RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Dr. Wolfgang Kraushaar

Die RAF und ihre Opfer

Zwischen Selbstheroisierung und Fremdtabuisierung

Die von den RAF-Kommandos Ermordeten spielten hingegen keinerlei Rolle in der Kanonisierung der Opfer. Sie waren nichts anderes als Störfaktoren, die es möglichst auszublenden galt. Es ist deshalb aufschlussreich, einen Blick zurück zu werfen und konkreter nach jenen Opfern zu fragen, die bei Angriffen der RAF, der Bewegung 2. Juni oder der Revolutionären Zellen ihr Leben verloren haben. Denn auf diesem Weg entsteht eine Art soziologisches Diagramm, das verrät, gegen wen sich diese Attacken vor allem gerichtet haben.

Ohne hier Vollständigkeit anstreben zu wollen, seien nur einige der wichtigsten Berufsfunktionen der damals Getöteten genannt: Industriemanager, Bankchef, Fabrikdirektor, Generalbundesanwalt, Kammergerichtspräsident, Wirtschafts- und Militärattaché, Wirtschafts- und Finanzminister. Es sind also vor allem Angehörige bestimmter Funktionseliten, auf die es die RAF abgesehen hatte. Die meisten entstammen dem Wirtschafts- und Finanzkapital, dem diplomatischen Dienst, der Politik und der Justiz.

Susanne Albrecht verschafft der RAF Zutritt zum Haus ihres Nenn-Onkels Jürgen Ponto.Susanne Albrecht verschafft der RAF Zutritt zum Haus ihres Nenn-Onkels Jürgen Ponto. (© AP)
Als die RAF vor 30 Jahren zur so genannten "Offensive 77" blies, um ihre seit einem halben Jahrzehnt gefangenen Kernmitglieder freizupressen, ermordete sie mit Generalbundesanwalt Siegfried Buback, dem Bankier Jürgen Ponto und dem Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Hanns-Martin Schleyer drei führende Repräsentanten von Staat, Finanzkapital und Großindustrie. Der Angriff diente einerseits zwar der Freipressung, andererseits richtete er sich aber auch gegen die drei Säulen des bundesdeutschen Staats- und Gesellschaftssystems. Die drei Ermordeten repräsentierten in den Augen der RAF wichtige Spitzenrepräsentanten des von ihr so verhassten Systems.

Etwas anders sieht es dagegen mit einer Berufsgruppe aus, die die meisten Opfer zu verzeichnen hatte – der Polizei.
Trauermarsch für Siegfried Buback: Bei dem Mordanschlag auf den Generalbundesanwalt starben auch dessen Fahrer Wolfgang Göbel sowie der Justizbeamte Georg Wurster.Trauermarsch für Siegfried Buback: Bei dem Mordanschlag auf den Generalbundesanwalt starben auch dessen Fahrer Wolfgang Göbel sowie der Justizbeamte Georg Wurster. (© AP)
Es waren insgesamt zehn Polizeibeamte, durchweg niedriger Ränge, die bei der Bekämpfung des Terrorismus ihr Leben ließen. Sie waren nicht die Hauptzielscheibe, jedenfalls keine aus rein ideologischen Gründen. Da es aber ihre Aufgabe war, das Gewaltmonopol des Staates durchzusetzen und die innere Sicherheit aufrechtzuerhalten, liefen sie am ehesten Gefahr, bei bewaffneten Auseinandersetzungen mit der RAF getroffen zu werden. Ulrike Meinhof hatte überdies in ihrem berüchtigten Interview, das der Spiegel am 15. Juni 1970 unter dem Titel "Natürlich kann geschossen werden" veröffentlichte, jeden Zweifel ausgeräumt und Polizisten kurzerhand nicht nur als "Bullen", sondern auch als "Schweine" definiert, mit denen man nicht reden könne und auf die man im Ernstfall schießen müsse.

Bei der Entführung von Hanns-Martin Schleyer starben sein Fahrer Heinz Marcisz sowie drei Polizeibeamte (Foto von links: Reinhold Brändle, Roland Pieler, Helmut Ulmer) im Kugelhagel der RAF.Bei der Entführung von Hanns-Martin Schleyer starben sein Fahrer Heinz Marcisz sowie drei Polizeibeamte (Foto von links: Reinhold Brändle, Roland Pieler, Helmut Ulmer) im Kugelhagel der RAF. (© AP)
Vermutlich ist es kein Zufall, dass die Namen der Polizeibeamten Reinhold Brändle, Hans Eckhardt, Walter Pauli, Roland Pieler, Fritz Sippel, Norbert Schmidt, Anton Tischler und Helmut Ulmer oder die der Fahrer Wolfgang Göbel, Eckard Groppler, Heinz Marcisz und Georg Wurster in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spielen. Und schon gar nicht etwa der Name von Edith Kletzhändler, einer Hausfrau, die 1979 in Zürich ganz zufällig bei einem Schusswechsel zwischen RAF-Leuten und der Polizei ums Leben gekommen ist. Es sind die einiger weniger Prominenter, die im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit stehen: Buback, Ponto, Schleyer, Beckurts, von Braunmühl, Herrhausen, Rohwedder. Es ist keine Übertreibung, von einer Art "Zweiklassengesellschaft der RAF-Opfer" zu sprechen.

Am 10. Oktober 1986 ermordet die RAF in Bonn Gerold von Braunmühl.Am 10. Oktober 1986 ermordet die RAF in Bonn Gerold von Braunmühl. (© ARD-aktuell/tagesschau.de)
Dieser Eindruck verstärkt sich bei der Lektüre eines Buches, das zuletzt auf großes Interesse gestoßen ist. So verdienstvoll der von Anne Siemens verfasste Band mit dem Titel "Für die RAF war er das System, für mich der Vater" einerseits auch ist, so wenig wird darin andererseits die unsichtbare Grenze zwischen diesen beiden Opfer-Klassen überschritten. Die Interviews werden ausschließlich mit den Hinterbliebenen der prominenten RAF-Opfer geführt, die der Nicht-Prominenten werden dagegen einfach ignoriert. Die gesellschaftliche Ungleichheit, die für die Opfer der RAF im realen Leben Gültigkeit besaß, reicht im Hinblick auf die Fokussierung öffentlicher Aufmerksamkeit offenbar auch über den Tod hinaus.

Es wäre allerdings simplifizierend zu unterstellen, die RAF hätte in Bezug auf ihre Anschlagsziele bzw. Opfer ein völlig homogenes Bild gehabt. Denn es hat unter ihren Mitgliedern in der Frage, ob die Opfer ihrer Gewaltpolitik legitim seien, durchaus Differenzen gegeben. Insbesondere drei Fälle waren es, die in ihren eigenen Reihen zu Kontroversen geführt haben:

Die Verletzung des Bibliotheksangestellten Georg Linke bei der so genannten Baader-Befreiung in West-Berlin am 14. Mai 1970, die Verletzung von Arbeitern und Angestellten bei dem Bombenanschlag auf das Springer-Hochhaus in Hamburg am 19. Mai 1972 und nicht zuletzt die kaltblütige Ermordung des GI Edward Pimental am 8. August 1985 in Wiesbaden, die allein dem Zweck diente, sich dessen Ausweispapiere zu beschaffen, um damit auf ein Militärgelände zu gelangen und dort einen Anschlag auf US-amerikanische Einrichtungen verüben zu können.


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