RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Andreas Elter

Die RAF und die Medien

Ein Fallbeispiel für terroristische Kommunikation

Der Mythos Stammheim und ein vorläufiges Fazit

Die Medienöffentlichkeit spielte vor allem im Zusammenhang mit dem Hungerstreik der Gefangenen in Stammheim eine entscheidende Rolle. Auch in diesem Fall kann von einer Kommunikationsstrategie der RAF und ihrer Anwälte, namentlich dem bereits erwähnten Klaus Croissant, gesprochen werden. Die Haftbedingungen sollten aus Sicht der RAF nicht nur deswegen thematisiert werden, um – wie sie stets betonte – den Gefangenen Schutz vor einer möglichen Ermordung durch die Sicherheitsbehörden zu bieten. Die Berichterstattung über "Hungerstreik" und "Isolationshaft als Folter" war aus Sicht der RAF vor allem ein Mittel, um der Öffentlichkeit die "Fratze" des Staates zu offenbaren und die Sympathisantenszene zu mobilisieren.

Ob es allein der Kommunikationsstrategie der RAF zu verdanken ist, dass ein "Mythos Stammheim" entstand und die Diskussionen über den Tod der Gefangenen bis heute andauern, ist nicht eindeutig zu belegen. Dabei spielten noch zahlreiche andere Faktoren eine Rolle. Die Klärung der tatsächlichen Haftbedingungen bleibt bis heute ein Thema.

Dass es die RAF aber darauf anlegte, die Diskussion um die Haftbedingungen propagandistisch auszuschlachten und einen "Mitleidseffekt" zu erzielen, lässt sich kaum bestreiten. Dabei spielte die ideelle Unterstützung von Intellektuellen – wenn auch nicht für die Mittel, so doch für die Gesellschaftskritik der RAF – eine enorme Rolle. Denn dies war die Zielgruppe, in der die RAF-Kommunikation am ehesten positive Wirkung erzielte, und nicht etwa die Arbeiterschaft. Sie konnte am besten dadurch erreicht werden, dass sich Personen, mit denen sich diese Zielgruppe identifizierte oder deren Meinungen sie schätzte, für die RAF und ihren Kampf gegen die "Isolationsfolter" einsetzten.

Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre besucht am 4.12.1974 Andreas Baader in Stuttgart-Stammheim.Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre besucht am 4.12.1974 Andreas Baader in Stuttgart-Stammheim. (© AP)
Und so war der Besuch des französischen Philosophen und Literaten Jean-Paul Sartre in Stammheim für die externe Kommunikation der RAF ein gelungener Coup. Bereits in ihrer Bitte an Sartre, sie zu besuchen und ein Interview mit Andreas Baader zu führen, machten die RAF-Gefangenen keinen Hehl daraus, dass sie diesen Besuch nach außen kommunizieren und ihn auch für politische und nicht nur für humanitäre Zwecke nutzen wollten: "um das interview mit andreas zu machen ist es nicht notwendig, daß du uns in allem zustimmst. was wir von dir wollen ist, daß du uns den schutz deines namens gibst und deine fähigkeit als marxist, philosoph, journalist, moralist für das interview einsetzt, um uns die möglichkeit zu geben, dadurch bestimmte politische inhalte für die praxis des antiimperialistischen, bewaffneten kampfes zu transportieren."

Es lassen sich noch weitere Belege dafür finden, dass die RAF Kommunikationsstrategien verfolgte. So hatten – wie das ehemalige RAF-Mitglied Gerhard Müller 1976 in einem seiner Verhöre zu berichten wusste – die meisten der inhaftierten RAF-Mitglieder die Aufgabe, systematisch Zeitungen und Zeitschriften auszuwerten. Dies geschah in einer zuvor verabredeten und zum Teil vom "info"-Büro koordinierten, arbeitsteiligen Form. So soll etwa Irmgard Möller für die Auswertung der französischen Tageszeitung Libération zuständig gewesen sein, Gudrun Ensslin für Le Monde, Brigitte Mohnhaupt für britische Zeitungen, Werner Hoppe und Carmen Roll für amerikanische sowie Manfred Grashof für deutsche Militärzeitschriften.

Die RAF und die Medien - auch heute noch ein Thema: Der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock (links) und Michael Buback (Sohn des damals ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback) in der NDR-Sendung "Das Opfer und der Terrorist" (25.4.2007).Die RAF und die Medien - auch heute noch ein Thema: Der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock (links) und Michael Buback (Sohn des damals ermordeten Generalbundesanwaltes Siegfried Buback) in der NDR-Sendung "Das Opfer und der Terrorist" (25.4.2007). (© AP)
Ob dies auch in anderer Hinsicht koordiniert geschah, darf allein schon wegen der inneren Struktur der RAF bezweifelt werden. Da sie nicht zu jedem Zeitpunkt streng hierarchisch geordnet war, dürfte eine völlig einheitliche Außenkommunikation nur schwer zu praktizieren gewesen sein. Ebenso wenig ist anzunehmen, dass es ein eigenes "Pressezentrum" oder eine spezielle Abteilung nur für Öffentlichkeitsarbeit oder für Agitation und Propaganda gab. Das Grundproblem bei der Klärung dieser Frage wird auch in Zukunft sein, glaubwürdige interne Informationen zu bekommen und diese quellenkritisch überprüfen zu können.

Bereits bei dieser kursorischen Untersuchung ist aber deutlich geworden, dass es einzelne RAF-Mitglieder gab, die über ein hohes Medienwissen verfügten, die in Kommunikationsstrategien dachten und diese auch in die Praxis umsetzten. Diesen "Spuren" unter den hier etablierten methodischen Fragestellungen weiter nachzugehen, ist die Voraussetzung dafür, allgemein gültigere Erkenntnisse über das Wechselspiel zwischen der RAF und den Massenmedien zu erzielen.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Aufsatzes "Die RAF und die Medien" von Andreas Elter. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007.


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