordanschlags. Der Held wird damit in seiner Körperlichkeit endgültig ausgelöscht und als Imago zugleich zur mythischen Absolutsetzung freigegeben. Der doppelte Figurentausch mündet in eine jeglicher Kritik entzogene Helden-Imago.

Diese drei Mythenfiguren mit ihrer Helden-Imago als Schlussakkord haben – durch ihren Opfertod beglaubigt – die Existenz einer terroristischen Sekte, deren systematisches Scheitern nur notdürftig durch die inflationäre Verwendung von Pathosformeln verdeckt wurde, fortwährend verlängert und schließlich bis auf fast drei Jahrzehnte ausgedehnt. Absichtlich initiierte und blauäugig beförderte Mythen haben den Weg zu einer – nüchtern betrachtet ganz unwahrscheinlichen – Karriere der RAF gepflastert.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Ausschnitt des Aufsatzes "Mythos RAF" von Wolfgang Kraushaar. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007.


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