RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Dr. Wolfgang Kraushaar

Die popkulturelle Adaption des politisch verpufften RAF-Mythos

Für die wohl größte Aufregung sorgte jedoch 2002 das inzwischen eingestellte Modemagazin Tussi Deluxe mit seiner 22 Seiten langen Bilderstrecke "RAF-Parade". Darin wurden einige der schaurigsten Sequenzen aus der Geschichte der RAF, wie etwa die Szene mit dem im Kofferraum eines Pkw aufgefundenen Leichnam des von der RAF erschossenen Hanns-Martin Schleyer, mit der quer über die Doppelseite führenden Zeile "Aber die fliegende Schlinge wand sich um seinen Hals" von Models nachgestellt. Das alles war offenbar absichtslos, nicht einmal als gezielte Provokation in Szene gesetzt. Die einzige erkennbare Absicht hinter der Geschmacklosigkeit bestand darin, wie bei einer Werbekampagne etwa, der – wie die mit den Aufnahmen von Aids-Toten operierende Benetton-Reklame früher schon unter Beweis gestellt hat – im Zweifelsfall auch jedes Mittel recht ist, Neugierde für das eigene Produkt zu wecken.

Modestrecke im Magazin "Tussi Deluxe": ist jedes Mittel recht, um Neugierde zu wecken?Modestrecke im Magazin "Tussi Deluxe": ist jedes Mittel recht, um Neugierde zu wecken? (© salonrouge.de)
Diesem Erfolg wollte das Hamburger Lifestyle-Magazin Max nicht nachstehen und übernahm die Bilderstrecke unter der Überschrift "Die Zeit ist reif für RAF-Popstars". Auch Max ließ sich nicht davon abhalten, etwa die Aufnahme des von einem Fotomodell nachgestellten, in einer Blutlache auf dem Boden seiner Zelle liegenden Leichnam Andreas Baaders zu reproduzieren sowie ein darüber montiertes Bild von einem Paar Hausschuhen samt der zynischen Empfehlung, dass "Andreas Baaders Woolworth-Pantoffel Kult" seien. Der Tabubruch, Modearrangements mit Aufnahmen von Todesopfern zu "garnieren", und die Skrupellosigkeit, auf der Suche nach geeigneten Sujets die Geschichte des Terrorismus zu plündern, scheinen sich hier die Waage zu halten.

Mit der hemmungslosen Verklärung von Baader, Meinhof & Co., ihrer Trivialisierung, Romantisierung und Popularisierung, geht gewiss auch eine Bagatellisierung ihrer Taten und denen des Terrorismus insgesamt einher. Dass dies auch noch nach dem 11. September 2001 möglich gewesen ist, hat viele irritiert, verärgert und auch abgestoßen. Jedoch wäre es ein Kurzschluss, die während der RAF-Zeit entstandenen Mythologeme und die nach ihrer Auflösung produzierten Pop-Artefakte gleichrangig behandeln zu wollen. Ihre Konstitutionsgeschichte, ihre soziokulturelle Funktion und damit auch ihr jeweiliger gesellschaftlicher Stellenwert sind dafür zu unterschiedlich.

Die radikale Entkontextualisierung von Symbolen, die beliebige Adaption von Zeichen und deren Neuverwendung in völlig anderen Zusammenhängen sind ein hervorstechendes Merkmal der Popkultur. Die Zeitgeschichte fungiert im Falle der RAF wie ein Supermarkt oder ein Steinbruch, in dem sich diejenigen, die sich als Popartisten in Kunst, Mode, Theater, Musik und Literatur Aufmerksamkeit verschaffen wollen, nach Belieben glauben bedienen zu können. Namen, Embleme, Markenzeichen und Logos werden entwendet, gekreuzt oder verballhornt, wie "Prada Meinhof", und als mit dem Gestus des "radical chic" versehene ästhetische Zeichen erneut benutzt.

