RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Andreas Elter

Die RAF und die Medien

Ein Fallbeispiel für terroristische Kommunikation

Das Verhältnis der RAF zu den Medien war ambivalent. Auf der einen Seite galten die etablierten Medien als Feind. Andererseits (miss)brauchte die RAF sie zur Verbreitung ihrer Botschaften.



Die RAF und die Medien als Fallbeispiel

Die gelernte Journalistin Ulrike Meinhof verfasste die Schriften der RAF.Die gelernte Journalistin Ulrike Meinhof verfasste die Schriften der RAF. (© wikipedia.org)
Das Thema "Die RAF und die Medien" hat unzählige Facetten: So lassen sich z.B. die Erklärungen, Verlautbarungen und theoretischen Texte der RAF als Teil ihrer Medienpolitik verstehen, die entweder auf die breite Öffentlichkeit zielte oder (bei anderen Texten) auf die Sympathisantenszene als spezifische Zielgruppe fokussierte.

Des Weiteren gibt es bei einzelnen Akteuren einen eindeutigen biografischen Medienhintergrund: Ulrike Meinhof war Journalistin und Publizistin. Sie engagierte sich bereits in der Anti-Atomtod-
Bewegung, wurde Mitglied der illegalen KPD, solidarisierte sich mit den sozialen Protestbewegungen der 1960er Jahre und war Aktivistin der APO, bevor sie in den Untergrund ging. Holger Meins, um nur ein weiteres RAF-Mitglied exemplarisch herauszugreifen, hatte, bevor er in den Untergrund ging, Design und Film studiert.

Darüber hinaus gab es zahlreiche direkte Kontakte von RAF-Terroristen zu Medienschaffenden, Journalisten, Künstlern, Verlegern oder Designern. Nach einer unbelegten Anekdote ist so auch das RAF-Logo entstanden bzw. von dem professionellen Werbegrafiker Holm von Czettritz "geprüft" worden, mit dem Andreas Baader kurzfristig befreundet war. Das berichtete von Czettritz zumindest selbst in einem Interview mit der tageszeitung:

Der rote Stern mit einer Heckler & Koch MP5 sowie dem Schriftzug RAF: das Symbol des fast dreißig Jahre langen blutigen Terrorismus in der Bundesrepublik.Andreas Baader wollte das Logo der RAF von einem Werbegrafiker "gefälliger" gestalten lassen. Foto: AP (© AP)
tageszeitung: In Klaus Sterns TV-Dokumentation 'Andreas Baader, der Staatsfeind' kommen Sie als früher Weggefährte zu Wort. Darin erwähnen Sie eine ganz unglaubliche Geschichte: dass Baader zu Ihnen kam und das Logo der RAF von Ihnen als Grafikdesigner überarbeiten lassen wollte.

Holm von Czettritz (lachend): Richtig. Heute würde man Relaunch dazu sagen. Weil ich dazu aber keine Lust hatte und ich das irgendwie so naiv fand, hab ich ihm damals gesagt: In seiner Rustikalität hat das eine Originalität, die würde ich nicht verändern. Das muss diesen rauen Ursprungscharakter behalten. Das sag ich dir als Markenartikler. (lacht) Weil er diesen Beruf ja als kapitalistischen Beruf verachtete. Lässt sich aber von einem beraten.

tageszeitung: Hatte er denn konkrete Vorstellungen?

Holm von Czettritz: Die Elemente sollten wohl bleiben. Das war ja wie ein Kartoffeldruck. Aber das wollten sie irgendwie gefälliger.

(zitiert aus: die tagesezeitung, 12. April 2003)

Von der Unterstützung, die die RAF aus der Sympathisantenszene und zum Teil von namhaften Literaten direkt oder indirekt erfuhr, wird hier noch in anderem Zusammenhang die Rede sein. Um sich aber nicht in den biografisch-anekdotischen Aspekten zu verlieren, soll hier weiter nach den Kommunikationsstrategien der RAF geforscht werden. Diese Suche führt unwillkürlich wieder zurück zu Ulrike Meinhof. Mit dem Problem des illegalen Widerstands setzte sie sich schon früh auseinander.

In ihrem konkret-Artikel zum Frankfurter Prozess gegen die Warenhausbrandstifter schreibt sie: "Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch. [...] Hat also eine Warenhausbrandstiftung 1968 dies progressive Moment, daß verbrechensschützende Gesetze dabei gebrochen werden, so bleibt zu fragen, ob es vermittelt [Hervorhebung A. E.) werden kann, in Aufklärung umgesetzt werden kann. Was können – so bleibt zu fragen – die Leute mit einem Warenhausbrand anfangen?"

In der Retrospektive wurde dieser Artikel von vielen Beobachtern als Ausgangspunkt für die Radikalisierung von Ulrike Meinhof gewertet, weil sie sich vermeintlich mit den Brandstiftern dadurch solidarisierte, dass sie Fritz Teufel mit den Worten "Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben" zitierte. Liest man den Artikel aufmerksam, kann man auch zu einem anderen Schluss kommen – die Solidaritätsbekundungen mit den Brandstiftern sind keineswegs so eindeutig. Aber dies ist in unserem Zusammenhang nicht der Punkt.

Vielmehr zeigt sich an dem Zitat, dass Meinhof bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt (1968) über den Aspekt der Vermittlung einer gewaltsamen Tat, also deren potentieller propagandistischer Wirkung nachdachte. Das Ergebnis des Gedankengangs war in diesem Fall: »So bleibt, daß das, worum in Frankfurt prozessiert wird, eine Sache ist, für die Nachahmung [...] nicht empfohlen werden kann.« Ulrike Meinhof hatte andere, größere Ziele im Sinn.

Wenn man die zahlreichen Artikel, die sie für konkret und später für die RAF verfasst hat – z.B. ihr Grundlagenpapier "Das Konzept Stadtguerilla" –, nimmt und die Literatur, die sie sich von Rechtsanwalt Klaus Croissant später in ihre Zelle hat liefern lassen, dazuaddiert, so lässt sich daraus zweierlei ableiten: Zum einen legte Ulrike Meinhof bei ihren Veröffentlichungen einen Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit programmatischen Schriften der revolutionären Linken (z. B. Mao, Lenin, Bakunin); zum anderen beschäftigte sie sich aber auch mit dem Mediensystem der BRD:

"An die Karl Marx Buchhandlung Frankfurt/Main
Jordanstraße 11; 15. 11. 1974

Sehr geehrte Herren! Bitte, senden Sie an:
Frau Ulrike Meinhof
1000 Berlin 21
Alt Moabit 12 a Justizvollzugsanstalt
Folgende Bücher
1. Sante Notarnicola: Die Bankräuber aus der Bacciera (Trikont Verlag)
2. Hans Jürgen Koschwitz: Publizistik und politisches System (Piper Verlag)
[...]
5. Jürgen Alberts u. a.: Mit IBM in die Zukunft – Rotbuch
6. Klaus Berpohl: Die Massenmedien – Nymphenburger
[...]
Rechnung erbitten wir an uns. Mit freundlichen Grüßen Rechtsanwalt Dr. Croissant."

Von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Mediensystem und seinen "kapitalistischen Strukturen" kann also zumindest bei einzelnen Mitgliedern der RAF mit Fug und Recht gesprochen werden. Darüber hinaus fehlte es nicht an Schulungs- und Aufklärungsmaterial für die anderen. Darin fanden sich auch viele Artikel und Literaturverweise zu den Medien, ihrer Wirkung und ihrer Rolle im gesellschaftlichen System.


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