RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Andreas Elter

Die RAF und die Medien

Ein Fallbeispiel für terroristische Kommunikation

Es gab kaum ein Bekennerschreiben zu einer spektakulären Aktion der RAF, das keine Forderung nach einer Presseveröffentlichung enthielt. So auch bei der Besetzung und Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm. Im Bekennerschreiben heißt es unter anderem: "2. Diese Erklärung von uns, Erklärungen von den Gefangenen [in Stammheim, A. E.] oder ihren Anwälten werden sofort an die internationalen Nachrichtenagenturen weitergegeben und in der BRD über Rundfunk und Fernsehen ungekürzt verbreitet. Während des gesamten Ablaufs der Aktion muß die Regierung ihre Entscheidungen über die Massenmedien öffentlich machen. Der Abflug der Genossen wird vom BRD-Fernsehen und vom schwedischen Fernsehen direkt übertragen."

Bereits im "Kaufhausbrand"-Prozess sorgten die Angeklagten (hier: Horst Söhnlein, Thorwald Proll und Andreas Baader, von links) für medienwirksame Auftritte.Bereits im "Kaufhausbrand"-Prozess sorgten die Angeklagten (hier: Horst Söhnlein, Thorwald Proll und Andreas Baader, von links) für medienwirksame Auftritte. (© AP)
Natürlich – mag man inzwischen schon fast sagen – gingen sofort nach der Entführung weitere Meldungen der Terroristen an die Nachrichtenagentur dpa heraus. Nachrichtenagenturen waren für die RAF besonders wichtig, da durch sie ein wesentlich größerer Multiplikationseffekt erzielt werden konnte, als mit einer Meldung in einer einzelnen Zeitung oder einem Sender. Die dpa belieferte damals über Fernschreiber fast alle bundesdeutschen Zeitungen und Sender mit Nachrichten.

Die Nutzung der Medien durch Terroristen hat aber auch noch einen anderen Aspekt, wie in dem Gespräch von Ralf Reinders und Roland Fritzsch mit der Bewegung 2. Juni deutlich wird. "Wie haben Polizei und Krisenstab mit euch kommuniziert? Über die Medien. Manchmal haben sie auch angekündigt, heute abend kommt was in der Abendschau. Am Samstag dem 1. 3. um 0.05 Uhr wurde über die Sender SFB und RIAS folgende Erklärung der Polizei augestrahlt: [...] Woher wußtet ihr, daß das um 0.05 Uhr über den Sender geht? Meinst du, wir hätten in der Zeit das Radio auch nur fünf Minuten ausgeschaltet? Meistens wurde das ja lange vorher angekündigt und dann auch noch wiederholt. Sie haben die Mitteilungen auch zur Fahndung benutzt, in dem sie diese immer später in der Nacht ausstrahlten. Und in der vierten Nacht waren sie soweit, daß sie die ganzen Postpeilwagen unterwegs hatten, weil sie gehofft haben, daß um 4.00 Uhr in Berlin nicht mehr so viele Fernseher an sind. Aber, die ganze Stadt hat am Fernseher gehangen."

An diesem Beispiel zeigt sich, dass die Terroristen mit den Medien sozusagen "über Bande spielten", sie also nicht nur zur Veröffentlichung ihrer Erklärungen bewegten und Botschaften aussandten, sondern über die Medien auch Botschaften empfingen. So wie bei der Lorenz-Entführung der Bewegung 2. Juni dienten vor allem Rundfunk und Fernsehen auch den RAF-Terroristen als Träger ihrer Zwei-Wege-Kommunikation mit der Polizei und den Krisenstäben.

Die Terroristen haben aber nicht nur die Medien benutzt; umgekehrt haben auch die Medien die Terroristen benutzt, um Auflage zu machen. Neben der "normalen" Berichterstattung über die RAF waren Interviews mit und Fotos von den Terroristen besonders begehrt. Dies zeigte sich vor allem bei den Gefangenen in Stammheim. Denn erstens war nur mit ihnen ein persönliches Gespräch überhaupt möglich, da sie bereits inhaftiert waren und sich nicht mehr verstecken mussten. Und zweitens besaßen sie aus Sicht der Medien eine gewisse Prominenz. Für große Publikumsmagazine – die möglichst viele Leser erreichen wollen, wie etwa der Stern – war das ein wichtiger Punkt.

Denn unabhängig davon, was die Leser von den Terroristen hielten, waren Interviews und erst recht Exklusivfotos von ihnen damals für die Medien eine "heiße Story", die jeder gern vor der Konkurrenz gehabt hätte. Das geht unter anderem aus einem Gespräch zwischen Vertretern des Stern und den Rechtsanwälten hervor. Die Anwälte vermittelten die Interviews mit den Gefangenen in Stammheim und waren ihr Sprachrohr nach außen. Croissant, der sich auch in anderem Zusammenhang sehr um die Medienöffentlichkeit der RAF bemühte, legte über seine Gespräche mit den Medienvertretern Aktennotizen an:

"unger vom stern kam mit einem weiteren kollegen – alsen – gegen 20h30 ins büro. zuerst nochmals die klage von unger wegen konkret – es war dasselbe wie in hh [...] er sagte eben, obwohl konkret nur 100 000 Auflage habe und der leserkreis ein anderer, könne der stern eben nicht mehr sagen, zum ersten mal – exklusiv – veröffentliche er fotos der gefangenen aus dem knast."

Die RAF und vor allem ihre prominenten Vertreter waren den Medien fast immer eine Geschichte wert. Und obwohl die RAF die etablierten Medien als Feind auserkoren hatte, ging sie – durchaus gewollt – das eine oder andere Mal eine Symbiose mit ihnen ein, von der beide Seiten profitierten.


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