Dies alles wäre in den 1970er und 1980er Jahren kaum vorstellbar gewesen. Möglich wurde es erst unter der Voraussetzung, dass die RAF aufgehört und sich die mit ihr verbundene Aufregung gelegt hatte. Ein Kritiker merkte in diesem Zusammenhang zutreffend an: "Weil der bundesdeutsche Terrorismus im kollektiven Bewusstsein aufhörte, etwas zu sein, was wehtut, kehrt die RAF als Logo wieder – als vage Chiffre für heroische Gesten, Tod und Bedeutung." Das von seiner ursprünglichen Bedeutung Losgelöste und in seiner Semantik Unbestimmte macht hier offenbar den Unterschied aus. Stand die Verwendung von RAF-Symbolen früher zumindest in ideologischer Hinsicht für eine bestimmte Aussage, so ist sie heute weitgehender Beliebigkeit anheim gefallen.

Wie erheblich die Diskrepanz zwischen der RAF als einem historischen und einem ästhetischen Phänomen ist, darauf hat der Kulturwissenschaftler Niels Werber hingewiesen: "1967 und auch 1977 sind von diesem Tableau weit entfernt, denn es werden nur jene Elemente dieser historischen Schichten zitiert, die in das Programm einer coolen Ästhetik passen: Mode, Models, Drogen, Sex. Der Terrorismus wird so losgelöst von seiner historischen Umwelt, von seinem genuinen Kontext und selektiv für den Konsum der Gegenwart neu zurechtgemacht." Was bei dieser Entkontextualisierung bislang herausgekommen ist, dürfte daher wohl eher als "Terroristenkitsch" denn als eine Besorgnis erregende Remythologisierung der RAF zu bezeichnen sein.

Was der Literaturwissenschaftler Heinz-Peter Preusser in einer kritischen Auseinandersetzung mit den Abwehrreaktionen auf die 2003 verbreitete Ankündigung der Kunst-Werke, sie wolle eine Ausstellung zum Thema "Mythos RAF" zeigen, festgestellt hat, das gilt auch in dem hier entfalteten Zusammenhang:

"Der Mythos Terrorismus ist [...] nicht eine Mystifizierung von Verbrechen, sondern Signal für das Unbewältigte der Zeitgeschichte. Und dieses Unbewältigte lässt sich nicht äußerlich in Entmythisierung überführen. Aufklärung über den Mythos schließt ein, sich auch seiner Faszinationsgeschichte zu vergewissern – nicht affirmativ, sondern begreifend. Was arbeitet weiter in den Subjekten, die sich zu diesem Diskurs affektiv verhalten? Und dazu zählten die fragwürdige Position des Sympathisanten wie die aufgeregte Reaktion, die dem Terror eine mediale Wirkungsmöglichkeit in die Massen der Gesellschaft gab (und immer wieder gibt). Damit erst war die Stilisierung von Personen und Programmen zum Mythos möglich: Weil die Gesellschaft die Personalisierung von Konflikten so nahm, wie sie von den Terroristen gedacht wurden – als symbolische Handlung. Und die Opfer erst gaben den Taten Tiefe: das Fremdopfer, das kalt und bewusst eingeplant war, wie das Selbstopfer, mit dem sich die RAF in Stammheim ein letztes Mal inszenierte, um dem Mythos Nahrung zu geben."

Das Verhältnis zwischen Mythos und Logos, zwischen Mythos und Aufklärung, zwischen Historisierung und Entmythologisierung ist also keine Einbahnstraße. Die Hoffnung, die Geschichte ließe sich von entzauberten Mythen einfach entgiften, die Vergangenheit ließe sich entschlacken, ist trügerisch. Nur im Bewusstsein, dass das Faszinosum Untergrundkampf, von dem der Terrorismus so lange hat zehren können, wohl auch unabhängig von seinem jeweiligen politischen Kontext fortexistieren wird, bleibt eine Ahnung von den Risikopotentialen, die der Moderne weiter innewohnen, erhalten.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Ausschnitt des Aufsatzes "Mythos RAF" von Wolfgang Kraushaar. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007.


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